Carrera GT & Mercedes-Benz SLR McLaren

Porsche Carrera GT & Mercedes SLR McLaren

Duell auf der Nordschleife

Heiligs Blechle ist man versucht zu sagen beim Anblick dieser Schwabenpfeile. Doch Blech ist an diesen Autos Mangelware. Heilig sind sie uns trotzdem, die schwäbischen Supersportwagen.

Keramik und Kohlefaser

Wir Autotester von AUTO BILD TEST & TUNING genießen gewisse Vorzüge. Wir fahren oft Autos, die wir uns privat nicht leisten könnten. Und die kriegen wir sogar noch vor die Tür geliefert. Zu den Nachteilen kommen wir später. In diesem Fall war es ein besonderer Vorzug, die Autos nicht vor die Tür, sondern in die Eifel gebracht zu bekommen. Genauer: zum Nürburgring. Wo sich bei Fahrern wie bei Autos die Spreu vom Weizen trennt. Und wo sich auf 20 Nordschleifen-Kilometern kristallklar erfahren lässt, was ein Auto wirklich kann.

Bei diesen beiden sind wir sehr optimistisch. Beide kosten jeweils weit über 400.000 Euro – und dafür kann man schon was verlangen. Zum Beispiel ein Kohlefaser-Chassis, 612 PS, zehn Zylinder und eine Tachoskala, die bis 380 reicht. Ursprünglich für den Einsatz in Le Mans konzipiert, soll der Porsche Carrera GT jetzt auf der Straße dokumentieren, dass der Sportgeist Zuffenhausen noch nicht ganz verlassen hat.

Diese Demonstration hätten die Nachbarn aus Untertürkheim gar nicht nötig, schließlich misst sich Mercedes-Benz in Formel 1 und DTM. Doch einen Mythos wie das Kürzel SLR wollte der Konzern ebenso wenig links liegen lassen wie die potenziellen Kunden, denen ein AMG SL zu profan ist. Also schuf Mercedes zusammen mit F1-Partner McLaren einen neuen SLR. Prinzipiell ist er ähnlich gebaut wie der GT: Keramik und Kohlefaser, so weit das Auge reicht. Altmodisches Blech muss man mit der Lupe suchen. Acht Zylinder mit Kompressor-Aufladung sind gut für 626 PS – eine sehr schöne Zahl.

Gewaltiger, ellenlanger Vorbau

Über die Ästhetik der Formen wollen wir nicht urteilen, allenfalls den fundamentalen optischen Unterschied vermitteln, der sich nach dem Entfernen der edlen Überzieher (Porsche: Satin-Imitat, Mercedes-Benz: Biber-Frottee) aufdrängt: Geradezu schlicht gibt sich der Porsche, umso gewaltiger der Mercedes. Man mag kaum glauben, dass der SLR nur vier Zentimeter länger und zwei Zentimeter breiter ist als der GT, was nicht zuletzt an den unterschiedlichen Mittelmotor-Konzepten liegt.

Während der Motor beim Porsche nach klassischer Rennwagenmanier vor der Hinterachse liegt, wohnt das Triebwerk des Mercedes hinter der Vorderachse und sorgt so für einen ellenlangen Vorbau, der dem Betrachter den Atem raubt – und dem Fahrer die Übersicht. Ansonsten stellt sich im SLR nach dem Überwinden der breiten Schweller durchaus ein "Willkommen zu Hause"-Gefühl ein: Der im britischen Woking gebaute McLaren-Mercedes hält sich an die Prinzipien Daimler'scher Innenarchitektur.

Selbst an luxuriöser Ausstattung herrscht kein Mangel: Vom Telefon bis zur Klimaautomatik, vom Multifunktionslenkrad bis zur Audio-Anlage mit Navigationssystem ist alles serienmäßig an Bord – und frisst den Gewichtsvorteil der Kohlefaser-Karosse wieder auf. Nur die knapp geschnittenen Sitze, der pompöse Schriftzug auf der Mittelkonsole und der von einer albernen Klappe verdeckte Anlasserknopf wirken im ansonsten vertrauten Umfeld fremd.

Lang gestrecktes Hinterteil

Den zentralen Hingucker des Porsche bildet dagegen das lang gestreckte Hinterteil. Und hier vor allem die beiden Hutzen aus gelochtem Edelstahl, die an das Scherblatt eines Elektrorasierers erinnern und einen diffusen Blick in den herrlich gestylten Motorraum ermöglichen. Im Cockpit des GT geht es puristisch zu: Enge, nur längs verstellbare Rennschalen, eine karge Kollektion von Schaltern und die imposant dastehenden Pedale sorgen für mehr als nur einen Hauch von Rennatmosphäre.

Als bizarrer Akzent auf der Magnesium-Mittelkonsole erweist sich der hölzerne Schaltknopf, der an den legendären 917 erinnern soll – Le Mans lässt grüßen. Auch beim Anlassen! Einen solchen Sound hört man sonst nur auf der Rennstrecke: heiser, hektisch und verdammt laut. Schon im Leerlauf hört das Publikum hingerissen hin – und beim Gasgeben treten einem die Tränen in die Ohren, bildlich gesprochen. Ähnlich ist es beim SLR, wenn auch ganz anders: Dumpf und satt grollt es aus den Sidepipes, zu Gehör kommt die Symphonie des dicken Achtzylinders, vorgetragen von den Affalterbacher Philharmonikern.

Womit wir endlich beim Fahren wären. SLR-Automatik-Wählhebel auf "D" – und los. Was dann kommt, lässt sich kaum beschreiben. Nicht enden wollender Schub, untermalt von einem fast schon obszönen Schmettern – so ähnlich muss sich ein F16-Pilot beim Katapultstart vom Flugzeugträger fühlen. Mit einem Unterschied: Er muss nicht schon nach 800 Metern wieder bremsen. Und genau da, beim Ankern vor der Hohenrain-Schikane, kommt ein Hauch von Irritation auf. Nicht etwa wegen mangelnder Verzügerung, sondern wegen der Gefühlskälte im Pedal: Ein exakter Druckpunkt der SBC-Bremse lässt sich auch im weiteren Verlauf der Runde nicht ermitteln.

Ausstattung und Preise

Dann das nächste Aha-Erlebnis: Im Links-rechts-links-Geschlängel der Hatzenbach fallen Orientierung und Richtungswechsel schwerer als sonst. Die lange Haube erleichtert das Anpeilen der Ideallinie nicht gerade – und sein Übergewicht kann der SLR zumindest in Wechselkurven nicht verhehlen. Wer mit ihm richtig schnell sein will, muss schon ordentlich am Volant wuchten. Und sollte zumindest am Anfang vor den besonders kritischen Streckenteilen auf den Tacho schauen. Denn die Beschleunigung findet trotz der gewichtigen Ausstattung im Zeitraffer statt, selbst nach kurzen Vollgaspassagen ist der Briten-Benz dramatisch schneller als gefühlt.

Dasselbe lässt sich auch über den Carrera GT sagen, der mit noch besserem Leistungsgewicht (2,4 Kilo pro PS) aufwartet. Trotzdem fühlt er sich ganz anders an. Es beginnt bei der Keramik-Rennkupplung, die beim Einkuppeln viel Gefühl in den Zehen erfordert, und setzt sich fort mit der völlig anderen Motorcharakteristik. Weniger Drehmoment bei höherer Drehzahl sorgt für eine weniger schlagartige und besser kontrollierbare Leistungsabgabe.

Sein Gewichtsvorteil von 260 Kilo schließlich macht ihn deutlich agiler als den SLR: spontanes Einlenken, blitzartige Reaktionen auf Lenkkorrekturen und perfekt zu dosierender Bremsdruck. Das einzige Problem bildet die Schaltung: Sie liegt zwar gut zur Hand, erfordert aber mit ihren extrem dicht nebeneinander liegenden Schaltgassen viel Feingefühl.

Testwerte im Vergleich

Höchst sensibel muss denn auch die Frage aller Fragen beantwortet werden: Wie schnell sind sie denn nun? Über unsere im Rahmen des Publikumsverkehrs gefahrenen Zeiten möchten wir wegen mangelnder Aussagekraft schweigen (knapp unter acht Minuten...). Recht nahe am Limit liegen dagegen die Werte, die Walter Röhrl mit dem Porsche und Klaus Ludwig mit dem Mercedes während der Erprobung fuhren und die ebenso inoffiziell wie aussagekräftig sind: Ludwig schaffte mit dem SLR imponierende 7.40 Minuten – und Röhrl drosch den Carrera GT in kaum vorstellbaren 7.28 um den Kurs.

Respekt vor Männern, die das schaffen, aber auch vor den Leuten, die diese Autos gebaut haben – so kommen wir zum angekündigten Nachteil für den Autotester. Denn wen soll man zum Verlierer erklären, wenn sich Hunderte von hoch bezahlten Ingenieuren jahrelang den Kopf zerbrochen haben, um den nach ihrer Meinung ultimativen Sportwagen zu bauen?

Beide Kandidaten sind auf ihre Art imposante Monumente der Automobiltechnik – der eine mit Qualitäten für die Langstrecke, der andere konsequent auf Rennstrecke gepolt. Nur ihre Taufpaten haben das Thema verfehlt, beide Autos tragen die falschen Namen: Der Ehrentitel SLR (für: sportlich, leicht und Rennsport) passt viel besser zum Porsche – und der Mercedes ist der wahre Gran Turismo im eigentlichen Sinn des Gattungsbegriffs. Alle anderen Fragen sollten Sie bitte im Gespräch mit Ihrem Banker oder der Erbtante klären...

Technische Daten und Fazit

Fazit Sagen wir es mal so: Sie wohnen im Dunstkreis des Nürburgrings oder in einer anderen dünn besiedelten, aber kurvenreichen Gegend. Sie trainieren fürs Triathlon, wenn andere zum Golfen gehen, stehen selten im Stau und wollten sich im Auto schon immer fühlen wie in Le Mans. Dann ist der Carrera GT Ihr Auto. Lassen Sie Ihre Frau zu Hause, mehr Renn-Feeling auf öffentlichen Straßen ist auf legalem Weg nicht möglich.

Allen anderen empfehlen wir den SLR: Er macht optisch mehr her, ist in der Spitze noch einen Hauch schneller als der Porsche, bietet mehr Komfort und ist dank Kofferraum sogar kurzurlaubstauglich. Sie können Ihre Frau mitnehmen, denn er fährt sich wie ein Mercedes-Benz und nicht wie ein Rennwagen. Daran ändert auch der Name nichts.

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