Auf dem größten VW-Treffen in Deutschland geben Neonazis den Ton an. Echte Autofans fühlen sich zurückgedrängt. Der Verfassungsschutz ist alarmiert!
Neonazis unterwandern die Autotreff-Szene in Deutschland. Vor allem in Ost-Deutschland nutzen die Rechten die Veranstaltungen für die Zurschaustellung ihrer Ideologie und Symbole. Bestes Beispiel ist das diesjährige VW-Pfingsttreffen in Bautzen, das nach Veranstalterangaben 32.000 Leute besuchten.
AUTO BILD begleitete dabei einen dunkelhäutigen Franzosen bei einem Gang über die Veranstaltung. Die Reaktionen vieler Besucher erschrecken: "Ein Schwarzer!", brüllen sie ihm hinterher; "Neger!"; "Allahu akbar", den muslimischen Gebetseinstieg; Affenschreie. Manche lachen ihn aus.
Hoch die Fahne: Die Reichskriegsflagge ist vor allem abends ein gängiges Accessoire.
Auch sonst kann man den rechten Symbolen bei dem Autotreffen nicht entgehen: Kleidung von Thor Steinar, Reichsadler, rechtslastige Autokennzeichen. Auf Flecktarnzelten liegen Handtücher in den alten Reichsfarben Schwarz-Weiß-Rot. Auf der Flaniermeile tragen Teilnehmer T-Shirts mit Eisernem Kreuz und der Inschrift "Gestapo" oder schwarze Kapuzenpullis mit Hassparolen in Frakturschrift. Aus den Lautsprechern in den Autos schallen Lieder von rechtslastigen Bands wie Freiwild und verbotenen Gruppen. Dann kommen die Reichskriegsflaggen. Als Umhang, an den Wagen, vor Zelten. In einem Autokorso fährt ein mattschwarzer T3 Bulli, Aufschrift auf der Frontscheibe: "VW-Crew Sächsische Schweiz".
Von Dach und Pritsche zeigen 15 Mann nach Belieben den Hitlergruß – und einer dabei das Hakenkreuz in seiner Achselhöhle. "Wie selbstverständlich hier strafrechtlich Relevantes zur Schau gestellt wird, ist erschreckend", sagt Michael Nattke, der Nazis im Auftrag der Hilfsorganisation Kulturbüro Sachsen beobachtet. "Hier wollen Neonazis zeigen, dass sie die Kontrolle übernommen haben."
Am Bulli dieser VW-Fans fuhren die Nazi-Autos immer wieder vorbei. Die Gruppe will sich den Spaß trotzdem nicht verderben lassen.
Echte Autofans stehen dem rechten Andrang ratlos gegenüber: "In diesem Jahr ist es mit den Nazis richtig schlimm geworden", sagt ein Autofreund gegenüber AUTO BILD. "Im Partyzelt war die Stimmung schon immer etwas aggressiv, aber dass sie hier auf dem Platz so offen auftreten, ist neu", heißt es an anderer Stelle. "Bei einem Großteil der Besucher scheint das Problembewusstsein zu fehlen, es vielleicht sogar Zustimmung zu geben", sagt Frank Metzger vom Antifaschistischen Pressearchiv. Rassismusforscher Andreas Hieronymus fragt sich, ob es sich um eine zufällige Ansammlung oder eine gezielte Unterwanderung handelt: "Dafür bräuchte man Leute, die für Agitation anfällig sind. Die gibt es hier. Und dazu strategisch denkende Akteure, die versuchen, sie beispielsweise durch bewusst geschickte Agitatoren weiter anzustacheln." Sachsens Verfassungsschutz will den Hinweisen von AUTO BILD jetzt nachgehen.
Die rechte Szene nutzt eine eigene Zahlen-Symbolik: 18 steht zum Beispiel für "Adolf Hitler".
Der Veranstalter glaubt derweil nicht, dass sich Neonazis in großem Stil auf dem Gelände breitmachen: "Wir distanzieren uns von jeglicher Art von rechtsradikalem Gedankengut und würden eine Präsentation, egal in welcher Form, mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln unterbinden", antwortet die Firma Idecon auf Nachfrage. Möglicherweise wissen das nicht alle 130 Ordner. Manche nähren mit Springerstiefeln oder Tätowierungen den Verdacht, dem rechten Rand Kameradschaftsdienst zu leisten. Und während sie lauter Musik oder Lagerfeuern unnachgiebig entgegentreten, bleiben die rechten Symbole unkommentiert. "Wir sind zu wenige. Ich bin schon zufrieden, wenn sie langsam fahren, damit niemand verletzt wird", sagt einer.
Neonazis sickern in die Autotreff-Szene ein – vor allem im Osten, bevorzugt über die historisch belastete Marke VW. Und neuerdings beeinflussen sie die Stimmung auf großen Veranstaltungen, wie hier beim Internationalen VW-Pfingsttreffen 2013 in Bautzen: Einer von der Truppe aus der Sächsischen Schweiz zeigt dem Fotografen demonstrativ Hitlergruß und Hakenkreuz (Tattoo in der Achselhöhle). Beides ist strafbar.
Bild: Sven Krieger
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Hoch die Fahne: Die Reichskriegsflagge ist vor allem abends ein gängiges Accessoire. Die Polizei soll sie in manchen Bundesländern einziehen, weil sie auf Kriegszustand und Kriegsrecht hinweist.
Bild: Sven Krieger
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Geschmackssache: Ein Drag-Racing-Team hat den verwirrenden Namen "Hinten Rechts" gewählt. Andere Besucher des VW-Pfingsttreffens ...
Bild: Sven Krieger
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... tragen die Oberarme im Monster-Look oder ein schlichtes weißes Golf-Shirt vom vergangenen Treffen.
Bild: Sven Krieger
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Schwarz, breit, Kreuz: Richard in seinem aufgemotzten Passat. Er bezeichnet sich nicht als Nazi, ist aber stolz auf sein Land, die Bundesrepublik Deutschland. An seiner Windschutzscheibe ...
Bild: Sven Krieger
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... klebt allerdings eine erfundene Feinstaub-Plakette mit nachempfundenen Reichsadler. Sie soll seinen angejahrten VR6 als "Deutsches Kulturgut" ausweisen. Der Reichsadler als Wappentier in historischen Formen lässt als Einstiegssymbol Raum für Interpretationen und ist deshalb beliebt.
Bild: Sven Krieger
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Früher trug dieser Adler das Hakenkreuz im Eichenkranz, heute ein VW-Zeichen.
Bild: Thomas Ruddies
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Das Gleiche noch einmal auf einer Heckscheibe. Die Abkürzung "VW" wird hier in Fraktur-Schrift dargestellt. Dieser Schrifttyp wird mit der Nazi-Zeit assoziiert.
Bild: Sven Krieger
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"In diesem Jahr ist es mit den Nazis richtig schlimm geworden", klagt Bulli-Fahrer und VW-Fan René (mit Kappe). An Renés Bulli fuhren die Nazi-Autos immer wieder vorbei. Die Gruppe will sich den Spaß trotzdem nicht verderben lassen.
Bild: Sven Krieger
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"Hier soll's doch eigentlich um Autos gehen", sagt Tuning-Fan Pascal. Pascal kennt alle Videos vom 1000-PS-Golf. Er und seine Freundin Anne interessieren sich für die Sprintrennen, ...
Bild: Sven Krieger
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... so wie die Kinder an der Strecke.
Bild: Sven Krieger
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Beim Burn-out-Wettbewerb wird Gas gegeben, bis die Reifen platzen. Das stinkende Spektakel ist ein Höhepunkt des Tages.
Bild: Sven Krieger
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Boxer-Blubbern, Petticoat, Kinderschminken – beim Käfer- und Bulli-Treffen am 1. Mai ("Maikäfertreffen" Hannover) ist die Stimmung immer heiter. Doch wer sucht, entdeckt auch bei diesem Familienfest düstere Symbole. "Wir nehmen mit einem Augenzwinkern Bezug auf die Markengeschichte", behaupten die Betroffenen: Zum Beispiel ...
Bild: Thomas Ruddies
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... mit einer eindeutigen Anspielung mit Reichsfarben und Adler oder ...
Bild: Thomas Ruddies
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... einer Totenkopfminiatur mit Wehrmachtshelm.
Bild: Thomas Ruddies
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Autos unterm Adler: Aufkleber des Bulli-Clubs "Bus Brigade Nord".
Bild: Thomas Ruddies
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Fahne mit VW-Zeichen in einem stilisierten Hakenkreuz.
Springerstiefel und Bomberjacke sind unmodern – die rechte Szene nutzt heute andere Symbole wie Zahlen, Farben, Modeschmuck. Viele sind für sich genommen nicht eindeutig, manches gar von der linken Szene geklaut. Erst die Kombination macht den Nazi. AUTO BILD hat einige Symbole zusammengestellt, zum Beispiel ...
Bild: Sven Krieger
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... Zahlen wie auf diesem Kfz-Kennzeichen: 18/88: "A" ist der erste Buchstabe im Alphabet, "H" der achte. 18 steht für "Adolf Hitler"; 88 für "Heil Hitler" oder, rückwärts durch das Alphabet, für "SS". 1919: "SS", diesmal wieder vorwärts durchs Alphabet. 444: "Deutschland den Deutschen". 14: verweist auf den Buchtitel eines US-Neonazis, der darin zum Rassenkampf aufruft.
Bild: Sven Krieger
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Marken: "Thor Steinar" (im Bild) ist eine klassische Nazi-Marke mit bewusst nordischem Namen. "Troublemaker" heißt übersetzt Krawallmacher. Der Name ist Programm. Die Parole "Sport frei" aus DDR-Zeiten klingt martialisch und wird von einer Firma genutzt, die der Szene zugerechnet wird. Die Kleidung von "Sourkrauts" für Auto-Freaks huldigt dem Stolz auf deutsche Ingenieurkunst. Den motorisierten Rechten gefällt's.
Bild: dpa
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Große Ohrlöcher, sogenannte Tunnel: Das Symbol wurde erst in allerjüngster Zeit aus der linken Szene übernommen. Die Farbe ist wichtig. Schwarz, Weiß, Rot: Die Kombination der alten Reichsfarben adelt im Zweifel alles zum Nazi-Accessoire – egal ob Tunnel-Ohrlöcher, Kleidung, Handtücher oder Klodeckel.
Bild: Sven Krieger
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Eisernes Kreuz: Auch bei Rockern und Hardrock-Fans beliebt, aber wegen der militärischen Verwendung trotzdem martialisch genug.
Bild: Sven Krieger
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Amerikaner finden "Blitzkrieg Racing" witzig. Manche Deutsche auch.
Bild: Thomas Ruddies
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Schrottautos ohne Dach, aber mit Platz für ein Dutzend Leute, bilden am Abend Autokorsos.
Bild: Sven Krieger
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Die Stimmung schwankt zwischen Ausgelassenheit und Aggression.
Bild: Sven Krieger
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Blick auf eine andere Marke: Seit "NSU" in der Öffentlichkeit für den "Nationalsozialistischen Untergrund" steht, müssen sich Fans der Neckarsulmer Auto- und Motorradmarke ständig rechtfertigen. Lesen Sie hier mehr über diskriminierte Auto-Fans!