Vor vierzig Jahren hatte Al Wilson Mitleid mit diesem Wagen. Er bewahrte ihn vor der Schrottpresse – und rettete zugleich ein Stück Automobilgeschichte.
Diese Halle bei San Angelo, Texas, bot dem Bruhn-Horch zuletzt ein Dach über dem Kopf.
Nachdem Al Wilson ihn 1967 gekauft hatte, forschte er nach der Geschichte des Wagens. Doch niemand erinnerte sich.
Sogar eine Restaurierung startete der 78-Jährige, wie er Audi-Mitarbeiter Ralf Hornung berichtet. Beide ...
... handelten eine Rückkehr des Einzelstücks nach Ingolstadt aus. Die Reise hat inzwischen begonnen.
Zugegeben, es wird viel Arbeit ...
... kosten, den Horch wieder ...
... aufzubauen. Doch er ist völlig komplett – so, ...
... wie er 1967 mitten in Texas strandete.
Unter der texanischen Sonne litt die ...
... aufwendig gearbeitete Innenausstattung besonders. Während das Blech ...
... des Einzelstücks kaum Durchrostungen aufweist, blieb ...
... vom Velours der Sitze kaum Substanz übrig. Vermutlich ...
... haben auch mal Klapperschlangen hier ihre Heimat gefunden, meint Al Wilson.
Die Radkappen und das ...
... Emblem sind Accessoires aus dem Jahr 1939.
Das Heck beweist die Herkunft des Horch: Es ist die typische DKW-Linie.
Al Wilson ist verrückt nach Autos, seit er denken kann. Irgendwann in den 60er-Jahren hat er das Sammeln angefangen. Und nie aufgehört.
Al war in seinem Leben alles. Autoverkäufer, Manager einer Schuhfabrik, Inhaber einer Firma für Stahlverarbeitung. Er lebt in San Angelo, einer Stadt mitten in Texas.
Zufällig kommt hier niemand vorbei. Doch jetzt ist eine Delegation aus Ingolstadt gelandet.
Vor Al parkt neben dem Horch-Einzelstück von 1953 ein Hudson Terraplane aus den 30ern. "Das erste Auto, das ich restauriert habe", sagt er. Vor vierzig Jahren war das. Ein MG TF steht in seiner Blechhalle, ein Cadillac Lasalle, ein Jaguar E-Type, sogar ein ...
... Mercedes 300 Adenauer als viertüriges Cabrio. Drum herum verteilen sich ein paar Dutzend Autos, bewacht von Kakteen und Klapperschlangen.
Er will sie restaurieren, erklärt Al. Mit seinen 78 Jahren hat er mehr Pläne als ein Teenager. Und: Er besitzt den letzten Horch, der je gebaut wurde. Es ist eine verrückte Geschichte.
Sein Schwager war es, der ihn 1967 anrief. Da sei ein alter Wagen auf seinem Schrottplatz gelandet, der zu skurril sei, um ihn zu verschrotten.
Al zahlte 500 Dollar, und eigentlich war es kein Kauf. Al bot ihm Asyl, aus Neugier und ohne ...
... zu wissen, was das heißt: ein Horch, Baujahr 1939. Immerhin saß ein V8 unter der Haube.
Al spürte einen amerikanischen Horch-Sammler auf. Der konnte den Fund nicht zuordnen, und so schrieb Al Briefe. Er schickte sie zu Audi nach Ingolstadt, ans Deutsche Museum nach München, sogar in die DDR.
Der DDR-Bürger, der damals zurückgeschrieben hatte, war Dr. Peter Kirchberg, ein Auto-Union-Experte, der heute Audi in Sachen Historie berät. 1969 tippte Kirchberg in seine Schreibmaschine, dass er Al Wilson "zum Kauf des Horchwagens" gratuliere.
Zwei Adressen in der DDR folgten, auch Fotos legte er bei. Die Antworten ließ er sich übersetzen. Er hat sie alle aufgehoben. Jetzt, Anfang 2008, zieht er sie aus einer dicken Mappe. Ein Umschlag ist dabei, auf dem ein Stempel für die "Leipziger Frühjahrsmesse 1969" wirbt.
Sie zeigen Horch-Modelle, wie sie typisch für 1939 waren: mit frei stehenden, schwungvollen Kotflügeln. Al Wilson half das nicht: Sein Horch sah anders aus. Er forschte weiter, doch niemand schien sich erinnern zu können. Irgendwann gab er das Forschen auf.
Das hielt ihn nicht ab, seinen Schatz zu heben. Dem Motor spendierte er neue Lager und Dichtungen, prüfte und stellte ihn ein, bis er wieder lief. Ein Getriebezahnrad bereitete Probleme. Al ließ das Teil aufschweißen. Tagelang feilte er von Hand, bis alle Zähne in Form waren.
"Ich bin mit dem Horch gefahren", sagt er: "Exzellent lief er." Doch nach 20 Meilen war das Zahnrad wieder zerbröselt.
Al schob den Horch beiseite.
"Ich hatte ja keine Ahnung, was ich da hatte", sagt er.
Heute weiß er es.
Als Basis diente eine 830 BL Pullman-Limousine aus dem Jahr 1939. Neuere Modelle gab es nicht.
Nach fünf Monaten Bauzeit war der Nachkriegs-Horch fertig. Es war zugleich der letzte.
Mit V8-Noblesse ließ ...
... sich kein Geld verdienen.
Werner Oswald hatte das texanische Einzelstück 1980 in seinem Standardwerk über Horch-Automobile abgedruckt: Irgendwo in Amerika habe "jemand das Wrack auf einem Autofriedhof" fotografiert, schrieb er. Damit schien das Schicksal besiegelt. Bis ...
... Ralf Hornung Post bekam. Und seitdem weiß, dass der Fotograf Al Wilson war.
Das Leben kann spannender sein als jeder Krimi. Und schöner, weil es kein Opfer gibt. Denn auf den letzten Horch wartet das zweite Leben, weil Al Wilson zum Verkauf bereit war.
"Er gehört nach Hause", sagt er. Nun will Ralf Hornung das Unikat restaurieren lassen. In einem Container hat der Bruhn-Horch inzwischen die Heimreise angetreten.
So hätte Horch in die 50er-Jahre starten können: mit einer modernen Karosserie, die den Geschmack der Zeit spiegelte. Die Versuchsabteilung in Ingolstadt ...
... fertigte 1953 zunächst ein Holzmodell des Entwurfs, bevor der Wagen in Handarbeit entstand.
Bestimmt war er für Dr. Richard Bruhn, dem damaligen Auto-Union-Direktor.
Stilistische Vorbilder: Der Bruhn-Horch kombiniert Stilelemente des Mercedes 300 ("Adenauer") mit denen des DKW-Spitzenmodells 3=6.
Er war ein begnadeter Konstrukteur, dieser August Horch. Horch hatte Ideen und war innovativ, baute den ...
... ersten deutschen Vierzylinder und engagierte sich stark im Motorsport. Mit Erfolg – und hohen Kosten.
Die Prominenz schätzte die diskrete Noblesse: Thomas Mann mit dem Horch 350.
Erster Platz in einer Schönheitskonkurrenz: Horch 670 mit Besitzerin.
Elegant, doch nicht verspielt: begehrtes Sport-Cabriolet Horch 853.
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