"Wirtschaftswunder" von J.H. Darchinger, Taschen Verlag, 29,90 Euro

Ein einzigartiger Fotoband erinnert an die Gründerjahre der Bundesrepublik. Oft im Mittelpunkt, immer dabei: das Auto, die erfüllte Sehnsucht des Wirtschaftswunders.

"Wirtschaftswunder" von J.H. Darchinger, Taschen Verlag, 29,90 Euro Endlich Vollmotorisierung: Aber die City wird zu eng. Den deutschen Innenstädten gehen 14 Jahre nach Gründung der Bundesrepublik allmählich die Straßen aus. Hier treffen sich typische Allerwelts-Modelle dieser Zeit in München im Frühjahr 1963.

"Wirtschaftswunder" von J.H. Darchinger, Taschen Verlag, 29,90 Euro "Auto!", brüllt einer, aber das kommt nicht oft vor. Die Bonner Wohnstraße gehört 1955 den bolzenden Buben in ihren kurzen Lederhosen. Der Käfer dominiert den Straßenrand, aber auch ein Vorkriegs-DKW steht da noch.

"Wirtschaftswunder" von J.H. Darchinger, Taschen Verlag, 29,90 Euro New York, Las Vegas? Aber nein: Es ist Frankfurt am Main. Zappenduster waren die Zeiten viel zu lange, deshalb kann es für die Deutschen der 50er-Jahre gar nicht pastellfarbig genug sein. Altmodisch wirkt 1957 nur der Mercedes 220 im Vordergrund, nicht aber das grell beleuchtete Neckermann-Kaufhaus in der Frankfurter Innenstadt. "Osterfreude für alle" steht auf der Fassade.

Die Hauptstadt mag es gemächlich – mit Schutzmann und Isabella. Auf dem Bonner Bundeskanzlerplatz regeln 1961 noch keine Ampeln den Verkehr, sondern ein Polizist in seiner blechernen Tonne. Zu Weihnachten bringen ihm Autofahrer kleine Geschenke, der Schutzmann ist beliebt. Neben dem Käfer wartet Borgwards Isabella TS.

Moped, ein Kunstwort der 50er-Jahre: Es setzt sich ab 1953 durch, weil "Fahrrad mit Hilfsmotor" zu spießig klingt. Mit aufgemotzten Mopeds beginnt die erste Rebellion der Halbstarken gegen die Elterngeneration.

Freie Fahrt für freie Bürger, das ist keine Sehnsucht, sondern Realität: Blick aufs fast unbefahrene Frankfurter Kreuz im Jahr 1957. Das Foto täuscht, noch ist das deutsche Autobahnnetz nur 2400 Kilometer lang.

Aus dem Fotoalbum einer ganzen Generation: Hier ist es der Fotograf selbst, der 1957 mit Familie für das Foto vom kleinen Sonntagsglück posiert. Das Auto: ein Export-Käfer mit 30 PS und Besatzungs-Kennzeichen.

Ein Jahr später: gleiche Familie, gleiches Camping-Zubehör – und ein nagelneuer Porsche 356. Leistung lohnt sich, das Wachstum scheint keine Grenzen zu kennen – bis zur ersten Rezession von 1967.

Wohlstand für alle: Wir haben es geschafft! Ein roter VW 1500 S mit 54 PS und zwei Vergasern, eine Neubau-Wohnung am Rand der Stadt, sogar mit Balkon – so sieht 1965 nicht nur in Kassel der mittelständische Alltag aus. Das Wirtschaftswunder hat die ganz großen Standesunterschiede getilgt. Tatsächlich, manche Facharbeiter verdienen so gut wie Ingenieure.

Fahr lieber Lloyd: Freudig schaffen, froh genießen. So klingen sie wirklich, die Sprüche der Lloyd-Werbung. Lloyd? Heute vergessen, aber 1955 ist Borgwards Kleinwagen-Marke der drittgrößte Autobauer Deutschlands. Hier setzen die Lloyd-Leute in Bremen den LP 400 zusammen, 13 PS, Zweitakt-Zweizylinder, 3450 D-Mark. Ein besserer Angestellter kann sich so was schon leisten.

Dass der Traum vom eigenen Auto wahr werden könnte, glaubt vor 60 Jahren kein deutscher Normalverdiener: Selbst Chefs steigen aus dem VW Käfer. Oder einem Opel Rekord.

Das Buch "Wirtschaftswunder", von Josef Heinrich Darchinger gibt es im Taschen Verlag für 29,90 Euro. ISBN: 978-3-8365-0019-7


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