Volvo C70 Cabriolet

Volvo C70 Cabriolet

— 15.07.2014

Cabrio für Querdenker

Stil besaßen Volvo-Automobile ja schon immer, der lange verpönte Lifestyle jedoch hielt erst in den 90er-Jahren Einzug – als Volvo sich mit dem C70 Cabriolet ganz neuen Kunden öffnete.

Seien wir ehrlich: Denken wir an Volvo, erscheint uns noch immer die ganz harte Kante vor dem geistigen Auge. Ja, zugegeben: Volvo sind aktuell so geformt wie die rundgespülten Felsen der Schären, doch die ewige Blaupause des Göteborger Unternehmens sind noch immer die Baureihen, die über Jahrzehnte wie der Fels in der Brandung wirkten. Volvo 240 und 740/940 machten den Stil und die Aura eines Herstellers aus, der sich lange Zeit über dieses Anderssein definierte – und es sich leisten konnte.

So modern, so traditionell: Volvo war seiner Zeit oft voraus – aber musste das beim C70 Cabrio auch optisch gelten? So schön, so chic? Och: ja!

Das wurde irgendwann anders. Als plötzlich die Konkurrenz den Nimbus von "Sicherheit aus Schwedenstahl" aufweichte, indem sie gewaltig nachzog und Sicherheitsfahrgastzelle, Seitenaufprallschutz, Gurtstraffer und vieles mehr zu Selbstverständlichkeiten wurden. Als das alte Friedrich-Schiller-Zitat "Nur im Wegwerfen des Zufälligen und im reinen Ausdruck des Notwendigen liegt der große Stil" zwar immer noch Gültigkeit besaß, aber nicht mehr automatisch für ausreichende Absatzzahlen sorgte. Volvo musste also ganz klar: neu werden. Nicht ganz anders! Das trauten sie sich – mit mittelprächtigem Erfolg – erst 15 Jahre nach dem C70 Cabriolet. Für dieses schien wiederum der Ausspruch eines anderen großen Dichters zu gelten. Nämlich Goethes "Ich künstle so lange an meinem Stil herum, bis er natürlich wird". Das klingt jetzt böse, verkaufte sich zwischen 1999 und 2006 als C70 Cabriolet aber ganz gut. Das hat das bilderbuchschöne Cabrio auch dem Volvo 850 zu verdanken, auf dessen Bodengruppe es basiert. Dessen Frontantrieb war ein Novum bei Volvo, was zum Aufheulen der Puristen führte, gleichzeitig jedoch (vorerst) die Rettung des Unternehmens sicherte.

Das Volvo C70 Cabriolet beinhaltet Kernelemente eines Volvos

Ha, wie sicher: vorn SIPS, hinten "ROPS –Roll Over Protection System". So nannte Volvo den automatisch ausfahrenden Überschlagschutz im C70.

Mit 850 und der 70er-Serie kamen ganz neue Kunden. Auch solche, die einen Volvo als Cabrio wollten. Peter Horbury hieß der Designer zwischen den Zeiten. Da konnte man sich winden, wie man wollte: Sein C70 war nun mal runder, gewölbter als das Althergebrachte. Apropos: Ausgerechnet Volvo musste sich Kritik wegen mangelnder Verwindungssteifigkeit der C70-Karrosserie gefallen lassen! "Er zittert schon, wenn schlechte Straßen nur in Sichtweite geraten", hieß es 1999 in einem der ersten Neuwagentests. Das tut dem Fahrvergnügen jedoch keinen wirklichen Abbruch. Dann jedenfalls nicht, wenn sich die Insassen darüber im Klaren sind, dass das Volvo C70 Cabriolet zum Cruisen und nicht für den Dynamik-Kreuzzug auf der Straße gemacht ist. So, wie die "echten" Volvo auch. Überhaupt ist das C70 Cabrio ein Grenzgänger zwischen den Volvo-Welten: Wabbelweiche (also gemütliche) Sitze fangen die Stöße der geruhsam polternden Vorderachse und der weichen Federung auf, die Lenkung gehorcht indirekt warum maulten damals die Traditionalisten, wo ein C70 Cabriolet im Prinzip genauso über die Straßen dümpelt wie ein starrachsiger 940 Kombi? Gut, der Hintern des C70 ist rund wie ein Überraschungsei, das Verdeck aber wieder Volvo-typisch solide und in 30 Sekunden elektrisch unter dem robusten Verdeckkasten verschwunden. Und: Die Sicherheitsfeatures der späten 90er heißen auf Elch-Latein SIPS, ROPS und WHIPS (Seitenaufprallschutz, Überschlagschutz und Schleudertrauma-Schutzsystem) und folgen damit eins zu eins der Tradition von Volvo.

Zuverlässig und stilvoll

Traditionell ohne großen Ehrgeiz agieren auch die Fünfzylinder-Benzinmotoren (163 PS mit Turbo). Lediglich der rare, 240 PS starke T5 bläst das C70 Cabriolet flotter durch den Wind, wobei ohne das ästhetisch indiskutable Windschott die Frisur garantiert zum Totalschaden wird. Also lassen wir es in einem C70 doch einfach so angehen wie in jedem anderen Volvo zuvor auch: gediegen und würdevoll, entspannt statt nervös gehetzt, stoisch und unerschütterlich zuversichtlich, dass wir am Ende des Tages unser Ziel werden erreicht haben. Zuverlässig, unbeschadet, und, ja: Volvo-typisch stilvoll. Und mögen wir noch so an Details herummäkeln (das Cockpit unentschieden zwischen rund und eckig, die Türen im Verhältnis zur Silhouette ein wenig zu kurz geraten, cremig-plüschige Türverkleidungen wie im 1978er Toyota Cressida): Jetzt, wo er allmähich ins Youngtimer-Alter cruist, zeigt sich, dass der C70 war, was es zu bewahren gilt. Der wieder einmal letzte echte, wahre Volvo. Fack juh, Schillah.

Technische Daten

Oh, wie sanft: Nur Fünfzylinder-Benziner gab es, die meisten sind kein Ausbund an Temperament. Neben dem Basis-Benziner 2.0 T mit 163 oder 226 PS (Bild) lieferte Volvo den 2.4 (170 PS), 2.4 T (200 PS) und T5 (240/245 PS).

Motor: Reihenfünfzylinder, Turbo, vorn längs • zwei oben liegende Nockenwellen, über Zahnriemen angetrieben, 4 Ventile pro Zylinder, elektr. Einspritzung • Hubraum 1984 cmÍ • Leistung 120 kW (163 PS) bei 5100/min • max. Drehmoment 230 Nm bei 1800/min Antrieb/Fahrwerk: Fünfgang-Schaltgetriebe (a. W. Vierstufenautomatik mit drei Fahrprogrammen) • Vorderradantrieb • Einzelradaufhängung, vorn an MacPherson-Federbeinen, hinten Mehrlenkerachse • Reifen 225/50 R 16 Maße: Radstand 2660 mm • L/B/H 4716/ 1817/1429 mm • Leergewicht 1580 kg Fahrleistungen/Verbrauch: 0–100 km/h in 10,3 s • Spitze 200 km/h • Verbrauch 11,5 l S pro 100 km • Neupreis: 68.650 Mark (2000)

Historie

1997 präsentiert Volvo das C70 Coupé als Nachfolger des wenig verkauften 780. 1999, ein Jahr nach dem Verkaufsstart in den USA, debütiert das C70 Cabriolet, welches deutlich erfolgreicher ist als das Coupé, dessen Produktion 2002 eingestellt wird. Die vom britischen Volvo-Designer Peter D. Horbury gezeichneten C70 setzen auf einen Mix aus traditionellem Volvo-Design und deutlich abgerundeten Elementen wie beim ersten V40. Trendsetter für eine völlig neue Zielgruppe ist die technische Basis der C70, der frontangetriebene Volvo 850. Zudem ist das Volvo C70 Cabriolet das erste offizielle Werksoder Serien-Cabriolet im Volvo-Programm seit dem legendären P 1900 Cabrio von 1956, von dem jedoch nur 56 Exemplare gefertigt wurden. Das C70 Cabriolet verfügt serienmäßig über ein in 30 Sekunden elektrisch voll versenkbares Stoffverdeck, das sehr solide ausgeführt ist und das offene C70 Cabrio zum echten Ganzjahreswagen macht. Als Motoren stehen ausschließlich Fünfzylinder Benziner zur Verfügung. 2006 wird die Fertigung des Volvo C70 Cabriolets der ersten Generation eingestellt.

Plus/Minus

Ei, wie nett: runder C70- Rücken. Geht heute wieder als echter Volvo durch.

Entwarnung an der Panikfront: Obwohl damals alle über weiche Karosserien lästerten, weisen Volvo C70 Cabriolets heute meist akkurate Spaltmaße auf. Reisen, nicht rasen, das trifft den Charakter des C70 – und damit willkommen in der Volvo-Welt, deren Werte auch ein Neoklassiker wie der C70 gut transportiert: Brummige Motoren, guter Durst, polternde Achsen vorn und hinten. Ankommen ist garantiert, achten sollte man jedoch auf Wasserverlust bei den Motoren, hervorgerufen durch undichte Schläuche und Schellen – es drohen Kopfdichtungsschäden. Wichtig ist auch die volle Funktionsfähigeit des elektrischen Verdecks: daher Hydraulik prüfen, Dach mehrmals ein- und ausklappen. Das Dach selbst ist hochsolide, die Windgeräusche sind unüberhörbar. Fazit: Toller Cruiser für vier Personen – gestern, heute, morgen.

Ersatzteile

Noch ist die erste C70-Generation nicht so alt, dass es Engpässe bei Ersatzteilen gäbe. Ausnahme: Die Dichtleisten zwischen Karosserie und Verdeck liefert Volvo offiziell nicht mehr. Ansonsten gilt für Blechteile, Interieur und für die Technik, die vom 850 stammt: Es gibt alles, wobei die Preise teilweise wehtun. So kostet ein neues Komplettdach 6600 Euro, die anfälligen Fensterheber schlagen mit jeweils 450 Euro zu Buche. Eine Bremsscheibe kostet, je nach Hersteller, zwischen 50 und 90 Euro, eine Lichtmaschine 349 Euro, ein Anlasser 250 Euro (jeweils zuzüglich Altteilepfand).

Marktlage

Gut und günstig, das ist das Volvo C70 Cabriolet – vor allem als normaler 2,0- oder 2,4-Liter-Turbo. Die bekommt man bereits ab 3500 Euro in akzeptablem Zustand. Allerdings ohne Feuer im Hintern. Das bietet der Volvo C70 T5 mit 240 oder 245 PS, der jedoch nicht nur vom Verbrauch, sondern auch vom Preis her den speziellen Liebhaber anspricht. Dennoch ist der T5 mit Preisen von ca. 6500 bis 9500 Euro im Verhältnis eher günstig, weil bereits ein Klassiker.

Adressen

Club: Volvo-Club Deutschland e. V. Literatur: Günther/Pfannmüller: Volvo-Typenkunde. Delius Klasing 2011, 144 S., 12,90 Euro.

Autor: Knut Simon

Fotos: H. Neu

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