Kleinwagen

VW Jubiläums-Käfer

— 18.06.2014

Käfer für Kenner

Bevor sie bei VW den Käfer zum alten Eisen warfen, schmissen sie ihn noch mal chic in Schale. Der "Jubi-Käfer" aus Mexiko war Liebhaberei ab Band – luxuriös wie nie zuvor.

Reden wir mal vom Luxus. Nicht von dem ohne Ende. Der wäre mitnichten zu schön, um wahr zu sein, sondern wegen seiner andauernden Wirkung schon bald fad und uninteressant. Nein, leisten wir uns mal den Luxus, den VW Käfer als eine Spielart des verschwenderischen Automobilbaus zu betrachten. Das geht? Aber hallo! Jedenfalls gelang es den Marketing-Strategen 1985 in Wolfsburg. Die saßen damals zwar nicht mehr in rauch- und cognacgeschwängerten Vorstandskabinetten, sondern eher im nüchternen Besprechungsraum, mit Kaffee aus Chromkannen und auf Stühlen mit braunem Wollbezug. Aber einen Rohbau auf vier Rädern mit etwas Tapete aufhübschen, das gelang ihnen mühelos.

Glänzender Auftritt zum glanzvollen Abtritt: Mit dem 1985er Jubiläums-Sondermodell in Zinngrau fährt VW den Käfer aus dem Programm.

©C. Bittmann

Vielleicht hatte sie ja auch die Chromkanne auf dem Holzfurnier-Bürotisch ein wenig dabei inspiriert. 1985 jedenfalls warf VW den Käfer offiziell zum alten Eisen – das aber mit Metallic-Lack. Der Bucklige war 50 Jahre alt, und älter sollte er im deutschen VW-Modellprogramm nicht werden. Obwohl er schon seit Jahren uralt ausgesehen hatte, vor allem seit dem Siegeszug des Golf. Aber es sind bekanntlich die kleinen Dinge, an die man sich erinnert. Und deshalb hat kein VW-Enthusiast den "Jubiläums-Käfer" vergessen, der zum Geburtstag des weltweit meistgebauten Allround-Autos gratulierte. Er war vom ersten Tag an ein Hätschel- und Wegstell-Kandidat. Nicht nur wegen des Preises von fast 12.000 Mark, auch deshalb, weil ein Käfer zwar nicht zeitlos, aber immer in ist. Und weil das Zinngrau oder die klassischen "Malteser"-Sportstahlfelgen so perfekt zur Grundform von 1935 passen.

Mit Vernunft hatte der Jubiläums-Käfer wenig zu tun

Luxus? Das ist, wenn man im Käfer genüsslich die schönsten Landstraßen erfährt.

©C. Bittmann

Neumodisch – 1985 aber gefühlt zeitgemäß und an jedem Polo-II-Sondermodell zu finden – waren die grüne Rundum-Colorverglasung sowie die Stoffbezüge in Grau mit roten Streifen. Und während das kassettenschachtlose Radio "Braunschweig" zum wahren Charakter des alten Autos passte, stand links daneben das Vier-Speichen-Sportlenkrad aus dem Golf II GTI – wie hereingebeamt aus dem Zeitalter von CD-Player und Spaceshuttle "Atlantis". Zählen wir das Ganze einmal zusammen, war der Jubiläums-Käfer – ziemlich chic. Und: Luxus im Anfangsstadium. Denn spätestens mit dem Jubi-Sondermodell hatten sie da draußen alle begriffen, dass der Käfer bald wirklich abtreten würde. Nach den 3150 Exemplaren des grauen Stars war es freien Importeuren überlassen, den Käfer aus Puebla als Neuwagen nach Deutschland krabbeln zu lassen. Mit Vernunft hatte die Anschaffung des letzten offiziell von VW angebotenen Käfers bei uns wenig zu tun. Schon irre: Man leistete sich das Wohlstandssymbol von einst jetzt erstmals nebenbei. Als Luxus, obwohl es doch nicht mal ein Cabriolet war. Als Typ zum stolzen Herzeigen, so wie am Anfang seiner Karriere. Wenn auch als eine unter vielen Möglichkeiten, sich Gutes zu tun. Das war der eigentliche Unterschied.

Entschleunigung ist der größte Luxus

Grau in grau war die Käfer-Welt lange genug, zum Abschied gab es rot-graue Streifen auf den Bezügen.

©C. Bittmann

Und heute? Ist es nicht Luxus, einen zinngrauen Käfer bei den ersten Sonnenstrahlen aus der Garage und ins Grüne zu fahren? Picknickdecke und Proviant passen noch heute unter die flache Vorderhaube, Wasserkästen noch immer nicht. Der größte Luxus ist eh die Entschleunigung, mit der uns der Jubi-Käfer direkt in die Vergangenheit fährt. Am besten anhand einer Straßenkarte – nein, nicht von 1985, sondern von, sagen wir mal, 1955. Wetten, dass es alle dort eingezeichneten kleinen Straßen noch gibt? Und dass sie sich im Luxus-Käfer ganz bequem erfahren lassen? Vielleicht hat der beginnende Abgesang auf den Käfer im Jahr 1985 nicht wenig mit der Entstehung dessen zu tun, was wir heute als "Youngtimer-Szene" bezeichnen. Auch wenn VW damals den Käfer einfach nur loswerden wollte. Gerade mal zehn Jahre nachdem VW-Chef Rudolf Leiding dem Käfer eine unsterbliche Aura bescheinigt hatte, mochte VW sich diesen Luxus nicht mehr leisten. Also kam der Jubiläums-Käfer: ein schönes Ende.

Technische Daten

Mit dem 1200er-Motor und 34 PS bleibt auch der Jubiläums-Käfer ein typischer Käfer.

©C. Bittmann

VW 1200 Jubiläums-Käfer Motor: Vierzylinder-Boxer, hinten längs• zentrale Nockenwelle, über Stirnräder angetrieben • 2 Ventile pro Zylinder, 1 Solex-30-Fallstrom-Einfachvergaser • Hubraum 1192 ccm • Leistung 25 kW (34 PS) bei 3800/min • max. Drehmoment 74 Nm bei 1700/min • Antrieb/Fahrwerk: Viergang-Schaltgetriebe • Hinterradantrieb • Kurbellenkerachse, zwei quer liegende Federstäbe vorn; Pendelachse, Längslenker, quer liegende (Rund-) Federstäbe hinten • Reifen 165 R 15 • Maße: Radstand 2400 mm • L/B/H 4090/1550/1500 mm • Leergewicht 780 kg • Fahrleistungen/Verbrauch: 0–100 km/h in 30 s • Spitze 120 km/h • Verbrauch 9 l Normalbenzin pro 100 km • Neupreis: 11 950 Mark (1985).

Historie

"Wir finden, der letzte Käfer hat eine spezielle Ausstattung verdient", schreibt der offizielle Volkswagen-Werbetext 1985 in einer großformatigen Werbeanzeige. 3150 Exemplare legt VW vom "Jubiläums-Käfer" auf, von denen allein 2400 Stück ausschließlich für den deutschen Markt bestimmt sind. Es ist eine Zäsur im Auto-Leben der Deutschen, die mit und in dem Käfer das Reisen lernten, denn nach offiziell 50 Jahren stellt Volkswagen den Werksimport der bereiften Welt-Kugel endgültig ein. Die Liste der aus dem Konzernregal heraus verbauten Extras ist dabei gar nicht lang, aber gut ausbalanciert: nur eine Sonderfarbe, "Malteser"-Stahl-Sportfelgen und grüne Wärmeschutzverglasung für den noblen Außencharakter, innen ein griffiges Vier-Speichen-Sportlenkrad, wenig aufregende, aber farblich passende Sitzbezüge und Türverkleidungen in einem freundlichen Steingrau. Das serienmäßige Radio hört auf den Namen Blaupunkt "Braunschweig", spielt aber je nach Senderwahl auch flottere Töne, als sein Name vermuten ließe. Ganz anders der 1200er-Motor: Mit 34 PS bleibt er ganz der Alte – wie der Käfer.

Plus/Minus

So wie er 1985 beim VAG-Händler stand, präsentiert sich dieser Jubiläums-Käfer im Jahr 2014. Gesamtfahrleistung: 1100 Kilometer.

©C. Bittmann

Großserientechnik lässt keinen Mangel an Ersatzteilen aufkommen (siehe unten), und die Liebe zum Käfer wird ewiglich andauern. Damit ist im Prinzip fast alles gesagt über den Jubiläums-Käfer, der jedoch als Sondermodell eine selten zeitlose Konfiguration erhielt und im grauen Metallic-Kleid unaufdringlich-edel rüberkommt. Im Alltag mag man diesen Käfer wohl so begrenzt gern bewegen wie zu den Zeiten, als er noch als Neuwagen im VAG-Schaufenster stand – Heizung und Lüftung dürften besser sein, wir kennen das. Zudem lassen seine Fahrleistungen Ausflüge mit dem Käfer ins aktuelle Verkehrsgeschehen zuweilen abenteuerlich erscheinen: Bei null auf 100 in 30 Sekunden können die Kinder wenigstens in Ruhe die Nieten an der Lärmschutzwand neben dem Beschleunigungsstreifen zählen.

Ersatzteile

Größtes Problem des "Jubi-Käfers" in Sachen Ersatzteilbeschaffung dürfte die Plakette zum 50-jährigen Produktionsjubiläum sein – sollte diese an erhaltungswürdigen Exemplaren verloren gegangen sein. Scherz beiseite: Alleinstellungsmerkmal des Jubi-Käfers sind seine speziell gestalteten Sitzbezüge, doch selbst diese finden sich bei entsprechenden Spezialisten, wenn es denn sein muss. Ansonsten ist der Jubi-Käfer ein Käfer: Teile en masse verfügbar, riesige, rührige Szene. Malteser-Felgen sind schnell gestrahlt und lackiert, Zinngrau metallic rührt jedes Fachgeschäft an. Vierspeichenlenkrad und Radio "Braunschweig"? Klar, Internet.

Marktlage

Einst gern von Spekulanten gekauft und dauerkonserviert, ist der Jubi-Käfer nicht in die erhofften Preisregionen abgehoben. Selbst neuwertige Exemplare liegen "nur" knapp um 20.000 Euro, für realistische 7500 Euro gibt es gut erhaltene Jubiläums-Käfer. Die Zahl der angebotenen Fahrzeuge ist jedoch sehr überschaubar.

Empfehlung

Wrack oder Wertanlage? Die Frage nach dem richtigen Lustobjekt auf Rädern fällt beim Jubi-Käfer etwas anders aus als üblich. Zwar reißt das graue Luxusmodell keine Höchstpreise, ist aber dennoch ein interessantes Objekt, bei dem sich unter Umständen auch der Aufbau eines angegriffenen Exemplars rentierten könnte – und sei es für den dauerhaft verlässlichen Eigengebrauch. Ansonsten gilt: Käfer geht immer.

Autor: Knut Simon

Fotos: C. Bittmann

Diesen Beitrag empfehlen

Kommentare

Datenschutz

Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

comments powered by Disqus
Anzeige

Automarkt

Finden Sie im Automarkt von autobild.de Ihren Gebrauchtwagen.

Bei autohaus24.de Neuwagen günstig kaufen und Geld sparen.