Klassiker im Dauerstau: Inmitten eines tiefen Waldes, der nur über einen schmalen Feldweg zu erreichen ist, ruhen hunderte Oldtimer – seit Jahrzehnten. Niemand weiß genau, wem sie heute gehören.
Nach vielen Metern durch das dichte Unterholz stockt der Atem: Auf einer langen Lichtung stehen etwa 200 Fahrzeuge. Es sieht aus, als hätte sich ein Verkehrsstau des Jahres 1963 niemals aufgelöst.
Eine Szene wie aus einem Film: Die Oldies stehen da, als wären die Insassen inmitten des Verkehrsgeschehens nur kurz ausgestiegen.
An den Seiten der Fahrspuren parken die Autos zwischen den Bäumen. Erstaunlich: Die Wracks, die unter den Bäumen stehen, sind morscher als ihre ungeschützten Nachbarn.
Viele sind ausgeschlachtet, andere tragen noch die komplette Verglasung und alle Instrumente. Deutsche Modelle stehen da, Amis und Franzosen. Eine seltsame Mischung.
Funktionstüchtig ist nichts mehr: vergammelt, verrostet, zusammengesackt, verbogen und verformt. Selbst die heil gebliebenen Fensterscheiben sind an den Rändern milchig wie der Nebel im Morgengrauen.
Ein faszinierender und gleichzeitig trauriger Anblick: Der zerfledderte Opel Olympia P1 ist nicht mehr zu retten und schon tief im Erdreich versunken.
Der Trampelpfad zur automobilen Ruhestätte führt durch dichtes, knorriges Unterholz, so wie in den Büchern, die halbwüchsige Jungs unter der Bettdecke lesen. Aber das hier ist keine Fünf-Freunde-Geschichte. Es ist das Tor in eine andere Zeit.
Der Wanderer betritt eines der letzten Paradiese für Oldtimer-Enthusiasten. Kein Ort für Q-Tip-Felgenputzer und Swizöl-Polierer – ein Autofriedhof, auf dem Fahrzeuge aus den 40er-, 50er- und 60er-Jahren verrotten.
Am westlichen Ende des Wäldchens stolpern Suchende über die ersten Fahrgestelle, noch mit Achsen, Rädern, Motor und Getriebe. Viele Fahrgestelle sind längst augeschlachtet. Diese massive Starrachse trotzt der Kraft der Natur.
Viele der Autos müssen seit über 50 Jahren hier sein. Die Blechhaut vieler Oldies ist so dünn wie Toilettenpapier. Die Marken- und Typenvielfalt ist außergewöhnlich.
Die meisten Autos stammen von Soldaten einer nahe gelegenen ehemaligen US-Militärbasis. Die ausgemusterten Kisten der GIs landeten beim örtlichen Schrotthändler.
Der Schrotthändler stellte die Wracks in den Wald und soll vor Jahren verstorben sein. Damals, als es noch keine Umweltauflagen für die entsorgende Branche gab.
Dass die Behörden heute wacher sind, wissen die Leute im nah gelegenen Dorf. Auch deshalb antworten sie am liebsten nicht auf die Fragen neugieriger Fremder.
Die Stimmung im Wald der toten Wagen ist gespenstisch: Licht und Schatten, die Fratzen der verfallenden Autos im Zwielicht oder im Dunkeln.
Es muss im Wald der Klassiker einen schwunghaften Ersatzteilhandel gegeben haben – komplett ist keines der Wracks, die hier noch stehen.
Dass der Autofriedhof kein ganz geheimer Ort ist, zeigen die Reste eines Grabgestecks mit grellroten Plastikrosen und verwitterten Seidenschleifen. Sie liegen auf dem Vordersitz eines Buick aus den frühen 50ern. Hier muss vor kurzem ein anonymer Melancholiker der Autos gedacht haben.
Strahlend weiß: Die Farbe auf dem Weißwandreifen dieses Mercedes 180 ist erstaunlich gut erhalten. Im Gegensatz zum kläglichen Rest.
Die toten Augen des Opel Olympia: Autogesichter werden zu Fratzen.
Bitte einsteigen: Dieser Türgriff gehört zu einem Auto, dass bei unseriösen Geschäftsleuten wegen seiner ausgezeichneten Straßenlage sehr berühmt wurde. Erkannt?
Voilà: ein Citroën 11 CV, auch bekannt als Traction Avant oder "Gangsterlimousine". In den 30er Jahren galt der große Citroën als Maßstab: Selbsttragende Karosserie, Einzelradaufhängung und Frontantrieb verhalfen ihm zu außergewöhnlich agilen Fahreigenschaften.
Er war mal himmelblau, aber das ist lange her: Der 1952er Ford hat die Farben seiner Umgebung angenommen. Nur das Chrom wehrt sich mit mattem Glanz.
Die Autos von damals hatten zwar massive Rahmen, dafür aber garantiert noch keinen Korrosionsschutz – außer ein paar Glas- und Chromresten ist im Laufe der Jahrzehnte nichts mehr übrig geblieben.
Bei diesem US-Coupé der späten 40er-Jahre hat sich das Armaturenbrett erstaunlich gut gehalten. Selbst die Nadel des Amperemeters ist noch da. Nur der Strom fließt nicht mehr.
Manche Namen sind nur Schall und Rauch, manche sind für die Ewigkeit. Dieser Opel Kapitän trägt seine Modellbezeichnung immer noch mit Stolz.
Schatten seiner selbst: Verrotteter Simca Aronde.
Wie lange diese Motorhaube schon im Wald herumliegt, lässt sich anhand des durchgewachsenen Baumstammes ungefähr abschätzen. Vierzig Jahre sind es bestimmt.
Still ruht der Wald. Für Teilesucher gibt es nichts mehr, was das Abmontieren lohnen könnte. Zum Glück.
Das einzige, was hier noch glänzt, ist das Bakelit-Lenkrad.
Langlebig wie eine deutsche Eiche: Dieses massive Federpaket wird auch den rauhesten Witterungsbedingungen noch eine Ewigkeit trotzen.
Sterben zuletzt: die meist gusseisernen Motorblöcke.
Vor 50 Jahren waren die Fahrzeuge wertloser Schrott. Heute erinnern sie als Kulturdenkmäler an vergangene Zeiten.
Festgefahren: Für eine eventuelle Bergung der Klassiker ist schweres Gerät nötig. Die meisten Oldies sind tief im Waldboden eingesunken.
Viel ist nicht mehr übrig geblieben vom Glanz der prunkvollen 50er.
Wirksame Wegfahrsperre: Ohne Kettensäge oder Trennschleifer kommt dieser Ford Anglia nicht vom Fleck.
Bei diesem Ford Anglia zwängt sich ein stattlicher Ast durch die Tachometer-Öffnung – Sieg der Natur.
Durchwachsen: Auch dieser Buick Super hat eine außergewöhnlich wirksame Wegfahrsperre.
Vandalen haben diesen Ort noch nicht entdeckt. Das ist ein Wunder, denn er liegt mitten in Europa, nicht in den Weiten der skandinavischen Wälder, sondern nahe der nächsten Autobahn-Ausfahrt.
Wer die Wracks gesammelt hat, wem die Wälder gehören, das sind Fragen, auf die Bewohner des nahen Dorfes nur einsilbig antworten. Wenn sie überhaupt mit Fremden reden.
Fest steht: Bis vor kurzem gab es noch mehr Schrott im nahen Gehölz. Zwei Plätze sind inzwischen Geschichte, auch den übrigen könnte bald ein ähnliches Schicksal drohen. Ähnlich dem Autofriedhof in Kaufdorf in der Schweiz, dessen Schicksal sie auf den folgenden Bilden sehen können.
Nach über 70 Jahren zwangsgeräumt: Der historische Autofriedhof im schweizerischen Kaufdorf ist Geschichte. Am 19. September 2009 kamen 795 Wracks bei einer Versteigerung unter den Hammer, von ihnen fanden 537 einen Käufer. Den Höchstpreis erzielte ein Mercedes 190 SL von 1955. Er kostete umgerechnet 12.534 Euro.
Ein 54 Jahre alter Porsche 356 A brachte Schrottplatzbesitzer Franz Messerli 12.164 Euro ein, eine Borgward Isabella von 1955 dagegen fand keinen Abnehmer. Inklusive Kostenbeitrag für die Bergung der Schätze kamen geschätzt knapp 400.000 Euro zusammen. Einen offiziellen Ertrag wollte Messerli nicht nennen.
Zur Auktion reisten 3000 Händler, Privatpersonen und Schaulustige aus ganz Europa an. Inzwischen wurden die ersten Wracks abgeholt. Sie dienen vor allem als Ersatzteillager. Fahrzeuge, die nicht im Freien standen, werden zum Teil wieder aufgebaut.
Der Versteigerung war ein jahrelanger Streit zwischen Franz Messerli und den Schweizer Behörden vorausgegangen, die das Ende des Autofriedhofs schließlich gerichtlich durchsetzten.
In der Schweiz und in vielen anderen Ländern ist es aus Umweltschutzgründen verboten, Altautos auf Waldböden zu lagern. Mit der Auktion hat Messerli eine Zwangsräumung abgewendet. Jetzt will er das Gelände Sinti und Roma als Wohnplatz anbieten.
Fast 1000 Autos schlummerten auf dem historischen Autofriedhof in Kaufdorf.
Am Steuer eines Vauxhall Velox von 1957: Friedhofs-Faktotum Werner Brunner, der aufpasste, ...
... dass es den Toten aus Blech möglichst gut geht. Der 63-Jährige turnte zwischen den eng geparkten Autos umher wie ein junger Spund.
Rückblick: Die legendäre Borgward Isabella wird von einem Renault auf dem Dach in den Untergrund gedrückt.
Ausblick: Spinnen haben ihr Netz über das Cockpit dieses Fiat gesponnen. Die Tierchen gehören mittlerweile in den ...
... meisten Innenräumen zur Serienausstattung. Zudem gibt es auf den Polstern viel altes Laub, in den Fußräumen sammeln sich Äste.
Wegfahrsperre: Zwischen Stoßstange und Heck des rund 50 Jahre alten Fiat 1100 ist in mehr als 30 Jahren ein Baum gewachsen.
Obenauf: Einer der vielen Fiat Topolino des Schrottplatzes hat einen Parkplatz auf dem Dach eines anderen Autos gefunden.
Moos und Rost geben den gammelnden Exponaten eine ganz besondere Note. Messerli hätte eigentlich am liebsten ein Museum eröffnet.
Zwei Porsche 356 schlummern unter einem Vordach, ihr Lack ist noch ganz passabel. Es zahlt sich eben aus, ...
... wenn man einen Porsche nicht ganz schutzlos dem Regen aussetzt.
Eleganter Verfall: Links rostet ein Riley, gebaut zwischen 1947 und 1949. Obenauf ein gebräuchlicheres Modell: Mercedes 190 Ponton, deutsche Businessklasse der 1950er, die ...
... auf dem Schrottplatz noch öfter vertreten ist.
Wehrhaft: Dieser fast 60 Jahre alte Oxford Morris trotzt selbst dicken Baumstämmen.
Im Tod vereint: Neben dem Blinker eines Sunbeam verwittert ein Schneckenhaus.
Wie Grabsteine wirken die stumpf gewordenen Typenschilder der ewig ruhenden Wracks.
Wehrhaft: Auch militärisches Gerät war auf dem Schrottplatz finden.
Ordnung im Chaos: Türensammlung unter schützendem Wellblechdach.
Anspringen unwahrscheinlich: Ein verwitterter, von Moos bewachsener Motor aus Schweizer Produktion.
Idyllische Fundgrube: Ersatzteile liegen unsortiert mitten in der Natur.
Darf auf keinem Schrottplatz fehlen: der VW Käfer.
Am Ende wird die Natur über die Technik siegen, wie dieser eingewachsene Motor beweist. Sie wollen noch mehr Impressionen vom automobilen Zerfall? Einfach weiterklicken und staunen.
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