Warum ist der Cadillac Fleetwood cool?

— 17.04.2013

Weil er von allem zu viel hat

Ein Gigant von einem Automobil, mit gewaltigem V8: Der Cadillac Fleetwood Brougham aus dem Jahr 1966 präsentiert sich als Luxus-Lounge auf Rädern, die bis zu sechs Personen in aller Stille auf die Reise mitnimmt.



Ein Brougham (ausgesprochen: Brohm) war ursprünglich eine Kutsche, vierrädrig und, wie es sich für eine Kutsche gehört, von Pferden gezogen. Autohersteller adoptierten den Begriff später für gehobene Modellvarianten – einfach weil er in britischen und amerikanischen Ohren gut klingt. Schon ein normaler Cadillac Fleetwood verspricht Luxus, aber der Fleetwood Brougham setzt noch einen drauf. Wer 1966 auf dem Bestellformular für seine Cadillac-Limousine die Brougham-Option ankreuzt, bekommt dafür nicht nur ein dick gepolstertes Vinyldach, sondern auch einen Lorbeerkranz um das Cadillac-Wappen statt des schlichten V, das die nicht ganz so exklusiven Varianten ziert. Das Ganze für 6700 Dollar. Zum Vergleich: Ein Einfamilienhaus kostet im Amerika der 60er-Jahre im Schnitt 14.200 Dollar.

Der Fleetwood besitzt gegenüber dem preisgünstigeren Standard-Cadillac (DeVille) einen um 8,9 Zentimeter verlängerten Radstand.

© A. Lier

Aber ein Cadillac ist damit immer noch günstiger als ein Mercedes, dessen Verkaufszahlen im Land der teilweise eben doch begrenzten Möglichkeiten Mitte der 60er noch auf dem Niveau von Simca und Renault dahindümpeln. Cadillac ist das Nonplusultra. Wer es zu etwas gebracht hat, setzt seinem Wohlstand mit einem Cadillac die Krone auf. Die Konkurrenz – Lincoln von Ford und Imperial von Chrysler – hat gegen Cadillacs Nimbus nicht den Hauch einer Chance. Wer amerikanische Verschwendung liebt, ist an der richtigen Adresse. Brougham ist das Synonym für maximalen Luxus – auch wenn es selbst bei der Topversion nicht alles serienmäßig gibt. Sogar für Klimaanlage oder Radio bittet Cadillac extra zur Kasse. Aber für den typischen Kunden des Flaggschiffs gehört es zum guten Ton, seinen Neuwagen "all inclusive" zu bestellen. Elektrisch in Position summende Sitze sind für diese Kunden ebenso selbstverständlich wie eine automatische Klimaregelung, die unabhängig von der Außentemperatur stets die persönliche Wohlfühl-Temperatur einstellt. Reichlich Holzverzierung und hochwertige Polsterstoffe oder echtes Leder sollen zeigen, dass ein Cadillac mehr ist als ein aufgemöbelter Chevy. Als Gipfel der Dekadenz gelten Sitzheizung und ein eigener Zigarettenanzünder für jeden Passagier. Höchste Priorität hat es bei Cadillac, eine Wohnzimmer-Atmosphäre herzustellen, in der die Mitfahrer nur noch am Rande wahrnehmen, dass sie sich in Bewegung befinden.

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Senkrecht angeordnete Scheinwerfer sind in den 60er-Jahren der letzte Schrei im General-Motors-Design.

© A. Lier

Eine entscheidende Rolle spielt dabei der nahezu unhörbare Motorlauf. Weil der Verbrauch keine Rolle spielt (ein Liter Sprit kostet in den USA Mitte der 60er nur knapp acht Cent), gilt als probates Mittel dafür großer Hubraum. Im Brougham sind es sieben Liter. Die garantieren, dass sich der mächtige Gusseisen-Brocken unter der Haube niemals ernsthaft anstrengen muss. Hinzu kommt eine besonders aufwendige Geräuschdämmung. Beim Cruisen ist vom Antrieb nichts zu hören. Selbst bei voller Beschleunigung dringt nur ein leises Zischen an die Ohren. Da auch die Dreistufenautomatik ihre Fahrstufen sanft und kaum spürbar wechselt, lässt es sich trefflich reisen – vor allem natürlich auf der Rückbank. Der Fleetwood besitzt gegenüber dem preisgünstigeren Standard-Cadillac (DeVille) einen um 8,9 Zentimeter verlängerten Radstand. Aus heutiger Sicht sprengt er damit alle gewohnten Dimensionen. Seine im kantigen GM-Stil der 60er-Jahre gestaltete Karosserie ist 5,72 Meter lang und zwei Meter breit. Wer daheim nur eine deutsche Normgarage hat, sollte sich also lieber nach einem anderen Oldtimer umsehen.

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Bemerkenswert gut ist die Ergonomie: Alle Bedienungshebel befinden sich in unmittelbarer Nähe des Fahrers.

© A. Lier

Angesichts der gewaltigen Abmessungen fällt das Raumangebot im Fond nicht wie erwartet extrem üppig aus, aber man kann sich bequem ausstrecken. Auch der Fahrer hat – im Gegensatz zu anderen Chauffeurwagen – keinerlei Grund zur Klage. Er zirkelt den Riesendampfer mit einer extrem leichtgängigen Servolenkung um die Kurve. 1966 erhält sie erstmals eine variable Übersetzung. Von Anschlag zu Anschlag sind nur 2,4 Lenkradumdrehungen nötig, was das Rangieren beträchtlich erleichtert. Schwerfällig wirkt der Fleetwood trotz seiner Größe nicht, aber in Kurven stößt er aufgrund seiner extrem nachgiebigen Federung schnell an Grenzen. Und da sich Cadillac 1966 noch nicht zu Scheibenbremsen durchgerungen hat, ist auch die Verzögerung im Gegensatz zum Markenanspruch nicht gerade "standard of the world". Es gibt rundum nur Trommelbremsen, die zwar gut ansprechen, aber bei Beanspruchung drastisch an Wirkung verlieren. Immerhin gilt es gut 2,4 Tonnen zu verzögern. Auch dieser Wert zeigt, dass es sich beim Fleetwood um einen automobilen Exzess handelt. Aber gerade das macht den großen Cadillac so reizvoll, denn er bildet ein Paradebeispiel für die amerikanische Auto-Philosophie der damaligen Zeit: Viel ist gut. Mehr ist besser. Und zu viel gerade richtig.

Technische Daten

Der Siebenliter-V8 versteckt sich unter Luftfilter und zahlreichen Schläuchen. Seine Kraft schüttelt er sich mit der üblichen amerikanischen Lässigkeit von der Kurbelwelle.

© A. Lier

Cadillac Fleetwood Brougham Motor: V8, vorn längs • eine zentral liegende Nockenwelle, über Kette angetrieben, zwei Ventile pro Zylinder, ein Fallstrom- Vierfachvergaser Rochester • Hubraum 7030 ccm • Leistung 340 SAE-PS (254 kW) bei 4600/min • maximales Drehmoment (SAE) 650 Nm bei 3000/min • Antrieb/Fahrwerk: Dreistufenautomatik • Hinterradantrieb • Einzelradaufhängung, vorn an Querlenkern und Schraubenfedern, hinten Starrachse mit Längslenkern und Schraubenfedern • Reifen 9,00 H 15 (235/75 R 15 H) • Maße: Radstand 3380 mm • L/B/H 5720/2040/1445 mm • Leergewicht 2400 kg • Fahrleistungen/Verbrauch: 0–100 km/h in 12,0 s • Spitze 190 km/h • Verbrauch 18–24 Liter pro 100 km • Neupreis: 43.200 Mark (1966).

Historie

Der Name Fleetwood geht auf einen Karosseriebauer zurück, den General Motors 1925 dem Konzern einverleibt hatte. Als Zusatz zur Modellbezeichnung verwendet Cadillac ihn für besonders exklusive und teure Modelle, wobei der Schriftzug "Fleetwood" erst im Modelljahr 1947 auf dem Sixty Special auftaucht. Ab 1965 tragen Versionen des Eldorado, des Sixty Special sowie der Lang-Limousine Series 75 das Fleetwood-Script. Abgesehen von dieser neunsitzigen Ausführung gilt der Fleetwood 60 als die Toplimousine von Cadillac, er unterscheidet sich von den Standardmodellen namens DeVille durch längeren Radstand und bessere Ausstattung. Als Antrieb dient in allen Modellen ein von Cadillac selbst entwickelter V8, der im Hubraum von 7,0 über 7,7 bis auf 8,2 Liter anwächst, womit er den weltweit größten Automotor darstellt. Unter dem Eindruck der Ölkrise erfahren die Fleetwood-Modelle 1977 ein drastisches Downsizing, 1985 wird auf Vorderradantrieb umgestellt. Erst 1993 gibt es wieder einen heckgetriebenen Fleetwood. Er läuft bis 1996 und besitzt statt des Cadillac-eigenen Northstar-V8 mit Vierventiltechnik den 5,7-Liter-Stoßstangen-V8 von Chevrolet.

Plus/Minus

Wer 1966 auf dem Bestellformular für seine Cadillac-Limousine die Brougham-Option ankreuzt, bekommt dafür einen Lorbeerkranz um das Cadillac-Wappen statt des schlichten V.

© A. Lier

Cadillac der 60er-Jahre zeichnen sich durch eine gegenüber amerikanischen Standardlimousinen deutlich bessere Verarbeitungsqualität aus. Der separate Fahrgestellrahmen ist ein großzügig dimensioniertes, robustes Bauteil, ebenso wie die Karosserie mit ihrer üppigen Blechstärke und hochwertigen Chromteilen. Beim heute noch verfügbaren Bestand ist Rost deshalb meist kein Thema. Als außerordentlich langlebig gelten auch die Dreistufenautomatik und der Achtzylindermotor, der eine Cadillac-eigene Konstruktion ist. Aufmerksamkeit erfordern die Trommelbremsen, die nur bei tadellosem technischem Zustand und korrekter Einstellung anständig verzögern. Achten sollte man auf die Funktion der mechanisch gesteuerten Klimaanlage, deren Reparatur einen Spezialisten erfordert.

Ersatzteile

Für Cadillac-Besitzer ein erfreuliches Kapitel, obwohl Limousinen-spezifische Teile zuweilen schwieriger aufzutreiben sind als solche für Coupés und Cabrios. Spezialisten in den USA können aber fast alles besorgen. Zu ihnen gehören www.cadillacking.com, www.cadillacsonly.com und www.usapartssupply.com. Kein Problem stellen Teile für Motor, Kraftübertragung und Fahrwerk dar. www.kanter.com kann in vielen Fällen weiterhelfen, auch bei www.summitracing.com wird man fündig, speziell für Vergaser und Zündung. In Deutschland empfiehlt sich die Firma Andreas Winterwerber (www.cadillacservice.com).

Marktlage

Cadillac-Limousinen sind trotz hoher Produktionszahlen heute seltener als zweitürige Hardtops und Cabrios. Am häufigsten findet man den DeVille Sedan, der technisch zwar dem Fleetwood gleicht, aber etwas kürzer ist. Von den Fleetwood-Modellen stellt der besonders üppig ausgestattete Brougham das am weitesten verbreitete Modell dar.

Ersatzteile

Wer eine Cadillac-Limousine aus den 60er-Jahren kauft, muss eine grundsätzliche Entscheidung fällen: DeVille Hardtop oder Fleetwood? Der DeVille ist reizvoll wegen seiner ohne B-Säule konstruierten Karosserie, der Fleetwood wegen seiner Größe und des noch offensiver zur Schau getragenen Luxus – ein Cadillac für alle, die auch gern mal hinten sitzen.

Autor: Götz Leyrer

Fotos: A. Lier

Stichworte:

V8



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