Skoda S110R

Skoda S110R Skoda S110R

Skoda S110R

— 01.09.2010

Das High-Tschech Coupé

Dezenter Überfluss und entspannte Sportlichkeit von ganz eigenem Stil – all das kann aus nur 1107 Kubikzentimetern entspringen. Größe ist nicht entscheidend, sondern Flair, und davon hat der Skoda S110R jede Menge.

Auf der Prager Karlsbrücke wartet allerhand Kitsch und Schnickschnack auf die Touristen. Das Wenigste davon hat mit der tschechischen Seele zu tun. Aber da und dort blitzt an einem Postkartenständer ein Motiv aus der Menge heraus: eine rundliche Autofront, vier Scheinwerfer, geducktes Dach. Das Motiv ist sechsmal auf der Karte abgedruckt, einmal gelb auf Blau, einmal rot auf Grün ... In diesem Stil setzte Andy Warhol einst Marilyn Monroe ein Denkmal. "Wir haben dich nicht vergessen", sagt die kleine Postkarte. Ja, sie lieben ihn bis heute, den S110R. Neben diesem Skoda gab es kein anderes Großserien-Sportcoupé im Ostblock. Er ist einzigartig, und er ist ihrer. Umso sehnsüchtiger träumte der sozialistische Wirtschaftsraum davon.

Ein Typ für alle Fälle: 50 Jahre Skoda Octavia

Keckes Heck: Die Linienführung des S110R betört noch heute.

Das Auto sieht ja auch spannend aus: Schon die gewaltigen Lufteinlässe auf den Flanken bekommen unter dieser langen Dachschräge optisch ein ganz anderes Gewicht als bei der Limousine. Dazu Sportsitze, Sportlenkrad und drei Zusatzuhren auf dem Armaturenbrett – fantastisch! Der S110R entzückt den Betrachter mit liebevollen Details. Die Türgriffe zum Beispiel sind in bester US-Custom-Manier bündig und ohne Umrandung ins Blech eingesetzt. Und: Sie klappen nicht nach oben, sondern gleiten anmutig aus der Tür heraus. Die Betätigungen der Ausstellfenster sehen aus wie von sorgfältigen Lehrlingshänden aus dem Vollen gefeilt, und die Kurbelfenster versinken rahmenlos in der Tür. Ein wenig merkwürdig ist dabei der vordere Winkel, der bleibt stehen, nur von einer Strebe gehalten. Wie seltsam, das gibt es nirgendwo sonst.

Tschechisches Nationalheiligtum

Getankt wird beim S110R vorn – wie bei allen Heckmotor-Skoda.

Erstaunlicherweise ist auch auf der Rückbank Platz für zwei Erwachsene. Unter der großen Hutablage, direkt über der Hinterachse, verbirgt sich der eigentliche Kofferraum, denn vorn unter der Haube ist höchstens Platz für einen flachen Koffer. Eigentlich hätte der S110R das Zeug zum Traumwagen aller Werktätigen gehabt. Dass daraus nichts wurde, hat mit den Eigentümlichkeiten der Planwirtschaft zu tun. Das Stammwerk in Mladá Boleslav hatte keine Kapazitäten übrig, also lagerte man die Coupé-Fertigung ins Zweigwerk Kvasiny aus, 120 Landstraßenkilometer entfernt. Das Werk dort besaß zwar Presswerkzeuge, war ansonsten aber wesentlich dürftiger ausgestattet als die Zentrale.

Die Karosserieteile mussten per Hand aufs Band gewuchtet werden, auch waren nur wenige Schweißarbeiten automatisiert. Kvasiny musste außerdem die Fertigung von Ersatzkarosserien  für den Limousinen-Vorgängertyp 1000 MB erledigen – all das führte zu einem viel geringeren Ausstoß an S110R, als man sich in der Zentrale wünschte. Das Auto wurde zwangsläufig teuer und rar, es konnte sein Marktpotenzial kaum entfalten. Aber genau das sichert ihm seine heißblütige Fangemeinde.

Historie

Basis für das Coupé S110R: die Limousine Skoda S100.

Der Hartnäckigkeit der Skoda-Ingenieure ist es zu verdanken, dass der S110R 1970 an den Start ging, ein Jahr nach der Limousine S100. Später hätte das wohl nicht mehr funktioniert, mit den 70ern erstickte die Planwirtschaft alle Erneuerungsversuche der Ost-Autoindustrie. Das Coupé basiert auf der Limousinen-Plattform, während seiner Bauzeit erfuhr es nur geringe Veränderungen. Die wichtigste war die Einführung einer Frontmaske mit integrierten Weitstrahlern 1974. Der 110R konnte als einziger Skoda mit Lada oder Wartburg mithalten – in der DDR mussten sich die Lada-Fahrer aber nicht allzu sehr fürchten. Nur 500 Exemplare kamen über offizielle Kanäle in die DDR. Insgesamt wurden bis 1980 53.992 Stück gebaut.

Technische Daten

Skoda S100R

Wer sich gewaltige Kraftentfaltung wünscht, den werden die 52 PS des S110R enttäuschen.

Reihenvierzylinder im Heck • seitliche Nockenwelle, hängende Ventile an Stößelstangen und Kipphebeln • ein Fallstrom-Registervergaser Jikov 32DDSR/EDSR (unterdruckgesteuerte zweite Stufe) • drei Hauptlager• Hubraum 1107 ccm • Leistung 38 kW (52 PS) bei 4650/min • max. Drehmoment 79,4 Nm bei 3500/min • Viergang-Schaltgetriebe • Hinterradantrieb • Einzelradaufhängung rundum, vorn Trapez-Dreieckquerlenker an Schraubenfedern und Stabilisator, hinten Pendelachse mit Längsschubstreben an Schraubenfedern • Reifen 155 SR 14 • Radstand 2400 mm • L/B/H 4155/1620/1340 mm • Leergewicht 880 kg • 0–100 km/h in 18,5 s • Spitze 140 km/h • Verbr. 9,5 l/100 km • Neupreis 1974: 23.138 DDR-Mark.

Plus/Minus

Sportsitze, Sportlenkrad und drei Zusatzuhren auf dem Armaturenbrett! Fantastisch.

1100 Kubikzentimeter sind nicht die Welt, selbst wenn sie mit klassischem Motortuning auf 52 PS gebracht werden. Wer sich gewaltige Kraftentfaltung wünscht, den wird der S110R enttäuschen. Wer sich aber auf die Eigenarten der Kombination Heckmotor/Pendelachse einlässt, kann das Auto verblüffend flott bewegen. Außerdem bietet es vier vollwertige Sitzplätze. Rosten können die Coupés wie nichts Gutes, weshalb man A-Säulen, Schweller, Radhäuser und Koffermulde inspizieren muss. Außerdem war es üblich, sein Auto dem Geschmack der Zeit anzupassen. Wem ein originalgetreues Exemplar wichtig ist, sollte sich genau mit dem Serienstandard des betreffenden Baujahres auskennen. An allen Heckmotor-Skoda lässt sich prima schrauben, und wer sich mit klassischer Motortechnik auskennt, kann noch ein paar PS herauskitzeln.

Ersatzteile

Wer Teile braucht, die auch bei der Limousine passen, hat kein großes Problem. Schwierig wird’s bei Coupé- Spezialitäten wie Blech, Interieur, Glas und Ersatz rund um den Motor. Da führt oft an einer Reise nach Tschechien kein Weg vorbei. Richtig billig ist nichts mehr – das gilt auch für Nachfertigungen.

Marktlage

Nur wenige S110R kamen in die DDR, nach Westdeutschland fast keine. Der eigentliche Markt liegt also im Gebiet der Ex-CSSR. Und dort ist so ein S110R ein Nationalmonument. Deshalb wird es nicht einfach sein, ein gutes Exemplar loszueisen. Dem Nervenkostüm zuträglicher ist es auf jeden Fall, sich auf zeitgenössische Modifikationen einzulassen. Insgesamt aber bewegen sich alle Heckmotor-Skoda auf vergleichsweise niedrigem Preisniveau – sehr gute Coupés beginnen bei ca. 5000 Euro.

Empfehlung

Im Prinzip geht ohne Kontakte nach Tschechien nicht viel. Wer also interessiert ist, sollte sich zuerst mit den deutschen Klubs in Verbindung setzen: der Skoda-Oldtimer-IG Deutschland und dem S110R-Coupé-Club. Beide haben gute Verbindungen zur Ost-Szene aufgebaut, sie bieten Schutz vor Blendern und Unterstützung bei der Teilesuche.

Autor: Till Schauen

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