VW Golf Country

— 11.01.2013

Für Matsch und Schlamm

1990, lange vor der großen SUV-Welle, bot VW den Golf Country an. Der Verkauf lief schleppend, heute sind vor allem die Sondermodelle gesucht.



Erinnern wir uns an ein Auto, das als großer, vielleicht einer der größten Flops in die VW-Geschichte eingeht: Golf Country heißt es. Seine erste Auslandsreise tritt dieser Wagen ohne seinen neuen Besitzer an. Von Wolfsburg nach Graz, vom Volkswagen-Werk am Berliner Ring 2 zu Steyr an der Liebenauer Hauptstraße 317. Das sind 931 Kilometer, einfache Strecke. Grob gesagt funktioniert das so: In Wolfsburg rollt ein Golf CL syncro, viertürig, vom Band. Aus dem wird anschließend in Österreich der erste Gelände-Golf. Ein Auto, nach dem fast keiner gerufen hat. Aber das wissen sie bei VW noch nicht.

Der Golf II und seine Besitzer: Generation Golf II

Ein waschechter Geländewagen ist der Golf Country nicht: Weder Differentialsperren noch Reduktionsgetriebe gibt es.

Die von Steyr ziehen dem Gölfchen die Beine lang, bringen unter dem Aufbau einen Leiterrahmen aus Stahlrohren an, schrauben verstärkte Federn und Dämpfer ein, lassen den Wagen so um 18 Zentimeter nach oben wachsen, montieren Triebwerkunterschutz sowie Rammschutzbügel an Front und Heck. Vorn strahlen Haupt-, Zusatz- und Nebelscheinwerfer durch Steinschlagschutzgitter, hinten ist ein Reserverad an einem Bügel vor der Kofferraumklappe montiert, fertig ist der erste Golf für Matsch und Schlamm. Na ja, fast. Der Wagen hat zwar Allradantrieb, aber keine Differenzialsperren, und dazu noch die 195er-Straßenreifen, die zwar auf Asphalt schön leise abrollen, im Gelände aber ganz schnell voller Dreck stecken.

1990 war die Abkürzung SUV noch unbekannt, doch der Golf Country meisterte schon leichtes Gelände.

VW trommelt trotzdem eifrig, schwärmt im Prospekt vom "ganz besonderen Golf. Ein einzigartiges Spaß- und Freizeitauto mit zahlreichen Ideen, die jeden Individualisten begeistern werden". AUTO BILD sieht das in einem ersten Test gegen den Suzuki Vitara im April 1990 etwas anders: "Der Golf kommt jenseits des Asphalts viel schneller an seine Grenzen. Seine Bodenfreiheit ist zwar im Prinzip nicht schlecht, doch die Hinterräder sind einzeln aufgehängt. Ergebnis: Der Golf sitzt sehr schnell auf und kommt mit seinen Sommerreifen kaum selbstständig frei." Ist das gemein, alle auf den Golf. Er ist einfach zur falschen Zeit am falschen Ort. 1990, da hat die zweite Golf-Generation schon sieben Jahre auf dem Buckel. Sieben Jahre!

Im Innenraum geht es spartanisch zu wie in einem Golf CL, trotz Sportsitzen und Vierspeichenlenkrad.

Und dann das: Da stellt VW einen Golf in die Showrooms, der wirkt wie ein Storch im Salat, der zwar Vier-Speichen-Lenkrad, Sportsitze und Servolenkung hat, aber dessen Interieur ansonsten aussieht wie das eines x-beliebigen Golf CL. Und dann schreiben sie auch noch 32.275 D-Mark drauf. Ja, das wollen sie für den Golf Country kassieren, haben reiche Gummistiefel-Typen wie Förster, Bauingenieur und Hobbyangler im Visier. Und rudern ein paar Monate später zurück, als der Postbote doch nicht so viele Kaufverträge wie erhofft vorbeibringt. Zeit für den voll auf Funktionalität zugeschnittenen Golf Country "Allround" für 31.825 D-Mark. Der steht auf Stahlrädern, hat Kunstledersitze und ist nur in der Farbe "Waldgrün" bestellbar. Die Wende? Nein.

42.060 Mark – für einen Golf!

Ein letzter Versuch: Der Golf Country in Chromausstattung soll Anfang 1991 die Lifestyle-Kunden zum VAG-Partner locken. Lieferbar ist er nur in Schwarz und mit cremefarbener Lederausstattung, und – ganz speziell: Er hat ein riesiges Webasto-Faltdach, das ihn fast zum Allrad-Cabrio macht. Der Preis: unglaubliche 42.060 D-Mark. Für einen Golf. Heute, 22 Jahre später, werden all die sehr, sehr froh sein, die ein solches Chrom-Modell über die Zeit gerettet haben. Ganz zu schweigen von den 50 Modellen mit GTI-Motor, die ausschließlich an Werksangehörige verkauft wurden. In welchen Garagen die wohl stehen und immer sonntags gestreichelt werden?
 

Golf im Gelände: Mit rutschender Kupplung und glühenden Bremsscheiben packt der Country den Parcours.

Heute müssen wir den Golf Country einfach rehabilitieren. Exklusiv für AUTO BILD KLASSIK durchquert einer dieser Steppengölfe den Offroadpark Südheide. Die Kupplung stinkt in Ermangelung erwähnter Differenzialsperren, die Bremsscheiben glühen vor Hitze. Und doch: Das Gelände-Gölfchen wühlt sich durch. Erklimmt mit seinen 98 PS (aus dem Cabrio) Hügel, die man nur einem echten Offroader zumuten möchte, bremst sicher steile und morastige Abhänge hinab. Und dann, zu guter Letzt, fährt dieser Golf sogar durchs Wasser, die Oberkante steht Ganz schön umständlich: Erst den Bügel mit dem Ersatzrad schwenken, dann geht der Kofferraumdeckel auf. Sportsitze und Fünfspeichenrad sind original vier, fünf Zentimeter über dem Schweller. Vielleicht hätten ihn die gut betuchten Gummistiefel-Typen damals mal Probe fahren müssen. Vielleicht war die Zeit damals einfach nicht reif. 1990 fanden es die meisten Mamas weder schick noch geschickt, ihre Kinder mit dem SUV in die Schule zu fahren.

Historie

Allrad-Ahn: Der von 1978 bis 1983 angebotene VW Iltis (Typ 183) mit 1,7 Litern und 75 PS als Bundeswehr- und Rallyeauto.

Allrad-Ahn: Der von 1978 bis 1983 angebotene VW Iltis (Typ 183) mit 1,7 Litern und 75 PS als Bundeswehr- und Rallyeauto.

Volkswagen und Geländeautos – lange Zeit beschränkt sich die Produktion auf den militärischen Einsatz. In den 70ern bewegt der Typ 181 mit Käfer-Technik und Heckantrieb die Truppe, Anfang der 80er folgt der Allrad-Iltis. 1989 stellt VW auf dem Genfer Salon eine Studie mit dem Namen Montana vor, wenig später erregt der Wagen auch auf der Frankfurter IAA Aufsehen. Erste Kunden wollen den Montana beim Händler bestellen. VW entscheidet sich schließlich, den Wagen unter dem Namen Golf Country in Serie herzustellen. Die Produktion beginnt im April 1990. Basis ist der Golf CL mit vier Türen und Allradantrieb "syncro", den VW seit 1986 im Golf II anbietet. Die Mitarbeiter von Steyr im österreichischen Graz (heute Magna-Steyr) machen aus dem Golf den hochbeinigen Country. Im Oktober 1991, nach nur 18 Monaten und 7735 Fahrzeugen, ist Schluss. Ein Grund für den Flop des ersten VW-SUV ist der hohe Preis, der Golf Country kostet bei Einführung stolze 33.225 Mark. Erst 16 Jahre später, im Oktober 2007, kommt der Nachfolger: der VW Tiguan. Im Gegensatz zum Golf Country ein Verkaufsschlager.  

Technische Daten

Reihenvierzylinder, vorn quer • zwei Ventile pro Zylinder • elektronische Einspritzanlage (Digifant) • Hubraum 1781 ccm • Leistung 72 kW (98 PS) bei 5400/min • max. Drehmoment 143 Nm bei 3000/min • Fünfgangschaltgetriebe ohne Geländereduktion • permanenter Allradantrieb über Viscokupplung • Einzelradaufhängung vorne/hinten • vorne Scheiben-, hinten Trommelbremsen • Reifen 195/60 R 15 • L/B/H 4255/1705/1555 mm • Radstand 2480 mm • Leergewicht 1245 kg • Verbrauch EU-Mix 11,3 l Normal • CO2 220 g/km • Tankinhalt 55 l • 0–100 km/h 12,3 s • Spitze 155 km/h • Neupreis 1990: 33.225 Mark.

Plus/Minus

Den 1.8er mit 98 PS baute VW auch im Golf I Cabrio ein. Der Vierzylinder ist ein leistungsgeschwächter GTI.

Die Qualität des Golf II (1983–92) ist legendär. Selten wurde ein Auto schon im Werk mit so viel Hohlraumversiegelung ausgespritzt. Noch heute rinnt die schützende Masse aus dem Kofferraumdeckel jedes Golf II. Auch der Golf Country hat die Langzeitqualität der zweiten Golf-Generation, wenngleich er schon zu Lebzeiten ein ungeliebter Exot war. Crossover? Das gab es damals noch nicht. Heute sind höhergelegte Autos wie Crosspolo und Co beliebt – selbst ohne Allradantrieb. Der Golf Country war einer der Begründer des heutigen SUV-Booms. Auf schneebedeckten Straßen und morastigen Feldwegen hält er noch heute tapfer mit. Und er ist auch nach 23 Jahren voll alltagstauglich.

Ersatzteile

So ganz langsam verstehen sie es bei VW: Tradition gehört bewahrt. So ist die Ersatzteilversorgung für diesen Exoten gar nicht schlecht. VW Classic Parts hat die meisten Karosserieteile, die größtenteils identisch sind mit denen des Normalo-Golf-II. Die Fahrertür etwa kostet 390 Euro. Auch die rostanfälligen Längsträger sind lieferbar – für 700 Euro. Ein Fünfspeichenrad namens Estoril kostet stolze 330 Euro, der Hinterachsträger 500 Euro, ein Querlenker pro Stück 95 Euro. Sogar die hinteren Stoßdämpfer vom Zulieferer Bilstein sind wieder lieferbar, kosten 400 Euro. Ganz mau sieht es mit Stoffen für die Sitze und dem "Country"-Aufkleber aus: nicht mehr verfügbar!

Marktlage

Das Angebot an gebrauchten Golf Country ist äußerst bescheiden. Von den Gelände-Gölfen wurden 1990 und 91 ganze 7735 Exemplare verkauft, die meisten waren Standard-Modelle mit Stoffsitzen. Anfang 1991 kam die exklusive Chrom-Edition mit Ledersportsitzen. Bei einem Preis jenseits von 40.000 Mark fand das Auto nur 558 Käufer. Von der abgespeckten Variante "Allround", die es nur in der Farbe "Waldgrün" gab, wurden klägliche 160 Exemplare verkauft. Nur an VW-Mitarbeiter gingen 50 Country mit GTI-Motor, zudem sollen zwei Dutzend Golf Country in Italien zu Cabrios ("Passo") umgebaut worden sein. In den bekannten Internet-Börsen warten 30 Golf Country auf einen Käufer zu Preisen zwischen 1800 und 10.000 Euro – je nach Zustand. Die ganz billigen Angebote haben meist Laufleistungen von 200.000 km und drüber.

Empfehlung

Der Golf Country ist wegen seiner Seltenheit ein kommender Klassiker. Tipp: Nicht von hohen Laufleistungen abschrecken lassen, der 1.8er ist ein Dauerläufer. Auch 5000 Euro für einen guten Country aus erster Hand mit Scheckheft sind eine gute Investition. Billiger wird er nicht mehr.

Autor: Andreas May

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