Street Mag Show in Hannover

Street Mag Show in Hannover Street Mag Show in Hannover

Street Mag Show in Hannover

— 19.10.2007

"Ich bin ein Chevy, lasst mich hier rein!"

Daewoo ist jetzt Chevrolet. Was sagen die Fans alter Amis dazu? Wir gingen auf Stimmenfang – beim Treffen der Hubraummonster. AUTO BILD-Redakteur Wolfgang Blaube fuhr in einem Chevrolet Matiz vor.

"Wohin wollt ihr denn mit diesem tapezierten Briefkasten?" Der Typ, der das wissen will, ist mehr breit als hoch, hat Muckis wie Popeye. Sein Job: Einlasskontrolle beim US-Car-Treffen. Wir bleiben geschmeidig, deuten auf das Logo unseres Autos: Chevrolet. Hinter uns hupen zig dicke Buick, Dodge und Mercury. Unser Sportsfreund mit der sparsamen Frisur wird nervös. Und schon sind wir drin. "Ich fahr 'nen Chevy": Jahrzehntelang habe ich darauf gewartet, die Frage nach meiner Motorisierung mit dieser stolzen Ansage kontern zu können. Chevy, das steht für Chevrolet. Und dieser Name für den "Heartbeat of America" (Herzschlag Amerikas) – ein gewaltiger Slogan. Vor allem steht Chevrolet für alles, was die Kultur der US-Autos zum Kult machte. Normgaragen sprengende Dimensionen. Die unendlichen Weiten des Hubraums. Funkelnde Chromlandschaften. Und ein Spritverbrauch, der die Tanknadel zum Propeller macht. Genau darum hat es bei mir nie zum Chevy gereicht. Seit dem Schachzug, mit dem General Motors 2005 die Autos seiner Korea-Marke Daewoo bei uns zu Chevrolet adelte, ist der Traum greifbar. Ganz normales Marketing, mehr nicht. Auch wenn die gusseiserne V8-Fraktion von Denkmalschändung und Blasphemie redet. Sei es drum. 5,2 Liter pro 100 Kilometer – statt pro Kaltstart, das sticht. Der Supertrumpf? 8490 Euro. Nicht für ein abgewohntes Altmetallgebirge, sondern für einen Neuwagen. Den Matiz.

Seit Daewoo zu Chevrolet wurde, ist Kult billig

Es mangelt doch sehr an Familiensinn – beim Personal und bei der Crew des 64er Chevy Ipala Lowrider.

"Ich fahr' Chevy" – jetzt ist es so weit. Und die ganze Welt soll es erfahren. Auch die Hubraumhelden aus der Ami-Szene. Und zwar mitten in ihrem Epizentrum: der "Street Mag Show" in Hannover. Um die Markenkollegen milde zu stimmen, erfährt der Chevy erst mal eine Kuranwendung in Sachen Styling. Durch angesagte Accessoires der V8-Gemeinde: Sticker von Zubehörmarken, etwa "Mr. Horsepower" und "Edelbrock". Oder "Fuzzy Dices", die Plüschwürfel am Innenspiegel, die Bock auf Ampelrennen signalisieren. Rassige Chromradkappen? Oder diese rattenscharfen Bordsteintaster? Am besten alles, meint Kollege Leif Rohwedder, den ich als Meinungsverstärker und Geschmackswart verpflichtet habe. Leif hat Gespür für solche Einsätze. Er besitzt selbst drei US-Klassiker – und soll früher mal ein Praktikum als Dekorateur gemacht haben... Doch irgendwas fehle noch zum Aufkleber-Totaltuning, grübelt er. Klar, riesige Markenlogos mit den klassischen Sprüchen – immerhin segelt auch der Ex-Daewoo unter dem Banner des "Bowtie", der legendären Chevy-Fliege. "Heartbeat": Dieses Großformat kommt auf die Flanke. "Fear this": Ab ins Heckfenster mit der schreckenverbreitenden Botschaft. Jetzt noch eine Doppellage dieses fetzigen Evel-Knievel-Sternentapes längs rüber, den "Streetmachine"-Schriftzug dran... Moment mal, der Serienauspuff geht ja wohl gar nicht – da ist doch die Spritleitung eines alten Chevy dicker. Her mit der Doppelblende, Marke "Von Strohhalm auf Pipeline in zehn Zentimetern". Yeah, Baby – jetzt steht der Matiz im Hot-Rod-Originalornat da. Rein in die ausgefransten Levi's, Cowboystiefel an, "US Speed Shop"-Mütze auf. Und ab nach Hannover.

Foor-Door-Sedan mit Starachse – wie ein Ami

Genetisch verwandt: Die Rückleuchten des Chevrolet Matiz sind wie am 62er Ford Thunderbird.

Wir stauen uns zum Schützenplatz – eingerahmt von gigantischen US-Barkassen. Drinnen stellen wir fest, dass die Texte des Einlass-Gorillas noch von der milden Sorte waren. Und doch finden viele unseren Auftritt witzig. Oder zumindest couragiert. "So 'ne Blechwanze frühstückt mein Bigblock durch den Luftfilter", höhnt einer. "Dauernd im Eimer, so 'ne Fernost-Mikrobe", schlaumeiert ein anderer mit Ganzkörper-Tattoo. Moment mal, Chef, korrigieren wir: Der Matiz wird in Polen gebaut. Er lacht sich halb tot. Minuten später springt sein Camaro nicht mehr an. "Nicht halb so lächerlich wie die Chrysler PT Cruiser, die hier auf dicke Hose machen": Dies ist der häufigste Spruch – immerhin sei der Matiz kein peinlicher Pseudo-Oldie. Das macht Mut. Genug für eine Fahrt auf die Showbühne? Und schon nimmt unser 796-Kubik-Dreizylinder mit zornigem Gebrüll die Rampe. Sollen wir mitlachen? Uns beschimpfen lassen? Wir wählen die Flucht nach vorn. "Was wollt ihr eigentlich?", frage ich ins Mikro: "Die Kiste bringt manches mit, was Amischlitten ausmacht. Starrachse, runde Rücklichter, leichte Servo – außerdem ist sie ein Four-Door-Sedan, eine Vier-Türen-Limo. Und ein echter Chevrolet." Die Meute johlt.

Später fragen ein paar Chevy-Fans in Lederkutten, ob wir "diesen Mist" ernst meinen. "Glaubt ihr etwa, eure Marke hat früher nur 460-PS-Corvetten und Sechs-Meter-Saurier gebaut?", fragen wir zurück. Und zählen auf: Opel Kadett C, die in den Siebzigern als Chevrolet liefen. 82er Camaro, der als Vierzylinder nur Tempo 150 schaffte. Ganz abgesehen vom fetten 1985er Cadillac de Ville mit 86-PS-Saugdiesel. Und dem Cadillac Cimarron, einer Ascona-C-Kopie im Lametta-Look. "Seht mal, Jungs, ihr kennt nicht die ganze Story." Das sitzt. Unverletzt und zufrieden treten wir den Rückweg an. Fleißig schnurrt der Dreiender mit dem Hubraum eines einzigen Vollformat-US-Zylinders über die Bahn. Nicht schlecht, die Kiste. Aber ein Chevy? Klar doch – wir müssen halt nur umdenken: Basismotorisierung mit Sinn statt V8 ohne Morgen. Der Schweizer Louis Chevrolet, der 1915 in den USA seine Marke gründete, war weniger flexibel: Er flog raus, weil er keine Brot-und-Butter-Autos bauen wollte. Und starb als armer Fließbandarbeiter.

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