Schnäppchen mit V12-Motor

Vergleichstest: Zwölfzylinder-Limousinen ab 5000 Euro

— 24.02.2017

Tolle Zwölfzylinder ab 5000 Euro

Zwölfzylinder locken mit verführerisch niedrigen Kaufpreisen, doch es drohen hohe Folgekosten. Wie gut sind BMW 750i, Mercedes 600 SEL und Daimler Double Six?

Hochoktanige Gesellschaft: Zwischen 15 und 20 Liter schluckten die Testkanditaten als Neuwagen.

Anfang der 90er-Jahre bekommen nur die Top-Autos der Luxusklasse einen Motor mit einem Dutzend Zylinder Als BMW vor 30 Jahren einen Zwölfzylinder ankündigt, herrscht bei der Konkurrenz helle Aufregung. Mercedes ist mit seinen Achtzylinder-Topmodellen plötzlich nur noch Zweiter! Nach kurzer Schockstarre zaubern die Schwaben bald einen eigenen V12 
aus dem Hut, der 1991 die Ordnung in der Luxusklasse wieder zurechtrückt. Was macht Jaguar in England? Während die Konkurrenz vom Kontinent mit nagelneuen Konstruktionen in den Markt drängt, können die Briten nur den Tod des ergrauten Titanen XJ aufschieben. Heute locken diese V12 mit günstigen Einstiegspreisen, nur wer kann sie sich leisten? Wir tanken voll und fahren auf die Teststrecke. Welcher ist der Beste, und wo lauern die größten Kostenfallen?

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Mercedes 600 SEL - die "Himmelsschaukel"

Gemütlich wie ein Wohnzimmer: der Innenraum des Mercedes 600 SEL gibt sich hölzern und weitläufig.

Die S-Klasse mit dem Mammut, einer wohl auch wegen ihrer Größe ausgestorbenen Elefantenart zu vergleichen, war vor 25 Jahren nicht besonders geschickt von Mercedes. Der "Spiegel" geißelte damals den "schwäbischen Schwerwagen-Stalinismus", und Sozialneider zerrissen sich die Mäuler, weil der W 140 anfangs zu fett für Autoreisezüge war. Klar, die Karosserie wirkt massig; elegant geht anders. Aber selbst ein mittelklassiger Ford Mondeo ist inzwischen breiter, und die Peilstäbe am Heck wirken geradezu drollig in einer Zeit, da selbst manche Kompaktwagen nur noch mit Kamerasystemen unfallfrei rangierbar sind. Eines jedoch ist geblieben: Raumfülle und motorische Macht des dicken Mercedes lösen heute wie damals ungläubiges Staunen aus. Diese Auto kaufen Kunden, denen das Beste gerade gut genug war, wie Modezar Wolfgang Joop.

Gebrauchtwagensuche: Mercedes 600

Deutschlands stärkster Pkw-Motor dreht auf

Der Innenraum wirkt wie ein Wohnzimmer, dessen Sessel alle in die gleiche Richtung zeigen. Die Armauflage in den Türen ist so weit entfernt, dass man sich rüberbeugen muss. Den speckigen Kunststoff findet man heute nicht mehr so toll, die Verarbeitung schon: Auch nach einem Vierteljahrhundert knarzt und klappert nichts. Im Innenraum herrscht fast schon feierliche Stille. Und der Sechsliter-V12, damals mit Abstand Deutschlands stärkster Pkw-Motor, hebt nur beim Hochdrehen dezent die Stimme. Ansonsten bolzt er den 2,3-Tonner mit einer solchen Gewalt durch die Gegend, dass einem beim Beschleunigen die Mundwinkel nach hinten rutschen. Auch der Abrollkomfort begeistert heute noch. Ein grobschlächtiges Trampeltier ist dieses Mammut jedenfalls nicht.

Verbrauchstest: Die größten Schluckspechte

BMW 750i - Luxus auf die leichtfüßige Art

Leichtfüßig: Selbst hektisches Hakenschlagen ist für den BMW 750i mehr Lust als Last.

Der erste deutsche Serien-Zwölfzylinder nach dem Krieg! 1987 war das ein Paukenschlag. Dabei pflegte der 7er sonst eher die leisen Töne. Die von Ercole Spada in Form gebrachte Karosserie hatte optisch kein Gramm zu viel auf den Rippen. Wegen seiner schlanken Linie galt der neue Luxus-BMW schon bald als "deutscher Jaguar". Obwohl zum Test nur der kurze 750 antrat und nicht die um 11,4 Zentimeter gestreckte Langversion, ist die Beinfreiheit auf den Rücksitzen großzügig. Wegen der nicht allzu üppigen Innenbreite und des nach BMW-Art auf den Fahrer fokussierten Cockpits wirkt der 750i für Luxusauto-Maßstäbe sehr auf Taille genäht.

Gebrauchtwagensuche: BMW 7er

BMW mit dem Nerz nach innen

Der kompakte Zuschnitt passt zum sportlichen Charakter. Der Servotronic, die mit steigendem Tempo die Lenkunterstützung zurücknimmt, fehlt es zwar etwas an Schärfe beim Einlenken. Dennoch lässt sich der Bayern-König präzise und dank trittsicherem Fahrwerk auch schnell um die Pylonen zirkeln. Doch der straffe Grundcharakter schmälert nicht den Komfort. Zum Vergleich: der BMW bringt 385 Kilo weniger auf die Waage als der V12-Mercedes. Der BMW-V12 klingt warm und dunkel. Dennoch schaltet die übereifrige Automatik öfter als nötig zurück, was den souveränen Fahreindruck ein wenig trübt. Den Sprint von null auf 100 schafft in 8,4 Sekunden heute zwar jeder Vertreterdiesel. Zwischenspurts schüttelt der V12 aber mit lässiger Beiläufigkeit aus dem Ärmel. Ein Auto also, das den Nerz nach innen trägt – erst recht, wenn es ohne Modellschriftzug am Heck geordert wurde.

Achtzylinder-Klassiker: Schnäppchen mit V8

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Daimler Double Six - Tiger im Tank

Die dritte XJ-Serie war schon neu ein Oldtimer. Sie schlägt sich im Test dennoch wacker.

Jaguar hat von den drei getesten Marken die längste Zwölfzylinder-Tradition. Bereits 1972 zwängten die Briten einen solchen Super-Motor in ihren XJ. Dessen dritte Serie war im Grunde nur ein erweitertes Facelift des Urmodells, in ihrem letzten Baujahr 1992 also schon ein Oldtimer. Zwischen Mercedes und BMW wirkt der Jaguar tatsächlich wie ein antikes Stilmöbel inmitten neuzeitlicher Kleiderschränke. Seine flache, spannungsreich gezeichnete Karosserie ist innen deutlich enger geschnitten als die von S-Klasse und 7er. Die Sitze sind zu kurz und zu schmal, um bequem zu sein, aber vor allem zu prall gepolstert und zu rutschig. Wer nicht haltlos durchs Auto fliegen möchte, kratzt besser nicht zu flott die Kurve.

Gebrauchtwagensuche: Jaguar Daimler

Verblüffend agiler Engländer

Dabei ist Dynamik für den Daimler kein Fremdwort. Talentiert tanzt er durch die Pylonengasse; mit der leichtgängigen Lenkung lässt sich der Kurs zielgenau bestimmen. Gar nicht aus der Zeit gefallen auch der Federungskomfort des grauen Panthers: Kurze Wellen bringen zwar die Vorderachse leicht ins Stuckern. Die Samtpfötigkeit, mit der die britische Raubkatze über lange Wellen schnürt, sucht aber auch heute noch ihresgleichen. Zum hohen Federungskomfort passt der kuschelige Salonlöwe unter der Haube. Bei niedrigen Drehzahlen ist der V12 fast überhaupt nicht zu hören, unter Last dringt nur ein entferntes Summen ans Ohr. Mit der altertümlichen Dreistufenautomatik pflegt das 5,3-Liter-Triebwerk ein gelassenes Zusammenspiel. Kraft ist stets ausreichend vorhanden, Hektik jedoch fehl am Platz – auch weil ab 120 km/h der Fahrtwind immer vernehmlicher tost. Gegen eine Karosserie, bei der Schönheit vor Aerodynamik ging, kämpft eben selbst ein Zwölfzylinder auf verlorenem Posten.

Tolle Zwölfzylinder ab 5000 Euro

Martin G. Puthz

Martin G. Puthz

Fazit

Der englische Daimler siegt in der Stil-Wertung, doch es bleibt beim Achtungserfolg des Jaguar mit Wurzeln in den 70er-Jahren. Viel überraschender als der dritte Platz des Briten ist, dass nicht der vor Superlativen strotzende Mercedes den Test gewinnt, sondern der auf den ersten Blick eher unspektakuläre BMW. Der große Preisunterschied und eine Leistungsdifferenz von 108 PS fallen heute nicht mehr so stark ins Gewicht. Beide deutsche Zwölfzylinder kosten als Klassiker weniger als fabrikneue Kleinwagen. Doch dem BMW haftet weit weniger als dem Mercedes der Ruf des ungehemmten Ressourcenverschwenders an, was Verbrauch und Unterhaltskosten bestätigen. Mehr Spaß beim Fahren macht er obendrein. So holt der 7er am Ende einen stillen Sieg, als vergnüglicher Vernünftiger unter den Unvernünftigen.

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