Test: Simca 1100 GLS

Simca 1100 GLS

— 06.12.2013

Zwischen Genie und Wahnsinn

Quer eingebauter Motor, Frontantrieb und große Heckklappe: Der Simca 1100 zeigt, wie ein cleverer Kompakter aussehen muss. Am Ende gewinnen aber trotzdem immer die anderen.

Nach der Papierform haben wir den Sieger vor uns. Der Simca 1100 bringt zum Vergleich schlicht und ergreifend die modernsten Zutaten mit: Quermotor, Frontantrieb, Heckklappe, umklappbare Rückbank – so werden heute noch praktische, alltagsgerechte Autos gebaut. Und wir verneigen uns umso tiefer, weil der variable Franzose schon vor 40 Jahren keine Neuheit mehr war. 1967 wurde er vorgestellt, die Lücke zwischen der Konkurrenz aus Renault 4 und 16 füllte er perfekt. Damals gehörte SIMCA (Société Industrielle de Mécanique et Carrosserie Automobile) schon zu Chrysler; als der 1100 schließlich 1981 abtrat, hieß der Besitzer Peugeot.

Slalom? Nein danke! Als Fronttriebler alter Schule fährt der bequeme Simca 1100 lieber geradeaus.

©R. Rätzke

In Teilen lebte der Simca als schräger Pseudo-SUV-Vorläufer Matra Rancho und im direkten Nachfolger Talbot Horizon weiter, als praktischer Kleintransporter hielt er sogar bis 1985 durch. Über zwei Millionen 1100-Derivate wurden gebaut. Chapeau! Weil die nahezu komplett eingeschmolzen wurden, ist ein modisch aufgebrezelter, später 1100 GLX mit zeitgenössischen Verwöhnextras eine Sensation. Der kreischend laute Goldton – eine originale Lackfarbe – in Tateinheit mit schokobraunem, nicht entgratetem Dünnplastik und butterweichen Sitzmöbeln garantiert maximale 70er-Jahre-Stimmung. Man kennt solche Einrichtungen von gelbstichigen Farbbildern. Fehlt nur noch die Fototapete. Innen ist er der Größte und sieht von allen fünfen im Vergleichstest am erwachsensten aus, fast schon repräsentativ nach Mittelklasse.

Charmanter Chic: Französische Autos der 70er

Der quer montierte Vierzylinder des 1967 vorgestellten Simca 1100 ist ein zäher und rauer Treibsatz, hat aber Nehmerqualitäten.

©R. Rätzke

Aber, Überraschung, Käfer und Kadett sind länger, der zierlich erscheinende Fiat neun Zentimeter kürzer. Der Simca ist fast immer Mittelmaß, das ist sein Handicap. Er ist selten, aber nicht exotisch. Er fährt stoisch geradeaus und nimmt Kurven als lästiges Übel hin. Er hat bequeme Sitze, aber die Lenkung vermittelt das Gefühl, die Reifen seien platt. Er federt am komfortabelsten, hat aber den lautesten Motor. Bei hohen Drehzahlen klingt der Vierzylinder, als würden rostige Nägel in einem Eimer umgerührt. Auch Fahrwerk und Getriebe machen Lärm, das erzieht zu ruhigem Fahrstil. Bei 90 km/h, dem Tempo der alten französischen Autoroutes, fühlt sich der Simca am wohlsten. Der Fahreindruck hinterlässt Ratlosigkeit: Ein gutes Auto, wegweisend konstruiert, mit großen Ideen und kleinen Macken. Trotzdem bleibt das heiße Begehren aus – vielleicht ist er zu modern für Oldtimerfreunde.
Fahrzeugdaten Simca 1100
Motor Reihenvierzylinder
Ventile/Nockenwellen 8/1
Nockenwellenantrieb Kette
Hubraum 1118 ccm
Bohrung x Hub 74,0 x 65,0 mm
kW (PS) bei U/min 43 (58)/6000
Nm bei U/min 84/3000
Höchstgeschwindigkeit 138 km/h
Getriebe Viergang manuell
Antrieb Vorderradantrieb
Bremsen vorn/hinten Scheiben/Trommel
Testwagenbereifung 155/80 R13 T
Verbrauch (Werksangabe) 8,8 Liter
Tankinhalt/Kraftstoffsorte 42 l/Normal
zulässiges Gesamtgewicht 1330 kg
Vorbeifahrgeräusch 79 dB (A)
Abgas CO2 (nach Werksverbrauch) 209 g/km
Messwerte
Beschleunigung 0-50/-80 km/h 6,2/14,6 s
Beschleunigung 0-100 km/h 22,7 s
Zwischenspurt 50-80/60-100 km/h 8,5/14,3 s
Bremsweg aus 100 km/h 72,3 m
Leergewicht/Zuladung 930/400 kg
Wendekreis links/rechts 10,8/10,9 m
Innengeräusch bei 50/100 km/h 66/78 dB (A)
Testverbrauch - CO2 9,2 Liter - 218 g/km
Reichweite 460 km
Kosten
Steuern pro Jahr 191 Euro
Versicherung (HPF/100 %) 109 Euro
Werkstattintervalle 5.000 km
Kosten Ölwechsel/Inspektion 120/280 Euro
Zeitwert (Zustand 2, Stand 11/2013) 4000 Euro
Autor:

Jan-Henrik Muche

Fazit

Mit guten Ideen und Schwächen im Detail bleibt der modern konstruierte Simca 1100 im Vergleichstest nur zweiter Sieger. Er ist hübsch, nicht schön. Modern, nicht fahraktiv. Praktisch, aber nicht verführerisch. Er ist immer irgendwo dazwischen. Und er ist ein heißer Tipp für frankophile Individualisten.

Autoren: Jan-Henrik Muche, Frederik E. Scherer

Fotos: R. Rätzke, R. Rätzke

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