Suzuki LJ 20

— 19.01.2008

Alter Reiswein

Genau zwei dieser ersten Suzuki LJ gab es vor 30 Jahren in Deutschland. Dieses Exemplar fährt noch immer.



Was sagt man ihm nicht alles nach. Mit Eljot, dem automobilen Schmunzelmonster, habe der Fun-Faktor Einzug ins Gelände gehalten. Als Spaßmacher einer ganzen Generation von Wochenend-Offroadern galt der Suzuki LJ als Erfinder der Freizeit. Drollige 24 PS aus 359 ccm mussten 1970 der ersten LJ-Ausgabe ausreichen, die Abkürzung "Light Jeep" war wörtlich zu nehmen. Aber auch wenn er aussah, als würde die nächste Windboe das Leichtgewicht vom Hügel pusten – mit dicken Starrachsen und bockharten Blattfedern rundum, mit solidem Allradantrieb und Untersetzung war der Suzuki LJ ein echter Geländewagen. Ernst Goss aus Heppenheim hätte ihn sonst nie gekauft, Ernst Goss war Jäger. Und hart im Nehmen. "Allein die Zulassung war ein Kraftakt", erinnert sich der Sohn Hans-Jürgen, der den Japaner vom Vater übernahm. "Mit dem Wagen auf dem Anhänger ging es 1978 nach München zur Einzelabnahme durch den TÜV. Wir hatten ein Auto, das es in Deutschland nicht gab." VW-Händler Ernst Goss schaffte es, den rechtsgelenkten Unbekannten durch den TÜV zu bekommen. Es war mühsam, aber er war erfolgreich.

LJ 20: Der Beginn einer Erfolgsstory

Über Stock und Stein zur Jagd

Hätte er noch zwei Jahre gewartet, wäre es einfacher geworden. Ab 1980 startete Suzuki ganz offiziell in Europa mit dem Verkauf des Nachfolgers LJ 80 . Der war immer noch sehr klein und sehr geländegängig, besaß aber schon einen Vierzylinder-Viertaktmotor mit satten 797 cm3 und 39 PS. Weil so etwas im Deutschland der ernsthaften Auto-Entwickler und seriösen Limousinen-Käufer keiner für voll nehmen wollte, war mit einem Mal das Spaß-Mobil geboren, quasi ein Wagen fürs Wochenende. Das war so witzig, dass plötzlich alle einen wollten. Der Beginn einer Erfolgsstory, die bis heute geht – auch wenn ein aktueller Jimny neben seinem Urahnen richtig erwachsen aussieht. Heute ist der in Deutschland zugelassener LJ 20 von 1972 ein exotisches Einzelstück, damals gab es wenigstens zwei davon. "Ein Motorradhändler aus dem Odenwald hatte sich die beiden Autos aus Japan mitgebracht. Fünf Jahre standen die auf dem Hof, bis mein Vater einen der LJ kaufte, weil er ein neues Auto für die Jagd brauchte", sagt Hans-Jürgen Goss.

Dünn wie eine Salzstange: Das Lenkrad des LJ 20 möchte man nicht zu fest anpacken.

DKW Munga und VW Iltis hatte Vater Ernst Goss bislang durchs Gelände gescheucht, jetzt versuchte er es mit einem Japaner. Als LJ 20 V besaß der Gelände-Zwerg einen geschlossenen Aufbau, es blieb der einzige Luxus, doch Goss muss der Suzuki wie die Erfüllung all seiner Geländewagen-Wünsche erschienen sein. Mitten in den Weinbergen der sonnenreichen Bergstraße lag dessen Pacht, auf schmalen Wegen und zwischen eng gepflanzten Rebstöcken tänzelte bisher keiner so wendig wie der kleine LJ. Vorne saß Ernst Goss, hinter ihm Jagdhündin Bianca. Meist zum Warten und Nichtstun verdammt, kaute Drahthaar-Bianca aus lauter Langeweile erst den Dachhimmel und dann den Beifahrersitz klein. Den Himmel ziert heute ein dichter Teppich aus Flugrost, fast wirkt das gemütlich. Den Stuhl für den Beifahrer ersetzt ein Kissen, der nachträglich eingebaute Gewehrhalter ist noch da, ebenso die verblassten Aufkleber am Armaturenbrett, deren japanische Schriftzeichen noch keiner hier drin je lesen konnte. Ein gibt einige Schalter für Licht, Scheibenwischer und Gebläse sowie drei unterschiedlich lange Schalthebel für Vierganggetriebe, zuschaltbaren Frontantrieb und Untersetzung. Das Lenkrad ist so dünn, dass man meint, es würde bei Benutzung abbrechen wie eine Salzstange. "Sturm Samstag auf Sonntag Nacht" hat Ernst Goss daneben mit Bleistift auf dem Blech des Armaturenträgers notiert, es wird wichtig gewesen sein. Vor dem rechten Knie hängt die Zündspule zum Kurzschließen, plakativer Zeuge der einzigen Panne in 30 Jahren harten Gelände-Einsatzes. "Kaputt ging nie was", sagt Hans-Jürgen Goss, "nur den Zündschlüssel haben wir mal verloren."

Bemittleidenswerte 28 PS

Wie Jahresringe eines Baumes legen sich dicke Schichten NATO-Oliv um das ganze Auto, selbst die Scheibenwischer erhielten ihren Schutzlack. Lackiert hat hier noch keiner, drohte der rostige Schorf abzuplatzen und die wackelige Karosserie-Struktur weiter auszudünnen, wurde neue Farbe aufgepinselt. Zarte Hände sah der LJ wohl nie, rüde dübelte man ihm einst Lkw-Außenspiegel ans Blech und unter die Motorhaubeschauten blickten das letzte Mal wohl die Leute vom TÜV in München anno 1978. Viel sahen sie nicht: Lichtmaschine, Motor, Getriebe – alles ist annährend gleich groß. Was aussieht wie der Behälter für Wischwasser ist das Ölreservoir für den Zweitakter. Alles am Suzuki LJ 20 ist klein, das Gesetz wollte es so. Kei-Car hieß die japanische Klasse der steuerbegünstigten Kleinstautos, auf welcher der LJ 20 fußte. Länger als 3,20 Meter durfte das Fahrzeug nicht sein, den Motoren wurde ein Hubraumlimit von 360 ccm gesetzt. Die reizte Suzuki gnadenlos aus: aus 359 ccm presst der winzige Zweizylinder-Zweitakterschüchterne 28 PS, die wie bei einem Motorradmotor stark hochtourig ausfallen. Lächerliche 37 Nm maximales Drehmoment bei 5000 Touren zwingen zum Ausdrehen, bei 80 km/h Höchstgeschwindigkeit ist Schluss. Im Fahrzeugschein notierten die TÜV-Prüfer vor 30 Jahren sogar nur geruhsame 64 km/h. Aber darauf kam es Jäger Goss nie an.

Beulen-Pest: Fast mag man den Rost beim Fressen hören.

"Kein Auto war langsamer", sagt sein Sohn und freut sich über die verständnislosen Blicke. "In der Untersetzung und dank Handgas konnte man neben hergehen. Bei tiefem Schnee oder Schlamm schaukelte mein Vater den Wagen frei, ohne im Auto zu sitzen." Autobahn oder Landstraße sah der LJ 20 nie, nur den Weg von der Garage zum Weinberg und zurück. Ruhe gab es nur zur Schonzeit, ansonsten wurde keinem Stein, keinem Loch, keiner Steigung, keinem Rüttelpfad ausgewichen. Mit seinen schmalen hohen Reifen suchte sich der Suzuki seinen Weg und er wird es wohl weiter tun. Als Ernst Goss im vergangenen Jahr starb, übernahm Sohn Hans-Jürgen das Auto. Verkaufen will er es nicht. Nur den Jagdschein muss er noch machen.

Autor: J. H. Muche



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