Für den Transport

Volvo 740 Kombi Volvo 740 Kombi Volvo 740 Kombi

Volvo 740 Kombi

— 26.07.2013

Für den großen Transport

Stau auf dem Weg zum Antik-Laden, darin gefangen ein Volvo 740 Kombi. Eine Alltagsbegegnung – aber eine, die erklärt, warum zwischen Volvo und Kombi im Grunde kein Wortzwischenraum passt.

Bundesautobahn 45, zwischen Siegen und Kalteiche. Nichts geht mehr. Stille. Aussteigen. Draußen nur Tännchen, neblige Hügel. Ein Österreicher steht neben seinem Volvo-Kombi. Aus der Miet-A-Klasse neben ihm steigt ein Mann und sagt: "So einen hatt’ ich auch." – "Tatsächlich?" Der Österreicher will eigentlich gar nicht reden. Doch der Mann sagt, dass er Andy heiße, Geschäftsreisender aus Pasadena, Kalifornien, sei, und was für ein Zufall, jetzt steht er in Germany im Stau, ausgerechnet neben seinem Lieblingsauto.

Harte Kanten, rechte Winkel, fette Stoßfänger – daran erkannte in den 80er-Jahren jedes Schulkind einen Volvo.

©A. Perkovic

Aha. Der Österreicher – er heißt Anton – will wissen, warum Andy seinen Volvo nicht mehr hat. Neuer Job, sagt Andy, Dienstwagen, "wozu brauch’ ich zwei Autos? Hab’ ich gedacht. Ich ärger’ mich noch heute. Das war der letzte echte Volvo." Der Österreicher staunt: "Wegen Hinterradantrieb und Starrachse? Ich hab’s schon immer geahnt, ihr Amis seid im Jahr 1947 stecken geblieben." Andy stutzt, dann lacht er. "Eine gut durchdachte Starrachse ist besser als eine halbherzige Einzelradaufhängung." Anton nickt. "Man muss Amerikaner sein, dass man ein Auto wegen der Hinterachse toll findet." – "Was Starrachsen angeht, gibt’s keine bessere. So friedlich und komfortabel. Für das normale Leben halt." Andy seufzt. "Weißt du, Anton, ich hab’ ihn immer gern gefahren, ein angenehmes Auto, man setzt sich rein und lässt rollen, auch voll beladen, wundervoll. Aber ich wollte immer wissen, wie es ist, so richtig schnell damit zu fahren." Anton runzelt die Stirn. "Auch nicht anders als langsam fahren. Er ist wirklich kein Rennwagen. Klar, schnell geht auch, besonders wenn du einen Turbo hast, aber man fährt am Wochenende nicht zum Spaßfahren auf die Alpenpässe, wenn du das meinst. Dafür ist er nicht gemacht, das würde ihn quälen. Wenn du die Familie dabeihast, mit Urlaubsgepäck, und an den Gardasee willst oder an die Adria – perfekt, aber in seinem eigenen Rhythmus."

60 Jahre: Phänomen Volvo-Kombi

Der Volvo 740 war ein kantiges Auto, und oft saßen kantige Typen hinterm Steuer. Die ihn nur kauften, weil er anders war.

©A. Perkovic

"Am wohlsten fühlt er sich, wenn er rollen darf, du schnickst mit dem Daumen den Overdrive rein und raus, auf die Art läuft er ewig." – "Wie bei uns daheim", sagt Andy zart enttäuscht. Anton meint: "Der Siebener-Volvo war ja für den US-Markt gemacht, erinner dich an die Limousine, diese harte Stufe zwischen Dachkante und Kofferraum, pures Amerika!" – "Das habt ihr Europäer so gesehen. Ich weiß noch, für uns war 1982 der Volvo ein sehr europäisches Auto." – "Amerika war jedenfalls der Haupt-Exportmarkt für Volvo, und der Siebener traf voll euren Geschmack." "Das hab’ ich ja nicht bestritten", sagt Andy. "Der erste Siebener war der 760 als Limousine, und wir haben davorgestanden und gerätselt: Was will uns Volvo mit der Bezeichnung sagen? Siebte Serie, sechs Zylinder und null Türen? Eigentlich hätte er 464 heißen müssen." – "Tja. Volvo hatte schon eine Vierer- und Fünfer-Serie gehabt, den Buckel PV444 und PV544, und der kleine DAF 66 hieß in manchen Märkten Volvo 600. Aber schade war es schon um die alte Nomenklatur. 145, 245, 265, die 5 am Ende war sehr stark. Sie stand für ein eigenes Auto-Genre, den Volvokombi."

Das Nordlicht: Volvo 264 GLE

Der 740 Kombi hat alles, was man zum Leben und Fahren braucht. Die enorme Geräumigkeit des Heckabteils wünschen sich viele Ex-Besitzer zurück.

©A. Perkovic

"So wie es Heckklappen-Sportler gibt wie den Golf GTI oder Gran Turismo wie den Aston Martin, so gibt’s Volvokombis." – "Also wäre ein Mercedes T auch ein Volvokombi?" – "Klar. Wenn er genauso enormen Laderaum hat, so zuverlässig läuft und so gut verarbeitet ist." Andy sieht sich um. "Hast du das mal einem Deutschen erzählt?" – "Hab’ ich. Die haben da echt wenig Humor. Zuverlässigkeit, Laderaum, Verarbeitung, das wurde in Stuttgart erfunden, krieg’ ich dann zu hören. Der Siebener-Volvo kam nicht so gut an in Deutschland." – "Warum das denn?" – "Die waren auf dem Stromlinien-Trip. Schau dir den Audi 100 Typ 44 an. Oder den Ford Sierra. Der Volvo war ein kantiges Auto, und oft saßen kantige Typen hinterm Steuer. Die ihn nur kauften, weil er anders war." – "Ja, der Audi 100 Avant war modern, aber diese schräge Heckklappe ... Wie viel Laderaum hat der Volvo?" – "2,1 Kubikmeter", sagt Anton. "Ich hole ein paar Möbel ab." Vorn im Stau regt sich was. "Es geht weiter", sagt Anton. "Wie viel hat dein Volvokombi gelaufen?", will Andy wissen. "400.000 Kilometer", sagt Anton. Andy zieht eine Visitenkarte aus der Tasche: "Wenn du ihn mal verkaufen willst." Anton lacht. "Bestimmt nicht", sagt er und steigt ein. Es geht weiter zwischen Siegen und Kalteiche.

Technische Daten

2,3 Liter und 115 PS – ja, man darf von einem Bauernmotor sprechen.

©A. Perkovic

Volvo 740 Kombi Motor: Vierzylinder-Reihenmotor, vorn längs • eine obenliegende Nockenwelle • Zahnriemen • Leichtmetall-Querstrom- Zylinderkopf • Katalysator • Bosch-LH-Jetronic • Bohrung x Hub 96 x 80 mm • Hubraum 2316 ccm • Verdichtung 9,8:1 • 85 kW (115 PS) bei 5400/min • max. Drehmoment 185 Nm bei 2750/min • Vierganggetriebe mit elektrisch schaltbarem Overdrive • Antrieb/Fahrwerk: Hinterradantrieb • selbsttragende Karosserie • vorn Einzelradaufhängung an McPherson-Federbeinen, Stabilisator; hinten Starrachse an Längslenkern, Schubstreben, Spiralfedern und Panhardstab • Stabilisator • Scheibenbremsen, vorn innenbelüftet • Reifen 195/65 R 15 T • Maße: Länge/Breite/ Höhe 4785/1750/1435 mm • Radstand 2770 mm • Leergewicht 1414 kg Fahrleistungen/ Verbrauch: Spitze 180 km/h • 0–100 km/h: 10,0 s • Verbrauch 9,7 l/100 km • Neupreis: 32.000 Mark.

Historie

Die Geschichte des Volvo Kombi beginnt 1953 mit der Nutzversion des PV444, die ihren Buckel gegen einen voluminösen Kasten getauscht hat. Und da geht wirklich was rein, dank hoher Dachlinie und senkrechtem Heckabschluss. Der Name Duett ist die schwedische Version des Begriffs "Kombi": werktags Arbeitspferd, wochenends Familienauto. Buckels Nachfolger Amazon kommt 1962 als Kombi-Version, die sich weniger handwerklich als lifestylig gibt (wie man heute sagen würde) – wahrscheinlich der eleganteste aller Volvo-Kombis. Amazons Nachfolger, den Typ 140, gibt es bereits 1967 als Fünftürer. Duett und Amazon sind da ebenfalls noch im Angebot, sodass der treue Volvo-Kunde drei glückliche Jahre lang die Auswahl zwischen drei eigenständigen Kombi-Modellen hat. Der 145 entwickelt sich 1974 zum 245 (mit Sechszylinder: 265) weiter und bleibt – nur sehr behutsam modellgepflegt – bis 1993 in Produktion. In diesem Jahr wird sein offizieller Nachfolger, der 740 (Sechszylinder: 760) Kombi, bereits selbst schon wieder abgelöst vom 940/960 Kombi, der sich aber nur in Details unterscheidet. Als der 940 im Jahr 1998 eingestellt wird, endet die Ära der klassischen Heckantriebs-Volvo.

Plus/Minus

Der 740 ist der Endpunkt einer Entwicklung, für die sich Volvo 30 Jahre Zeit ließ.

©A. Perkovic

Den geben erfahrene Volvo-Fans ihrer Familie: einen 740 für den Alltagsbetrieb. Müssen wir mehr sagen? Der 740 ist der Endpunkt einer Entwicklung, für die sich Volvo 30 Jahre Zeit ließ. Es ist also keine Beleidigung, den 740 für ein stockkonservatives Auto zu halten. Im Gegenteil! Deswegen nämlich hat er keine werksseitigen Schwachstellen. Wer das Risiko liebt, darf sich einen Citroën jener Jahre gönnen. Frühe 740/760 sind etwas rostanfälliger, das lässt ab 85 nach und ist ab 88 so ziemlich behoben. Autos mit Dieselmotor sind ausgestorben, weil weniger zuverlässig als die Benziner (und häufiger exportiert) – macht nix, denen sind sowieso die Umweltzonen verschlossen. Die Benziner, besonders mit dem Motor B230F, gelten als unzerstörbar (bei normaler Wartung), ebenso die Getriebe.

Ersatzteile

Noch ein großer Pluspunkt. Ein alltagstaugliches Auto braucht eine gute Teileversorgung, und genau die gibt es für den Volvo 740/760. Und sogar so günstig, dass niemand Angst vor der nächsten Wartung hat. Beim Saab- und Volvo-Spezialisten Skandix (www.skandix.de) sind so gut wie alle wesentlichen Teile zu bekommen. Bei Volvo selbst gibt es auch noch manches, allerdings deutlich teurer. Einige wenige Teile sollte man trotzdem beim Hersteller kaufen, zum Beispiel das Heizventil, aber das sind Ausnahmen. Preisbeispiele: Bremsschlauch vorn ca. 14 Euro, Auspuffanlage ab Kat ca. 185 Euro, Ventildeckeldichtung ca. zehn Euro.

Marktlage

Eng. Zu jedem Zeitpunkt gibt es mehr Interessenten als angebotene Autos. Man sollte also frühzeitig die Suche beginnen und ein bisschen Geduld investieren. Dafür ist der finanzielle Aufwand gering: Schon für etwa 4000 Euro gibt es ordentliche Autos – billigere Angebote fressen die Ersparnis meist mit ihrem Wartungsstau auf.

Empfehlung

Hier geht’s um Zuverlässigkeit und viele, viele Kilometer – deshalb 740 ab Baujahr 1988 und als Motor B230F. Die Wahl des späten Jahrgangs sorgt dafür, dass das Auto nicht rostet, der 2,3-Liter für die Kilometer – eine halbe Million ohne Revision sind normal. Eine Automatik passt gut zum großen, gelassenen Kombi. Ansonsten: Immer gut warten, dann währt die Freude ewig.

Autor: Till Schauen

Fotos: A. Perkovic

Diesen Beitrag empfehlen

Kommentare

Datenschutz

Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

comments powered by Disqus
Anzeige

Automarkt

Finden Sie im Automarkt von autobild.de Ihren Gebrauchtwagen.

Bei autohaus24.de Neuwagen günstig kaufen und Geld sparen.