Mehr Glitter!

Stutz IV-Porte Stutz IV-Porte Stutz IV-Porte

Stutz IV-Porte

— 12.07.2012

Mehr Glitter!

Ein Besuch in Las Vegas kann die empfindlichen Geschmacksnerven eines Europäers schnell überfordern. Es reicht aber auch schon eine Fahrt im Stutz – jenem Auto, das Amerikas Liebe zum Glitter wie kein anderes verkörpert.

"Sie sind ein Banause", sagt der Doktor. "Wie bitte? Ich, ein Banause?" Bevor ich protestieren kann, spricht er weiter: "Sie kommen aus Ihrem Europa eingeflogen und glauben, Sie hätten die Kultur erfunden. Was ist denn Kultur? Beethoven? Ich höre Beethoven. Ich hör’ aber auch Paul Anka – und ganz ohne schlechtes Gewissen. Tritt übrigens heute Abend da drüben auf, die Show ist sehenswert." Er deutet auf einen dieser Glitzerpaläste, die sich hier aneinanderreihen. Mir wird ein bisschen schummrig von dem Gefunkel und Geblinke. – "Ja, Las Vegas ist eine ziemlich dicke Ladung. Aber wissen Sie, lieber Kollege, ich bin jetzt seit 17 Jahren hier, und ich find es toll, jeden Tag. Wenn Sie mit dem Naserümpfen fertig sind, finden Sie es vielleicht auch gut. Wie mein Auto." Er seufzt. "Ich dachte, du holst einen Kollegen vom Flughafen ab, der hat Spaß an klassischen Autos wie du selbst, also nimmst du den Stutz, da freut er sich. Tja ..."

Wenn Sie diese Front sehen, rufen Sie nicht die Geschmackspolizei. So ein Stutz lässt sich nicht beim ersten Hinsehen verstehen.

©A. Emmerling

Eigentlich wollte ich nur auf einen Ärztekongress. Und jetzt, eine halbe Stunde nach der Ankunft, sind mir nicht nur alle Sinne überdröhnt, jetzt konfrontiert mich der Kollege auch noch mit philosophischen Fragen. Dabei hab ich gar nichts gemacht, nur ein bisschen nach Luft geschnappt, als er mich zu diesem Auto führte. Der Kollege ist leicht angesäuert. "Was genau gefällt Ihnen denn nicht?", will er wissen, und ich stammele was von seltsamen Ornamenten und willkürlich verteilten Stilelementen. Er schüttelt den Kopf. "Sie haben nicht richtig hingeguckt. Vielleicht ging das zu schnell eben. Da ist nichts zusammengewürfelt, das Auto ist ein sorgfältig ausgearbeiteter Entwurf. Jedes Element steht für etwas ganz Bestimmtes – zeichenhaft vielleicht, aber nicht beliebig." Draußen gleitet ein Eiffelturm vorbei, gegenüber ragt ein Turm auf, der eigentlich in die Toskana gehört. "Alles nicht echt. Na und? Es ist ein Spiel, lieber Kollege, der spielerische Umgang mit vergangener, weit entfernter Schönheit. Daraus entsteht dann was Neues. Sie brauchen sich nicht drauf einzulassen, hier kann jeder tun oder lassen, was er will."

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Der Chrombesatz an den Türen zitiert die Form von Trittbrettern, die geschweifte Sicke die Kotflügel-Linie eines 30er-Jahre-Duesenberg.

©A. Emmerling

Um ein bisschen Zeit zu gewinnen, frage ich, wer denn sein Auto gestylt hat. "Virgil Exner. Schon mal gehört? Ein Detroiter Designer, hat lange für Chrysler gearbeitet. Alle Mopar-Flossen der 50er Jahre sind von ihm. Sie kennen Stephen Kings Christine? Ein Plymouth Fury aus seinem Studio. Und bevor Sie jetzt wieder den Mund verziehen, der Mann hat auch ganz dezente Entwurfe abgeliefert. Volkswagen Karmann-Ghia, ein Begriff? Eine verkleinerte Version des Chrysler D’Elegance von 1953. Ist das feinsinnig genug? Oder der Renault Caravelle, wunderschönes Auto – die europäische Ausgabe einer Chrysler-Studie von 1957. Beide über das Haus Ghia entstanden, mit dem Exner viel auf die Räder stellte. Was gucken Sie denn so schockiert?" Der Doktor lacht, schüttelt den Kopf und lässt sein Auto auf eine Hotelzufahrt rollen. Eine Handvoll Livrierte springt heran und reißt die Türen auf, aber der Doktor winkt sie weg. "Jetzt erklär’ ich Ihnen das Auto", sagt er, steigt aus und erzählt, wie Virgil Exner Mitte der 60er mit seiner Idee der Auferstehung spielte: Autos der großen toten Marken.

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Ein bisschen Rolls-Royce, ein bisschen Hilton-Bankettsaal, so irrlichtert das Stutz-Interieur durch die Welten.

©A. Emmerling

Wie würden sie aussehen, wenn die Hersteller eben doch noch leben würden? Packard, Duesenberg, Stutz. Das Ergebnis waren vor allem schicke Modellautos, aber dann fand ein New Yorker Bankier die Idee so toll, dass er 1968 die Rechte an dem Markennamen Stutz kaufte, dazu einen der Exner-Entwürfe – seltsamerweise den Duesenberg – und 1970 die Produktion aufnahm. "Eine Hommage an vergangenen Ruhm! Aber voll nutzbar wie ein modernes Auto. Lassen Sie das Design auf sich wirken. Es ist sogar ziemlich schlicht. Betrachten Sie die Flanke, mit dieser einzelnen Linie, die klassische Seitenlinie der 30er. Was fahren Sie zu Hause im Alltag? Ein paar deutsche Nobelmarken äffen diese Linie nach, und es sieht furchtbar aus. Die können’s nicht. Exner konnte es. Unter dem Blech steckt übrigens ein Pontiac, absolut zuverlässig und einfach zu warten. Kommen Sie, wir gehen rein." Er wirft einem Livrierten die Schlüssel zu, der Big Block erwacht zum Leben, und unter bassigem Grummeln rollt der Stutz in Richtung Tiefgarage. Die Reserverad-Abdeckung blitzt auf. Ein Verwandter des Karmann-Ghia? Ich habe Kopfschmerzen.

Technische Daten

Aus 7473 Kubikzentimeter macht der V8 220 PS und will mit durchschnittlich 24 Liter Sprit auf 100 Kilometer gefüttert werden.

©A. Emmerling

Stutz IV-Porte Motor: V8, wassergekühlt, vorn längs • eine Nockenwelle • zwei Ventile pro Zylinder • ein Rochester-Fallstrom-Vierfachvergaser • Bohrung x Hub 104,6 x 106,9 mm • Hubraum 7473 ccm • Verdichtung 8:1 • 162 kW (220 PS) bei 4000/min • 434 Nm bei 2800/min • Antrieb/Fahrwerk: separates Chassis • Dreistufenautomatik Turbo-Hydramatic • Hinterradantrieb • vorn Einzelradaufhängung an Dreiecklenkern und Stabilisator, hinten Starrachse an Längs- und Schräglenkern; Schraubenfedern, Teleskopdämpfer • Scheibenbremsen • Reifen 225/70 R 15 • Maße: Radstand 2946 mm • Länge/Breite/Höhe 5765/ 2005/ 1370 mm • Leergewicht 2550 kg • Fahrleistungen/Verbrauch: Spitze 200 km/h, 0–100 km: k. A. • Verbrauch 24 l/ 100 km • Neupreis: 84.500 Dollar (1981).

Historie

Die erste Stutz Motor Car Company in Indianapolis entstand 1912 und bot das damals übliche Programm. Bekanntestes Ur-Stutz-Modell ist der Bearcat, der Name bezeichnet allerdings nur eine Sport-Ausstattung. Zu richtiger Größe lief Stutz erst ab 1925 mit einer Reihe von technischen Finessen auf, die ihrer Zeit voraus waren, dar unter hydraulische Bremsen und Sicherheitsglas. Die Marke ging in der großen Wirtschaftskrise der Dreißiger unter. Mitte der 60er-Jahre experimentierte US-Designer Virgil Exner (1909–1973) mit Neuschöpfungen großer US-Marken, darunter Stutz. Der Bankier James O’Donnell gründete 1968 Stutz Motor Cars of America und begann die Produktion. Elvis Presley kaufte den ersten Prototypen und erwarb bis 1973 drei weitere Stutz. Die Autos basieren auf GM-Großserientechnik, sie erhielten bei Stutz in Handarbeit eine luxuriöse Karosserie mit 24 Lackschichten. Exners ursprünglicher Zweitürer-Entwurf entwickelte sich bald weiter zu Cabrio und Limousine, die aber die wesentlichen Gestaltungselemente beibehielten. Mitte der 80er flaute die Nachfrage ab, Stutz schloss 1995 zum zweiten Mal die Tore.

Plus/Minus

Speichenräder und offen geführte Auspuffkrümmer sind unabdingbar für ein Retro-Car.

©A. Emmerling

Bescheidenheit ist eine Zier, doch besser lebt sich’s ohne ihr. Der Stutz ist eine fette Ladung Amerika, er ist ein Bling-Bling-Car aus der Zeit vor Erfindung des 30-Zoll- Rades. Das ist ein sehr dickes Plus für alle, die Las Vegas lieben – aber ein bleischweres Minus für alle Agenten der Geschmackspolizei. Da kann man noch so lange argumentieren, dass der Stutz, anders als heutige Custom-Cars, von künstlerischer Hand abstammt: Wer seinen Stutz vor der Eisdiele parkt und fröhlich aussteigt, der wird erleben, wie zuerst allen anwesenden Porsche-Fahrern das Bananensplit aus dem Gesicht fällt und bald darauf ein großes Getuschel anhebt: "Ist das Dieter Bohlen?" Wer kein Problem damit hat, im unernsten Teil des Kulturgeschäfts verortet zu werden, wird sehr viel Spaß haben.

Ersatzteile

Die Technik stammt von Pontiac und ist deshalb problemlos reparierbar. Es gibt diverse Spezialisten für US-Automobile im Land, die vieles für GM-Großserienautos auf Lager haben und alles andere ziemlich schnell beschaffen können, meistens für wenig Geld. Wenn aber ein böser Mensch eine Beule in den Stutz fährt oder eine Zierleiste verbiegt, dann ist bestes Blechner- und Lackierer-Handwerk gefordert. Ein Kotflügel von einem anderen Stutz hilft nicht viel (und wäre nur sehr schwer zu beschaffen), denn jedes Blechteil wurde handgedengelt und einzeln in die Karosserie eingepasst. Daher: Abwertung in den Kategorien "Reparaturfreundlichkeit" und "Ersatzteilversorgung".

Marktlage

Doch, es gibt tatsächlich einen Markt. Der ist natürlich winzig: Die Nachkriegs-Stutz sind noch seltener als ihre frühen Vorgänger. Insgesamt entstanden so circa 600 Exemplare in circa sieben Baureihen. Wie viele Neu-Stutz noch existieren, ist unbekannt. In den USA gibt es immer wieder mal Anzeigen (vor allem auf hemmings.com), die Preise schwanken ziemlich. Die Zentralstelle für Nachkriegs-Stutz www.madle.org listet eine Reihe von Angeboten, die Liste ist aber offenbar nicht sehr aktuell.

Empfehlung

Geduld. Es gibt ein paar Stutz in der Alten Welt, aber wenn die angeboten werden, hängt zumeist ein haarsträubendes und eher unglaubwürdiges Preisschild dran. Dann lieber einen Flug buchen, selbst einen Stutz finden und dabei ein bisschen Amerika angucken.

Autor: Till Schauen

Fotos: A. Emmerling

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