Eintauchen in die Welt der Katakomben von Neapel: In 40 Meter Tiefe fand Geologe Gianluca Minin bei seinen Forschungsarbeiten 30 fossile Automobile, die vor Jahrzehnten dort vergessen wurden.
Die Polizei hat die Tunnel vom Ende des Zweiten Weltkrieges bis in die 70er-Jahre als Lager benutzt. Neben Unfallwracks stehen hier Autos aus Kriminalfällen. Viele wurden zum Zigarettenschmuggel benutzt.
Die toten Augen von Neapel: Links im Bild sind die Überreste eines Fiat 1100-103 zu sehen. Rechts daneben parken seit Jahrzehnten zwei Fiat 1400. Die Rückbank des rechten Fiat ist ausgebaut und die linke Seite eingedrückt.
Wahrscheinlich wurde das Auto zum Schmuggeln verwendet, die Rückbank musste Platz machen für Zigaretten oder andere Waren. Auf frischer Tat wurden die Täter dann von der Polizei entdeckt – und bei der Verfolgungsjagd gerammt oder durch einen Unfall gestoppt.
So sah der Fiat 1100-103 im Neuzustand aus: ein moderner Mittlklassewagen der 50er-Jahre. Seine Premiere feierte der kompakte Italiener auf dem Genfer Automobilsalon 1953. Sein Nachfolger war der 1969 vorgestellte Fiat 128.
Schmugglers Liebling: Beim Fiat 1400 (1950 bis 1958) ließ sich die Rückbank leicht ausbauen – und damit Platz für Ware schaffen.
Der Weg in das Tunnelsystem führt über ein vierstöckiges Baugerüst, über einen langen Gang, der von nackten Glühbirnen beleuchtet wird, durch ein altes Gittertor.
Gleich links hinter dem Gittertor, in einem riesigen grauen Haufen, liegt das Wrack einer Autobianchi Primula aus den 60er-Jahren.
Es sind seltsame Gedanken, die einem in den Katakomben von Neapel kommen können. Das mag an der hohen Luftfeuchtigkeit liegen oder an dem beklemmenden Gefühl, 40 Meter unter der Erde zu sein und fern von jedem Tageslicht.
Über die Jahrzehnte haben alle Fahrzeuge in den Katakomben ihre Farbe verloren – bis auf den grünen Autobianchi Bianchina Panoramica (1960 bis 1969) eines neapolitanischen Kaufhauses.
Tunnel-Schicksal: Dieser Fiat 508C (1937 bis 1939) dürfte selbst als Teileträger kaum noch zu gebrauchen sein.
Kinderkram: Der Kunststoff-Überzug des Kinderwagens hat dem blech-feindlichen Tunnelklima getrotzt.
Wo Licht war, ist jetzt für immer Schatten.
Um Himmels Willen: Der einst schmucke Dachhimmel hängt in Fetzen herab.
Schluss, Licht: Vor rund dreißig Jahren sendete das Rücklicht dieses Fiat 1400 den letzten Lichtstrahl aus.
Bitte einsteigen: Der Fiat 1100-103 verwöhnt seine Passagiere mit weichen Spinnenweben und rostrotem Ambiente.
Auf wen war dieser Fiat zugelassen? Wo ist er gewesen? Warum wurde er von der Polizei sichergestellt? Diese Fragen werden wohl nicht mehr geklärt werden.
Jedes Fahrzeug in den Katakomben von Neapel hat seine (mutmaßliche) Geschichte, nicht nur die rund 30 Autos, sondern auch die vielen Motorräder und Vespa.
Der Parkplatz der Geister-Roller: In Reih und Glied stehen diese beschlagnahmten Vespa in den Katakomben – so, als würden sie noch heute auf ihre Besitzer warten.
Die ein oder andere Vespa wäre noch zu retten.
Wie Grabsteine wirken die stumpf gewordenen Embleme der ruhenden Wracks.
Heilige Jungfrau Maria: Bevor der Gashebel dieser Vespa den Einzylinder wieder im Zweitakt tanzen lässt, sollte man sich das eine oder andere Wochenende frei nehmen und die Freundin gegen die Werkzeugkiste eintauschen.
Diese Vespa taugt höchstens noch als Kulisse für einen Endzeit-Film.
Dieses Moped war vielleicht der Stolz seines jugendlichen Besitzers. Auf welchem Weg es in die Unterwelt Neapels gelangte, wird man vermutlich niemals erfahren.
Für den einen Schrott, für den anderen erhaltenswertes Kunstobjekt: Das vom Zahn der Zeit gekennzeichnete Moped symbolisiert Vergänglichkeit und Zerfall.
In rotem Lack erstrahlte einst dieses Moped. Das verrät zumindest das Typensschild.
Signor Minin und seine Schätze: Geologe Gianluca Minin hat die Autos entdeckt.
Minin seilte sich in Neapels Unterwelt ab. Erkundete die gigantischen Tuffsteinhöhlen. Kroch durch das Anfang des 17. Jahrhunderts angelegte Aquäduktsystem. Erforschte den 1853 unter Ferdinand II. gebauten Bourbonen-Tunnel.
Gianluca Minin fand die unterirdischen Bunker, in denen die Neapolitaner im Zweiten Weltkrieg Schutz gesucht hatten.
Licht im Tunnel: Schwache 40-Watt-Glühbirnen sorgen für eine schummerige Atmosphäre im feuchten und kühlen Tunnel.
Warum wurden die Autos im Tunnel nicht längst entdeckt? Wie konnten sie innerhalb von 30, 40 Jahren komplett in Vergessenheit geraten?
In Neapel kommen die Archäologen schon mit den Funden aus der Zeit der Griechen und Römer nicht hinterher, für neuere Sachen interessiert sich hier niemand. Den Tunnel und die Autos hat man einfach vergessen.
Der Staub der Zeit: Dieser Fiat 1100 ist mit neun anderen Autos in einer Halle zwischengelagert, er soll später in den Tunnel zurückkehren.
Der Fiat 1100 war in Neapel (NA) zugelassen.
Ob dieses schicke Fiat Cabriolet jemals wieder fahren wird?
Obwohl Italien sich schon 1924 vom Linksverkehr verabschiedet hatte, blieben die Autos bis 1932 Rechtslenker – und auf Wunsch auch danach. Grund: Viele Fahrer fühlten sich damit auf Bergstraßen sicherer.
Farbtupfer: Der Lack an den Typenschildern hat sich über die Jahrzehnte gehalten.
Richtungweisend: In dem rostbraunen Ambiente des Tunnels wirkt der leuchtend-orangene Winker wie eine einzelne Blume im Kornfeld.
Der Politiker Diego Guida (rechts), in Neapel für die historischen Archive zuständig, sagt: "Ich würde die Autos gern von jungen Leuten restaurieren lassen, damit sie dabei lernen und die Handwerkskunst nicht verloren geht."
Staub zu Staub: Neben dem arg patinierten Zustand erschweren fehlende Teile eine Restauration.
Fetzige Sache: Soll der Fiat wieder in altem Glanz erstrahlen, steht sicherlich auch ein Besuch beim Sattler auf der Liste.
Eine gute Sache ist das sicher, wenn die Oldies restauriert werden. Bestimmt auch eine tolle Sehenswürdigkeit für Touristen. Doch die einzigartige Tunnel-Atmosphäre wäre dahin.
Den Autos setzte nicht nur Feuchtigkeit zu. Die Neapolitaner entsorgten auch ihren Müll in den Katakomben, der dort zusammen mit den Autos vergammelte.
Gianluca Minin und seine Freunde von der Borbonica Sotteranea wollen aus den Katakomben und den Unterwelt-Autos jetzt ein Museum machen. Am Eingang zum Tunnelsystem entsteht sowieso gerade ein unterirdisches Parkhaus, von dem aus man die Gänge bequem erreichen könnte.
Die Frage ist, ob man die Oldtimer nun restauriert oder in ihrem verfallenem Zustand belässt.
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