Vanden Plas Princess 1300

Vanden Plas Princess 1300

— 18.06.2014

Aufgebrezelter Austin

Sieht so die Revolution von unten aus? Der Kompakte für die oberen Zehntausend? Ein Vanden Plas Princess 1300 ist erschreckend modern und elitär zugleich.

Ihn mit Austin oder Morris anzusprechen, grenzt an Majestätsbeleidigung. Vanden Plas Princess 1300 lautet sein klangvoller Name, der doch eher ein Titel ist. Mit seinen tiefen Wilton-Teppichen, dem feinen Connolly-Leder, dem Walnussholzfurnier an Instrumententräger und Türen sowie Picknicktischchen in den Rückenlehnen der Vordersitze vermittelt der nur 3,70 Meter lange Luxus-Kompakte viel mehr als nur eine Ahnung von Upperclass. In ihm stecken Tradition und Moderne, Tragik und Abglanz einer ganzen Automobilepoche.

Langer Radstand, vier Türen und Schrägheck. Es gab Zeiten, da war die Auto-Moderne in England daheim.

©A. Perkovic

Vermutlich ist es kein Zufall, dass das letzte Automobil seiner Art ein Vanden Plas ist. 1974 kommt das Ende, und zwar in beiderlei Hinsicht. Die Dynamik des Zerfalls macht noch vier Dekaden später Angst: Rund 15 Jahre reichen der britischen Autoindustrie, um sich selbst abzuschaffen. So viel Zeit liegt zwischen der Präsentation des revolutionären Mini im Jahr 1959 und dem Kollaps der British Leyland Motor Corporation, einer Ansammlung vieler an der Moderne gescheiterter Marken, 1974. Die anschließende Verstaatlichung der BLMC bringt auch keine Rettung. Autos wie der British Leyland Princess kommen auf den Markt, umgelabelte Honda nennen sich bald Triumph Acclaim. Grauenvoll! Dass es so weit kommen kann, ist Teil des Mysteriums Britisch Elend. Alec Issigonis’ Idee eines neuen Austin Seven, den die Welt als Mini lieben lernt, trägt 1962 der eine Klasse höher rangierende BMC 1100/1300 in die Mitte der Gesellschaft. Mit Quermotor und Vorderradantrieb, langem Radstand und großem Innenraum, schrägem Heck und vier Türen ist der ADO16 (Amalgamated Drawing Office Project Number 16) der Konkurrenz um zehn Jahre voraus. Dass ausgerechnet in der Kompaktklasse die neue "Hydrolastic"-Federung ihre Premiere erlebt, düpiert selbst die großen Hersteller.
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Badge Engineering

Das schräge Heck mit kleiner Kofferraumklappe ist ein Markenzeichen der BMC-Kompaktreihe.

©A. Perkovic

Konstrukteur Alex Moulton hat die "Whisky-Soda"-Federung entwickelt. Das neuartige System (Werbespruch: "It floats on fluid") arbeitet mit Gummifederelementen, gefüllt mit einer Mischung aus Wasser, Alkohol und Rostschutz. Vorder- und Hinterrad sind durch eine Rohrleitung verbunden – federt das Vorderrad ein, wird die Flüssigkeit verdrängt, der Druck setzt sich zum hinteren Federelement fort, verhärtet dort die Feder und vermindert die Nickbewegung. Doch so modern der ADO16 auch sein mag: Ohne erprobtes "Badge Engineering" – den Verkauf ein und desselben Modells unter verschiedenen Markennamen – geht es dann doch nicht. Der BMC 1100, dem 1967 der 1300 zur Seite gestellt wird, kommt als einfacher Morris oder Austin, sportlicher MG, gediegener Wolseley, dynamisch-exklusiver Riley Kestrel und sogar als in der Fremde montierter Innocenti auf den Markt. Ungezählte Varianten und Ausstattungen, die zweitürige Limousine, der dreitürige Kombi, Viergangschaltung und Vierstufenautomatik, Vierzylinder zwischen 1100 und 1300 Kubik mit PS-Zahlen von 48 bis 70 machen die Geschichte unübersichtlich. Die Begeisterung schwappt bis in die USA hinüber und spült am Ende 2,1 Millionen Autos auf den Markt.
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Traditionelle Standesunterschiede im Kleinformat

Feines Holz, feine Instrumente: Den bürgerlichen Modellen hat die luxuriöse Topversion zwar keine Technik, aber jede Menge Stil und Eleganz voraus.

©A. Perkovic

Die schönste Anekdote erzählt dabei das Topmodell. Fred Connolly, Zulieferer feinster Tierhäute, ist für sie verantwortlich. Er wünscht sich für den persönlichen Gebrauch einen exklusiv ausgestatteten Elfhunderter als Maßanfertigung. Der Auftrag geht nach Kingsbury/London, wo die feinsten aller BMC-Produkte entstehen. Vanden Plas, eigentlich Karosseriebauer, aber inzwischen zur eigenständigen Marke erhoben, stellt einen Prototyp mit herrschaftlicher Chrom-Front und atemberaubendem Finish auf die Earls Court Motor Show. 1964 wird aus dem Einzelstück das Serienmodell Vanden Plas Princess 1100, 1967 kommt die Version mit 1275 Kubikzentimetern dazu. "Der elegante Wagen neuzeitlicher Prägung", so dichtet die Werbeabteilung. Mit seiner überlegenen Ausstattung überspringt der ADO16-Vanden Plas nicht nur Fahrzeugklassen, sondern gleich ganze Gesellschaftsschichten. In ihm finden pensionierte Schuldirektoren und wohlhabende Damen den zum Geldbeutel passenden Miniatur-Rolls-Royce. Der Vanden Plas bildet traditionelle Standesunterschiede im Kleinformat ab. Dabei gehen klassische Handwerkskunst und schnöde Massenfertigung Hand in Hand. Konzept und Raumausnutzung sind jedoch wegweisend, auch wenn der kernig schnarrende Vierzylinder ein zäher Langhuber alter englischer Schule ist. Ein Briten-Klassiker mit widersprüchlichen Charaktereigenschaften also. Doch die Revolution von unten für die oberen Zehntausend ist heute faszinierender denn je.

Technische Daten

Im 53 PS starken Vanden Plas Princess 1300 arbeitet der hubraumstärkste BMC-A-Series-Motor mit 1275 Kubikzentimeter. 

©A. Perkovic

Vanden Plas Princess 1300 Motor: Reihenvierzylinder, vorn quer • untenliegende Nockenwelle, über Kette angetrieben, zwei Ventile pro Zylinder, Fallstrom-Vergaser SU HS4 • Hubraum 1275 ccm • Leistung 39 kW (53 PS) bei 5250/min • max. Drehmoment 93 Nm bei 3500/min • Antrieb/Fahrwerk: Viergang-Schaltgetriebe (auf Wunsch Vierstufenautomatik) • Vorderradantrieb • Einzelradaufhängung, vorn an Querlenkern, hinten an Längslenkern, Hydrolastic-Federung • Reifen 5,50-12 • Maße: Radstand 2375 mm • L/B/H 3727/1534/1350 mm • Leergewicht 900 kg • Fahrleistungen/Verbrauch: 0–100 km/h in 20 s • Spitze 138 km/h • Verbrauch 10,5 l S pro 100 km • Neupreis: 11.500 Mark (1969).

Historie

1870 beginnt Guillaume van den Plas in Brüssel mit der Fertigung von Kutschrädern. 1884 liefert er erste Aufbauten, bald werden auch Karosserien für Automobile angeboten. 1913 gründet der Karosseriebauer einen Ableger in England, 1923 wird das neue Werk in Kingsbury/London bezogen. 1946 übernimmt Austin Motors die Vanden Plas Ltd. Unter dem Namen Austin Princess Vanden Plas wird 1952 eine Luxus-Limousine vorgestellt, die ersten beiden Fahrzeuge erwirbt das englische Königshaus für seinen Fuhrpark. 1960 wird Vanden Plas zur eigenen Marke im Firmenverbund, der Beiname "Austin" wird durch "Princess" ersetzt. 1964 erscheint der Vanden Plas 4 Litre R: Basis ist der viertürige Austin Westminster, dessen Vierliter-Reihensechszylinder ist eine Rolls-Royce-Entwicklung. Der 1964 vorgestellte Vanden Plas 1100/1300 ist ein größerer Erfolg und bleibt bis 1974 im Programm. Nachfolger ist der Vanden Plas 1500/1700, ein fein gemachter Austin Allegro. 1972 erscheint der erste Daimler Double Six Vanden Plas. 1979 wird die VDP-Fertigung eingestellt – aus der Marke wird eine Ausstattungsvariante für Austin, Rover und Jaguar.

Plus/Minus

Alter Adel, modernes Maß: Der Name Vanden Plas Princess steht für Luxus im Kompakt-Format.

©A. Perkovic

Minus: Er ist nur ein Austin, ein etwas zu groß gewachsener Mini mit ein wenig Holz, Chrom, Leder und vier Türen. Plus: Er ist das Feinste, Hochwertigste und Schrägste, was aus einem schnöden Austin werden konnte – eine Art Rolls-Royce der Kompaktklasse. Leider gehen der großen ADO16-Familie Kuschelfaktor und Fahrspaß des Ideengebers Mini weitgehend ab, dafür überzeugen der skurrile Charme, das gute Platzangebot und die technisch interessante Hydrolastic-Federung. Mechanisch solide und millionenfach erprobt, gilt das BMC-1100/1300-Modell leider als exzessiver Roster. Türen, Kotflügel, Schweller, Bodenbleche – sogar unter dem Vinyldach der sportlichen GT-Varianten kann es knistern. Angefaulte Verankerungen der Hilfsrahmen und morsche Schweller sind das Todesurteil.

Ersatzteile

2,1 Millionen ADO16 wurden gebaut, von Australien bis Italien, wo er als Innocenti vom Band lief. Weil Technik und Karosserie in über zwölfjähriger Produktion nahezu gleich blieben und vieles auch anderswo im British-Leyland-Reich zum Einsatz kam, findet sich immer irgendwo Ersatz, in erster Linie natürlich auf dem Heimatmarkt. Einen Vanden Plas zu fahren, ohne Kontakte nach England, in die Schweiz oder die Niederlande zu pflegen, ist ein hoffnungsloses Unterfangen. Engpässe gibt es vor allem beim Zierrat, die seltenen Modellvarianten der Marken Wolseley, Riley, MG oder Vanden Plas haben es hier besonders schwer.

Marktlage

Vor 20 Jahren war Japan verrückt nach den skurrilen High-End-Kompakten, doch dieser Hype ist vorbei. Auf dem europäischen Festland ist der ADO16-Vanden Plas ein Exot, einen echten Markt gibt es nur in Großbritannien. 16.007 (1100) bzw. 27.737 (1300) wurden gebaut, heute werden sie zu Preisen um 5000 Euro gehandelt.

Empfehlung

Selbst ein üppig ausgestatteter ADO16-Vanden Plas kostet nicht die Welt, deswegen sei der Kauf des bestmöglichen Autos empfohlen. Wer sich nur für die Technik begeistert, wird auch mit einem einfacheren Morris oder Austin glücklich. Hardcore-Individualisten greifen vielleicht zum feinen Wolseley oder sportlichen Riley. Anders, sehr cool, selten und praktisch: der dreitürige Kombi Austin Countryman bzw. Morris Traveller.

Autor: Jan-Henrik Muche

Fotos: A. Perkovic

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