VW 1600 Variant

— 19.07.2013

Das Warten hat sich gelohnt

Seit dem Jahr 1967 erhält Norbert Fischer seinen VW 1600 Variant im Neuzustand. Das kostet Zeit und Geld – und lohne sich dennoch, sagt der Besitzer. Was ist Ihr Ziel, Herr Fischer?



Schlimm, wenn man alt wird. Aber schlimmer noch, man wird es nicht, sagt ein Sprichwort. Norbert Fischer, pensionierter Zollbeamter aus Hof an der Saale, kann über solche Weisheiten nur lachen. Oder besser: feinsinnig lächeln. Denn das ist eher sein Stil: still, aber beständig. Zielstrebig, unaufgeregt, aber geradeheraus. Unbeirrbar. Ein Kauz also, wie vielleicht manche Leute sagen, die beide kennen. Ihn, Jahrgang 1934, und seinen ewigen Neuwagen, den deltagrünen 1967er Volkswagen 1600 Variant mit dem weißen Dach. Neuwagen? 1967? Ja. Das war der VW damals, das ist er heute. Erster Keilriemen, erster Endschalldämpfer, erste Lichtmaschine. "Irre!", werden Sie jetzt sagen. Und Sie haben vollkommen recht. Obwohl bei Norbert Fischer nichts "verrückt" ist, um im bildhaften Wortsinn zu bleiben.

Käfer für Fortgeschrittene: VW 1600 L Typ 3

Ein neues Auto, 46 Jahre alt. Variant und Zeit blieben stehen. Auch die Dekorstreifen sind historisch.

© M. Meiners

Aber auch nicht normal im landläufigen Sinn. Das beginnt schon bei der Grundidee: Da kauft sich einer auf dem Gipfelpunkt der Wegwerfgesellschaft ein Auto, das er niemals wegwerfen will. Und er verfolgt diese Idee, die erst später modern werden wird, mit so viel Beharrlichkeit und Detailwissen, dass man sie beide erlebt haben muss, um die ganze Geschichte zu begreifen – den Herrn Fischer und seinen "Vaariant", wie er die Typbezeichnung ausspricht. Mit seinem VW Typ 3 hat Fischer die Zeit angehalten. 51.000 Kilometer und 46 Jahre lang. Hof an der Saale. Eine Wohnstraße, errichtet zu Beginn der 1960er-Jahre, in der sich Mehrparteien- und Einfamilienhäuser in monotonem Rhythmus abwechseln. 1963 kauft sich das junge Ehepaar Fischer hier eine Eigentumswohnung. Vor der Tür ein VW Käfer. Doch mit der Geburt des Sohnes beginnt die Geschichte von Norbert Fischer und dem Variant. Wir haben Herrn Fischer besucht und ihm die große Frage gestellt:

AUTO BILD KLASSIK: Was ist da passiert, Herr Fischer?
Norbert Fischer: Der Kinderwagen ging nur umständlich in den Käfer einzuladen. Es musste halt ein Kombi her. Und der Variant war etwas ganz Tolles für damalige Verhältnisse.

Nun, wir dachten eher an die Beweggründe, das Auto auch nach über vier Jahrzehnten nicht außer Dienst zu stellen.
Ich bin ein beständiger Typ. Ich hätte ja auch Ski fahren oder ins Hallenbad gehen können. Aber nein: Will ich etwas gescheit machen, muss ich mich beschränken.

Der VW 1600 Variant stellte sich in den Dienst wachsender Familien und Ansprüchen.

© M. Meiners

Sie zerlegen regelmäßig die Scheinwerfer, damit diese intakt bleiben. Wird der Variant über den Winter nicht bewegt, betätigen Sie alle sechs Wochen die Bremse des aufgebockten Wagens, um die Funktion zu erhalten. Im Innern deponieren Sie Silika-Gel in kleinen Säckchen, um die Feuchtigkeit im Innenraum zu sammeln. Die Säckchen trocknen Sie im Backofen und legen sie dann zurück. Die Leute könnten einen wie Sie, mit Verlaub, schon für bescheuert halten, oder?
Ist ja auch völliger Blödsinn, im Prinzip! Die Kosten für Unterbringung – die Garage habe ich eigens für den Variant errichtet –, Pflege, Wartung... Aber: Man darf nicht untätig bleiben! Ein Auto kann nicht allein altern. Und ein gar nicht benutztes Auto ist eine Crux... Vielleicht lebe ich auch zur falschen Zeit. Warum soll ich denn etwas Neues kaufen, wenn ich das Alte mit nur ein wenig Mühe und Verstand am Leben erhalten kann?

Das betreiben Sie eindrucksvoll.
Mag sein. Das kann man sich aber auch nur leisten, wenn man nicht davon leben muss.

Stimmt. Wären alle Autobesitzer so wie Sie, es existierte kein After-Sales-Markt, und die gesamte Kraftfahrzeug-Ersatzteilbranche läge am Boden darnieder ...
Ich bin eben ein Individualist. Ich gehe nicht mit der Mode. Sehen Sie, meine Kamera: Leica M3 von 1958. Funktioniert tadellos...

Im Cockpit finden sich zeitgenössische Zusatzinstrumente.

© M. Meiners

Ein bisschen bunter als ab Werk ist er ja schon geworden, der Variant ...
Sie meinen die Zierstreifen, das Dekor. Naja, das sind Jugendsünden. Kindliche Erwägungen in einem älteren Menschen. Das Auto muss ja mir gefallen, und es sollte kein nüchterner, sondern ein lebendiger VW sein. Ist ja aber wieder abziehbar, keine Sorge. Etwas Bleibendes hätte ich nie gemacht.

Wozu diese Akribie? Um etwas festzuhalten, die Zeit still stehen zu lassen?
Als mein Sohn Peter, der das gleiche Alter besitzt wie der Variant, mir das Pflegeversprechen für den VW gab, war der Erhalt vorgezeichnet. Aber kein modischer Oldie, sondern ein ganzheitlich intaktes Auto sollte entstehen. Ein Auto, das vor dem Restaurieren bewahrt wurde, wie mir wichtig ist festzustellen. Ein Auto ohne Gebrauchsspuren. So wurde der Variant im Winter kategorisch weggestellt, die strenge Fichtelgebirgswitterung mit ihrem Streusalzgehalt hätte den Wagen sonst dahingerafft.

Und wie lagern Sie ein?
Die in vier Jahrzehnten gesammelten Ersatzteile nach Baugruppen. Also "Motor", "Getriebe" et cetera. Aber alles etwas durcheinander. Ich bin halt gern schlampert. Das ist man als Österreicher von Geburt her.

Der Motor bekommt für die Winterruhe eine besondere Behandlung.

© M. Meiners

Wir meinten eigentlich das Auto.
Ah, das geht so: Volltanken und alkalisches Obenöl dazugeben, eine Verschlusskappe auf fünf Liter Benzin. Den beiden Vergasern des im Leerlauf drehenden Motors bei abgenommenem Luftfiltergehäuse mit je einer Einwegspritze zehn Kubikzentimeter Obenöl injizieren. Motor stirbt ab. Auto aufbocken. Alle paar Wochen den Motor durchdrehen lassen, bis er Öldruck aufbaut. Ohne Starten, natürlich! Vor dem Abdecken die Gummiteile mit Glyzerin einreiben. Fertig.

Mögen Sie den Variant? Viele halten ihn ja für ein grundsätzlich misslungenes Auto. Ein Objekt zum Liebhaben war er lange nicht. Ein Auto muss Charakter besitzen. Aber eben Charakter auch im Sinne von unglaublichen Macken und Fehlkonstruktionen. Das alles macht er ganz gut, der Variant. Mir gefällt das Unterflurmotor-Gebrabbel bei 500/min: Wumm-wummwumm, schön!

Sie fühlen sich in das Fühlen der Technik ein. Sind Sie der Altauto-Flüsterer?
Ach, alles ganz pragmatisch. Was empfindet der Motor? Wie geht es der Vorderachse? Wie kann ich die Fahreigenschaften überspielen?

Seit 1967 unzertrennlich: Norbert Fischer und sein VW Variant 1600.

© M. Meiners

Und Neuwagen waren keine Versuchung? Hat es da nie gezuckt?
Wir hatten immer eine Stadtmaus, erst einen Fiat 126, jetzt einen Renault Twingo. Aber ich verspürte nie Anlass, mich vom Variant zu trennen. Neue Autos gängeln Sie, und ich lass‘ mich nicht gern gängeln. Man muss den Mut haben, antizyklisch zu sein.

Wäre er nicht mehr da: Fehlte Ihnen der Variant?
Nein, eher nicht. Glaube ich...

Ehefrau Juliana Fischer zieht beim letzten Satz die Augenbrauen hoch. Der Variant hingegen schweigt. Für ihn hat sich nie etwas geändert. So wird es bleiben.

Oben in der Bildergalerie zeigen wir Ihnen Herrn Fischers VW Variant nochmal ausführlich!

Technische Daten

VW 1600 Variant Motor: Vierzylinder-Viertakt-Boxer, hinten längs, luftgekühlt • Hubraum 1584 ccm • Leistung 37 kW (54 PS) bei 4000/min • max. Drehmoment 110 Nm bei 2200/min • Antrieb: Hinterradantrieb • Viergang-Schaltgetriebe • Fahrleistungen: Spitze 135 km/h • 0–100 km/h in 20 s • Neupreis (1967): 7925 Mark.

Autor: Knut Simon

Fotos: M. Meiners


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