Zwischen Herz und Verstand

VW 1302 S Automatic

— 06.12.2013

Der Käfer zwischen gestern und heute

Mit frischen Farben, großem Bug und modernisiertem Fahrwerk ging der VW 1970 in die nächste Runde. Neu war er deshalb nicht, aber die Konkurrenz musste sich trotzdem am Käfer messen lassen. Ist das heute auch noch so?

Es ist wie immer. Autos kommen und gehen, aber der Käfer bleibt. Kaum zu glauben, dass der bucklige Volkswagen mit der Selbstverständlichkeit eines Naturgesetzes ein Vierteljahrhundert lang an Vergleichstests teilnimmt. Und dabei regelmäßig unterliegt. Als wollte er es noch einmal allen zeigen, tritt der Käfer hier und heute in Signalfarbe als 1302 S Automatic in Bestform an, mit neuer Federbeinachse im Bug und Mehrlenkerachse im Heck.

Dank dem moderneren Fahrwerk rennt der Käfer 1302 S sicher um die Pylonen. Sport geht aber anders.

©R. Rätzke

So gibt es ihn ab 1970 bei uns zu kaufen, und rund zehn Prozent der Kunden leisten sich zum Aufpreis von 495 Mark die optionale Halbautomatik. Kuppeln muss der Fahrer nicht, nur oben den Schaltknüppel durch die drei Gänge ziehen und unten kräftig drauftreten – der zweite Gang reicht von null bis Tempo 100. Das macht Spaß, verbreitet einen Hauch Exotik im bekannten Umfeld und wirkt tatsächlich sogar ein wenig sportlich. So satt und zufrieden liegt der 1302 dabei auf der Straße wie kein anderer in unserem Vergleichstest, nur der Simca federt so gut wie er. Im VW-Heck blubbert dabei dumpf und bassig das Bigblock-Triebwerk der Boxer-Baureihe, 1584 Kubikzentimeter groß und 50 PS stark. Damit ist der freundlich lächelnde VW der Hubraumriese im Vergleich und gleichzeitig nominell der Schwächste. Flott fühlt er sich zwar an, aber in Wirklichkeit beschleunigen ihn die quirligen Fiat 128 und Datsun im Vergleichstest gnadenlos aus.

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Mit dem großen 1,6-Liter-Motor wird der 1302 zum "Superkäfer". 50 PS schieben den Buckel-Porsche ordentlich an.

©R. Rätzke

Während die anderen kernig trötend vorbeiziehen, schenkt sich der Käfer ruhig und gemächlich ein: zwölf Liter Testverbrauch! Darunter ging auch früher nix. Wer aber vom dünn gebauten Datsun oder dem nonchalanten Simca in den Volkswagen umsteigt, weiß dieses Völlegefühl zu schätzen: Er fühlt sich behütet und willkommen. Hier drinnen kann nichts passieren, der Käfer ist so dicht, dass bei geschlossenen Fenstern die Türen kaum zugehen. Von der Materialgüte wirkt er eine ganze Wagenklasse besser als der Rest. Kaum biegt der fahraktive, viertürige, modern konzipierte Fiat 128 um die Ecke, ist der Käfer leider ganz schön alt. Er ist nun mal nicht neu, sondern nur ein bisschen modernisiert. Im Innenraum sieht der 1302 von 1970 glatt zehn Jahre älter aus, und Fortschritt wird in Abschleppösen und manuell verstellbaren Lüftungsklappen bemessen. Kaum zu glauben, dass Volkswagen vier Jahre später tatsächlich den Seriensieger Golf rausbringen wird.
Fahrzeugdaten Käfer 1302 S
Motor Vierzylinder-Boxer
Ventile/Nockenwellen 8/1
Nockenwellenantrieb Zahnräder
Hubraum 1584 ccm
Bohrung x Hub 85,5 x 69,0 mm
kW (PS) bei U/min 37 (50)/4000
Nm bei U/min 106/2800
Höchstgeschwindigkeit 130 km/h
Getriebe Dreigang-Halbautomatik
Antrieb Hinterrad
Bremsen vorn/hinten Scheiben/Trommel
Testwagenbereifung 155 R15 T
Verbrauch (Werksangabe) 12,5 Liter
Tankinhalt/Kraftstoffsorte 41,5 l/Normal
zulässiges Gesamtgewicht 1270 kg
Vorbeifahrgeräusch 78 dB (A)
Abgas CO2 (nach Werksverbrauch) 296 g/km
Messwerte
Beschleunigung 0-50/-80 km/h 6,8/13,3 s
Beschleunigung 0-100 km/h 21,5 s
Zwischenspurt 50-80/60-100 km/h 7,4/13,6 s
Bremsweg aus 100 km/h 72,5 m
Leergewicht/Zuladung 870/400 kg
Wendekreis links/rechts 9,6/9,8 m
Innengeräusch bei 50/100 km/h 73/80 dB (A)
Testverbrauch - CO2 12,0 Liter - 284 g/km
Reichweite 350 km
Kosten
Steuern pro Jahr 191 Euro
Versicherung (HPF/100 %) 111 Euro
Werkstattintervalle 5000 km
Kosten Ölwechsel/Inspektion 140/280 Euro
Zeitwert (Zustand 2, Stand 11/2013) 8200 Euro
Autor:

Jan-Henrik Muche

Fazit

So ein VW 1302 macht einfach glücklich. Der vertrauenerweckende Boxerklang, die kuschelige Enge, das wertige Finish und die freundliche Optik erheben den Käfer zum Gesamtkunstwerk. Bei Fahrdynamik, Raumangebot und Variabilität hinkt er weit hinterher – heute wie damals.

Autoren: Jan-Henrik Muche, Frederik E. Scherer

Fotos: R. Rätzke, R. Rätzke

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