Taxifahren in New York

Taxifahren in New York

— 18.10.2010

Jeden Tag ein Leben im Stau

8000 Taxis gibt es in New York. Die Fahrer der "Yellow Cabs" brauchen gute Nerven und geduldige Kunden. Denn in den Straen des Big Apples ist die Verstopfungsgefahr besonders gro.

AUTO BILD-Archiv-Artikel 46/1986: Frag als Deutscher in Amerika mal einen Autofahrer nach dem Weg. Weit du, was er macht? Er steigt aus und schwrmt von Deutschland. "Oh, German Autobahns, wonderful." Dazu macht er ein Gerusch, "ssst", das klingt nach Vollgas und Endlich-mal-rasen-Drfen. Es ist fast unmglich, einen Amerikaner zu treffen, der nicht vom deutschen Straennetz trumt. Und jeder zweite, so scheint es, war schon in Germany-West. lch soll eine Reportage ber die Taxifahrer von New York machen. Ich stelle mich an die 5th Avenue und winke mir einen Yellow Cab raus. Das erste, was er mir erzhlt, ist: "Oh, Cologne, wonderful." In Kln habe er eigentlich erst richtig Auto fahren gelernt.

Das Original: Der Artikel von 1986 als kostenloser Download

Aslam Shabon. Drahtig, ein bisschen runtergekommen, lssig, lustig. Regt sich nie auf, atmet zwlf Stunden tglich das reinste Kohlenmonoxid ein und steckt sich, wenn die Luft mal sauber riecht, flugs eine Carlton zwischen die Lippen. Das wundert einen nicht. Ganz New York ist voller Plakate: "If you smoke, please try Carlton." ("Wenn Sie rauchen, versuchen Sie mal Carlton.") Aslam ist 34, sein Chevi sieht von innen genauso alt aus. Stimmt aber nicht, es ist ein 85er Modell, ein 4,3-Liter-Impala. Die New Yorker scheinen ihre Taxis zu hassen. Sie lmmeln sich rein, aschen alles voll und knallen die Tren. Dafr hassen die Taxifahrer Fugnger. Die rennen ihnen pausenlos vor den Khler.

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Aslam drckt fter auf die Hupe als auf die Bremse. Draufhalten! Die Leute springen wie die Hasen. Dabei fhrt Aslam noch zahm. 8000 "Yellows" laufen in New York. Wenn man von einem Wolkenkratzer runterguckt, sieht man mehr gelbe Autos als sonst was. Es gibt in dieser verrckten, lauten, hektischen, verdreckten Stadt nicht mal eine Taxiruf-Nummer, zumindest keine, die jeder kennt. Man geht einfach auf die Strae runter und pfeift und winkt, dann hlt eine an, wenn's nicht regnet. Bei Regen halt keine an, weil alle voll sind. Aslam steht wieder mal im Stau und erzhlt sein Leben. Nachmittags ist ganz New York ein einziger Stau.

Afghanistan Kln New York

So tolle Regeln wie bei uns, Kreuzung bei Rot freihalten oder so, das kennen die Amerikaner an der Ostkste nicht. Wenn einer anhlt, um den Querverkehr durchzulassen, dann schert der Hintermann aus und quetscht sich in die Lcke. Klar, dass er dabei krftig auf die Hupe drckt. Aslams wildes Leben in Stichworten. In einem gottverlassenen Kaff in Afghanistan kam er zur Welt, um bald darauf ein Visum ins goldene Germany zu beantragen. Darauf wartete er drei Jahre. Dann kam er nach Kln und fand einen Job bei Renault. Das brachte gutes Geld, aber Aslam zog es weiter westwrts. So wurde er Taxifahrer in New York. Das gefllt ihm, weil er 350 Dollar die Woche verdient, wenn er fleiig ist. Frh um halb fnf fangt er an.

Der Schock: Live-Absturz im Verkehrsfunk

Rechts am Handschuhfach hngt seine Lizenz mit einem Passfoto, auf dem er wie Vico Torriani aussieht. Die Lizenz hat die Nummer 417229. Sie muss da vorn hngen, damit sich die Fahrgste beschweren knnen, wenn er nicht freundlich genug ist, oder schon mal Umwege fhrt. Wenn Aslam eine lange Tour vor sich hat, dann schaltet er das Radio ein. Da hrt er die Verkehrsberichte von "Shadow traffic". Sie kommen live aus kleinen Hubschraubern, die ber Manhattan und dem East-River kreisen. So ein Hubschrauber strzte neulich ab, und Aslam hrte, wie die Reporterin "Wir fallen! Wir fallen!" ins Mikro schrie. Es waren ihre letzten Worte. Das ging ihm nahe.

860.000 Autos schieben sich tglich in die Stadt. Die meisten hren die Durchsagen. Das hat einen Nachteil: In Minuten sind die empfohlenen Umleitungsstrecken genauso verstopft. "Gridlock", geben die Reporter dann durch. "Nix geht mehr", heit das. Aslam hupt Dauerton und steckt sich eine Carlton an. "Besser als in Afghanistan ist es in New York allemal", stellt er befriedigt fest.

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