Wartburg 311 — 30.06.2010
So schön kann Zweitakt sein
In der DDR liefen nicht nur mausgraue Trabant vom Fließband. Der formvollendete Wartburg 311ist bis heute ein Höhepunkt des DDR-Automobilbaus.
Alles über Wartburg
Zwar bauten sie erst mal noch abgewandelte BMW, den Sechszylinder EMW 340 zum Beispiel. Doch 1953 wurde der F9 aus Zwickau übernommen, weil dort zukünftig der Trabant entstehen sollte. Der F9 war 1940 noch von DKW entwickelt worden, ein Zweitakter und auch von seiner Größe her eigentlich unter der Würde der Eisenacher. Sie versuchten dann, das Beste daraus zu machen, erst mal unter der Hand. Und entwickelten auf der technischen Basis des F9 ein Auto mit zehn Zentimeter mehr Radstand und einer größeren, geräumigeren und moderneren Karosserie, den späteren Wartburg 311. Die Sache flog auf und kostete Betriebsdirektor Martin Zimmermann 5000 Mark Geldstrafe - trotzdem war der DDR-Ministerrat aber begeistert und entschied, das Auto zu bauen.
Vergleich: Wartburg 353 gegen VW Golf I
Das schönste Auto der DDR
Im Gegenteil, die 311-Limousine zu Preisen ab 14.700 Mark galt in den 50ern als Nobel-Auto, mit gutem Platzangebot, den bequemen Sesseln und der gediegenen Inneneinrichtung. Noch bemerkenswerter war die nie zuvor – und nie wieder – erreichte Varianten-Vielfalt auf Basis des Wartburg 311. Es gab Cabrio, Coupé, Kombi, Pick-up, die originelle Camping-Limousine und den hinreißenden Roadster 313/1 – das schönste Auto des Arbeiter- und Bauernstaats. Ab 1965 folgte dann der 312 und 1966 der 353 – aber das ist eine andere Geschichte. Als DDR-Produkt von Eleganz und Ambition bleibt der Wartburg 311 ein Sammlerstück von eigenem Reiz.
Technische Daten
Wartburg 311Dreizylinder-Zweitaktmotor, längs vor der Vorderachse • Hubraum 900 ccm • 27 kW (37 PS) bei 4000/min • max. Drehmoment 81 Nm bei 2200/min • Vierganggetriebe • Vorderradantrieb • L/B/H 4300/1570/1450 mm • Radstand 2450 mm • Spurweite vorn/hinten 1190/1260 mm • Leergewicht 960 kg • Reifen 5.90-15 • vorn Dreieckquerlenker, Querblattfedern, hinten starre Schwebeachse, Querblattfedern • Trommelbremsen • Tank 40 Liter • Spitze 115 km/h • 0-100 km/h in 30,0 s • 10,0 l Gemisch/100 km • Neupreis (1956) 14.700 Mark (DDR)
Historie
Der 311 feiert im Frühjahr 1956 Premiere als Limousine 311-0 und Limousine de Luxe 311-1. Im gleichen Jahr starten das 2+2-sitzige Cabriolet 311-2 und der Kombi 311-9. 1957 folgen das Reise-Coupé 311-3, die Camping-Limousine 311-5, der Pick-up 311-7 und der Roadster 313-1 (mit 50 PS). Ab 1962 Motor mit 992 ccm und 45 PS.Plus/Minus
Für den 311 sprechen sein Charme, sein klassisches Design und auch sein Exoten-Status. Besonders im Westen ist dieser Wartburg wenig bekannt. Es existiert aber auch dort, im Osten sowieso, eine rührige Szene mit vielen Clubs und Foren. Berühmt ist inzwischen das jährlich stattfindende große Wartburg-Treffen in Dornburg. Die im Ursprung aus der Vorkriegszeit stammende Technik ist zwar einfach, aber anfällig. Auch die Ersatzteillage wird langsam schwieriger. Und, viel schlimmer: Es gibt nur noch wenige gute Exemplare – DDR-typisch haben die Autos im Alltag sehr gelitten. Auch der 311 hat ganze Datschensiedlungen im Kofferraum und auf dem Dachträger herangekarrt.Ersatzteile
Es wird komplizierter. An Kleinteilen herrscht aber noch kein Mangel, die gibt es günstig. Schwieriger wird es mit Motorblöcken (circa 800 Euro), Ansaugkrümmer gibt es für etwa 40 Euro, eine Kurbelwelle für circa 400. Ein Satz Bremsbacken kostet 25 Euro, ein Hauptbremszylinder 175 Euro, Spurstangenköpfe 35 Euro. Nicht leicht ist es mit Karosserieteilen (gibt es praktisch nicht mehr) oder auch Original-Lampen. Hier hilft nur Geduld.Marktlage
Fahrbereite 311 Limousinen mit frischer HU-Plakette gibt es ab etwa 2000 Euro aufwärts, kerngesunde Exemplare mit H-Kennzeichen kosten bis 5000 Euro. 10.000 Euro und mehr fordern Wartburg-Kenner für sehr gut restaurierte Limousinen und Kombis. Coupés kosten mindestens 30 Prozent mehr, Roadster sind rar wie sonst nur Sportwagen-Exoten. Obwohl die meisten 311 hart rangenommen wurden, tauchen vereinzelt immer noch Garagenfunde im zart patinierten Originalzustand auf.Empfehlung
Ein Traum ist natürlich der Roadster, aber leider wurden von dem hinreißenden 313-1 nur 469 Stück gebaut – für maximal 5000 Euro gibt es nur Baracken. Also wenden wir uns doch wieder der Limousine zu und dabei der De-Luxe-Ausführung. Die sieht mit ihrer schwungvollen Zweifarben-Lackierung netter aus und ist besser ausgestattet als der Basis-Typ. Die Empfehlung gilt dem 311-1/1000 mit dem aufgebohrten Einliter (45 PS). Sehr charmant ist auch der 311-8/1000 mit dem großem Schiebedach.Kommentar verfassen
Hinweis: Die mit einem Sternchen* versehenden Felder sind Pflichtfelder
Anzeige




Kommentare zum Artikel (7)
Erstellt
Inhalt
Funktion
Ein Bekannter hatte einen 311 Kombi (mit Dachverglasung) er war für mich einfach
ein Traum, damals als kleiner Junge eben. Die Gestaltung der Autos jener Zeit ist
eine Wohltat für die Augen ! Beim Anblick des heutigen Design wird einem dagegen
schlecht!
@Wartburg Freund
Des Weiteren ist Ihnen vermutlich nicht bekannt, dass man den Wartburg 1000 bis 1966 auch in der BRD kaufen konnte. Die Preise im Jahr 1966:
Limousine Standard 4 Türen 4860.- DM
Limousine de Luxe 4 Türen.... 5150.- DM
Kombi 2 Türen........................ 6710.- DM
Danach wurde der Wartburg 353 von 1966 bis 1969 im Westen ab 5500.- DM vermarktet.... ;-))
@Wartburg Freund
Sie vergessen den DKW F102 der von 1964 bis März 1966 gebaut wurde.
Dieser begann 1965 durch den Einbau eines Viertaktmotors und einigen Retuschen an der Karosserie ein zweites Leben als Audi (72 PS). Der Werkscode F103 spricht Bände... ;-))
Nachfolger von diesem F103 wurde 1972 dann der Audi 80 der, da gemeinsam von Audi und VW entwickelt 1973 als Zwillingsbruder den VW Passat erhielt. Aus dem gleichen Baukasten abgeleitet wurden 1974 desweiteren die Zwillinge Golf/Scirocco vorgestellt...
Und weg waren diejenigen, die auf- aber nicht eingeholt werden sollten.
Und was die Technik des Wartburg 311 angeht, so tuckerten auf der Westseite Deutschlands ebenfalls noch 2-Takter durch die Lande. Beispiel: Autounion 1000 SP gebaut bis 1965 mit 55PS 2-Takt Herz. Sollte man nicht vergessen...
Nun es stimmt nicht, dass das große Faltdach, wie es auf dem Bild zu sehen ist, nur für die Luxus-Limousine vorbehalten war. Es konnte auch eine Standart-Limousine damit bestellt werden. Das Bild vom 353 ist dagegen richtig gewählt. Keine Ahnung, wie der sich als Wartburg-Kenner bezeichnende Leser hier auf den 1.3-er kommt. Bei dem Modell 1.3 gehen (als besonders auffälliges Merkmal) die recht großen Blinker nämlich vorn komplett um die Ecke und es sind graue globige Kunststoff-Stoßfänger verbaut. Von Chrom ist da keine Spur.