Elektroautos: Irrtum und Wahrheit

Elektroautos im Faktencheck

Stimmen die Mythen der Elektromobilität?

An Elektroautos scheiden sich die Geister, Gegner streiten mit Befürwortern. Grund genug, eine Reihe von Mythen zur Elektromobilität zu entlarven – oder zu bestätigen!
Wohl wenige Trends polarisieren so sehr wie Elektroautos. Echte Petrolheads lehnen sie grundsätzlich ab, halten den vermeintlichen Hype für grenzenlos übertrieben. Viele Umweltbewusste wiederum feiern die Stromer als Klimaretter, halten sie für die Zukunft schlichtweg für unerlässlich. Und die Wahrheit? Liegt irgendwo dazwischen. Wie so oft, lohnt es sich auch bei E-Autos ein wenig genauer hinzuschauen.

E-Mobilität wichtig für Erreichen der Klimaziele

Volkswagen hat anlässlich seiner Elektro-Offensive mit dem VW ID.3 zwölf Mythen der E-Mobilität gecheckt: Einige wurden widerlegt – oder in einigen Fällen zu widerlegen versucht. Kann sich wirklich keiner Elektroautos leisten? Sind lange Reisen mit einem E-Auto tatsächlich unmöglich? Und sind die Stromer unausweichlich ein Jobkiller? All das (und noch einige mehr) sind Fragen, die entscheidend sein werden für die Entwicklung der Elektromobiliät in Deutschland – und damit auch für das dringend notwendige Erreichen der EU-Klimaziele. AUTO BILD hat den Check gecheckt und aus Lesermails und Diskussionen weitere Antithesen über das E-Auto überprüft. Stimmt's? Oder sind es wirklich nur Stammtischparolen? Die Antworten gibt's in der Bildergalerie und weiter unten im Text!

Elektroautos: Irrtum und Wahrheit

Elektroautos: Irrtum und Wahrheit

"Elektroautos kann sich keiner leisten!"

VW sagt: "Attraktive Elektroautos werden zunehmend erschwinglich." Attraktivität ist bekanntlich Geschmackssache. Aber: Der ADAC fand schon Ende 2018 bei einem Gesamtkostenvergleich (Anschaffung, Kraftstoff, Service, Wartung, Versicherung etc.) heraus, dass einige Elektroautos günstiger sind als adäquate Fahrzeuge mit Verbrennermotor.
Der VW-Hinweis auf staatliche Förderung durch die Kaufprämie stimmt, allerdings nur noch bis Ende 2020, dann wird der Umweltbonus (Stand jetzt) eingestellt. Volkswagen verspricht mit dem ID.3 ein Elektroauto, das genauso viel kosten wird wie ein vergleichbarer Golf TDI. Das wird jedoch realistisch betrachtet frühestens Mitte 2020 auf der Straße fahren. Insgesamt sind bezahlbare E-Autos immer noch Mangelware.

"Es gibt zu wenig Ladestationen!"

VW sagt: "Die Anzahl der Stromladestellen wächst rasant. Schon heute gibt es mehr als 17.400 öffentliche Ladepunkte in Deutschland – und es werden täglich mehr." Stimmt. Und dennoch sind es viel zu wenig. Die EU hielt in einer Stellungnahme von 2013 150.000 Ladestationen für notwendig, um die damals angestrebten eine Million E-Autos realisieren zu können.
Hinzu kommt: Bei der öffentlichen Ladeinfrastruktur liegt nach wie vor einiges im Argen, wie der Ladesäulencheck 2019 von Lichtblick ergab. Immerhin: Rund 70 Prozent aller Ladevorgänge finden zu Hause oder am Arbeitsplatz statt, womit sich das Tanken unterwegs oft erübrigt.

"Das Aufladen dauert zu lange!"

VW sagt, man müsse ein E-Auto gar nicht so häufig schnell aufladen, wie man meint und verweist auf die Schnellladefähigkeit des ID.3. Dieser kann mit maximal 100 bis 125 Kilowatt Leistung geladen werden, das entspricht bei einer 30-minütigen Autobahnpause Strom für mindestens 260 km. Das ist derzeit aber noch weit über Standard und gilt auch nur an Hochgeschwindigkeitssäulen. Eilige dürfte zudem selbst diese Zeit abschrecken.
Generell hängt die Dauer entscheidend von der Ladeleistung des Autos, dem Kabel und der Stromquelle (Gleich- oder Wechselstrom) ab (hier gibt es eine Übersicht für die wichtigsten Elektroautos). Für den Hausgebrauch ist eine Wallbox dringend anzuraten. VW behauptet aber zu Recht, dass die Entwicklung mit großen Schritten voranschreitet und der Umgang mit Elektroautos immer leichter wird.

"Das E-Auto kann nur kurze Distanzen fahren!"

VW sagt: "Das Reichweiten-Problem ist längst gelöst." Das ist maßlos übertrieben. Denn die Elektroautos mit reisetauglicher Reichweite kommen meist von Tesla (unterstützt von eigenen Superchargern) – und die sind mit entsprechender Ausstattung nicht für jeden erschwinglich. Immerhin fahren inzwischen auch Modelle wie der Opel Ampera-e (Foto) und der Hyundai Kona Elektro rund 500 Kilometer (nach Werksangaben) weit, doch auch die sind nicht billig (eine ausführliche Reichweiten-Übersicht finden Sie hier). Das (Schnell-)Ladenetz an deutschen Autobahnen wird sicher zügig weiter wachsen, was die Lage verbessern wird. Jedoch ist Eile geboten.

"E-Autos sind viel zu gefährlich!"

VW sagt: "Elektroautos garantieren ein Höchstmaß an Sicherheit – so wie alle Fahrzeuge, die in Deutschland und Europa zugelassen werden." Stimmt. Die elektrischen Komponenten müssen eigensicher sein, sich also bei einem Defekt vom Stromfluss der Batterie abtrennen. Ein ADAC-Crashtest mit dem VW e-Up zeigte keinen Sicherheitsunterschied zu konventionellen Fahrzeugen. Zwar sorgten Brände mit Tesla-Fahrzeugen mehrmals für Aufsehen, doch sind dies eher spektakuläre Einzelfälle. Brennt ein Elektroauto jedoch mal, sind oft besondere Maßnahmen erforderlich. Auch eine Pannenhilfe ist grundsätzlich gefahrlos möglich, doch sollten Arbeiten an Hochvoltkomponenten unbedingt Fachleuten überlassen werden.

"E-Autos bringen dem Klima nichts!"

VW sagt: "Elektroautos sind ein wichtiger Beitrag zum Klimaschutz. Im Vergleich zu Dieselfahrzeugen oder Benzinern verursachen sie deutlich weniger CO2. Das gilt selbst dann, wenn man die Produktion mit einberechnet." Diese Aussagen sind umstritten. Die Diskussion über die CO2-Bilanz von E-Autos wird extrem kontrovers geführt, wie unter anderem im Mai 2019 eine Ifo-Studie zeigte.
Fest steht: Ein E-Auto trägt durch seine aufwendigere Produktion mit Batterie einen "CO2-Rucksack" mit sich rum, der sich entsprechend der Effizienz und dem Strommix für den Antrieb verringert. Letzter hängt von politischen Entscheidungen bei der Energiewende in Deutschland ab. Immerhin geht Volkswagen voran. Ein Lebenszyklus-Vergleich beim Golf mit mehreren Antriebsarten ergab als CO2-Sieger den Elektro-Golf. Mit dem ID.3 will VW zudem erstmals ein Auto bilanziell komplett CO2-neutral produzieren.

"Zu viele E-Autos überlasten das Stromnetz!"

VW sagt: "Seriöse Studien kommen zu dem Ergebnis, dass selbst Millionen zusätzlicher Elektroautos keine Auswirkungen auf das deutsche Stromnetz hätten." In der Tat dürften E-Autos in dieser Hinsicht kein Problem darstellen. Laut Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) wurden 2018 in ganz Deutschland rund 556,5 Terrawattstunden (556,5 Milliarden Kilowattstunden) Strom verbraucht. Bei einem durchschnittlichen Stromverbrauch von 0,2 kWh pro Kilometer und einer durchschnittlichen Fahrzleistung von 14.000 Kilometern pro Jahr bräuchten eine Million E-Autos im Jahr rund 2,8 Terrawattstunden – also gerade mal 0,5 Prozent des Gesamtbedarfs.
Mehr noch: Das Umweltministerium errechnet in einem Bericht: "Eine vollständig elektrifizierte deutsche Pkw-Flotte von 45 Millionen Fahrzeugen hätte einen Strombedarf von rund 90 Terawattstunden (TWh). Dies entspricht weniger als einem Sechstel der aktuellen Bruttostromerzeugung in Deutschland." Zudem wird hierzulande derzeit mehr Strom produziert als benötigt. Am wichtigsten ist ohnehin wie erwähnt, dass der Strom aus regenerativen Energien stammt und der Anteil beispielsweise von Kohlestrom auf null sinkt.

"Das Elektroauto kostet Jobs!"

Laut VW ist der Fertigungsaufwand bei einem Elektroauto etwa 30 Prozent niedriger als bei einem Verbrenner, was auf lange Sicht Arbeitsplätze kosten könne. Umso wichtiger sei eine gute Marktposition. Volkswagen treibt die Transformation daher aktiv voran und schafft mit seiner E-Offensive langfristige Perspektiven für viele Tausend Mitarbeiter. Das trifft es ziemlich genau. Laut einer Ende 2018 veröffentlichten Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) mit der Gesellschaft für Wirtschaftliche Strukturforschung und dem Bundesinstitut für Berufsbildung wird der Übergang zur Elektromobilität in Deutschland langfristig rund 114.000 Jobs kosten, 83.000 davon im Fahrzeugbau.
Zugleich dürften fast 16.000 neue Jobs geschaffen werden, etwa im Bauwesen, bei Stromversorgern oder in Teilen des Dienstleistungsbereiches und des verarbeitenden Gewerbes. Letztlich jedoch ist angesichts der Globalisierung ein Umdenken auch für deutsche Autobauer unausweichlich, da sie sonst auf wichtigen Märkten wie China den Anschluss verlieren werden.

"Die leisen E-Autos sind eine Gefahr für Fußgänger!"

Da ist was dran – und deshalb gibt es Gegenmaßnahmen. So wird der VW ID.3 bis zu einem Tempo von etwa 30 km/h einen eigenen Sound erzeugen. Und nicht nur er: Seit dem 1. Juli 2019 müssen laut einer EU-Verordnung alle neuen Typen von Elektroautos und Hybridfahrzeugen über ein Acoustic Vehicle Alerting System (AVAS) verfügen, das bis 20 km/h und beim Rückwärtsfahren Fahrzeuggeräusche simuliert. Bei höheren Geschwindigkeiten reichen dann die Abrollgeräusche der Reifen. Einer der Vorreiter auf diesem Gebiet war Nissan mit seinem Konzept IMx zero-emission.

"E-Auto fahren macht keinen Spaß!"

VW widerspricht: "Elektroautos machen Spaß. (...) Wer das Play-Pedal durchdrückt, wird in die Sitze gepresst – fast wie im Flugzeug." Nun ja, übertreiben verdeutlicht. Fakt ist: Elektromotoren verfügen vom Start an über das volle Drehmoment und deshalb über eine Beschleunigung, die Freude bereitet. Das beweist nicht zuletzt der Tesla Model S, der im AUTO BILD-Vergleich zur spurtstärksten Limousine gekürt wurde. Dazu verbessert die meist im Fahrzeugboden eingelassene Batterie die Straßenlage. Ob einem der Motorsound oder die manuelle Schaltung fehlt, muss jeder für sich selbst entscheiden.

"Elektroautos sehen langweilig aus!"

VW räumt ein: "Bislang haben sich Elektroautos sehr unauffällig präsentiert. Den Unterschied zwischen einem e-Golf und einem normalen Golf erkennen zum Beispiel nur Experten." Das gilt für weitere elektrifizierte Volumenmodelle auch. Eigenständige Baureihen wie der BMW i3 sehen alles andere als langweilig aus – was nicht heißt, dass sie jedem gefallen müssen. Viele Studien und künftige Modelle versprechen jedenfalls Besserung, auch die ID-Serie von VW.

"Es gibt nicht genug Rohstoffe!"

VW sagt: "Rohstoffe sind ausreichend vorhanden. Mit den vorhandenen Lithium-Vorkommen ließen sich nach heutigem Stand der Technik bereits Batterien für Milliarden E-Autos produzieren." In der Tat fand das Öko-Institut e.V. Anfang 2019 heraus, dass angesichts der bekannten globalen Reserven für Lithium (16 Millionen Tonnen), Kobalt (7,1 Millionen Tonnen) und Nickel (74 Millionen Tonnen) keine Verknappung dieser Rohstoffe bis 2050 zu erwarten sei, sondern nur zeitlich begrenzte Engpässe für einzelne Rohstoffe. Allerdings ist die Förderung oft mit Umwelt- und sozialen Problemen vor Ort verbunden, wie beispielsweise schlechten Arbeitsbedingungen. Wichtig bei der Rohstofffrage sind auch die Weiterentwicklung der Batterietechnik und eine Erhöhung der Recyclingquote, VW hält langfristig bis zu 97 Prozent für möglich.

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Elektromobilität

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