Sportlimousinen der 70er

Audi 80 GTE BMW 2002 ti Triumph Dolomite Sprint

Sportlimousinen der 70er

— 21.08.2013

So wild waren die Siebziger

Fahrtrainings hießen Schleuderkurse, Blitzer gab es nur auf Fotoapparaten, und Leistung war etwas, nach dem es sich zu streben lohnte. Auch – und gerade – bei kompakten Limousinen.

Das waren noch Zeiten! Gert Hacks Heizer-Bibel "Autos schneller machen" lag griffbereit auf der Garagen-Werkbank, denn für ein paar PS mehr unter der Haube (respektive ein paar Zehntel weniger auf der Hausstrecke) griffen die Bleifußfahrer gern selbst zum Schraubenschlüssel. Dabei musste man nicht alle Autos schneller machen, damals in den wilden 70ern. Manche waren auch ab Werk schon flott – was die Frisierer allerdings nicht bremste, schließlich hießen Fahrtrainings noch Schleuderkurse, und Radarfallen kannte man, wenn überhaupt, höchstens vom Hörensagen.

Der 2002 ti lässt sich die Butter nicht vom Brot nehmen. BMW wusste schon vor 40 Jahren am besten, was Freude am Fahren bedeutet.

©R. Rätzke

Alfa Romeo hatte mit der Giulia schon seit 1962 ein leichtes Mädel im Programm, das die Herzen der Sportfahrer auch nördlich des Alpenhauptkamms im Sturm eroberte – und im BMW 02 erst Jahre später einen Gegner fand. Die Engländer kochten derweil ihr eigenes Süppchen; der Triumph Dolomite Sprint, gebaut ab 1973, wurde hierzulande offiziell nie angeboten. Glück für BMW? Wer weiß? Zumindest leistungsmäßig hätte der Brite mit seinen strammen 129 PS dem Bayern die Lederhosen ausgezogen. Zudem machten diesmal ausgerechnet die gern als gestrig belächelten Insulaner auf modern: Unter der Haube steckte der erste in Großserie gebaute 16-Ventiler der Automobilgeschichte. Geschichte schreiben? Daran dachten die Ingolstädter noch nicht, die blauen Zweitaktwölkchen hatten sich ja gerade erst verzogen. Aber zeigen, was sie konnten – das wollten sie auch damals schon bei Audi. Dem Versuch, den braven 80 von Biedermann auf Brandstifter umzupolen (mit dem Motor, der auch den Golf GTI befeuerte), war zwar zu Lebzeiten nur mäßiger Erfolg beschieden. Mit dem olympischen Motto „Dabei sein ist alles“ gibt sich der Vier-Ringe- Kämpfer heute allerdings nicht mehr zufrieden. In diesem Vergleich geht es schließlich um nichts Geringeres als die Krone der Sportlimousinen. Wer von den alten jungen Wilden darf sie aufsetzen?

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Die Oldies absolvieren ein ähnliches Messprogramm wie moderne Autos, auch wenn der Respekt vorm Alter schonenden Umgang gebietet.

©R. Rätzke

Sie treiben es noch immer ganz schön bunt, unsere vier Testkandidaten. Ihre Fahrleistungen schüttelt zwar heute schon mancher Kleinwagen aus dem Ärmel. Messwerte sind aber nur die halbe Wahrheit. Und dass die 70er tatsächlich wild waren – wer könnte das besser beweisen als ein Nullzwo-"ti", der mit qualmenden Reifen um die Ecke fliegt, oder als eine Giulia, die am Kurvenscheitel mit heiserem Vergaserschnorcheln wieder auf die Gerade stürmt? Fahrspaß ist eben keine Frage des Tempos, sondern eine des Gefühls. Und des Gewichts, denn wären unsere vier nicht so kompakt und leicht, dann wäre das Vergnügen höchstens halb so groß. Noch hat sich keine Weichzeichnerfolie zwischen Fahrer und Straße gemogelt, noch fehlt auch das Gängelband der Elektronik. Fahren ohne Filter: In den 70ern gab es das noch. Heute wie damals gilt: Am BMW- und Alfa-Steuer sitzt man stets mit heißem Herzen. Auch der Triumph weckt Emotionen – und sei es bloß, weil er so schrullig und so selten ist. Der Audi 80 GTE dagegen lässt die Seele kalt. Er erarbeitet sich Anerkennung mit Stoppuhr und Maßband, wirkt im direkten Vergleich aber perfektioniert und glatt, langweilig gut. Und würden wir uns seine Kriegsbemalung wegdenken, wäre er sogar politisch korrekt. Ein zahmer Vorbote der Zukunft unter lauter wilden Jungs.
Die Punktewertung BMW 2002 ti Alfa Romeo Giulia Audi 80 GTE Triumph Dolomite Sprint
Spaßfaktor
Temperament 8 7 9 7
Sound 8 10 6 8
Handling 10 9 6 7
Zwischenergebnis 26 26 21 22
Kuschelfaktor
Sitze 10 8 9 7
Federung 6 6 7 8
Platzangebot/Variabilität 7 7 9 6
Zwischenergebnis 23 21 25 21
Neidfaktor
Qualität 8 8 7 4
Design 9 8 6 8
Image 10 10 7 8
Zwischenergebnis 27 26 20 20
Gesamtergebnis 76 73 66 63
Martin G. Puthz

Martin G. Puthz

Fazit

BMW und Alfa machen das Rennen unter sich aus. Wie weit die Giulia, ein Kind der 60er-Jahre, ihrer Zeit voraus war, zeigt ihr gutes Abschneiden im Vergleich zu den jüngeren Rivalen von Audi und Triumph. Glückwunsch nach München und Mailand! Aber auch die Briten müssen den Union Jack nicht einholen, weil ihr Dolomite hier Letzter wird. Der sympathische Sonderling ist mein persönlicher Sieger der Herzen.

Fotos: R. Rätzke

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