Zeitreise im TS 250 Coupé

Zeitreise im TS 250 Coupé

— 13.02.2009

Im Goggomobil von München nach Kiel

Deutschland, der Länge nach: 920 Kilometer in einem Autochen aus den Fünfzigern, das aussieht, wie vom Kinderkarussell gefallen. Eine Zeitreise mit 13,6 PS, wenig Platz – aber viel Raum zum Nachdenken.

"Er wohnt in München, sie in Kiel. Lösung klar: Goggomobil." So bewarb in der Kundenzeitschrift Nummer neun von September 1957 die Dingolfinger Hans Glas GmbH den Kleinstwagen Goggomobil. Der Karikaturist Peter Großkreuz zeichnete seinerzeit verantwortlich für diesen Lösungsansatz zu mehr zwischenmenschlicher Nähe. Da er 1975 verstarb, ist es nicht mehr zu klären, ob er es als reinen Scherz angelegt hatte. Gut 50 Jahre später steigt AUTO BILD KLASSIK ein, die Wahrheit der Dichtung zu erfahren. "Ich hab' noch mal die Bremsen überholt, neue Schläuche eingebaut und den Radzylinder gangbar gemacht. Die Reifen sind neu, es müsste also klappen." Herbert Suchy (68) ist eine der treuen Seelen im Hintergrund der Mobilen Tradition von BMW in München an der Schleißheimer Straße. Kein Mann großer Worte. Sondern einer, der zupackt. Der sich vor allem mit Goggo auskennt, die er mobil gehalten hat an seiner eigenen Service-Tanke – weit übers Jahr 1967 hinaus, als die anderen Glas-Mobile trotz der Schubkraft des BMW-Propellers ihre Hauben bereits Richtung Schrottplatz streckten. "Der Zweitakter ist robust. Wenn was kaputtgeht, dann meist an der Peripherie", weiß Herbert. Und genauso sollte es kommen.

autobild.tv hat Autor Almstadt nicht aus den Augen gelassen

Doch erst einmal lautet die Frage: Wohin mit dem Gepäck? Auf vier Tage, also drei Übernachtungen, haben wir uns eingestellt. Wir, das sind Fahrer, Fotograf nebst Assistent und eben Herbert, der Goggo-Spezi mit mobiler Werkstatt im BMW X5. Irgendwie beruhigend. Nach mühsamer Sitzprobe (erst seitlich mit dem Hintern, dann die Beine reinfalten) und ernst gemeintem Vorschlag, die Drei-Meter-Kurzware von der Rücksitzbank aus zu steuern, lautet die Lösung: Alles bleibt, wie es ist, die Klamotten ab in den BMW. Wir können starten. Links der Choke, daneben die Heizung. Es gibt einen Wischer, den Blinker und die Hupe. Die Einweisung ist kürzer als die Zigarette, die es benötigt, um aufkommende Nervosität zu unterdrücken: Wie fährt sich so was überhaupt? Übersehen mich die anderen? Verdammt schlechtes Leistungsgewicht, müsste sowieso mal abnehmen. Bin ich ab sofort der Kopf jeder Kolonne? Und überhaupt: hält der?

Angst beflügelt: am Limit unterwegs

Weg da, Kleiner: Das Goggo Coupé als eine Art Kühlerfigur des fetten DAF-Trucks.

Die Antwort sieht Rot an der ersten Ampel: Es klötert und dröhnt im Blechgehäuse da hinten, als resigniere Klein Goggo vor so viel Arbeitseinsatz doch gleich lieber mit einem deftigen Lagerschaden. Und prompt stirbt das Motörchen im Leerlauf ab. Herbert, hilf! Doch den haben die Zweitakt-Wolken komplett verschluckt, und eine blinkende Wand aus Blech direkt hinterm Rücken macht unmissverständlich klar, was hier demnächst passiert, wenn es nicht bald weitergeht. Okay, Angst beflügelt, auch den Starter, ein deutliches Klack mit dem Hebel in die herrlich offene Schaltkulisse – und wir sind schnell am Limit unterwegs. Rechts – und merkwürdigerweise auch links – fliegen die Polo und Panda vorbei, keine Ahnung, warum die so rasen. Also schön festhalten das Lenkrad, es reagiert federleicht, aber auch mit der Zielgenauigkeit eines angeschossenen Jägers aus Kurpfalz. Dass sich das Steuerrad mit dem kleinen Finger bewegen lässt, ist kein Wunder, denn die Karre ist vorn ultraleicht. Schließlich stecken unter der Haube außer Reserverad und winzigem Hauptbremszylinder nur noch die Füße des Fahrers. Der rechte gibt Gas fast bis zur Stoßstange, und wir schießen uns ein bei Tachotempo 70. Herbert hat gesagt, da fühlt er sich am wohlsten. Es ist Montagnachmittag, die Sonne scheint, und der Kleine kriegt langsam Gesicht.

Hübsch ist der Tacho anzuschauen, ganz wie die Großen von VDO, er reicht tatsächlich bis 120. Links den Fuß aufs Radhaus, das entspannt, der Arm greift um den Beifahrerlehne und trommelt mit den Fingern gegen die rechte Türscheibe. Wie war das noch mit dem "Goggo-Lied"? "Fahr mit mir durch die Welt ...", weiter weiß ich nicht, vermutlich ein schlichter Stabreim auf "Held" oder so. Eine Weltreise im Goggo hat es tatsächlich gegeben. Die Tour eines Hamburger Pärchens 1957 durch 80 Länder bis nach Japan und Südamerika ist dokumentiert. Vermutlich hat der Fahrer am Steuer auch so geträllert oder zeitgeistig gereimt: "Irle Bier und Rama-Butter hilft dem Vater auf die Mutter." Ach, lassen wir das. Die Tour soll übrigens fast fünf Jahre gedauert haben ...

Ziel: die Kolben bei Laune, den Fahrer am Leben halten

Puuh! Acht Prozent rauf! Da fehlt dem Kleinen die Luft.

Seit Ansbach, unserem ersten Quartier in Mittelfranken, hat sich die Blaufahne des Zweitakters weitgehend verflüchtigt. Der Motor schnurrt zufrieden, wird deutlich freier. Die Quetschkommode entwickelt fast so was wie Reisequalitäten, zumindest solange die Straße topfeben ist. Bereits lächerliche Drei-Prozent-Steigungen sind spürbar, bevor sie sichtbar werden: Die Drehzahl sackt ab, das Goggerl fährt wie mit angezogener Handbremse. Doch die ist lose, und ein Berg ist nicht in Sicht. Nicht mal ein Hügel. Oder etwa doch? Dritter Gang, zweiter, jetzt geht es darum, die Kolben bei Laune und den Fahrer am Leben zu halten, denn unübersehbar drückt von hinten das Blech-Massiv eines eiligen Geländewagens mit dem Stern. Schnell wird klar: Das Problem ist die Übersetzung, der zweite Gang dreht zu hoch, der dritte passt noch nicht. Das Ergebnis: im Kriechgang mit 30 bis 40 km/h Nervenstärke zeigen. Vor uns liegen fast 700 Kilometer, dahinter drängeln drei bis 13 Laster mit wildem Lichtgehupe. Das kann ja heiter werden. Im Mittelgebirge des Grenzgebiets Bayern, Hessen und Thüringen wartet die größte Herausforderung im Leben eines Goggomobilisten: richtige Berge, 500, 600 Meter hoch – die Rhön. Natürlich mit Regen und Steigungen bis zu 13 Prozent! Ist Rausspringen während der Fahrt die natürliche Lösung? Selbstmördertüren, also hinten angeschlagene, hat unser Kleiner des späten Goggo-Jahrgangs 1967 allerdings nicht mehr, es gab sie nur bis 1964. Lieber zuckeln wir also weiter, einmal sogar mit Vollgas im Ersten bei Tacho 10! Bis endlich nach einem Kilometer Ewigkeit die Bundesstraße Erbarmen zeigt: Uff, es geht bergab. Immerhin: Die nächste Anhöhe ist keine Hürde, ganz nach dem Motto "Lieber tot, als den Schwung verlieren". Kurz zuvor hat die Tachonadel tatsächlich an der Acht von der 80 gekratzt.

Goggeln heißt: Entdecke die Langsamkeit!

Entdecke die Langsamkeit: Die anderen Verkehrsteilnehmer reagieren ziemlich sauer.

In solchen Roll(er)mobilen müssen sie entstanden sein, die Sprüche zum Thema zügige Fortbewegung. Und weil feige ist, wer bremst, toben wir mit Vollgas durch Unterfranken auf der mit Tempo 80 limitierten Bundesstraße. Am Ende der langen Geraden blitzt die örtliche Polizei, und das lässt hoffen, die Leistung des Flohs amtlich belegt zu bekommen. Aber, zu dumm, der Wachtmeister winkt nur grinsend durch, auf Nachfrage und Bitte um ein Ticket ist zu erfahren: "Keine Chance, wir messen erst ab 90 Kilometer pro Stunde." Schade. Doch was soll's: Entdecke die Langsamkeit. Und die Holzkreuze am Wegesrand der Bundesstraße 27. Auf ihnen steht: "Eile tötet!" Der Goggo spuckt sowieso, ihm scheint übel von all der Raserei, seine Leerlaufdüse ist verstopft. Herbert pustet sie durch. Alles gut. Weitertuckern, auch wenn die Schlange dahinter so langsam in Rage kommt. Die Schreckschraube im Clio zeigt mir beim Überholen tatsächlich den Vogel. Leider typisch auf dieser Tour: Im Stand erntet der Goggo ungezählte "Ach-wie-süß!", kaum in Fahrt, stinkt er allen. Und dann rutscht auch noch die Kupplung, was der Kleine die Kasseler Berge hinauf mit verschärft fieser Gemischaufbereitung im winzigen Bing-Vergaser quittiert. Zum Glück durchkreuzen wie die Schrecken aller Oldiefahrer staufrei im Tal und erreichen mit neuen Zündkerzen das Etappen-Ziel Nörten-Hardenberg. 577 km sind geschafft, 33 Liter verbraucht, macht 5,7 Liter auf 100 km und einen Schnitt von 48 km/h.

Schau an: Die norddeutsche Tiefebene ist voller Berge

Die Welt ist klein, mein Herz ist rein: Das Goggomobil gehört auf stau- und stressfreie Strecken.

Hans Glas hat im Übrigen auch extrem langsam mit Landmaschinen angefangen, bevor er nach 1945 Motorroller produzierte und Mitte der 50er ein Blechhäuschen draufsetzte gegen den Regen. So entstand, etwas vereinfacht, das Goggomobil; erst als Limo, dann als Coupé. Vorzugsweise mit 250 Kubik, denn das ermöglichte seinerzeit den Inhabern des Führerscheins der Klasse IV das Fahren ohne praktische Prüfung. 250 Kubik waren auch in den späten 50ern wenig. Aber genug, um am unteren Rand der Woge des Wirtschaftswunders mitzuschwimmen. Es war eben alles langsamer. Man unterschied in "End- und Dauergeschwindigkeit", die Autobahn war leer, die Welt klein, die Sehnsucht groß, für 100.000 Kilometer gab's die goldene Dugena-Uhr.

Am hoffentlich Lkw-freien Tag der Deutschen Einheit trauen wir uns in Hildesheim zum ersten Mal auf die Autobahn. Herbert hat die Kupplung noch mal bis zum Ende nachgelassen und den Vergaser sparsamer eingestellt. Das bedeutet, der Kleine bekommt mehr Luft. Und auf geht's in die norddeutsche Tiefebene. Doch davor liegt der Harz. Beherzt und mit viel Schwung berappelt sich der Zweizylinder aufs gesetzlich verfügte BAB-Mindesttempo von 60 km/h. Motorräder fliegen wie Feuerwerkskörper vorbei, viel gemeiner jedoch sind diese wahnsinnigen Wohnmobile, deren Windzug den Goggo bis zu einem halben Meter aus der Spur versetzt. Im Dauerstau vor Hamburg kriegt die Ölbad-Kupplung den Rest, mit letzter Kraft krabbelt der Kleine nach Kiel. Trotz Nieselregens und fehlender Braut: Wir sind alle stolz wie Bolle. Und endlich lacht auch Herbert, der seine Wette gewonnen hat. Zentrale Erkenntnis nach 920 Kilometern Goggo-Tort(o)ur: Früher war's nicht besser, aber schön. Die norddeutsche Tiefebene ist voller Berge, und beim nächsten Mal nehmen wir den bärenstarken Goggo TS 400 mit 20 PS! 

Technische Daten Goggomobil TS 250 Coupé (1957-1969)

Zweitakt-Zweizylinder im Heck, Gebläse-Luftkühlung • 247 cm³ • 10 kW (13,6 PS) bei 5400/min • max. Drehmoment 19,82 Nm bei 4400/min • Hinterradantrieb • Viergang • Querlenker vorn, Pendel-Schwingachse hinten • Trommelbremsen • Reifen 4.80-10 • L/B/H 3035/1370/1235 Millimeter • Leergewicht 480 Kilogramm • Wendekreis 9,4 Meter • Spitze 84 km/h • Verbrauch sechs Liter Gemisch 1:25 • Tank 25 Liter • Neupreis 1957: 3722 DM • Versicherungs-Wert heute: 17.000 Euro

Autor: Karl-August Almstadt

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