Toyota Land Cruiser J7

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Toyota Land Cruiser J7

— 12.02.2014

Beastie Boy

Für die einen begann der Kampf ums Recht auf grenzenloses Feiern und grenzenlose Selbstdarstellung, für die anderen öffneten sich neue Grenzen – für beide Bedürfnisse war Toyotas Land Cruiser J7 das perfekte Auto.

Zu Studienzeiten hatte ich eine Kommilitonin, der sich die Männer gern um den Finger wickelten. Die junge Dame, Astrid ihr Name, stammte aus betuchtem Hause, trug ein "von" im Namen, hatte künstlerische Ambitionen und ein Pferd im Stall. Wahrscheinlich kam sie wegen des Gauls auf ihren Toyota Land Cruiser, aber dieser erwies sich als glückliche Wahl, denn er war das einzige Auto, das Astrids Tempo standhalten konnte. Sie tanzte nämlich auf so vielen Hochzeiten, wie man es nur mit 22 kann: Sonntag das Pferd zum Turnier ziehen, Montag Bewerbungsgespräch an der Kunsthochschule, Dienstagvormittag Vorlesung, am Nachmittag einen Kurzfilm drehen, am Abend Ballettstunde, dann Spätvorstellung im Kino. Bei dieser Schlagzahl legte manch ein Verehrer die Ohren an. Das Gesamtpaket war einfach zu viel: die schöne, kluge Astrid, ihre tausend Aktivitäten und ihr Auto.

SchockierendDer Anblick des Toyota Land Cruiser war 1984 beinahe : ein Geländeauto, das sich in der Stadt wohlfühlt!

©B. Hanselmann

Allein daran hatten wir mächtig zu kauen: Sie gehört doch in ein Sportcabrio – was will sie nur mit diesem Traktor? Schlimmer: diesem japanischen Traktor! Astrid war da undogmatisch: "Der Land Cruiser ist nicht teuer, verbraucht wenig, zieht den Pferdehänger aus dem Schlamm, und wenn das Wetter gut ist, nehm ich das Verdeck ab, dann ist er dreimal so offen wie ein Cabrio. Was genau stört euch gleich noch dran?" Seine Herkunft – traute sich niemand zu sagen. Tatsache: Anno 84 galt man als Nestbeschmutzer, wenn man einen Japaner fuhr, der bekanntlich charakterschwach und nachgeahmt war (und in Wirklichkeit billiger, besser verarbeitet und großzügiger ausgestattet als ein vergleichbares deutsches Produkt). Dann kreuzten die ersten Land Cruiser durch den Verkehr, und die waren kein bisschen farblos. Im Gegenteil, ein pralleres Statement war kaum vorstellbar. Schockierend. Ein Geländewagen! So was sahen wir nur, wenn die Bundeswehr ins Manöver zog, oder beim Joggen im Wald, wo der Förster nach dem Rotwild sah. Geländewagen hatten bei Stadtjungs Image und Flair einer Wachstuch-Tischdecke: abweisend, sterbenspraktisch und irgendwie vorgestrig. Und nun die japanische Allrad-Revolution: komfortable Sitze, Stereoanlage und ein wirklich gestalteter Innenraum. Draußen dezente Chromelemente. Mit so einem Auto konnte man sogar glaubwürdig vor der Oper aufkreuzen.
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Knallhart mit Blattfedern

Der Land Cruiser schlägt sich in der Kalahari ebenso tapfer wie in den schroffen Schluchten des Großstadtdschungels.

©B. Hanselmann

Der Land Cruiser brachte den Begriff "offroad" nach Deutschland, und zwar genau im richtigen Moment. Na klar, als Toyota 1984 den Neuen vorstellte, war das bereits die siebte Inkarnation der Baureihe, daher die Bezeichnung J7. Diesmal gab es zwei Versionen, einen vollwertigen Geländelaster namens "Heavy Duty", knallhart mit Blattfedern, und den dezent gezähmten "Light Duty" mit Spiralfedern. Dessen leichter Einsatz führte ihn schon bald in die Großstadtreviere, wo manch ein Asphaltcowboy Einbußen an Komfort gern in Kauf nahm für ganz neue Vorteile: Man saß einen Stock höher, andere Verkehrsteilnehmer hielten respektvoll Abstand, aus Angst, an Land Cruisers Kotflügel zu zerschellen, und ein Hauch von Freiheit und Abenteuer wehte durch die Szenekneipe, wenn ein Land-Cruiser-Schlüssel lässig auf die Theke klimperte. Damals jedenfalls. Astrid stand an der Spitze einer völlig neuen Bewegung. Es hätte sie wenig interessiert, wenn ich ihr erläutert hätte, was ihr Auto so toll macht. Der Motor zum Beispiel – interne Bezeichnung 2L-T, im Prinzip ein Traktor-Triebwerk, aber ein sanft laufendes, das machte das Wirbelkammer-Verbrennungsverfahren. Turbolader, trotzdem nur 86 PS, aber er ist ja kein Rennpferd, er soll nur welche ziehen, haha.
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Starrachsen statt Einzelradaufhängung

Pkw-Komfort im J7. Zugegeben, Höhenmesser und die Neigungswinkel-Anzeigen in der Mitte sind albern.

©B. Hanselmann

Leiterrahmen anstatt selbsttragender Karosserie, Starrachsen statt Einzelradaufhängung – Astrid hätte bei diesen Begriffen ihren Silberblick bekommen und unvermittelt gefragt, ob die Flughafendisco schon auf habe. Und darum ging es! Spaßmaximierung auf neue Art. Der Land Cruiser begann, das deutsche Straßenbild zu verändern: Allrad fürs Volk! Die stilbewussten 80er sogen alles auf, was einfache Zeichensätze bot: Seht her, ihr Schlaffis, ich komm aus Marlboro Country! (Selbst wenn ich vergessen hab, wie man die Vorderachse zuschaltet.) Als die Beastie Boys 1986 in die Mikros brüllten: "You gotta fight! For your right! To paaaarty!", war das eigentlich ironisch gemeint, was auf den Partys aber niemanden interessierte. Die 80er brachten die ersten Yuppies und ihre völlige Abkehr von den inneren Werten der Siebziger: Du bist, was du zeigst! Es dauerte eine Weile, bis deutsche Hersteller das Potenzial dieser Nische erkannten. Am Ende dieser Entwicklung stand der Audi Q7. An diesem Abgrund schlitterte Astrid vorbei. Als echte Avantgardistin war sie mit dem Kopf schon längst woanders, als die Allradidee zum Kult erstarrte. Ihr Land Cruiser mochte ein Vorreiter für die heutigen Autobahn-Cruiser gewesen sein – sie blieb sich treu, wurde Künstlerin und fährt bis heute Autos mit Leiterrahmen.
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Technische Daten

Der kultivierte Turbodiesel lässt nach den ersten 100 Kilometern vergessen, dass man auf Starrachsen rollt.

©B. Hanselmann

Toyota Land Cruiser LJ73 Hardtop Motor: Reihenvierzylinder-Diesel, Turbo, vorn längs, eine obenliegende Nockenwelle • Denso-Treibstoffeinspritzung • Bohrung x Hub 92 x 92 mm • Hubraum 2446 ccm • Verdichtung 20:1 • 63 kW (86 PS) bei 4000/min • max. Drehmoment 155 Nm bei 2200/min • Antrieb/Fahrwerk: Viergang-Schaltgetriebe mit Untersetzung • Hinterradantrieb, Vorderradantrieb zuschaltbar • Leiterrahmen-Chassis, Starrachsen an Spiralfedern, Teleskopstoßdämpfern und Längslenkern mit Panhardstab • vorn Scheibenbremsen, hinten Trommelbremsen • Reifen 205 R 16 • Maße: Radstand 2600 mm • L/B/H 4075/1690/1885 mm • Leergewicht 1695 kg • Fahrleistungen/Verbrauch: Spitze 120 km/h • Verbrauch 10,5 l Diesel/100 km • Neupreis: 37.530 Mark (1988).

Historie

Am Anfang stand, wie bei vielen erfolgreichen Geländewagen, der Ur-Jeep. Diesmal jedoch nur als ideelles Vorbild: "So was wollen wir für die Polizei“, verlangte 1950 die japanische Regierung. Toyota griff ins Regal und baute aus Lastwagen-Komponenten einen ersten Prototyp, den BJ. Der erste Buchstabe bezeichnet den Motor, der zweite steht für "Jeep". Diese Nomenklatur gilt bis heute. Der BJ ging 1953 in Produktion, 54 bekam er den Namen Land Cruiser. 1955 startete die erste Neuauflage, J2 genannt, und von der gingen die ersten Exemplare ins Ausland. Erst der Export machte den Land Cruiser zu dem, was er heute ist: Das Auto, auf das jeder schwört, der die Wüsten der Welt bereist (und davon berichten kann, weil er zurückkommt): 1960 kam der J4, der uns Altweltlern als der früheste Land Cruiser bekannt ist. 1967 gliederte Toyota zum ersten Mal eine Baureihe aus, den J5 Station Wagon, der sich separat weiterentwickelte. Der J7 kam dann 1984 in zwei Baureihen, "Light Duty“ (wie hier vorgestellt) und "Heavy Duty". Letzterer ist heute noch in Produktion. Rund sechseinhalb Millionen Land Cruiser wurden gebaut.

Plus/Minus

Der Land Cruiser begann, das deutsche Straßenbild zu verändern: Allrad fürs Volk!

©B. Hanselmann

Dies ist ein Geländewagen und fährt sich auch so – für komfortgewöhnte Normalfahrer bedeutet das Abzüge in der Nutzbarkeit, für Genießer ein großes Plus. Im Zweifel die Light-Duty-Version nehmen, die ist kernig genug. Großes Plus: Es ist ein Toyota! Deswegen ist er logisch aufgebaut, gut verarbeitet, hat nur wenige konstruktive Macken, und er ist zuverlässig – "gets you there, gets you back". Aber: Land Cruiser finden bislang keinen Platz unter Oldtimern. Die Typbezeichnungen sind eine Wissenschaft für sich, weil jede Kombination aus Motor und Aufbau ein eigenes Kürzel trägt. Das hier vorgestellte Auto ist ein LJ73, wobei das vorangestellte L den Zweieinhalbliter-Diesel bezeichnet; die nachgestellte 3 steht für "mittlerer Radstand" (2600 mm) und Softtop-Zweitürer. Das mag verwirrend erscheinen, aber wenn man nachschlagen kann, ist es genial für die Identifikation.

Ersatzteile

Japanische Hersteller haben wenig Interesse an Historie, weshalb man nicht auf "Toyota Classic Parts" warten sollte. Zum Glück kümmert sich eine Reihe von Spezialisten um die älteren Jahrgänge und hat zum Teil beachtliche Ersatzteillager aufgebaut. Die Preise sind moderat: Kupplungssatz ca. 300 Euro, Satz Bremsklötze ca. 30 Euro, Wasserpumpe ca. 90 Euro. Die Fotos oben zeigen zwei Knackpunkte: Es kann schwierig werden, für zerschlissene Sitze genau den richtigen Bezugsstoff zu bekommen, und der Zylinderkopf der Motoren der L-Baureihe ist anfällig. Lieber frühzeitig einen in Reserve legen.

Marktlage

Einen guten J7 im Originalzustand zu finden, ist eine harte Nuss. Es gibt jede Menge gechoppter, hochgelegter, windenbewehrter Exemplare, für die Asphalt nur der Weg zwischen zwei Matschpfühlen ist. Die übrigen hat der Rost geholt oder das Leben auf Bauernhof und Baustelle. Was hilft, sind Geduld und gute Kontakte.

Empfehlung

Im Ausland suchen. In Frankreich und England gibt es wenigstens noch welche, wobei die Verkäufer mit ihren Zustandsbeschreibungen häufig ins Märchenreich schweifen. In der Schweiz sind ebenfalls Autos zu finden. Heißer Tipp: Niederlande – dort hat jüngst eine Gesetzesänderung das Mindestalter für Diesel-Oldtimer angehoben, sodass jetzt viele Autos der 80er auf den Markt schwemmen.

Autor: Till Schauen

Fotos: B. Hanselmann

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