Bayern und Italiener müssen irgendwie seelenverwandt sein: Abmessungen, Antriebskonzept, Auftritt – Alfa Romeo Giulia und BMW 3er unterscheiden sich nur in Kleinigkeiten. Am deutlichsten noch in der Optik, bei der die italienische Mittelklasse den bodenständigen Bayern locker abhängt. Vor allem die Nase, das Scudetto, mit dem keck auf die Seite geschobenen Nummernschild lässt das Herz höherschlagen. Che bella! Doch bevor wir ins Schwärmen geraten, ruft uns der Münchner Mitstreiter zur Ordnung. Hier geht es um einen Vergleichstest, um knallharte Fakten und Punkte. Also los. Kann die schöne Giulia womöglich auch mit inneren Werten überzeugen?

Die Giulia verpackt ihre Größe in der schöneren Hülle

Alfa Romeo Giulia BMW 3er
Fast identische Abmessungen: BMW 3er und Alfa Giulia bieten gleich viel Raum zum entspannten Reisen.
Die bis auf wenige Zentimeter identischen Außenmaße führen auch innen zu einem Unentschieden. Selbst vier Erwachsene reisen in beiden Autos entspannt, können alle eine große Reisetasche unterm Heckdeckel verstauen. Und als hätten Alfa und BMW sich abgesprochen, fehlt beiden Limousinen die klappbare Fondlehne. Flexibel geht anders. Also unbedingt das Kreuzchen beim 40:20:40-geteilten Rückenpolster machen (Alfa 250, BMW 390 Euro) – dann klappt's auch mit dem Skiurlaub. Der Weg dorthin stellt die Liebe zu Giulia zumindest für Norddeutsche aber doch auf die Probe. Dass es im Alfa etwas deutlicher knistert und die Spaltmaße nicht ganz so gleichmäßig ausfallen wie im BMW? Schon verziehen. Denn der Alfa wirkt durchaus solide zusammengebaut. Die deutlich zu kurzen Sitzflächen und die mäßige Multimedia-Kompetenz nerven da schon mehr. Also Sportsitze mit ausziehbarer Beinauflage ordern? No, signore. So was fehlt in der Giulia-Preisliste (BMW 550 Euro).

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BMW 3er
BMW 3er
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Kamera
BMW 3er
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Bei der Bedienung hat der Alfa noch Optimierungspotenzial

Alfa Romeo Giulia
Das geht noch viel besser: Bei der Bedienung macht es die Giulia ihrem Piloten unnötig schwer.
Und die Bedienung mit zentralem Dreh-Drück-Knubbel erinnert zwar stark ans sehr gute iDrive, funktioniert aber nicht so flüssig und intuitiv. Wieso schenken sich die Italiener etwa den Zurück-Knopf? Warum funktioniert das Zoomen in der Navikarte nicht direkt durch Drehen am Controller, und vor allem in mehr Stufen? Und wieso fehlt jede Online-Anbindung? Fragen über Fragen, auf die ja vielleicht die nächste Modellpflege eine Antwort liefert. BMW erfüllt solche Wünsche mit dem Navi-Paket ConnectedDrive sofort – verlangt dafür allerdings auch 3400 Euro. An anderer Stelle hat Alfa genau zu BMW rübergeschaut und der Giulia eine ordentliche Portion Dynamik auf die Hauptplatine gebrannt.
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Video: Kommentar Alfa Romeo Giulia (2016)

Comeback von Alfa Romeo

Die Giulia mit dem 2,2-Liter-Diesel leistet mit 180 PS zwar zehn PS weniger als der 320d, geht aber ordentlich vorwärts und lässt sich absolut nicht abschütteln. Begleitet von einem hellen Nageln schiebt sich der Alfa am Anfang sogar ganz leicht vor den BMW, erst ab 150 km/h kann der 3er den Spieß umdrehen – der bassig brummelnde Zweiliter im 320d dreht einfach etwas lockerer aus. Beide Kandidaten schicken die Kraft übrigens über eine Achtstufenautomatik von ZF an die Hinterräder. Und beide erledigen diesen Job präzise und unaufgeregt – nur beim Kick-down lässt sich im Alfa ein feines Rucken spüren, das dem BMW fremd ist. Minimal bleiben die Unterschiede auch beim Durst. Mit 5,6/5,3 Litern (Alfa/BMW) geben beide den Kostverächter.

Ohne ESP lässt sich der BMW auch quer ums Eck scheuchen

BMW 320d
Kann auch quer durch die Kurve: Der BMW 3er braucht ohne ESP eine kundige Hand am Steuer.
Was allerdings weder Alfa noch BMW daran hindert, auf Kurven und Karacho abzufahren. Mit erkennbarer Lust und beruhigender Neutralität wirft sich Giulia ins Rennen und lässt uns genussvoll grinsen. Die Lenkung agiert im ersten Moment zwar etwas zu direkt, um dann leicht diffus fortzusetzen, bringt nach einiger Eingewöhnung aber durchaus Spaß. Am Limit tendiert der Italiener dann zum Untersteuern – das sehr eifrige und nicht abschaltbare ESP verhindert leider, dass der Hinterradantrieb dem knackigen Po ein sportliches Eigenleben einhaucht. Hier dürfte Alfa sich ruhig mehr trauen. Wie so was geht, zeigt BMW. Die direkte und angenehm lineare Lenkung wirkt nur in der Mittellage etwas kippelig, das nach außen drängende Heck hilft engagierten Fahrern ums Eck, und das ESP gibt den diskreten, aber immer hellwachen Aufpasser. Wer ihn per Knopfdruck freigibt, sollte Übersteuern nicht nur vom Hörensagen kennen. Bei aller Dynamik verwöhnt der 3er zusätzlich auch noch mit feinem Komfort – das adaptive Fahrwerk (1100 Euro) hat von Sport bis Spazierfahrt einfach alles drauf.
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Das entscheidende Komfort-Plus kostet bei Alfa 1300 Euro

Alfa Romeo Giulia
Unterlegen: Ohne adaptive Dämpfer kann die Giulia dem BMW beim Komfort nicht das Wasser reichen.
In der Giulia vermissen wir verstellbare Dämpfer – die hätten 1300 Euro extra gekostet. Und so leistet sich der ordentlich abgestimmte Alfa ein paar Schwächen mehr als der BMW. Kurze Kanten nimmt er nicht ganz so geschmeidig, federt etwas unwirsch an. Lange Wellen lassen ihn erst tief eintauchen, um dann ungestüm auszufedern – kein Drama, Gästen mit empfindlichem Magen stößt das aber auf. Und wie steht es mit dem finanziellen Einsatz? Giulia wird knapp Preis-Leistungs-Siegerin – bei vergleichbaren Grundpreisen müssen wir bei ihr weniger Extras addieren. Den mit 43.040 zu 47.060 Euro ordentlichen Preisvorteil verspielt sie mit dem schlechteren Restwert und jährlicher Wartung aber wieder. BMW kann das mit Werkstattbesuchen alle zwei Jahre oder nach Anzeige besser, schwächelt aber bei der Garantie. Gerade mal zwei Jahre trauen die Münchner ihrem 3er, Alfa Romeo vertraut der Giulia doppelt so lange. Da kann Bayern von Italien lernen.

Fazit

Das Ergebnis von klar über 500 Punkten verrät: Mit der Giulia bietet Alfa eine echte Alternative in der Mittelklasse. Dass der Abstand zum BMW so deutlich ausfällt, liegt an kleinen Schwächen und der äußerst mäßigen Konnektivität.