VW Käfer 1303 S — 01.05.2011
Der kesse Käfer
Als der Käfer fast ein modernes Auto geworden war, wollte ihn keiner mehr kaufen: tragisch, die Geschichte des VW 1303. Ein Renner war er nur als sportliches Sondermodell in Gelb-Schwarz.
| Heckmotor-Klassiker | ||
|---|---|---|
| BMW 700 LS | Fiat Abarth 595 SS | NSU TT |
| Porsche 356 Speedster | Renault Dauphine R 1093 | Simca Rallye 2 |
Der Gelbschwarze kommt fast ohne Chrom aus
Wo anfangs ein fingerdürres Lenkrad im Raum stand, protzt bei diesem 1303 ein kleines Sportvolant von Fleischwurst-Dicke. Statt Reifen im frühen Regenwurm-Format 5,60-15 presst er Pirelli Cinturatos von 175er-Breite auf den Asphalt. Auf dem Tacho steht 160, zu Beginn war schon Tempo 100 ein Kick aus Kitzel und Leichtsinn. Das Chrom, in dem sich Aufbau-Deutschland spiegelte, ist beim Gelb-Schwarzen fast ganz weg, so wie es nach 1945 schon mal war, bevor der Export-Käfer kam. Und das Frontblech des Sondermodells trägt die Schlitze der US-Version: Dort waren sie notwendig, weil dahinter der Kühler der Klimaanlage saß. Kaum ein Auto hat in seiner Karriere mehr erlebt, abgesehen vom nahen VW-Verwandten Porsche 911. Ein Rundgang um den gelb-schwarzen 1303 reicht, um zu verstehen: Er erzählt nicht aus seinem Baujahr, sondern aus fünf Jahrzehnten. Ansonsten ist er natürlich nichts anderes als einer von 916.000 gebauten VW 1303, also die höchstentwickelte Evolutionsstufe des Käfers.
Der Dornröschen-Käfer: VW Käfer 1200 L
"Professor Porsche würde ihn nicht wiedererkennen", texteten die Werber zu seiner Premiere im August 1972. Das war übertrieben, tatsächlich jedoch war nie zuvor eine VW-Modellpflege so radikal geraten. Gut, mit dem 1302 hatte sich VW 1970 den verlängerten Vorderwagen getraut, aber der passte gut zur vertrauten Linie des Klassikers – anders als die Panorama-Frontscheibe des 1303. Sie war 40 Prozent größer als die Glasfläche des VW 1302 und folgte einer Gesetzesvorlage aus Amerika: Die befahl einen größeren Mindestabstand zwischen Fahrer und vorderer Scheibe, um dann doch nicht rechtsgültig zu werden. Als das feststand, hatte VW schon die Presswerkzeuge bezahlt – und engagierte den Showmaster Rudi Carrell, um die Vorzüge des neuen alten Käfers in einem modernen Werbespot zu zeigen. "Der wirrd ein Riesenerrfolg, fürr so was habe ich eine Naase!", spricht Carrell und fährt mit tuckerndem Boxergeräusch aus dem Bild. Die Presse verständigte VW derweil mit großem Ernst, dass "das Innenraumvolumen von 2,38 auf 2,43 Kubikmeter" gewachsen sei.
Gesucht: der wahre Käfer
Zur krummen Scheibe gehört das neue Cockpit des Käfers: Es war erstmals kein blechernes Brett mehr, sondern eine Kunststoff-Landschaft mit runden Lüftungsdüsen, eckiger Quarzuhr und höhergelegtem Tacho unter einer kantigen Hutze. Alles schwarz, sachlich und abwaschbar, typisch für den Stil der 70er. Sogar Holzfolie gab es, wenn auch nur beim Sondermodell Big. Das Dekor sieht aus, als hätten es die VW-Designer ironisch gemeint. Doch dafür hatten sie wahrscheinlich zu viel Angst um ihren Job. Nach dem Rekordjahr 1971 waren die Käfer-Verkäufe abgestürzt, um sich nie mehr zu berappeln. Es war nicht der Gelb-Schwarze Renner, der VW rettete, sondern der porentief sachliche Golf. Weil Papa keinen hatte. Dass der 1303 der rundeste, stärkste und beste Käfer aller Zeiten war – das haben später erst Nostalgiker entdeckt, die nie einen Alfasud oder Autobianchi haben wollten.
Historie
Technische Daten
VW 1303 S ("Gelb-Schwarzer Renner"): Luftgekühlter Vierzylinder-Boxer, hinten längs • zentrale, stirnradgetriebene Nockenwelle • zwei Ventile pro Zylinder • Solex-Fallstromvergaser 34 PICT-3 • Hubraum 1584 ccm • Leistung 37 kW (50 PS) bei 4000/min • max. Drehmoment 106 Nm bei 2800/min • Viergang-Schaltgetriebe • Hinterradantrieb • Einzelradaufhängung, vorn an McPherson-Federbeinen, hinten Schräglenkerachse mit Querfederstäben • Reifen 175/70 HR 15 • Radstand 2420 mm • L/B/H 4110/1585/1500 mm • Leergewicht 900 kg • 0–100 km/h in 19 s • Spitze 142 km/h • Verbrauch um 11 l Normal/100 km • Neupreis 1973: 7650 Mark.Plus/Minus
Der 1303 ist der modernste und alltagstauglichste aller Käfer: Er wirkt weder unsicher noch lahm oder unkomfortabel, was er im Vergleich zu neuen Kleinwagen aber natürlich ist. Und sein Verbrauch – gern über zehn Liter in der 50-PS-Version – war schon vor fast 40 Jahren nicht mehr zeitgemäß. Auch muss so ein klassischer Käfer kein praktisches Auto mehr sein. Was bis heute begeistert, ist dagegen die gute Verarbeitung, die Verlässlichkeit seiner Technik und der Vorzug, dass ihn jeder Schrauber alter Schule reparieren kann. Manchmal muss er ihn allerdings auch schweißen, denn der Rost frisst fast überall am 1303. Auszug aus der Checkliste des Grauens: Lampentöpfe, Kotflügel-Schraubkanten, Türen, Falze entlang der A-Säulen, Schweller, Federbeindome, Ersatzradmulde, Rahmenkopf und Wagenheber-Aufnahmen. Kenner kaufen keinen Käfer, den sie nicht von unten gesehen haben – und wissen auch, dass leichter Ölverlust zum alten VW gehört wie eine Heizung, die im Winter nicht wirklich heizt. Wenn es innen aber penetrant nach Abgas stinkt, sind die Wärmetauscher hin.Ersatzteile
Kleine Teilepreise und guter Service machten den Käfer zum Welterfolg, davon profitiert er noch im Greisenalter. Die Qualität von Nachfertigungen ist zum Teil aber lausig, gerade bei Blech- und Gummiteilen. Richtig rar sind Spezialteile der 1303-Sondermodelle.Marktlage
Die Lage ist ernst, wenn es unbedingt ein Gelb-Schwarzer Renner sein muss: Nur etwa 100 Stück sind noch bekannt – und meist in festen Händen. Einfacher ist es, einen sehr guten Normal-1303 zu finden, wobei die Schätzchen nicht mehr für kleines Geld aus Omas Garage kommen: Ein 1303 S in gutem Zustand 2 ist kaum unter 6500 Euro zu haben, die Normalversion mit 44 PS notiert ein paar Hunderter darunter. Mindestens 1000 Euro Zuschlag verlangen VW-Kenner für die ebenfalls rar gewordenen Sondermodelle City und Big. Und ansonsten kann der 1303 auch eines der von 1972 bis 1980 gebauten Cabriolets sein – für den, der bis zu 25.000 Euro für ein Top-Auto ausgeben mag.Empfehlung
Nicht jeder Gelb-Schwarze Renner ist ein Original – wer einen anbietet, sollte die Echtheit seines Wagens beweisen und verbindlich zusichern können. Dabei hilft ein Zertifikat der Stiftung Automuseum Volkswagen (Preis 50 Euro). Und trotzdem Vorsicht – Fahrgestellnummern können das Auto gewechselt haben.Kommentar verfassen
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Kommentare zum Artikel (5)
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Ich habe von meiner Frau einen 1303 S Big Bj. 74 in Schwarz (vormals metallicgrün) zu meinem 50iger bekommen, ich bereue keine Sekunde. Es macht einfach Spass, einkaufen zu fahren. ps: den gebe ich nimmer her.
lg aus Wien
Mehr Käfer war damals nicht mehr möglich. Leider sind sie vom Straßenbild fast völlig verschwunden. Der Klang bleibt einmalig! Ich kann mich noch an die Werbung im Fernsehen mit dem legendären Showmaster Rudi Carell (lange Nase) für den 1303 erinnern.
Liebe Grüße aus Wien!
Heinrich, 46
Ich hatte mal einen schwarzen 1303 S der eine Blaumetallicke Vergangenheit hatte, vor gut 15 Jahren habe diese Fahrzeug wegen Hausbau verkauft,kann mir diesen Fehler bis Heute nicht verzeihen.
Gruß
Thomas
@ Eisenbär: Ich besaß einen "normalen" 1303 und war so blöde, ihn 05 zu verkaufen. Heute bitter bereut. MfG.
Ich hatte so einen mit einem Riechert-Maschinchen und offiziell 85 PS, wenn ich mich recht entsinne. Die Lackierung empfand ich aber zu auffällig - weshalb die BMW 2002 vorwarnen? - deshalb wurde er in ein harmloseres "Lindgrün" umgespritzt. Und da war ich nicht der einzige, der solcherlei tat! - Also mal ruhig weitersuchen, auch einige heute nicht gelb-schwarze haben eine gelb-schwarze Vergangenheit :)