Wer ein E-Auto fährt und eine Wallbox zu Hause hat, hat angesichts steigender Benzin- und Dieselpreise bislang noch gut lachen. Das zeigt unter anderem eine AUTO BILD-Kostenanalyse bei neun Elektroautos, nach der die Stromer auf 100 gefahrene Kilometer noch vergleichsweise günstig unterwegs sind.
Doch der Kostenvorteil des Elektroautos könnte schon bald der Vergangenheit angehören. Ein Hauptgrund: die steigenden Strompreise. Eine neue Studie vom Center Automotive Research (CAR) prognostiziert bereits für 2023 die Umkehr der Kräfteverhältnisse.

Die zurzeit besten E-Autos

Ausgewählte Produkte in tabellarischer Übersicht
Audi Q4 e-tron
UVP ab 41.900 EUR, Ersparnis: bis zu 12.420 EUR / Leasing-Bestpreis: 89  EUR
BMW iX
UVP ab 77.300 EUR, Ersparnis: bis zu 13.386  EUR
Hyundai Ioniq 5
UVP ab 41.900 EUR, Ersparnis: bis zu 12.280 EUR / im Leasing schon ab 234  EUR
Kia Niro EV
UVP ab 47.590 EUR, Ersparnis bis zu 11.164  EUR
Kia EV6
UVP ab 44.990 EUR, Ersparnis: bis zu 14.069 EUR / im Leasing schon ab 274  EUR
Mazda MX-30
UVP ab 34.490 EUR, Ersparnis: bis zu 13.035 EUR / im Leasing schon ab 90  EUR
Mercedes EQS
UVP ab 97.807 EUR, Ersparnis: bis zu 6152  EUR
Opel Corsa-e
UVP ab 30.400 EUR; Ersparnis: bis zu 11.920 ,00 EUR
Skoda Enyaq iV
UVP ab 34.600 EUR, Ersparnis: bis zu 11.584 EUR / Leasing-Bestpreis 124  EUR
Smart EQ fortwo
UVP ab 21.940 EUR, Ersparnis: bis zu 8240 EUR / im Leasing schon ab 77  EUR
Tesla Model 3
UVP ab 46.560 EUR; Ersparnis: bis zu 7975 EUR / Leasing-Bestpreis 289 ,00 EUR
Toyota bZ4X
UVP ab 47.490 EUR; Ersparnis: bis zu 10.520 ,00 EUR
Volvo XC40 Recharge
UVP ab 48.650 EUR; Ersparnis: bis zu 9570 ,00 EUR
Die Untersuchung stellt eine Kostenanalyse für drei Elektroautos (500 Fiat e, Opel Mokka-e Elegance und Tesla Model 3) an und stellt sie drei adäquaten Verbrennermodellen (Fiat 500 Hyb Dolcevita, Opel Mokka Elegance und BMW 3er Limousine) gegenüber. Dabei bezieht sie auch den ab 2023 schrumpfenden Umweltbonus für Elektromobilität mit ein. Das entstehende Defizit bei der Kaufprämie – umgerechnet auf drei Jahre – wirkt sich ebenfalls maßgeblich auf die errechneten monatlichen Kosten aus.
Der CAR-Studie zufolge sind die drei Benziner bei einem angenommenen Stromtarif von 50 Cent pro Kilowattstunde (kWh) Hausstrom und einem Benzinpreis von 1,87 Euro pro Liter mit 631 Euro gegenüber den Elektroautos (733) gut 70 Euro im Vorteil. Insgesamt liegen die Elektroautos in zehn von zwölf entworfenen Szenarien vorn.

Ergebnisübersicht Szenarien

Szenario 1
Szenario 2
Szenario 3
Szenario 4
Szenario 5
Szenario 6
Abzweigung
Abzweigung
Abzweigung
BEV Mittelwert (2022)
Abzweigung
Abzweigung
BEV Mittelwert (2023)
Abzweigung
Abzweigung
Benzin Mittelwert
Abzweigung
Abzweigung
Vorteil Verbrenner (2022)
Abzweigung
Abzweigung
Vorteil Verbrenner (2023)
Abzweigung
Strom 0,32 € / Sprit 1,87 €
596 €
665 €
631 €
-36 €
34 €
Strom 0,50 € / Sprit 1,87 €
633 €
703 €
631 €
2 €
71 €
Strom 0,75 € / Sprit 1,87 €
685 €
755 €
631 €
54 €
123 €
Strom 0,32 € / Sprit 1,55 €
596 €
655 €
607 €
-12 €
58 €
Strom 0,50 € / Sprit 1,55 €
633 €
703 €
607 €
26 €
95 €
Strom 0,75 € / Sprit 1,55 €
685 €
755 €
607 €
78 €
147 €

Die Forscher verglichen dabei die Full-Service-Monats-Leasingkosten plus Treibstoff plus Anschaffung der Verbrenner mit monatlichen Abo-Raten plus Stromkosten plus Anschaffung der Stromer. Dabei gingen die Forscher von 15.000 Kilometern Laufleistung aus. Da viele beschlossene Strompreiserhöhungen noch nicht bei den Haushalten bzw. den Wallboxen und Ladesäulen angekommen seien, sei eine weitere Verteuerung des Ladestroms anzunehmen, so die CAR-Experten.

Das kündigen die Stromversorger an

Das Vergleichsportal Verivox kalkuliert regelmäßig die Tarife für Privathaushalte. Ende August 2022 betrug der Strompreis pro Kilowattstunde 41,98 Cent (bei einem Jahresverbrauch von 4000 kWh). Noch im Juli lag der Durchschnittspreis laut halbjährlicher Analyse des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) bei 37,3 Cent. Für 2023 erwartet Verivox einen durchschnittlichen Strompreis von 0,45 Euro pro kWh – oder mehr.
Auf die Frage nach einer Preisgarantie reagieren die großen Stromversorger ausweichend. "Eine Anpassung der Ladetarife ist aktuell nicht geplant", antwortet EnBW Ende August 2022 auf Anfrage von AUTO BILD. Selbstverständlich beobachte man aber die Entwicklungen an den Energiemärkten sehr genau. "Die hohe Dynamik an diesen macht eine Prognose bis zum Ende des Jahres nicht möglich. Da bitten wir um Ihr Verständnis", so der EnBW-Sprecher. Allerdings war erst Anfang August eine Preiserhöhung für EnBW-Haushaltsstrom im Grundversorgungstarif um 31,1 Prozent oder 10,02 Cent/kWh auf 37,31 Cent/kWh zum 1. Oktober 2022 bekannt geworden.
IONITY Ladestation
Das Schnelllade-Netzwerk Ionity ist aktuell mit 79 Cent pro kWh für markenfremde Ladende besonders teuer. Es ist entlang des Autobahnnetzes in ganz Europa angelegt.

Ähnlich ist es beim Schnelllade-Netzbetreiber Ionity. "Die derzeitig steigenden Energiepreise gehen an Ladestromanbietern nicht spurlos vorbei. Und auch Ionity beobachtet die Entwicklung auf den Energiemärkten in allen europäischen Ländern weiterhin sehr genau", sagt eine Unternehmenssprecherin gegenüber AUTO BILD. Zum aktuellen Zeitpunkt sei jedoch keine Preiserhöhung vorgesehen, beteuert auch Ionity.

Allego läutet die nächste Preiserhöhung ein

Auch der größte Ladesäulen-Betreiber E.ON mag weitere Preiserhöhungen nicht ausschließen: "Die Lage auf den Energiemärkten ist derzeit historisch einzigartig, und wir beobachten sie natürlich eng." Bislang habe man die Preise an den Ladestationen stabil gehalten. "Wir bitten aber um Verständnis, dass wir aufgrund der Energiepreisentwicklung keine Aussagen für die nähere Zukunft treffen können."
Und die Preiserhöhungen gehen munter weiter: Am 1. September machte Allego sein Ladenetz teurer. Der niederländische Betreiber erhöhte schon zum zweiten Mal in diesem Jahr die Preise. Seitdem kostet langsames Wechselstrom-Laden 47 Cent, ein Sprung um zehn Prozent. Schnelles AC-Laden wird nun mit 70 statt bisher 65 Cent pro kWh berechnet.

So teuer wird DC-Laden an Schnellladesäulen

Allego berechnet seit dem 1. September für Gleichstrom an Schnellladesäulen 75 Cent pro Kilowattstunde (vorher 68 Cent). Damit schließt der holländische Betreiber, drittgrößter Anbieter in Deutschland und mit mehr als 28.000 Stationen größter in Europa, zum teuren Ionity-Schnellladenetzwerk auf. Dort kostet die Kilowattstunde 79 Cent. Allerdings kann mit einer Ladekarte, dem Ionity Passport für 17,99 Euro monatlich, der Preis auf 35 Cent gedrückt werden.
Beim größten deutschen Anbieter EnBW kostet Schnellladen 55 Cent pro kWh, E.ON berechnet 53 Cent. Der Anbieter EWE verlangt 52 Cent. Beim regionalen Anbieter Maingau Energie kostet das DC-Schnellladen für Zaungäste sogar 59 Cent pro kWh. Auch Shell Recharge berechnet 59 Cent für die Kilowattstunde an Gleichstrom-Schnellladesäulen.
Tesla Insurance
Tesla hat im Frühjahr sein Supercharger-Netzwerk testweise an 79 Standorten in Europa auch für Fremdmarken geöffnet.

Tesla hat sein Supercharger-Netzwerk probeweise für Fremdkunden geöffnet. Der Grundpreis beträgt hier für Tesla-Fahrer 70 Cent, für Fremdmarkennutzer 81 Cent pro kWh (Stand: 21. September 2022). Ähnlich wie bei Ionity gibt es fürm sie auch einen Stammkunden-Tarif in Höhe von 55 Cent, dafür wird aber eine monatliche Grundgebühr von 12,99 Euro fällig.

So teuer wird normales AC-Laden bis 50 kW

Öffentliches Laden mit 22 bis 50 kW, also Wechselstrom-Laden, kostet aktuell bei EnBW 45 Cent pro kWh. EON berechnet an Wechselstrom-Ladesäulen 39 Cent, Allego kassiert zwischen 47 und 70 Cent (je nach Ladetempo), Maingau Energie 49 Cent. An einer regionalen SachsenEnergie-Ladesäule in Dresden dagegen kostet AC-Laden derzeit 39 Cent, der norddeutsche Anbieter EWE berechnet 42 Cent.

Welche Faktoren erhöhen die Strompreise?

Drei Faktoren sind für den Strompreis ausschlaggebend: Es sind neben den Kosten für Produktion und Vertrieb noch das Netzentgelt sowie Steuern und Abgaben auf den Strom. Die beiden ersteren Faktoren steigen auf Sicht, während der Staat die Steuern und Abgaben beeinflussen kann. Das tat er zuletzt durch Wegfall der EEG-Umlage zum 1. Juli, die zuletzt etwa 3,7 Cent pro Kilowattstunde betrug und jetzt aus Steuermitteln bestritten wird. 

Wie wirkt sich der Großhandelspreis aus?

Der Großhandelspreis für Strom, der an der Leipziger Strombörse EEX gehandelt wird, sprang Anfang Juli 2022 zur Lieferung 2023 auf ein Rekordhoch von 319 Euro pro Megawattstunde. Das entspricht einer Steigerung binnen Jahresfrist von mehr als 310 Prozent! Auf die Kilowattstunde berechnet ergab das im Juli 2022 einen Preis von mehr als 31 Cent – so hoch war 2021 der Verbraucherpreis. Bedenkt man, dass auf den Großhandelspreis noch Steuern und Abgaben aufgeschlagen werden, verdeutlicht sich die gewaltige Verteuerung.

Elektro Ladestation Ladesäule
Die Preise für öffentliches Laden steigen derzeit rapide: Bei EnBW zum Beispiel von 38 Cent auf 45 Cent pro Kilowattstunde Wechselstrom.
So kostete die Kilowattstunde im Großhandel Mitte Juni 2022 noch 22 Cent. Bei der jüngsten Preiserhöhung fällt damit sogar der Wegfall der EEG-Zulage nicht mehr ins Gewicht, die ja lediglich 3,7 Cent pro kWh beträgt.

Warum ist der Gaspreis so wichtig?

"Großer Preistreiber ist der Erdgaspreis", sagte der Energieexperte Udo Sieverding von der Verbraucherzentrale NRW. Die Gaspreise sind vor allem gestiegen, weil Russland als Deutschlands wichtigster Lieferant weniger Gas nach Deutschland pumpt. Hinzu kommen laut Sieverding etwa die gestiegenen Weltmarktpreise für Kohle oder gestiegene CO2-Preise, die die Stromproduktion verteuern. Bisher ist der Strompreis in Deutschland an den Gaspreis gekoppelt. Politiker setzen sich nun dafür ein, das zu ändern.
Strom Tankstellen - Kohlekraftwerk
Mit verstromter Kohle lassen sich E-Autos nur lokal emissionsfrei betreiben, aber Kohle ist günstiger als Gas.

Welche Rolle spielen die Atomkraftwerke und die Dunkelflaute?

Die drei verbliebenen Atomkraftwerke in Deutschland sollten eigentlich Ende 2022 komplett abgeschaltet werden, nun werden zwei von ihnen voraussichtlich als Reserve vorgehalten. Denn der Winter bringt ein Problem mit sich: Zum Jahresende sinkt die Strommenge, die aus Photovoltaik und Windenergie stammt, mit dem Winter häufen sich traditionell die Tage der sogenannten Dunkelflaute, denn es weht weniger Wind, die Tage sind kürzer, also scheint die Sonne weniger. In dieser Zeit dürfte bei starker Nachfrage vermehrt Gas verstromt werden, als letzte und teuerste Stromquelle. Gerade das Gas wird knapper und teurer: Wegen der Russland-Krise wird dieser Energieträger auf Sicht im Preis weiter zulegen.
Somit verteuert der Gaspreis indirekt den Strompreis, denn der Energieerzeuger mit den höchsten Produktionskosten bestimmt am Ende den Strompreis. Der Energieexperte Jürgen Karl von der Universität Erlangen-Nürnberg geht von einem Plus von 8 Cent pro kWh aus, das wäre beim aktuellen Strompreis eine Steigerung von einem Viertel bis zu einem Drittel, sagte er dem Nachrichtenportal tagesschau.de. Keine allzu guten Aussichten für E-Autofahrer!

Werden die Energiekosten für E-Autos bald teurer als die für Verbrenner?

Das kommt stark auf die erwarteten Preissteigerungen an, die Verfügbarkeit von günstigem Strom, und es hängt wie beschrieben auch vom Gaspreis ab. Auch die Kosten für Diesel und Benzin dürften weiter anziehen: Denn jedes Jahr steigt auch die CO2-Abgabe pro ausgestoßener Tonne Klimagas – allerdings macht das Jahr 2023 wegen der Energiekrise eine Ausnahme.
VW ID.3 Pro
AUTO BILD ermittelte einen Durchschnittsverbrauch von 21,3 Kilowattstunden auf 100 km. Bei den derzeitigen Strompreisen kostet das 8,94 Euro.

Kurzer Blick zurück: Laut einer Auswertung des Vergleichsportals Verivox waren E-Autos im März 2022 in Bezug auf die Energiekosten noch um bis zu 60 Prozent günstiger als Verbrenner. Zugrunde gelegt wurde ein durchschnittlicher Stromverbrauch für E-Autos von 19 kWh auf 100 km. Damit ergeben sich Kosten von 7,98 Euro pro 100 km.

Was bringt die mittelfristige Zukunft für die Strompreise?

Die Aussichten sind derzeit schwer abzuschätzen: Heute bezieht Deutschland rund 50 Prozent seines Stroms aus erneuerbaren Energiequellen. Aktuell hat der Bundestag beschlossen, dass dieser Anteil auf 80 Prozent ausgebaut werden soll. Das wird allerdings frühestens 2030 der Fall sein.
Zugleich sollen bis zu diesem Zeitpunkt bis zu zehn Millionen Elektroautos neu zugelassen werden. Das heißt: Der Stromhunger im Verkehrssektor wächst ebenfalls. Meist steigen mit der Nachfrage auch die Preise.

Von

Roland Wildberg