Putins Krieg in der Ukraine hat auch Auswirkungen auf deutsche Autofahrer: Seit mehr als einer Woche steigen die Preise an den Tankstellen steil an. Ein Liter Diesel kostete am Montag (14. März) über 2,30 Euro, Benzin um 2,20 Euro. Shell und andere Ölfirmen wollen in Zukunft kein russisches Erdöl mehr kaufen, auch die USA haben einen Boykott beschlossen. Die Preise für Benzin und Diesel dürften also noch weiter steigen.
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Gibt es Alternativen? Seit Jahren wird über eFuels diskutiert. Dabei handelt es sich um synthetischen Sprit, der mithilfe von Wind- oder Sonnenenergie künstlich und im besten Fall klimaneutral produziert wird. Im Spätsommer 2022 wollen Porsche und Siemens Energy erstmals eFuel herstellen: Im Süden Chiles baut die Siemens-Tochterfirma die Anlage Haru Oni, die aus einem Windgenerator große Mengen Biosprit erzeugen soll.

"Eine eFuels-Zapfsäule wird es nicht geben"

"Wir wollen damit zeigen, dass es geht", erklärt Hermann-Josef Stappen von Porsche. Geplant ist eine Jahresproduktion von 130.000 Litern eFuel. Ob reines, klimaneutrales Benzin bis nach Deutschland gelangt, ist offen. "Es wird auch zukünftig keine eFuels-Zapfsäule an Tankstellen geben", ergänzt er. Sondern: Das Öko-Benzin wird dem konventionellen Sprit beigemischt.
Spritpreistafel
Die Spritpreise für Diesel und Benzin sind im Zuge des Krieges in der Ukraine so stark gestiegen wie noch nie.

Das verlangt die Klimaschutzquote: Per Gesetz ist festgelegt, wie viel Ökokraftstoff dem angebotenen Benzin und Diesel beigemischt werden muss. Seit 2020 sind es sieben Prozent. Die Benzinfirmen müssen also klimaneutrale Kraftstoffe dazugeben – ob sie diese selbst herstellen oder zukaufen, ist egal. Das ist jetzt schon ein gutes Geschäft, weil die Nachfrage stark wächst: Der deutsche Biokraftstoff-Hersteller Verbio mit 800 Mitarbeitern etwa hat Umsatz 2021 im Vergleich zum Vorjahr um rund 17 Prozent gesteigert.

Geringe Produktionsmengen im Vergleich zum Verbrauch

Allerdings sind die Produktionsmengen, die Porsche und Siemens Energy oder auch Verbio jährlich auf den Markt bringen, noch kleine Pflänzchen im Vergleich zum Bedarf: 2019 verbrauchten Pkw und Lieferwagen in Deutschland insgesamt rund 42 Milliarden Liter Diesel und Benzin, hat das Umweltbundesamt errechnet.
Dagegen sind die 130.000 Liter der chilenischen Pilotanlage kaum ein Tropfen. Allerdings soll der Ausstoß bereits 2024 auf 55 Millionen Liter, 2026 auf 550 Millionen Liter erhöht werden. Das wären immerhin rund 1,2 Prozent des Verbrauchs von 2019.
Eine Flasche mit e-Fuel
eFuels sind äußerlich nicht von Kraftstoff aus fossilen Ressourcen zu unterscheiden. Und sie verbrennen genauso.

"Mit der Pilotanlage ist ein Anfang gemacht", sagt Christian Küchen vom Wirtschaftsverband Fuels und Energie. Ziel müsse es sein, Deutschlands gesamte Energieversorgung auf eine breitere Basis zu stellen und dabei auf klimafreundliche Energien zu setzen. "Wir unterstützen daher ausdrücklich den von Klimaminister Habeck angekündigten beschleunigten Ausbau erneuerbarer Energien – einschließlich mehr Ökostrom-Ladesäulen für E-Autos und perspektivisch der Import von grünem Wasserstoff und alternative Kraftstoffen – wie jetzt in Chile", sagt der Chef vom Energie-Verband.

So funktioniert die Herstellung von eFuels

Warum wurde Chile ausgewählt? Das liegt an den guten lokalen Bedingungen: Hier weht an 270 Tagen im Jahr starker, kontinuierlicher Wind aus Richtung Antarktis – perfekt für die Energiegewinnung. Außerdem ist die Region mit im Schnitt zwei Einwohnern pro Quadratkilometer äußerst dünn besiedelt und nicht industrialisiert.
"Wir konkurrieren hier mit niemandem, wir nehmen die Energie also niemandem weg", sagt Porsche-Mitarbeiter Stappen. Neben Siemens und Porsche sind weitere Partner der ortsansässige Energiekonzern Andes Mining & Energy (AME), das chilenische Mineralölunternehmen ENAP und das italienische Energieunternehmen Enel.
Die auf der Südhalbkugel produzierten klimaneutralen Treibstoffe für Verbrennungsmotoren sollen sich in ihren Eigenschaften nicht von herkömmlichem Sprit unterscheiden. "Das ist kein Konzept gegen die Elektromobilität, sondern eine sinnvolle Ergänzung." Michael Steiner, Entwicklungsvorstand bei Porsche, muss derzeit noch Überzeugungsarbeit leisten, wenn er erklärt, warum der schwäbische Sportwagenbauer 20 Millionen Euro in ein Pilotprojekt am anderen Ende der Welt steckt.

Autos mit Benzinmotor bleiben wirtschaftlich

"So können wir die Bestandsflotte erreichen", sagt Steiner. Also die Millionen Autos, die noch Jahre und Jahrzehnte mit Verbrennungsmotoren unterwegs sein werden. Allein in Deutschland waren das zum Jahresanfang 2020 gut 47,5 Millionen Pkw – gegenüber knapp 140.000 E-Autos. Nicht zuletzt hat man dabei natürlich die eigene Ikone im Auge: Zumindest der 911 soll noch möglichst lange nur mit Benzinmotor vom Band laufen – und "sehr lange gefahren werden".
Porsche setzt auf E-Fuels - künstliche Kraftstoffe
Mit synthetischen Kraftstoffen will Porsche auch die Zukunft legendärer Baureihen wie 356 und 911 sichern.

Steiner: "Mit eFuels sind signifikante CO2-Einsparungen möglich." Und damit wäre möglicherweise ein generelles Verbot von Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor vom Tisch. "Wir wollen zeigen, dass sich mit eFuels sogar Hochleistungsmotoren betreiben lassen. Und dass Motorsport möglich ist." Der nächste Schritt ist die Produktion von Designerkraftstoff, der – anders als fossile Raffinate – keine Verunreinigung enthält.

Chiles Süden bietet Windenergie im Überfluss

Wie funktioniert das Verfahren? Für die Herstellung von synthetischen Kraftstoffen wird viel Energie benötigt, vorzugsweise Wind- oder Solarstrom. Damit wird Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff gespalten. Der entstandene Wasserstoff wird mit Kohlendioxid (CO2) verbunden, das unter anderem aus der Luft gewonnen wird. Nach weiteren Schritten und der Beigabe von Additiven entstehen maßgeschneiderte Kraftstoffe, die sauber im Motor verbrennen.
Porsche setzt auf E-Fuels - künstliche Kraftstoffe
Hier ist zu sehen, wo auf der Welt Energie im Überfluss zur Verfügung steht. Auch Chile zählt dazu.
Anders als beim Strom für reine Elektroautos spielt der Transportweg für flüssige eFuels nur eine untergeordnete Rolle. Und bei der Lagerung kann man die bestehende Tankstellen-Logistik Chiles nutzen.

Spritpreise sollen sich bis 2030 angleichen

Was wird der Ökosprit am Ende kosten? Vor zwei Jahren hatte Porsche noch einen Literpreis von zwei bis drei Euro genannt – allerdings vor Steuern. Eine exakte Preisschätzung für den Liter eFuel möchte Stappen jetzt vermeiden. Es könne auch nie einen exakten Verkaufspreis geben, weil Porsche eFuels nicht als eigenständiges Produkt vermarkten wird, so der Porsche-Mitarbeiter.
Man rechne aber damit, "dass die Prozesskosten von klimaneutralem Sprit und demjenigen aus fossilen Ressourcen sich bis zum Ende dieses Jahrzehnts angleichen". Klassischer Diesel und Benzin werden teurer, denn die Vorräte schrumpfen; und der CO2-Preis wird weiter steigen. eFuels hingegen sollten günstiger werden, wenn weitere Anlagen nach dem Vorbild von Haru Oni in Südamerika, Nordafrika oder anderswo den Betrieb aufnehmen und Massenfertigung ermöglichen.
Der Kraftstoff in der Pilotanlage soll anfangs aber vorrangig im Motorsport und bei Kunden-Veranstaltungen der Porsche Experience Center eingesetzt werden. Dann sollen selbst Oldtimer eFuels tanken können.
Nach anfänglicher Skepsis scheint auch in der Politik die Einsicht zu reifen, dass man – bei allem Anreiz für den Kauf von Elektroautos – auch etwas für die Fahrer von Verbrennern tun muss, soll der CO2-Ausstoß tatsächlich rasch signifikant gesenkt werden. Das Bundeswirtschaftsministerium fördert die Anlage in Chile mit acht Millionen Euro.

Von

Roland Wildberg