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Zuhälter und ihre Karren: Die Autos der Sünde

Lamborghini Countach Klaus Barkowski
Vor 30 Jahren waren der "schöne Klaus" und sein Lamborghini Countach auf der Großen Freiheit in Hamburg St. Pauili eine große Nummer. Heute ist Klaus Barkowski, die ehemalige Kiezgröße, Künstler. Wegen seiner Vorliebe für schnelle Autos bekam er den Spitznamen "Lambo-Klaus".
Bild: Christian Bittmann
Lamborghini Countach Klaus Barkowski
Hier ein Blick ins Archiv: 2009 bringt AUTO BILD den "Schönen Klaus" und seinen Lambo zusammen. Sein erster Kiez-Wagen zu Beginn der 70er ist eine Corvette. Als er damit von einem Porsche 911 überholt wird, macht er sich tobend auf die Suche nach einem Auto, mit dem er nie wieder überholt wird. In Düsseldorf wird er fündig und kauft einen Lamborghini Miura SV mit 385 PS.
Bild: Christian Bittmann
Lamborghini Countach Klaus Barkowski
Mit dem Miura dreht Barkowski ganz weit oben mit, bis zu 15 Frauen laufen für ihn, und sie wollen etwas von seinem Sunnyboy-Glanz abbekommen.
Bild: Christian Bittmann
Lamborghini Countach Klaus Barkowski
Die Luden fahren in den 70ern alles, was groß, teuer und schnell ist. Je teurer der Wagen, desto begehrenswerter erscheint der Typ hinterm Lenkrad. Länger, dicker, breiter – Zuhälter leben von ihrem Renommee. Und natürlich vom Geld ihrer Frauen.
Bild: Christian Bittmann
Lamborghini Countach Klaus Barkowski
Als eines Tages ein schwarzer Lamborghini Countach LP400 auf der Meile steht, ist der "schöne Klaus" nicht mehr zu halten. Binnen einer halben Stunde hat er den Kaufpreis von 184.000 D-Mark zusammen und fährt mit dem 375 PS starken V12-Boliden vor.
Bild: Christian Bittmann
Lamborghini Countach
Sein größtes Vollgaserlebnis: Auf einem abgesperrten Autobahn-Teilstück gibt Barkowski alles, der Countach rennt 295 km/h, mehr geht nicht.
Bild: Christian Bittmann
Lamborghini Countach Klaus Barkowski
Barkowski erklärt die Grundvoraussetzungen, um in den 70ern auf dem Hamburger Kiez eine Größe zu sein: "Du darfst nicht ganz doof sein, du darfst nicht ganz hässlich sein, und du darfst nicht ganz schwach sein." Gemeinsam mit weiteren Geschäftspartnern ist der "schöne Klaus" Mitglied der Zuhältervereinigung "Nutella".
Bild: Christian Bittmann
Lamborghini Countach Klaus Barkowski
Heute arbeitet der "schöne Klaus" mit Leinwand und Pinsel. In zumeist abstrakten, manchmal auch gegenständlichen Werken verarbeitet er vergangene und aktuelle Erlebnisse.
Bild: Christian Bittmann
Lamborghini Countach Klaus Barkowski
Zwei Originale: Klaus Barkowski mit seinem Bild "Reeperbahn III" (Archivbild von 2009).
Bild: Christian Bittmann
Hamburg Spielbudenplatz
Neben den alteingesessenen Luden, die in St. Pauli nur einen Laden besitzen, werden die 70er Jahre von den "Nutella-Jungs" und der so genannten "GMBH" beherrscht. Der Name bildet sich aus den Vonamen der Chefs: Gerd, Mischa, Beatle, Harry. Die Mitglieder der GMBH streichen nach eigener Aussage monatlich rund 300.000 D-Mark ein.
Bild: Frank Stange
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"Poussieren" nennt man, wenn neue Mädchen in Klubs und Diskos angesprochen werden. Klaus war der Charmeur der "Nutella-Jungs", er beschaffte neue Frauen. Hier poussiert der "schöne Klaus" Knut Simon, den Autor dieser Zeilen.
Bild: Christian Bittmann
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Lambo-Klaus erklärt: "Die Girls, die für dich an der Mauer stehen, müssen zuallererst mal auf dich persönlich abfahren. Das heißt, du musst gut gebaut sein, geile Klamotten tragen und zeigen, dass du Kohle hast und jemand bist auf dem Kiez."
Bild: Christian Bittmann
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In den 70ern ist auf dem Kiez immer Party – leichte Mädchen, schwere Schlitten. Während die Freier Sparkäfer fahren und Käsebrötchen knabbern, donnern die Luden mit ihrem Hofstaat die sündige Meile rauf, lassen den Schampus ("Puffbrause") und verbleites Superbenzin in Strömen fließen.Bild: Christian Bittmann
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Auf der Reeperbahn glänzen in ihren besten Zeiten Rolls-Royce Silver Shadow, Pontiac Firebird, Mercedes 600, Lamborghini Countach, BMW 635 CSI, Porsche 911 und Ferrari. Bei den Sportwagen gilt die Einsteiger-Hierarchie der "drei C": Capri, Camaro, Corvette.
Bild: Christian Bittmann
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Statussymbol mit Sinn und Zweck: Teure Sportwagen wie der Countach sind bei den Luden mehr als Selbstzweck. Wandert man in den Bau oder braucht schnell Bargeld, gibt es garantierte Festbeträge für die Schlitten.
Bild: Christian Bittmann
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Lustkraftwagen sind der Luden liebstes Spielzeug. Wie kleine Jungs ihre Matchbox untereinander tauschen, so bleiben auch die Schlitten meist auf dem Kiez.Bild: Christian Bittmann
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In den 80ern gerät der Kiez unter Breitreifen: Trikes mit Lederpolstern und Fuchschwanz-Antennen, offene Wrangler mit Motorbooten im Schlepptau wetteifern mit Oldsmobile und "veredelten" Mercedes vor den Treffpunkten der Luden.Bild: Christian Bittmann
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Qualitätssiegel: Wo der Stier am Heck tobt, steckt viel Leistung und Fahrvergnügen unterm Blech. Und Prestige, ganz wichtig auf dem Hamburger Kiez.Bild: Christian Bittmann
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Für AUTO BILD setzte sich Klaus Barkowski nochmal ans Steuer des – geliehenen – Countach und ließ den Zwölfender auf der Reeperbahn wieder richtig brüllen.
Bild: Christian Bittmann
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Nichts verlernt: Barkowski fühlt sich sofort wieder heimisch im Lambo. Sogar sein Hut passt problemlos unter das Dach.
Bild: Christian Bittmann
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Kleiner Stummel, offene Kulisse: Über ein manuelles Fünfgang-Getriebe setzt der Zwölfzylinder seine Kraft in Vortrieb um.Bild: Christian Bittmann
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Das Lenken im Countach bedeutet noch richtig Arbeit. Bei niedrigem Tempo muss kräftig am Volant gezerrt werden, aber je höher die Tachonadel steigt, desto angenehmer wird die sehr direkte Lenkung.Bild: Christian Bittmann
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Ungewöhnlich platziert: Klimaanlage auf der flachen Mittelkonsole.Bild: Christian Bittmann
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Unten knapp, oben großzügig, so mögen es die Luden: Während der Fußraum im Lambo sehr eng geschnitten ist, zeigt sich die Uhrensammlung im Countach extrem ausladend. Auf den ersten Blick ist hier herzlich wenig zu erkennen. Immerhin sind ...
Bild: Christian Bittmann
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... die größten Instrumente auch die wichtigsten: Tachometer und Tourenzähler.Bild: Christian Bittmann
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Aus dem Fotoalbum der "Nutella-Gang": der "schöne Klaus" in seinem 375 PS starken Lamborghini LP400.
Bild: Privat
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Der eigene Stil ist alles: Als ein weiterer Lude im Countach vorfährt, lässt Klaus einen Regenbogen auf seinen Lambo lackieren und ...
Bild: Privat
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... sich einen ebenso gestalteten Lederanzug anfertigen. Auch auf seiner Visitenkarte ist der Countach abgebildet. "Lambo-Klaus" nennen sie ihn jetzt. Er ist wieder unverwechselbar.Bild: Privat
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Heißer Ofen, coole Pose: Klaus Barkowski mit Dienstfahrzeug auf dem Kiez der frühen 80er.Bild: Privat
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Er war der "Fachmann für die Abteilung Stress" der "Nutella-Gang": Thomas Born alias "Karate-Tommy" (gestorben im Mai 2015) liebte seinen Mercedes 500 SEC AMG. In seinen letzten Lebensjahren war Born im Security-Geschäft tätig.
Bild: Christian Bittmann
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"Karate-Tommy" war ein Mann wie ein Schrank, ehemaliger zweifacher Europameister in Karate und Kickboxen, Deutscher Judomeister. Mitte der 70er betreibt der Junge aus bürgerlichem Blankeneser Haus eine Sport- und Karateschule, als die Jungs vom Kiez ihn engagieren.
Bild: Christian Bittmann
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Tommy wird das kraftstrotzende Aushängeschild von "Nutella" und hält durch mal sanfte, mal weniger sanfte Gewalt Widersacher auf Abstand.
Bild: Christian Bittmann
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Anfang der 80er entkommt Born nur knapp dem Tod: Als er 2000 D-Mark Schadenersatz dafür fordert, dass für ihn anschaffende Hure verprügelt wurde, kann er am Treffpunkt noch gerade "Guten Abend" sagen, dann hat er schoneine Kugel im Bauch. Mit einem Sprung durch eine Glastür entkommt er der Schusslinie, zwei Kumpel sterben.
Bild: Christian Bittmann
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"Karate-Tommy" wechselte seine Autos im schnellen Rhythmus. 3.6er Ruf-Porsche 911, Mercedes 500 SEC AMG, einen staatstragenden Mercedes 600 mit Chauffeur und die obligatorische Corvette.
Bild: Christian Bittmann
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In den 80er Jahren sind Razzien in den Klubs zwischen Hafenrand und Reeperbahn an der Tagesordnung – aber die Szene bleibt weitgehend das, was die Beteiligten als "intakt" bezeichnen. Sei es, weil das Faustrecht lange funktioniert, oder weil einflussreiche Beamte selbst in der Szene verkehren – sie gelten als "Zehnprozenter".
Bild: Frank Stange
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Und doch gerät das Gleichgewicht auf dem Kiez in den 80ern aus den Fugen: Im Hafen liegen zeitsparende Containerschiffe, das Privatfernsehen zeigt Softpornos, AIDS macht ängstlich. Freier bleiben aus. Mit Koks versucht der Kiez die Krise zu kontern.
Bild: Frank Stange
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Elf Leichen in drei Jahren – so die Bilanz der Machtkämpfe auf dem Kiez in den frühen 80ern. Als die harten Jungs mehr und mehr selbst dem weißen Puder verfallen, lassen sich die Lieferanten am Ende des Bargelds mit Anteilen an Bordellen bezahlen, die sie letztlich ganz übernehmen.
Bild: Frank Stange
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Den Rest erledigt die Steuerfahndung: "GMBH" und "Nutella" werden zerschlagen, ebenso die "Hells Angels", die bereits weite Teile des Kiez terrorisieren. Heute versuchen die Strippenzieher auf dem Kiez, die weitgehend der Organisierten Kriminialität zugerechnet werden, der Polizei keinen Angriffspunkt zu bieten. Die wilden Jahre auf dem Kiez sind vorbei.
Bild: Frank Stange