Unglaublich, aber unter dem kleinen Schwarzen steckt ein Weltkriegs-Kübelwagen: Der spannendste VW der 50er-Jahre entstand aus Schrott, Sehnsucht und Familiensinn.
Grundlage des Eigenbaus waren Bodenplatte und Achsen eines VW-Kübelwagens Typ 82, der 1943 in Wolfsburg gebaut, im Weltkrieg an der Ostfront verheizt, als Schrott aufgesammelt wurde.
So ein Gefährt hatte der DDR-Karosseriebau – und der im Westen – noch nicht gesehen: ein 880 Kilo schwerer Zweitürer. Ein Coupé mit Kopffreiheit für fünf – das gab es 1958 nirgendwo in Serie.
Vierzylinder-Boxermotor, luftgekühlt, hinten längs • Hubraum 1192 ccm • Leistung 23 kW (30 PS) bei 3300/min • max. Drehmoment 76 Nm bei 2000/min • Heckantrieb • Viergang-Schaltgetriebe • Reifen 5.90-15 • L/B/H 70/1670/1350 mm • Leergewicht 880 kg • Spitze 100 km/h • 0–100 km/h circa 40 s • Tankinhalt 40 Liter • Erstzulassung 31. März 1958.
Die unglaubliche Rückscheibe im Cinemascope-Format besteht aus Plexiglas. Das Neumann-Coupé hat in mild patiniertem Originalzustand überlebt – und natürlich mit 4711-Kennzeichen.
Beim Design des kleinen Schwarzen entschloss sich Erhard Neumann zu dezenten Flossen nach Mode der Saison 1957/58.
Trotz des VW-Emblems auf der Haube kommt der Wagen aus keiner bekannten Produktionsstätte. Weder aus Wolfsburg noch aus Eisenach. Nicht aus Chemnitz und schon gar nicht aus Osnabrück. Er ist ein Eigenbau und Unikat. Der Erste und der Letzte.
Das große Faltdach, Format 100 x 80 cm, gibt den Blick auf den stolzen Besitzer von heute frei.
Seniorchef Wilhelm Neumann in den 60ern am Auto, das so heißt wie er – denn laut Fahrzeugbrief ist der Schwarze ein "Neumann, Spremberg". Das erste Nummernschild verrät, dass es auch in der DDR schon Wunschkennzeichen gab.
Da staunen die VW-Fahrer des Westens: Als das Neumann-Coupé im Herbst 1959 durch die Bundesrepublik tourt, bilden sich Menschentrauben um das Einzelstück.
Was nicht in Manufaktur zu machen war, wurde aus dem Fundus genommen: die Lenksäule des Kübelwagens, das Lenkrad, die Heckleuchten, die Blinker und Scheinwerfer vom damals nagelneuen
Wartburg 311. Der Tacho stammt vom VW
Karmann-Ghia.
Statt Sicherheitsgurt gibt es nur einen Haltegriff. Die tresordicken Türen, deren Scharniere an Kugelpfannen hängen, lassen sich mit einem Zug am winzigen Hebel spielend leicht auch von Kinderhand öffnen.
Ist er eine Limousine oder doch ein Coupé? Eines, das nicht nur zwei Passagiere aufnimmt, sondern Platz für eine ganze Familie hat? So was gibt’s doch gar nicht. Zumindest damals, in den 1950er-Jahren.
Der 30-PS-Motor stammt aus dem Käfer der Jahre 1954–1964 und sitzt natürlich im Fahrzeugheck. Auch Räder und Getriebe wurden vom VW genommen.
Die Spritkontrolle erfolgt mit einem Holzstab: Das erspart eine Benzinuhr.
Die Experten vom Kraftfahrzeug technischen Amt (KTA) in Cottbusund ihre Kollegen vom Amt für Erfindungs-und Patentwesen der DDR in Berlin stellten Neumann das Geschmacksmuster-Patent 2626 vom 8. August 1958 aus und ließen das "plastische Erzeugnis einer Karosserie von Pkw" vom Hof fahren.
Denkt man allerdings darüber nach, was VW mit dem Schwarzen hätte anfangen können, wird einem schwarz vor Augen: keine endlose Monokultur der
Käfer, keinen
VW Typ 3 und keinen
Karmann-Ghia Typ 34. Und in der DDR wäre er endlich ein Auto auf Weltniveau gewesen. Eines, das internationale Chancen gehabt hätte.
Was bleibt: Thomas und Erhard Neumann mit Coupé-Holzmodell.
Am Anfang sind es keine Autos, sondern Kutschen und Teichkähne, die der Stellmachermeister Wilhelm Neumann ab 1870 in Linderode baut. Ab etwa 1910 produziert das Unternehmen auch Autokarosserien und zieht 1930 nach Bad Muskau um, wo bis zu 40 Beschäftigte arbeiten.
Im Zweiten Weltkrieg baut die Firma Neumann eingezogene Luxusautos, oft Mercedes und Maybach aus Industriellen- und Promibesitz, zu Sanitätsfahrzeugen um.
"Spezialität: Bestattungswagen“ – hier ein wuchtiger Ford V8 um 1935.
1946 brennt der Betrieb ab, Gründerenkel Wilhelm Neumann zieht nach Bad Muskau. Schon vor dem schwarzen Coupé baut er zu Beginn der 50er-Jahre ein Luxus-Cabriolet auf VW-Kübelwagen-Basis.
Später machen die Blechkünstler der Familie Neumann mit Sonderkarosserien von sich reden: So entsteht 1966 das rote Trabant-Coupé-Einzelstück ...
... und 1982 ein Dacia-Pick-up mit abnehmbarem Kastenaufbau. Thomas Neumann (46) ist heute eine Kapazität der Klassikerszene: Er hat sich auf die Restaurierung und Rekonstruktion historischer VW-Schwimmwagen spezialisiert.
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