Der "schöne Klaus" und der Lamborghini Countach auf der Großen Freiheit 2009: Wenn Klaus Barkowski heute auf dem Hamburger Kiez auftaucht, wird er Zeuge seiner eigenen Vergangenheit. Mit 15 wurde Klaus Barkowski zum Zuhälter, mit 50 zum Künstler. Wegen seiner Vorliebe für schnelle Autos wurde er auch "Lambo-Klaus" genannt.
Das erste Auto vom "schönen Klaus" zu Beginn der 70er ist eine Corvette. Als er damit von einem Porsche 911 überholt wird, ist er tobend zum legendären Autohaus Becker nach Düsseldorf gefahren. Er will ein Auto, mit dem er nie wieder überholt wird. Ein paar Ecken weiter bei Edel-Importeur Hahne findet er es: einen Lamborghini Miura SV mit 385 PS.
Mit dem Miura dreht Klaus ganz weit oben mit, bis zu 15 Frauen laufen für ihn, und sie wollen etwas von seinem Sunnyboy-Glanz abbekommen. "Ich hab' die Nörgeleien der Mädels immer unter Pelzen, Schmuck und Porsches erstickt, die sahen bei mir aus wie ein Tannenbaum", sagt Barkowski.
Die Luden fahren in den 70ern alles, was groß, teuer und schnell ist. Je teurer der Wagen, desto begehrenswerter der Typ hinterm Lenkrad. Länger, dicker, breiter – Zuhälter leben von ihrem Renommee. Und vom Geld ihrer Frauen.
Als eines Tages ein schwarzer Lamborghini Countach LP400 auf der Meile steht, ist der "schöne Klaus" nicht mehr zu halten. Binnen einer halben Stunde hat er den Kaufpreis von 184.000 D-Mark zusammen und fährt mit dem 375 PS starken V12-Boliden vor.
Vollgas: Auf einem abgesperrten Autobahn-Teilstück gibt Barkowski alles, der Countach rennt 295 km/h, mehr geht nicht.
Barkowski erklärt die Grundvoraussetzungen, um auf dem Hamburger Kiez in den 70ern eine Karriere zu starten: "Du darfst nicht ganz doof sein, du darfst nicht ganz hässlich sein, und du darfst nicht ganz schwach sein." Gemeinsam mit weiteren Geschäftspartnern ist der "schöne Klaus" Mitglied der Zuhältervereinigung "Nutella".
Seit er dem Kiez den Rücken gekehrt hat, wendet sich der "schöne Klaus" verstärkt Leinwand und Pinsel zu. In zumeist abstrakten, manchmal auch gegenständlichen Werken verarbeitet er vergangene und aktuelle Erlebnisse. Von seinem Fuhrpark – zeitweise hatte er sechs Luxusautos gleichzeitig – besitzt er heute noch einen 89er 300 SL (R 129).
Zwei Originale: Klaus Barkowski mit seinem Bild "Reeperbahn III".
Neben den alteingesessenen Luden, die in St. Pauli nur einen Laden besitzen, werden die 70er Jahre von den "Nutella-Jungs" und der "GMBH" beherrscht. Der Name "GMBH" bildet sich aus den Vonamen der Chefs: Gerd, Mischa, Beatle, Harry. Die Mitglieder der GMBH streichen monatlich rund 300.000 D-Mark ein.
Poussieren: So nennt man es, wenn neue Mädchen in Klubs und Diskos angesprochen werden. Klaus war der Charmeur der "Nutella-Jungs", er beschaffte neue Frauen. Hier poussiert der "schöne Klaus" den Autor der Geschichte.
Lambo-Klaus erklärt: "Die Girls, die für dich an der Mauer stehen, müssen zuallererst mal auf dich persönlich abfahren. Das heißt, du musst gut gebaut sein, geile Klamotten tragen und zeigen, dass du Kohle hast und jemand bist auf dem Kiez."
In den 70ern ist auf dem Kiez immer Party – leichte Mädchen, schwere Schlitten. Während die Freier Sparkäfer fahren und Käsebrötchen knabbern, donnern die Luden mit ihrem Hofstaat die sündige Meile rauf, lassen den Schampus ("Puffbrause") und verbleites Superbenzin in Strömen fließen.
Die Reeperbahn strotzt in ihren besten Zeiten nur so vor Rolls-Royce Silver Shadow, Pontiac Firebird, Mercedes 600, Lamborghini Countach, BMW 635 CSI, Porsche 911 und Ferrari. Bei den Sportwagen gilt die Einsteiger-Hierarchie der "drei C": Capri, Camaro, Corvette.
Statussymbol mit Sinn und Zweck: Teure Sportwagen wie der Countach sind bei den Luden kein reiner Selbstzweck. Wandert man in den Bau oder braucht schnell Bargeld, gibt es garantierte Festbeträge für die Schlitten.
Lustkraftwagen sind der Luden liebstes Spielzeug. Wie kleine Jungs ihre Matchbox untereinander tauschen, so bleiben auch die Schlitten meist auf dem Kiez.
In den 80ern gerät der Kiez unter Breitreifen: Trikes mit Lederpolstern und Fuchschwanz-Antennen, offene Wrangler mit Motorbooten im Schlepptau wetteifern mit Oldsmobile und "veredelten" Mercedes vor den Treffpunkten der Luden.
Qualitätssiegel: Wo der Stier am Heck tobt, steckt viel Leistung und Fahrvergnügen unterm Blech. Und Prestige, ganz wichtig auf dem Hamburger Kiez.
Für AUTO BILD setzte sich Klaus Barkowski nochmal ans Steuer des – geliehenen – Countach und ließ den Zwölfender auf der Reeperbahn noch einmal richtig brüllen.
Nichts verlernt: Barkowski fühlt sich sofort wieder heimisch im Lambo. Sogar sein Hut passt problemlos unter das Dach.
Kleiner Stummel, offene Kulisse: Über ein manuelles Fünfgang-Getriebe setzt der Zwölfzylinder seine Kraft in Vortrieb um.
Das Lenken im Countach bedeutet noch richtig Arbeit. Bei niedrigem Tempo muss kräftig am Volant gezerrt werden, aber je höher die Tachonadel steigt, desto angenehmer wird die sehr direkte Lenkung.
Ungewöhnlich platziert: Klimaanlage auf der flachen Mittelkonsole.
Unten knapp, oben großzügig (wie die Mädels vom "schönen Klaus"): Während der Fußraum im Lambo sehr eng geschnitten ist, zeigt sich die Uhrensammlung im Countach extrem ausladend. Auf den ersten Blick ist hier herzlich wenig zu erkennen. Immerhin sind ...
... die größten Instrumente auch die wichtigsten: Tachometer und Tourenzähler.
Aus dem Fotoalbum der "Nutalla-Gang": der "schöne Klaus" in seinem 375 PS starken Lamborghini LP400.
Der eigene Stil ist alles: Als ein weiterer Lude im Countach vorfährt, lässt Klaus sofort einen Regenbogen auf seinen Lambo lackieren und ...
... sich einen ebenso gestalteten Lederanzug anfertigen. Auch auf seiner Visitenkarte ist der Countach abgebildet. "Lambo-Klaus" nennen sie ihn jetzt. Er ist wieder unverwechselbar.
Heißer Ofen, coole Pose: Klaus Barkowski mit Dienstfahrzeug auf dem Kiez der frühen 80er.
Die Nacht ist erwacht, der "Fachmann für die Abteilung Stress" der "Nutella-Gang" sattelt die Pferde des Mercedes 500 SEC AMG: Thomas Born alias "Karate-Tommy" macht heute in Security. Schon klar ...
"Karate-Tommy" ist wie Klaus Mitglied der "Nutella-Gang". Ein Mann wie ein Schrank, wie Klaus 56 Jahre alt, ehemaliger zweifacher Europameister in Karate und Kickboxen, Deutscher Judomeister. Der Junge aus bürgerlichem Blankeneser Haus betreibt Mitte der 70er eine Sport- und Karateschule, als die Jungs vom Kiez ihn engagieren – für die Abteilung "Stress".
Tommy wird das kraftstrotzende Aushängeschild von "Nutella" und hält durch mal sanfte, mal nicht so sanfte Gewalt Widersacher auf Anstand.
Anfang der 80er entkam "Karate-Tommy" nur knapp dem Tod: Als er 2000 D-Mark Schadenersatz für eine Hure mit blauem Auge forderte, kann er am Treffpunkt noch gerade "Guten Abend" sagen, dann hat er eine Kugel im Bauch. Mit einem Sprung durch eine Glastür entkommt er der Schusslinie, zwei Kumpel sterben.
"Karate-Tommy" wechselte seine Autos im schnellen Rhythmus. 3.6er Ruf-Porsche 911, Mercedes 500 SEC AMG, einen staatstragenden Mercedes 600 mit Chauffeur und die obligatorische Corvette. "War mir egal, was ich hatte. Hauptsache, schick und teuer. Musstest ja mithalten", erklärt Tommy.
Natürlich gab es auch in den 80er Jahren Razzien in den Klubs zwischen Hafenrand und Reeperbahn – aber die Szene bleibt weitgehend das, was die Beteiligten als "intakt" bezeichnen. Sei es, weil das Faustrecht lange funktioniert, oder weil einflussreiche Beamte selbst in der Szene verkehren – man schätzt sie als "Zehnprozenter".
Doch das Gleichgewicht auf dem Kiez gerät in den 80ern langsam aus den Fugen: Im Hafen liegen zeitsparende Containerschiffe, das Privatfernsehen zeigt Softpornos, Aids macht ängstlich. Freier bleiben aus. Mit Koks versucht der Kiez die Krise zu kontern.
Elf Leichen in drei Jahren – so die Bilanz der Machtkämpfe auf dem Kiez in den frühen 80ern. "Wenn du jemanden erledigen willst, kannst du ihm die Eier abschiessen – oder ihn auf Koks bringen", erklärt ein Insider auf dem Hamburger Kiez.
Als die harten Jungs mehr und mehr selbst dem weißen Puder verfallen, lassen sich die Lieferanten am Ende des Bargelds mit Anteilen an den Bordellen bezahlen, die sie letztlich ganz übernehmen. Den Rest erledigt die Steuerfahndung: "GMBH" und "Nutella" werden zerschlagen, ebenso die "Hells Angels", die bereits weite Teile des Kiez terrorisieren.
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