Die Gutverdiener der frühen 60er-Jahre leisteten sich gerne etwas, schließlich war man wieder wer! Und das hieß bei der Wahl eines standesgemäßen Automobils fast zwangsläufig Mercedes-Benz, und sei es nur der "kleinste" Sechszylinder, der 220 b. (Das b stand nicht am Heckdeckel, es diente als diskreter Kennbuchstabe zur Unterscheidung vom vorhergehenden Ponton-220.) Wir haben ihn nochmal getestet!
Dieser
Mercedes 220, Baureihe
W 111/1, wurde vor 50 Jahren gekauft, aber fast nie gefahren. Keine 60.000 Kilometer zeigt sein Zähler. Und nein, wir haben nicht das S in der Modellbezeichnung vergessen, es ist wirklich "nur" ein 220, also der Basis-Sechszylinder mit 95 PS.
Von hinten sieht der 220 b aus wie ein vierzylindriger
190 c, doch er trägt die lange Sechszylinder-Schnauze und große Hochkant-Scheinwerfer ("Triefaugen"). Seine luxuriöseren Brüder 220 S und SE verkauften sich besser. Die Heckflossen-Reihe war für damalige Verhältnisse erfolgreich, sie brachte es insgesamt (inklusive Vierzylinder und Diesel) von 1959 bis 1968 auf fast eine Million Exemplare.
Der Mercedes 220 b zitiert italienische und amerikanische Stilelemente, bleibt aber ein echter Mercedes, autoritär und doch vertrauenswürdig. Dieser automobile Gentleman wollte allerdings auch bezahlt sein: 11.500 Mark kostete er, damals eine Menge Geld.
Schon in den sechziger Jahren brillierte der Flossen-220 mit innovativen Beigaben wie der definierten Knautschzone, gepolsterten Armaturen, Pralltopf am Lenkrad, Sicherheitsschlössern und ab 1963 sogar mit serienmäßigen Scheibenbremsen vorn.
Die durchgehende Sitzbank im Innenraum schafft Platz für drei Personen, doch der Hahnentritt-Stoff des Basis-220 sieht eher nach Kleinwagen als nach Oberklasse aus.
Die Lenkradschaltung des 220 b arbeitet präzise wie einst, Tacho-Markierungen bei 40, 70 und 120 km/h ersetzen den Drehzahlmesser. Typisch: der vertikale Tacho. Die Anordnung der Bedienelemente erschließt sich beim ersten Hinsehen.
Die für linken und rechten Sitzplatz getrennt regelbare Heizung gönnte Mercedes seinen Kunden schon damals. Zwischen den Reglern sitzt der einst unvermeidliche Zigarrenanzünder. Das Radio mit Plastikblende stammt aus den Siebzigern, ein Stilbruch, über den wir hier großzügig hinwegsehen.
Der 220 war der Basis-Sechzylinder im Mercedes-Programm. Das bemerkt man im Innenraum, der ohne Chrom und Prunk auskommen muss. Im Detail zeigt sich die Buchhalter-Version: Bakelit statt Edelholz um die Fenster, Plastik statt Stoff auf den Türtafeln. Dafür bietet die Rückbank Platz ohne Ende. Die Gurte sind nachgerüstet, Kopfstützen jedoch noch ferner Luxus.
Der 220 b ist 16 Zentimeter länger als sein Ponton-Vorgänger und der Kofferraum daher groß wie eine Grotte.
Der 2,2-Liter-Reihensechser scheint mit seinen 95 PS völlig unterfordert zu sein. Er verwöhnt den Fahrer mit herrlicher Laufkultur. Und er ist elastisch: Schon ab Tempo 40 im vierten Gang nimmt der Motor willigst Gas an.
Der Liter Super kostete Anfang der 60er-Jahre 60 Pfennig, das entspircht heute etwa zwei Euro. Und so ein 220 b verbrennt locker 13 Liter davon!
Für Mercedes ist die 220er-Heckflosse ein wichtiges Auto: Zum ersten Mal ziehen die Schwaben 1959/60 am Erzrivalen Opel Kapitän vorbei.
In unserem
Fahrvergleich musste ein 220er nach über 50 Jahren noch einmal gegen seine Konkurrenten antreten. Fazit: Im Vergleich mit
Borgward P 100,
Opel Kapitän P 2.6 und
Fiat 2100 Special hat der Benz objektiv noch immer die Nase vorn. Begehrenswert sind die vier Veteranen mit ihrem unverwechselbaren Design und ihrem Charisma allerdings alle.
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