Volks-Sportwagen: Als Golf unter den Coupés vereint der VW Scirocco Fahrspaß mit Solidität. Kantige Form von Stardesigner Giugiaro, Spucknapf-Lenkrad und Schottenkaro-Sitze verhelfen dem Keil aus Wolfsburg zu Kultstatus. Der Scirocco kam 1974 und wirkte neben seinen
automobilen Verwandten Käfer, K70 und 412 wie ein Ufo vom anderen Stern.
Mit seinen klaren Linien, den scharfen Kanten, der Keilform, der niedrigen Gürtellinie und dem knackigen Heck mit Bürzelspoiler ist der Scirocco der erste Sportwagen von VW. Firma Italdesign von Giorgetto Giugiaro liefert das Styling, Karmann in Osnabrück konstruiert die Karosserie und fertigt am Ende das komplette Fahrzeug mit dem Projektnamen EA398.
Die wichtigste Botschaft des ersten Scirocco: Er ist bezahlbar, ein Volks-Sportwagen. Mit 50 PS kostete er 1974 9995 D-Mark, für die 70-PS-Variante verlangte VW 380 Mark Aufpreis, mit flotten 85 Pferdchen (Spitze 175 km/h!) wurden 11.745 D-Mark fällig. Möglich machte es Großserientechnik vom Golf, der jedoch erst vier Monate nach dem Scirocco startete.
Prinzip Baukasten: Der Golf liefert Motor, Getriebe, Kupplung, Lenkung, Hinterachse, Bremsen, Schlösser, Griffe, Dichtungen, Fensterheber, Scharniere, Heizung und Lüftung.
Solide Technik aus dem Hause Audi: Unter der Haube des einstigen Topmodells Scirocco TS arbeitet ein Vierzylinder-Vergaser mit 1,5 Litern und 85 PS aus dem Audi 80. Bei Fans am begehrtesten: der 1,6-Liter-Einspritzer mit 110 PS im GLI und GTI.
Das Cockpit wurde mit zwei Rundinstrumenten bestückt, in der Top-Version gab es zudem ein Dreispeichen-Sportlenkrad, ab 1977 auch als "Spucknapf-Lenkrad" bekannt.
Kennzeichen des Spitzenmodells TS: Bezüge in Schottenkaromuster, angeboten nur im Scirocco TS bis 1977. Ja, das ist schick in den schrillen 70er-Jahren, in denen die männliche Kundschaft mit Oberlippenbart, Koteletten, Schlaghose und Hemd mit breitem Kragen zur Probefahrt erscheint.
Dürfte ein Kaufgrund bei der männlichen Kundschaft gewesen sein: die Wirkung des Scirocco auf die Frauen. Nach VW-Angabe wählten 42 Prozent der Kunden den Scirocco, weil ihnen die Form zusagte. 25 Prozent gaben Sportlichkeit als Kaufgrund an, elf Prozent gefiel die Wirtschaftlichkeit. Allein 1974 verkauft VW 24.555 Scirocco.
Fügt sich perfekt ins Cockpit-Umfeld ein: das VW-Werksradio.
Eine seltene Kombination: Ur-Scirocco mit Dreistufen-Automatikgetriebe.
TS wie "teuer und schnell" – bis 1976 bildete der TS die Scirocco-Spitze. Heute zählt er neben dem GTI und GLI zu den begehrtesten Versionen des Scirocco I. Leider sind die meisten heute verbastelt. Richtig gute, original erhaltene GTI erzielen fünfstellige Euro-Beträge. Doch schon für 3000 bis 4000 Euro gibt es brauchbare 70-PS-Scirocco im Zustand 3.
Selten wie Eis in der Sahara: Eine Heckablage, die nicht nachträglich mit der Stichsäge bearbeitet wurde, um Boxen einzubauen.
Den zweckmäßigen Stahlfelgen des Scirocco dienen lediglich schwarze Nabenkappen aus Plastik zur Zierde. Ersatzteile sind ein schwieriges Kapitel. Für das Modell mit Chromstoßstangen gibt es viele Teile gar nicht mehr, Zierteile sind sehr rar. Bei Motoren und Fahrwerk sieht es besser aus: verbreitete Golf-I-Technik.
Scirocco-Vorgänger: Der kleine Karmann Ghia (1955-1974) traf voll den Nerv der Zeit, vor allem das Cabriolet kam beim überwiegend weiblichen Publikum bestens an. Mehr als die Hälfte der Produktion ging in die USA, wo sich trotz schlapper Motorisierung (bei 50 PS war Schluss) eine treue Fan-Gemeinde entwickelte. Bis 1974 entstanden 443.466 Fahrzeuge.
1981 bis 1992: Der Scirocco II konnte nicht mehr an den Erfolg des Vorgängers anschließen. Troz längerer Bauzeit brachte er es nur auf 291.497 Exemplare. Die Top-Motor war der 1,8-Liter-16V mit 139 PS (mit G-Kat 129 PS), 1985 kam das
Sondermodell White Cat.
1988 bis 1995: VW Corrado auf Golf II-Basis. Der druckvoll agierende und verschleißanfällige G-Lader entlockt dem 1,8-Liter-Vierzylinder 160 PS. Der geschmeidige 2.9 VR6 leistet 190 PS.
Mit dem grazilen Scirocco I hat der seit 2008 verkaufte pummelige Scirocco III nur noch den Namen gemeinsam. Er wird nicht mehr in Osnabrück, sondern in Portugal hergestellt.
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