Mercedes-Händler Jörn Schwarze in seiner Schatzkammer: 39
190er stehen in seiner Garage, zu Preisen ab 2950 Euro. Dazu kommen 43
124er, noch mal 70
G-Modelle. Der Hamburger handelt mit betagten Sternen, besonders der Baby-Benz hat es ihm angetan.
Der 190er, von seinen Fans Baby-Benz genannt. Im Dezember 1982, zwei Monate nachdem Helmut Kohl die "geistig-moralische Wende" verkündete, war der Wagen für Mercedes auch eine Art Umbruch. Reduziert, kompakt, wenig Chrom, technische Spitzenklasse. Bis 1993 orderten 1,88 Millionen Kunden einen 190er, viele davon fahren heute noch.
Reifen. Eine 50 Meter lange Wand voller Reifen. Und Autos, alle verhüllt. Schwarze lüftet eines der Stofftücher, erklärt: "Farbcode 888 Beryll." Dann zieht er die anderen hoch: "481 Bornit, 199 Blauschwarz, 147 Arcticweiß, 702 Rauchsilber". Echte Mercedes-Liebhaber lassen sich hierher ihre Möbel nachschicken.
Die Sterne an den Kühlern, sie funkeln wie vor 20 Jahren. Für Händler Schwarze kein Wunder: "Der Wagen gehört zum Besten, was Mercedes je gebaut hat. Kaum Rost, weil alle Teile versiegelt sind, Top-Qualität."
In den Internet-Autobörsen werden derzeit knapp 2000 der Einstiegs-Sterne zum Kauf angeboten. Schwarze kennt sie alle, bei den meisten winkt er ab: "Zu viele Kilometer, zu viele Vorbesitzer, zu viele Macken." Der Händler macht Jagd auf gepflegte Ersthandautos, auf Opas Benz.
Eine 190er-Perle aus erster Rentner-Hand: 37.262 km gelaufen, Sonntags holte ihn Opa aus der Garage, startete den 1,8-Liter-Vierzylinder mit 109 PS, öffnete Oma die Tür, schob eine Kassette von Stefan Mross ins Becker Europa und fuhr zum Kaffee an den Tegernsee. Macht im Schnitt 2070 Kilometer per annum.
Mercedes-Spezialist Jörn Schwarze, ein 49 Jahre alter großer Mann mit gegelten Haaren und geschätzten 120 Kilogramm, hat sich bevorratet: Original-Radios, Kisten voller Kleinzeug – Jörn Schwarzes 190er-Teilefundus ist riesig. "Aus meinen Teilen könnte ich 20 neue 190er zusammenbauen."
Ein Ordner voller Lebensläufe: Jörn Schwarze zeigt AUTO BILD-Redakteur Andreas May Rechnungen und Prüfberichte. So kann er das Auto-Leben nachvollziehen. Wenn Opa nicht alle Rechnungen aufgehoben hat, forscht er nach, beim TÜV, in der Werkstatt. Anhand der Belege kann Schwarze feststellen, ob an der Uhr gedreht wurde.
Der Lebenslauf eines Mercedes 190: Charlotte K., geboren am 22. Januar 1938, hat am 4. Januar 1993 ihren 190 E 1.8 Rosso, zugelassen. 16 Jahre und 86.980 km hat sie den Wagen gefahren. Sechs Schlüssel, das unbenutzte Etui, 31 Rechnungen gehören zum Auto. Dokumentiert sind Übergabe, jede Inspektion, jeder TÜV-Termin, jeder Reifenwechsel.
Ein Koffer voller Sternen-Glück: Die Schlüssel für 39 traumhaft erhaltene Mercedes-Youngtimer sind in diesem Stahlkoffer.
Wie teuer? Wann Öl gewechselt? Wann ist die nächste Hauptuntersuchung fällig? Jörn Schwarze führt Buch und kennt alle Details seiner Herde. Damit er beim Anruf eines Kunden nicht lange in den Akten kramen muss, sind alle wichtigen Informationen auf einer Tafel aufgelistet. Perfekt organisiert!
Einer der rarsten 190er: 190 E 2.3 Azzuro. Der Azzuro kam serienmäßig mit einer kunterbunten Lederausstattung daher. Kaufpreis 1992: ab 65.500 D-Mark!
Das Interieur sorgt heute für Augenflackern: Ledersitze mit roten, gelben, grünen und blauen Streifen – autsch! Aber der Azzurro ist begehrt, weil nur 950 Stück gebaut wurden. Und teuer: 6950 Euro verlangt Schwarze für einen 93er mit 139.000 km.
Prall ausgestattet: Der Azzuro kommt mit Zentralverriegelung, vier elektrischen Fensterhebern, elektrischem Schiebedach, Sportfahrwerk, Sportsitzen, Lederpolstern, Sitzheizung – und Klassiker-Potenzial. Der Schaltknauf (bei Daimler nicht mehr lieferbar) wird bei Ebay für bis zu 200 Euro gehandelt.
Dieser 190er stand bei einem Fähnchenhändler in Essen. "Die wussten gar nicht, was sie da verkaufen", scherzt Schwarze. Er schlug zu, obwohl alles völlig vermoost war. Aber das Auto – einfach klasse: 190 E 2.6, Vorbesitzerin eine Oma, nachweislich 102.665 km, der seltene 2,6-Liter-Reihensechser mit 160 PS und Automatik, im Detail perfekt, die Technik super.
Säuselnder Reihensechser, Lederpolster, Automatik, elektrische Fensterheber vorn, Sitzheizung, Mittelkonsole in Zebranoholz – wer fleißig Sonderausstattungen orderte, holte sich einen Hauch S-Klasse in den Baby-Benz. Die 190er ab Oktober 1992 kamen serienmäßig mit Fahrerairbag.
Unter der Haube säuselt der 2,6-l-Reihensechser mit 160 PS, der einzige Sechszylinder, der im 190er angeboten wurde. Der 190 E 2.6 war schon als Neuwagen rar: Nur rund sechs Prozent aller 190er hatten den potenten Sechszylinder unter der Haube.
Zeig mir dein Typenschild, und ich sag dir, wer du bist: 442 Fahrer-Airbag, 470 ABS, 531 automatische Antenne, 585 Klimaanlage und elektrische Fensterheber vorn, 653 Sportfahrwerk, 751 Becker Grand Prix 2000 RDS, 873 Sitzheizung, 875 Scheibenwaschanlage beheizt. Sonderausstattungen, für die der Erstbesitzer 15.048 D-Mark hinblätterte.
Bitte setzen: Für 2166 D-Mark lieferte Daimler den 190er mit Sportsitzen vorn und hinten. Wer dazu auf edlen Lederpolstern Platz nehmen wollte, legte 3112,20 D-Mark extra auf den Tisch. Die Sitzheizung gab es für bescheidene 885,50 D-Mark zusätzlich. Kopfstützen hinten? Nur 273,60 D-Mark (Preisliste vom 1. Oktober 1992).
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