20.04.2012
Bilder: Test Kadett A – Ford Taunus 12M – Käfer
Sie waren Anfang der 1960er Jahre die Helden der Arbeit im Wirtschaftswunderland. Klein, preiswert und genügsam. Heute bitten wir sie zum Vergleichstest: VW Käfer, Opel Kadett A und Ford Taunus 12M.
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Vor 50 Jahren traten Opel Kadett A und Ford Taunus 12M an um den Käfer als beliebtestes Auto der Deutschen vom Thron zu stoßen. Es gelang ihnen trotz beachtlicher Erfolge nicht wirklich. Woran lag es? Lebte der VW 1200 nur von seinem Ruf oder war er der beste in diesem Trio? Unser Test soll's zeigen.
Drei Kompaktautos der frühen 60er Jahre – und völlig unterschiedliche Konzepte. Der VW, schon 1962 ein Veteran, tritt mit Boxermotor im Heck und Heckantrieb an, der wesentlich größere Ford setzt auf Frontantrieb und V4-Vierzylinder vorn, der Kadett konterte mit der Standardbauweise: Motor vorn, Antrieb hinten.
Der Taunus setzt auf Größe, der Käfer auf Solidität, der Kadett auf Nutzwert. Während VW 1962 bereits die Produktion des fünfmillionsten Käfers feierte, kamen Ford Taunus 12M und Opel Kadett A von 50 Jahren ganz frisch auf den Markt.
Mit dem Kadett A attackierte Opel ab 1962 den Haupt-Konkurrenten VW Käfer. Nicht nur der Kadett selbst war komplett neu konstruiert, auch das Produktionswerk in Bochum wurde in nur zwei Jahren auf einem ehemaligen Zechengelände neu errichtet.
"Opel Kadett – kurz gesagt: OK" – so warb Opel zur Markteinführung des Kadett A. 1962 kostete die nur zweitürig lieferbare Kadett-A-Limousine 5075 D-Mark und damit 95 D-Mark mehr als der Käfer. Die Ausstattung des Opel war jedoch umfangreicher.
Trotz seiner Größe von nur 3,92 Meter war der Kadett A groß genug für eine vierköpfige Familie. Sein geräumiger und gut nutzbarer Kofferraum machte ihn nicht nur alltagstauglich, sondern auch reisetauglich – bis ins sonnige Italien. Mit seinem 40-PS-Aggregat erreicht der 714-kg-schwere Kadett 120 km/h, immerhin fünf km/h mehr als der Käfer.
Schon die Kadett-Limousine bot einen Kofferraum, von dem Käfer-Fahrer nur träumen konnten. Bei weiterem Platzbedarf lieferte Opel für 5445 D-Mark den Kadett A Caravan 1000 mit umlegbarer Rücksitzbank. Auch Freunde des sportlichen Chics wurden bei Opel fündig: Für 5775 D-Mark gab es ab 1963 das Kadett A Coupé.
Der Erfolgs-Wagen: Der VW Käfer motorisierte die Westdeutschen, 1965 erreichte die Jahresproduktion des Volkswagenwerks in Wolfsburg eine Million Käfer. Kaum ein anderes Produkt steht symbolhaft so für die Wirtschaftswunderzeit wie der VW Käfer.
Er läuft und läuft und läuft: Die legendären Werbekampagnen für den VW Käfer trugen mit dazu bei, dass aus dem Käfer ein Mythos wurde. Sie hoben immer wieder die Qualität, Langlebigkeit und Wartungsfreundlichkeit des Käfers hervor.
Wirtschaftlich, aber nicht genügsam: Den simplen Vierzylinder-Boxer konnte jeder Dorfschmied warten, wegen der Modellkontinuität und der guten Qualität war der Käfer ein Auto mit sehr geringem Wertverlust. Der 1200er-Käfer ist mit einem Verbrauch von rund acht Litern jedoch kein Konsumverächter.
1945 begann in Wolfsburg die Serienproduktion des VW 1200, am 1. Juli 1974 endete die Fertigung in Wolfsburg nach 11.916.519 Käfern. Im VW-Werk Emden wird er noch weitergebaut – bis 1978. Der Käfer wurde aber noch bis 1985 offiziell von VW aus Mexiko nach Deutschland importiert.
Der Käfer wurde nicht nur in alle Herren Länder verkauft, sondern auch insgesamt in 20 Ländern produziert. Nach 21.529.464 Käfern war 2003 endgültig Schluss. Der vorletzte gebaute VW Käfer ist in Besitz von AUTO BILD, der letzte steht im VW-Museum in Wolfsburg.
Kölner Käfer-Konkurrent: Als der Käfer auch in den USA beachtliche Verkaufszahlen erreichte, begann Ford USA mit der Entwicklung eines Käfer-Gegners. Als der ursprünglich Ford Cardinal genannte Wagen Anfang der 60er Jahre fertig war, sah Ford in den USA keine Marktchance mehr. Ford Deutschland übernahm das Fahrzeug.
Ab September 1962 stand der nun Taunus 12M genannte Wagen bei deutschen Ford-Händlern. Das Basismodell war eine zweitürige Limousine mit 40 PS, 1963 erweiterte Ford das Modellprogramm um den dreitürigen Kombi Turnier, eine viertürige Limousine und ein Coupé.
Besonderheit des Taunus 12M: Mit einer Außenlänge von 4,25 Meter ist der Ford deutlich größer als seine Mitbewerber, zudem verfügt der 12M über Frontantrieb und einen unkonventionellen V4-Motor mit einem Zylinderwinkel von 60 Grad.
Bis Juli 1966 fertigt Ford den Taunus 12M in Köln, insgesamt 680.206 Mal. Der Kadett A wird von 1962 bis 1965 649.512 Mal gebaut. Ungeschlagen jedoch der Käfer: Allein im Jahr 1965 fertigt VW über eine Million Käfer, von 1962 bis 1967 verlassen fünf Millionen VW 1200 die Werkshallen in Wolfsburg.
Anfang der 1960er Jahre trugen selbst die Basismodelle noch üppigen Chromschmuck. Halogenscheinwerfer und Zwölf-Volt-Elektrik sucht man jedoch noch vergebens.
Peilkanten statt Heckflossen: Opel nannte die dezenten Heckflossen des A-Kadett Peilkanten. Sie verbessern jedoch tatsächlich die ohnehin schon sehr gute Übersichtlichkeit. Jede Ecke des Kadett ist vom Fahrersitz aus vorbildlich einzusehen.
Ausstellfenster statt Klimaanlage: Ausstellfenster hinten und ausstellbare Dreiecksfenster vorn bringen ausreichend Frischluft in den Kadett. Der wassergekühlte Motor verhilft dem Kadett – im Gegensatz zu dem luftgekühlten Aggregat des Käfers - zu einer wirksamen und gut regulierbaren Heizung.
33 Liter Benzin fasst der Tank des Kadett. Im Test überraschte der Kadett mit seinem niedrigen Verbrauch: Nur 6,3 Liter Normalbenzin verbrauchte der 714 kg leichte und 40 PS starke Kadett.
Eigentlich ist dieser Kadett ein Basismodell. Aber Uhr und Lenkrad stammen aus einem Kadett L. Der Innenraum des Kadett L wurde mit Ausstattungsdetails wie Aschenbecher, Zigarrenanzünder, Veloursteppich oder abschließbarem Handschuhfach gegenüber der Basisversion aufgewertet.
L wie Luxus: Nur der Kadett L hatte ein Lenkrad mit einem Chromhupring.
Der Breitbandtacho im Kadett ist ein Showstar: Beim Beschleunigen schiebt sich von links eine grüne Zunge in die Skala und zeigt das Tempo an. Ab 50 km/h wechselt die Farbe auf Gelb, ab 100 km/h wird die Tachoskala warnend Rot.
Der Schalthebel des Kadett ist ellenlang und spaghettidünn, kommt von ganz weit vorn aus dem Fußraum. So kann der Fahrer problemlos von links nach rechts durchrutschen. Der dürre Schalthebel hat sich als solide erwiesen und lässt sich erstaunlich präzise durch alle vier Gänge führen.
Die Sitzbezüge im Standard-Kadett sind sehr rutschig, in schnell gefahrenen Kurven tut der Kadett-Kapitän gut daran, sich am Steuerrad gut festzuhalten. Das Platzangebot des Kadett ist genauso gut wie im 30 cm längeren Ford und großzügiger als im 15 cm längeren Käfer.
Käfer-Kunde: An Details bestimmen Käfer-Kenner genau das Baujahr. 1960 ersetzte eine Blinkanlage den betagten Winker, bis 1974 waren die vorderen Blinker auf den Kotflügeln platziert. Die flach liegenden Scheinwerfer gab es bis 1967, danach standen die Scheinwerfer senkrecht.
Besonderheit am Testwagen: die üppigen Rammstoßstangen. Sie waren bei Käfern für den US-Markt serienmäßig, in Deutschland kosteten sie Aufpreis. Die kleinen Rückleuchten mit zwei Kammern gab es von 1960 bis 1967, danach wurden sie durch die "Bügeleisen" genannten Leuchten mit integriertem Rückfahrlicht (Sonderausstattung) ersetzt.
Für reichlich Frischluft im Käfer sorgen Ausstellfenster vorn und ein optionales Faltschiebedach. Ab Werk war ein Faltschiebedach nur bis 1962 lieferbar, danach konnten die Kunden ein Stahlschiebedach ordern.
Die gute Stube: herber Wolfsburger Charme mit einem Hauch Luxus
Export-Lenkrad mit verchromten Hupring und stilechte Blumenvase vermitteln bürgerliche Gemütlichkeit. Die Verarbeitung ist übrigens sehr gut: kein Klappern, kein Rütteln, keine unnötigen Karosseriewindungen.
Generationen von Autofahrern kamen auf Millionen von Kilometern mit einem einzigen Rundinstrument aus. Die Ergänzung um eine Kraftstoffstand-Anzeige 1961 stört schon fast den ursprünglich-puristischen Charakter des Käfers.
Gehören Sie auch zu denjenigen, die wohlbehütet auf der Rücksitzbank eines VW Käfers aufwuchsen? Dann ist Ihnen bestimmt noch der charakteristische Klang des Luft-Boxers im Ohr und die in den Wärmetauschern produzierte nach Motor duftende Heizluft in der Nase.
Sehr präzise rutschen die Gangwechsel im Käfer aus dem Handgelenk. Nur beim Einlegen des ersten Gangs muss man den Hebel durch einen Engpass drücken.
USA-Relikt: Die Heckleuchten des Taunus 12M deuteten noch auf den amerikanischen Ursprung hin. Die roten Ein-Kammer-Leuchten haben kein seperates Blinklicht.
Auch im Taunus 12M gibt es Ausstellfenster hinten. Dank wassergekühltem Frontmotor ist die Heizung im Taunus ähnlich wirksam wie im Kadett.
38 Liter fasst der Taunus-Tank, 7,5 Liter Super genehmigte sich der 40-PS-starke V4-Motor im Testbetrieb.
Der Taunus wirkt im Innenraum etwas karg, mehr Blech findet man in keinem der drei Oldies. Der Griff auf der Beifahrerseite und das große Lenkrad sind im 12M P4 angesichts der Seitenführung der durchgehenden Sitzbank auch notwendig. Ansonsten rutschen die Passagiere haltlos hin und her.
Breitbandtachos waren sehr beliebt in den 60ern. Die Anzeigen für den Kraftstoffstand und Kühlmitteltemperatur haben die Form der Ford-Pflaume. Es findet sich übrigens kein Hinweis auf den Hersteller, der Ford wurde offiziell nur als Taunus 12M vermarktet. Taunus war ein Markenname und ein Synonym für Ford.
US-Einfluss: Die Lenkradschaltung im Taunus hat zwar ellenlange Schaltwege, hier wird jedoch jeder Gangwechsel zum Schalt-Event. Rauf und runter – die Gänge liegen so schön weit auseinander. Auch wenn der Motor gerade keinen Gangwechsel braucht – einfach weil es Spaß macht.
Die rot-karierten Sitzbezüge erinnern an die Küchentuch-Kollektion eines schwedischen Möbelhauses und bringen sogar ein wenig Ferienhaus-Stimmung in den Taunus. Leider pieksen die Federn schnell durch die dünnen Polster.
Taunus und Kadett bieten vollwertige Kofferräume, der Käfer muss bei großen Gepäckmengen passen. Der Kadett bietet das beste Karosserie-Konzept: kompakter als Käfer und Taunus, innen genauso viel Platz wie der Ford, beste Übersichtlichkeit und Bedienbarkeit. Der Käfer ist nur in der Qualität überlegen.
Stärken aller drei Motoren: Sie sind langlebig, zuverlässig und einfach zu warten. Die Motoren machen selten Kummer.
Der bestens zugängliche Einliter-Vierzylinder im Kadett leistet 40 PS. Dank des niedrigen Leergewichts von nur 714 kg bietet der Kadett die beste Beschleunigung im Vergleich. Von 0 auf 100 km/h nimmt er dem Käfer über acht Sekunden ab.
So klang das Wirtschaftswunder: Der Klang eines VW-Boxers gehörte jahrzehntelang zur Geräuschkulisse im Straßenverkehr. Im Drehzahlkeller brabbelt der Boxer, je höher die Drehzahl, desto heller klingt er. Natürlich lauter als die anderen, aber nie störend.
Der robuste 1,2-Liter-Luftboxer leistet zwar nur 34 PS, bietet mit 82 Nm aber das beste Drehmoment. Die nutzen dem Käfer aber wenig: Der VW bietet die schlechtesten Fahrleistungen im Vergleich und verbraucht mit 7,7 Litern über 1,5 Liter mehr als der sparsame Kadett.
Der V4 des Ford zeigt raue Sitten, er klingt kehlig und hohl, wird aber auch bei steigender Drehzahl kaum lauter. Der Taunus bietet etwas bessere Fahrleistungen als der VW, mit 125 km/h ist er der schnellste im Vergleich.
Bei den Fahreigenschaften zeigen sich die Unterschiede der Antriebskonzepte am deutlichsten. Im Verkaufsprospekt verspricht Ford ein "absolut spursicheres" Fahrverhalten. Doch genau das bietet der Taunus 12M nicht.
Fahrdynamik war in den 60ern keine Ford-Stärke. Der 12M fühlt sich eher an wie ein Boot auf hoher See als ein Auto auf der Straße. Der Taunus hat einen miserablen Geradeauslauf, die Lenkung ist indirekt, jeder Steuerbefehl kommt verzögert auf der Straße an.
Der Taunus verlässt die Linie der Vernunft schon auf schnurgerader Straße, schlängelt über den Asphalt wie eine Blindschleiche durchs Gestrüpp. Nein, die Ford-Zeit war noch nicht reif für den Frontantrieb. 1970 stieg Ford beim Knudsen-Taunus wieder um auf Heckantrieb.
Elchtest mit einem 1962er Kadett? Kein Problem, er fährt ihn zwar langsam, meistert ihn jedoch mit stoischer Gelassenheit. Das Postkutschen-Fahrwerk mit Querblattfeder vorn und Blattfedern hinten lässt den Opel jedoch steifbeinig über Bodenwellen hoppeln.
Der Slalom-Meister: Der Käfer profitiert von seinem Heckmotor, der die Antriebsräder belastet. Das schwere Heck drückt den Wagen leichtfüßig ums Eck, zu spektakulären Heckschwenks fehlt es dem VW an Leistung. Der Käfer ist außerdem leicht und exakt zu lenken.
Taunus 12M, Kadett A und Käfer sind auch heute noch empfehlenswerte Einstiegsmodelle: in das Oldtimer-Hobby. Überschaubare und simple Technik bei moderaten Unterhaltungskosten bieten alle drei.
In der Summe seiner Eigenschaften ist der Opel Kadett das beste Auto in diesem Vergleich. Er bietet ein sehr gutes Raumangebot bei äußerst kompakten Außenmaßen, ist am übersichtlichsten und bietet die besten Fahrleistungen bei niedrigstem Verbrauch. Der Käfer punktet mit sehr guter Qualität und guten Fahreigenschaften.
Im Vergleich fällt der Ford etwas ab, was vor allem an seinem unausgewogenen Fahrverhalten liegt. Spaß machen alle drei – jeder auf seine eigene Art.
Kleine Helden der Arbeit, die drei beliebtesten Vertreter der 5000 DM-Klasse vor 50 Jarhen. Übrigens, ein Industriearbeiter verdiente 1962 durchschnittlich 855 D-Mark brutto im Monat, bei einer Wochenarbeitszeit von 45,5 Stunden.
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