VW Käfer 1302 LS Cabrio

VW Käfer 1302 LS Cabrio VW Käfer 1302 LS Cabrio VW Käfer 1302 LS Cabrio

VW 1302 LS Cabrio

— 27.05.2014

Kultiger Käfer für den Baggersee

So ein offener Käfer ist nicht das Cabrio für die großen Auto-Momente im Leben. Aber der richtige Typ für die kleinen Freuden zwischen Beachclub-Bude und Baggersee-Strand – und einer, der ganz automatisch Spaß macht.

Kann ein Automobil, noch dazu ein uraltes, am sommerlichen Badestrand genauso begeistern wie ein leckeres Eis am Stiel? Es kann! Wir haben es am Essener Baldeneysee ausprobiert. Hier lässt heute nicht nur das himmlische Wetter Badegäste und Speiseeis dahinschmelzen, sondern auch das VW 1302 Cabriolet: Frischluftgekühlte Fahrtwindschlaufen im Haupthaar sind doppelt cool, wenn ein Käfer sie einem verschafft.

Das ästhetische Patentrezept des offenen Käfers ist 1971 recht simpel: Außenfarbe Leuchtorange plus dezentes Chrom plus L-Paket.

©U. Sonntag

Anfang der siebziger Jahre ist der offene Wolfsburger in den Augen der Gelehrten nicht mehr als ein technisches Fossil, ein teures noch dazu. Doch er ist eines der wenigen Autos, die es überhaupt noch in einer offenen Variante zu kaufen gibt – und die macht an den Provinz-Promenaden zwischen Flensburg und Konstanz noch immer eine bessere Figur als ein Porsche Targa. Das 1302 Cabrio sei "ein Auto für Leute mit jungem Herzen. Die romantische Version technischer Zuverlässigkeit", schreibt 1971 Hans-Rüdiger Etzold im VW-Magazin "Gute Fahrt". Und dichtet weiter: "Ein Ruck, ein Zuck. Schon legt sich das Verdeck artig und leicht in Falten. Fahrer und Auto lüften aus, der Mief aus der langen Winterzeit entweicht, es geht frischwärts. Selten, daß man einen Cabrio-Fahrer mit einem muffigen Gesicht antrifft." Dabei sind es auch im offenen 1302 die kleinen Dinge, die so große Freude machen. Etwa die grelle Lackierung in Leuchtorange, der sich in Bademoden gekleidet nur nähern sollte, wer mindestens Lichtschutzfaktor 30 trägt. Das Karmann-Schlüsselmäppchen, das wie die Cabrio-Innenleuchte geformt ist. Die Abarth-Sportauspuffanlage, die klingt, als gurgle der Boxer gerade mit Erdnussbutter und Marmelade: süß murmelnd, aber mit dem salzigen Timbre von 50 PS aus 1,6 Liter Hubraum.
Der Dornröschen-Käfer: VW Käfer 1200 L

40 Kilo schwerer als die Limousine

Wer sich in Badebekleidung der grellen Lackierung in Leuchtorange nähert, sollte mindestens Lichtschutzfaktor 30 tragen.

©U. Sonntag

Die kann das Karmann-Cabrio gut gebrauchen: Durch Karosserieversteifungen und Verdeck ist es fast 40 Kilo schwerer als die Limousine, weshalb VW es nur mit dem S-Motor anbietet. Auch verfügt es über das L-Paket an Ausstattungs-Extras: schwarze Armaturenbrett-Polsterung, zweistufiges Heizungsgebläse, Rückfahrscheinwerfer. Die Erstbesitzer unseres Foto-Autos legten zum Listenpreis von 8190 Mark noch einige Scheine dazu, für Verbundglas-Frontscheibe, Gürtelreifen und einen konvexen Beifahrerspiegel. Und erhöhten noch mal um 495 Mark, um den stärksten aller Käfer-Motoren mittels einer Halbautomatik zu genießen. Und da ist es, das fußfaule Gefühl aus dem Prilblumenland: Rauf aufs Gas, und der Motor dreht schon mal drauflos, während der Rest der Fuhre hinterhereilt und im Ölbad des Drehmomentwandlers nach der passenden Geschwindigkeit sucht. Drei Fahrstufen stehen zur Auswahl: Ein kurz übersetzter "Lastgang" zum Anfahren am Berg, Stufe 1 (bis 80 km/h) und Stufe 2, die bis 130 km/h reicht. "Landschaft gibt es sowieso nicht mehr für alle, die schneller fahren", kommentiert VW lakonisch im Verkaufsprospekt. Damit der Gangwechsel flott flutscht, müssen alle Finger den Schaltknauf umfassen: In ihm ist ein Schalter verborgen, der die Kupplung betätigt. Wer erst mal die Stadt hinter sich gelassen hat, schaltet vom Ersten in den Zweiten, gibt mal ein bisschen Gas oder auch mal wieder keins, wenn er einfach laufen lässt: Zur turbinenhaften Boxer-Charakteristik passt das perfekt und macht jede Landstraße zu einem Hort stoischer Romantik.

Schweißtreibende Sitze

Weil der Lenkradkranz so glitschig ist, griffen VW-Lenker lieber in fleischige Kunstleder-Umhüllungen.

©U. Sonntag

Nicht zu vergessen, dass der 1302 im Vergleich zu seinen Vorgängern endlich vernünftig fährt: dank Schräglenker-Achse hinten und MacPherson-Federbeinachse vorn. Endlich Kurven fahren, ohne dass das eigene Heck plötzlich quer an einem vorbeipendelt! Der fleischige Kunstlederbezug für den Lenkradkranz wäre da eigentlich nicht mehr nötig: Der Super-Käfer fährt so neutral und nur leicht untersteuernd, dass er auch mit serienmäßig glitschigem Volant noch beherrschbar wäre. Aber VW-Kunden sind offen konservativ – auch wenn sie offen fahren. Steinhartes, schwarzes Plastik auf dem Armaturenbrett goutieren sie als sicherheitsrelevantes und blendfreies Ausstattungsmerkmal, schweißtreibende Sitze mit schwarzem Skai-Bezug als praktisch, da abwaschbar. Käfer-typisch sitzt es sich auf ihnen auch im 1302 wie auf Schemeln. Was sich bei geöffnetem Dach relativiert, mangels Raumgefühl. Genauso wie die Tatsache, dass der Karmann’sche Fensterschacht auch nach 22 Produktionsjahren noch für den linken Ellbogen zu hoch liegt. Am Baldeneysee geht die Sonne langsam unter. Des Käfers Orange leuchtet noch ein wenig nach, bevor im Tacho ein roter Lichtbalken 50 km/h markiert. Eine dazu passende Drehzahl suchen wir uns selbst – ganz ohne Eile.

Technische Daten

Das Cabrio gab es ab 1970 nur noch mit dem "S"-Motor: 1,6 Liter Hubraum und 50 PS machten den Käfer nicht durstiger – nur schneller.

©U. Sonntag

VW 1302 LS Cabrio Automatic Motor: Vierzylinder, Boxer, hinten längs • zentrale Nockenwelle, über Stirnräder angetrieben • zwei Ventile pro Zylinder, ein Fallstromvergaser (Solex 34) • Hubraum 1584 ccm • Leistung 37 kW (50 PS) bei 4000/ min • max. Drehmoment 47 Nm bei 2800/ min Antrieb/Fahrwerk: Dreistufen-Halbautomatik mit hydraul. Drehmomentwandler • Hinterradantrieb • vorn Einzelradaufhängung an MacPherson-Federbeinen, Stabilisator; hinten Doppelgelenkachse, Schräglenker, Federstäbe • Reifen 175/70 R 15 • Maße: Radstand 2420 mm • L/B/H 4080/1585/1500 mm • Leergewicht 935 kg • Fahrleistungen/Verbrauch: 0–100 km/h in 24 s • Spitze 127 km/h • Verbrauch 11,5 l Super pro 100 km • Neupreis: 8190 Mark (1971).

Historie

Ein halbautomatisches Getriebe gibt es im Käfer schon seit dem Modelljahr 1968; erst im VW 1500, dann auch im 1300. Revolutionär ist aber die Hinterachse der Automatik-VW: Sie besitzt zusätzliche Schräglenker und gewöhnt damit der antiquierten Pendelachse gefährliche Spur- und Sturzänderungen in forsch gefahrenen Kurven ab. Im April 1968 beerbt Kurt Lotz Heinrich Nordhoff als VW-Direktor; weil sich für den Käfer so schnell kein Nachfolger backen lässt, drückt er dessen Weiterentwicklung durch: Vor allem auf dem US-Markt wächst mit dem Volks-Wagen Ford Pinto und steigenden Japan-Importen die Konkurrenz. Auch die amerikanischen Sicherheitsbestimmungen setzen dem Käfer zu, und so erscheint 1970 der VW 1302 mit 44 und 50 PS im 1302 S. Zusätzlich zur nun serienmäßigen Schräglenkerachse hinten besitzt er einen komplett neuen Vorderwagen mit MacPherson-Federbeinen, der vor allem den Kofferraum wesentlich vergrößert. Im Februar 1972 ist es ein 1302, der den Produktions-Weltrekord des Ford Model T einstellt. Der Nachfolger 1303 steht da schon in den Startlöchern: Er kommt im August.

Plus/Minus

Lange haben die Fans den 1302 verschmäht. Als Cabrio etwas weniger, weil ein offener Käfer schon immer begehrter war als einer mit Blechdach.

©U. Sonntag

Lange haben ihn die Fans verschmäht, den 1302. Als Cabrio etwas weniger, weil ein offener Käfer schon immer begehrter war als einer mit Blechdach – und doch gilt der Nachfolger 1303 als bessere Wahl. Fragt sich: warum eigentlich? Sicher, die kurze Bauzeit des 02 verursacht, dass er heute ungleich schwerer zu finden ist. Aber seine vermeintliche Undefiniertheit als Übergangsmodell ist seine Stärke: Nur im 1302 Cabrio lässt sich das klassische Käfer-Gefühl erleben, ohne auf ein modernes Fahrwerk verzichten zu müssen. Dumm nur, dass Exemplare in unrestauriertem Schleck-Zustand wie unser Fotoauto so rar sind: Hängende Türen, mürbe Verdeckhäute mit aufgeweichten Heckfenster-Holzrahmen, verwohnte Innenausstattungen, nicht originale Teile und dreist lügende Verkäufer ("ungeschweißt!") machen die Suche nach einem guten Cabrio zum Geduldsspiel für Nervenstarke.

Ersatzteile

Spezifische Cabrio-Teile sind mitunter rar und teuer. Immerhin: Für den 1303 wird vieles nachgefertigt, das auch am 1302 verwendbar ist, zum Beispiel Dichtungen. Doch speziell Blechteile für den 1302 sind selten. Beispiel Kotflügel: Nicht nur ihre Passung ist mies – bei den hinteren Exemplaren stimmt meist die Bohrung für die "Bügeleisen"-Rückleuchten nicht, die sich der 1302 mit dem VW 1300 teilt; bei diesem waren sie jedoch um wenige Zentimeter abweichend positioniert, weshalb Restauratoren gut daran tun, sie vor dem Lackieren anzupassen.

Marktlage

Günstig ist ein Käfer Cabrio schon lange nicht mehr. Wegelagerer haben deshalb Hochkonjunktur am Käfer-Markt: Der größte Teil des Angebots lässt sich unter dem Oberbegriff "überteuerter Schrott" vorbeiwinken. Der Käfer ist mehr denn je Familienmitglied – und wer einen guten hat, wird sich kaum von ihm trennen.

Empfehlung

Wohl dem, der einen langen Atem hat: Käfer mit Stoffdach gibt es schon lange nicht mehr zum Schnäppchenpreis – da zeugt es von innerer Stärke, auch nach 20 erfolglosen Besichtigungen keinen schlechten Kompromiss einzugehen. Auch auf die Details kommt es an: So manche Bastelei fällt nur demjenigen auf, der weiß, wo er hinschauen muss. Also vorher so genau wie möglich ins Thema einarbeiten.

Autor: Frederik E. Scherer

Fotos: U. Sonntag

Stichworte:

Cabrio

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