Wer ein E-Auto fährt und eine Wallbox zu Hause im Carport hat, konnte bislang über die zuletzt gestiegenen Benzin- und Dieselpreise lächeln. Wie eine AUTO BILD-Kostenanalyse bei neun Elektroautos zeigt, sind die Stromer noch vergleichsweise günstig unterwegs: Bei Skoda Enyaq, VW ID.4 und Opel Mokka-e etwa reicht die Spanne von 6,32 Euro bis 8,76 Euro Stromkosten pro 100 km.
Doch seitdem die Strompreise nachziehen, droht der Kostenvorteil des Elektroautos durch günstige Energie sich in Luft aufzulösen. Nun kommen deutliche Kostensteigerungen auf E-Autofahrer zu!

Welche Faktoren die Strompreise verteuern

Drei Faktoren sind für den Strompreis ausschlaggebend: Es sind neben den Kosten für Produktion und Vertrieb noch das Netzentgelt sowie Steuern und Abgaben auf den Strom. Die beiden ersteren steigen auf Sicht, während der Staat die Steuern und Abgaben beeinflussen kann. Das tat er zuletzt durch Wegfall der EEG-Umlage zum 1. Juli, die zuletzt etwa 3,7 Cent pro Kilowattstunde betrug und jetzt aus Steuermitteln bestritten wird. 

Wie wirkt sich der Großhandelspreis aus?

Der Großhandelspreise für Strom, der an der Leipziger Strombörse EEX gehandelt wird, sprang Anfang Juli 2022 zur Lieferung 2023 auf ein Rekordhoch von 319 Euro pro Megawattstunde. Das entspricht einer Steigerung binnen Jahresfrist von mehr als 310 Prozent! Auf die Kilowattstunde berechnet, ergab sich im Juli 2022 ein Preis von mehr als 31 Cent je Kilowattstunde – so hoch war 2021 der Verbraucherpreis, als der Preis inklusive aller Entgelte und Abgaben! Die würden künftig noch obendrauf kommen.
So kostete die Kilowattstunde im Großhandel Mitte Juni 2022 noch 22 Cent. Bei der jüngsten Preiserhöhung fällt damit sogar der Wegfall der EEG-Zulage nicht mehr ins Gewicht.
Schon im Verlauf des ersten Halbjahrs 2022 hatte sich der Strompreis für Haushalte in Deutschland stark erhöht, er betrug bereits im Juni laut Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft 37,14 Cent.
Auf E-Autofahrer kommt demzufolge eine Welle von Kostensteigerungen zu: Für Juni bis August haben Versorger in 435 Fällen die Preise erhöht oder Erhöhungen angekündigt.
Betroffen von den Preiserhöhungen im Sommer sind rund 6,1 Millionen Haushalte. Im Durchschnitt betragen die Preiserhöhungen 22,6 Prozent und betreffen rund 7,7 Millionen Haushalte.

Wie die Berechnung der Merit Order den Strompreis verteuern dürfte

Strom Tankstellen - Kohlekraftwerk
Mit verstromter Kohle lassen sich E-Autos nur lokal emissionsfrei betreiben, aber Kohle ist günstiger als Gas.
Neben den Beschaffungskosten könnte der steigende Gaspreis indirekt die Strompreise nach oben ziehen. Das liegt an der Preisberechnungsmethode, die der Preisbildung in Leipzig zugrunde liegt, und Merit Order genannt wird. Danach richtet sich der Strompreis nach den Erzeugerkosten des Strompreises, der zuletzt ins Netz eingespeist wird. Am günstigsten ist Elektrizität aus erneuerbarer Energie (Sonne und Wind sind gratis). Teurer dagegen ist Atomkraft, noch teurer Kohlestrom und am teuersten kommt Gas. 

Welche Rolle die Atomkraftwerke und die Dunkelflaute spielen

Nun werden nach heutigem Stand die verbliebenen drei Atomkraftwerke in Deutschland Ende des Jahres abgeschaltet. Auch sinkt zum Jahresende die Strommenge, die aus Photovoltaik und Windenergie stammt, im Winter kommt traditionell die sogenannte Dunkelflaute, denn es weht weniger Wind, die Tage sind kürzer, also scheint weniger Sonne. In dieser Zeit dürfte bei starker Nachfrage vermehrt Gas verstromt werden, als letzte und teuerste Stromquelle. Gerade das Gas wird knapper und teurer: wegen der Russland-Krise wird dieser Energieträger auf Sicht im Preis weiter zulegen.
Somit verteuert der Gaspreis durch den Merit-Order-Effekt den Strompreis, denn der Energieerzeuger mit den höchsten Produktionskosten bestimmt letzten Endes den Strompreis. Der Energieexperte Jürgen Karl von der Universität Erlangen-Nürnberg geht von einem Plus von 8 Cent pro kWh aus, das wäre beim aktuellen Strompreis eine Steigerung von einem Viertel bis zu einem Drittel, sagte er "Tagesschau.de". Keine allzu guten Aussichten für E-Autofahrer!

Das sind die besten Elektroautos

Ausgewählte Produkte in tabellarischer Übersicht
BMW iX
UVP ab 77.300 EUR, Ersparnis: bis zu 13.386  EUR
Kia EV6
UVP ab 44.990 EUR, Ersparnis: bis zu 14.069 EUR / im Leasing schon ab 274  EUR
Mercedes EQS
UVP ab 97.807 EUR, Ersparnis: bis zu 6152  EUR
Hyundai Ioniq 5
UVP ab 41.900 EUR, Ersparnis: bis zu 12.280 EUR / im Leasing schon ab 234  EUR
Audi Q4 e-tron
UVP ab 41.900 EUR, Ersparnis: bis zu 12.420 EUR / Leasing-Bestpreis: 89  EUR
Skoda Enyaq iV
UVP ab 34.600 EUR, Ersparnis: bis zu 11.584 EUR / Leasing-Bestpreis 124  EUR
Mazda MX-30
UVP ab 34.490 EUR, Ersparnis: bis zu 13.035 EUR / im Leasing schon ab 90  EUR
Smart EQ fortwo
UVP ab 21.940 EUR, Ersparnis: bis zu 8240 EUR / im Leasing schon ab 77  EUR
Tesla Model 3
UVP ab 46.560 EUR; Ersparnis: bis zu 7975 EUR / Leasing-Bestpreis 289 ,00 EUR
Opel Corsa-e
UVP ab 30.400 EUR; Ersparnis: bis zu 11.920 ,00 EUR
Volvo XC40 Recharge
UVP ab 48.650 EUR; Ersparnis: bis zu 9570 ,00 EUR

Werden die Energiekosten für E-Autos bald teurer als die für Verbrenner?

Das kommt stark auf die erwarteten Preissteigerungen an, die Verfügbarkeit von günstigem Strom und es hängt wie beschrieben auch vom Gaspreis ab. Auch die Kosten für Diesel zum Benzin dürften weiter anziehen: Denn jedes Jahr steigt auch die CO2-Abgabe pro ausgestoßener Tonne Klimagas.
Kurzer Blick zurück: Laut einer Auswertung des Vergleichsportals Verivox waren E-Autos im März 2022 in Bezug auf die Energiekosten noch um bis zu 60 Prozent günstiger als Verbrenner. Zugrunde gelegt wurde ein durchschnittlicher Stromverbrauch für E-Autos von 19 kWh auf 100 km. Damit ergeben sich Kosten von 7,06 Euro pro 100 km.
Ein Benziner mit einem durchschnittlichen Verbrauch von 7,7 Liter E10 auf 100 km kostet aktuell dagegen 14,17 Euro – also noch rund doppelt so viel. Reichen die Stromversorger jedoch die Preissteigerungen 1:1 weiter, würden 100 km im Elektroauto bald 21 Euro kosten. Allerdings fällt Ende August der Tankrabatt für Benzin und Diesel, damit dürften die Spritpreise wieder steigen und das Autofahren im Verbrenner ebenfalls deutlich verteuern. 
Im April 2022 betrugen die Preise an Wechselstrom-Ladesäulen des Großanbieters EnBW bereits 38 Cent pro kWh. Schnellladen ist zumeist teurer, hier kostete zu Jahresbeginn bei EnBW die Kilowattstunde 48 Cent. (So funktioniert das schnelle Laden von E-Autos)
Andere Betreiber verlangen mehr; so berechnet E.ON 39 Cent fürs Wechselstromladen und 49 Cent fürs Laden mit Gleichstrom. Einzelne Anbieter wie zum Beispiel Hamburg Energie haben bereits im Juni angekündigt, die Preise um mehr als 60 Prozent zu erhöhen.

Welche Pläne haben die Ladesäulen-Anbieter zum Steigern der Preise

"Die derzeitig steigenden Energiepreise gehen an Ladestromanbietern nicht spurlos vorbei. Und auch Ionity beobachtet die Entwicklung auf den Energiemärkten in allen europäischen Ländern weiterhin sehr genau", sagt eine Unternehmenssprecherin gegenüber AUTO BILD. Zum aktuellen Zeitpunkt sei jedoch keine Preiserhöhung vorgesehen.
Auch EnBW will noch abwarten: "Wir haben aktuell keine Anpassung unserer Ladetarife geplant", erklärte eine Sprecherin. Selbst im aktuellen Marktumfeld hätte EnBW, im Gegensatz zu vielen anderen Marktteilnehmern, die Spezialtarife für Elektroautofahrer stabil gehalten – auch für das Laden an Ladepunkten anderer Betreiber.
Allerdings: "Inwiefern dies über das laufende Jahr Bestand haben kann, ist mit Blick auf die aktuelle hochdynamische Lage an den Energiemärkten nicht vorhersehbar."

Was bringt die mittelfristige Zukunft für die Strompreise?

Die Aussichten sind derzeit schwer abzuschätzen: Heute bezieht Deutschland rund 50 Prozent seines Stroms aus erneuerbaren Energiequellen. Aktuell hat der Bundestag beschlossen, dass dieser Anteil auf 80 Prozent ausgebaut werden soll. Das wird allerdings frühestens 2030 der Fall sein.
Zugleich sollen bis zu diesem Zeitpunkt bis zu zehn Millionen Elektroautos neu zugelassen werden. Das heißt: Der Stromhunger im Verkehrssektor wächst ebenfalls. Meist steigen mit der Nachfrage auch die Preise.

Von

Roland Wildberg