Zeitarbeit in der Autoindustrie

Ich bin Billigarbeiter bei BMW

... und baue den 3er in Leipzig f√ľr 8,15 Euro die Stunde. Flexibilit√§t oder Lohndumping ‚Äď die Bedeutung der Zeitarbeit in der Autoindustrie w√§chst. Im Leipziger BMW-Werk ist jeder dritte Arbeiter nur geliehen. Hier werden Menschen wie Material behandelt. Ein Leiharbeiter packt aus.
Es gibt da einen Platz, an dem ist Frank Winkler (Name ge√§ndert) kein Mensch. Dort steht ein Geb√§ude, das aus Winkler ein St√ľck Werkzeug macht, sobald der junge Mann es betritt. Dieser Ort ist das BMW-Werk vor den Toren Leipzigs, und Winkler f√ľhlt sich erst dann wieder lebendig, wenn er nach Schichtende in seinen VW Polo steigt.

Dann sp√ľrt er jeden Knochen, jeden schmerzenden Muskel ‚Äď und er sp√ľrt die Wut. Die Wut √ľber das bisschen Geld. Die Wut dar√ľber, dass sein Nebenmann am Band doppelt so viel bekommt. Die Wut eines Mannes, der in der Fabrik nicht als Personal, sondern als Material verbucht wird. Die Wut eines Zeitarbeiters. Es tr√∂stet Frank Winkler nicht, dass er einer von vielen ist. Die Bedeutung der Zeitarbeit w√§chst, besonders in der Autoindustrie. Es geht darum, Auftragsspitzen kurzfristig abdecken zu k√∂nnen.

Kompetent, motiviert und ausgenutzt

Mercedes leiht sich f√ľr diese F√§lle maximal vier Prozent der Belegschaft von Zeitarbeitsfirmen. Bei BMW in Leipzig wird jeder dritte Mitarbeiter bei Zeitarbeitsfirmen bestellt. Menschen wie Frank Winkler, 21 Jahre, gelernter Industriemechaniker. Kompetent, motiviert, ausgenutzt. Winkler bekommt von seinem Arbeitgeber, der Zeitarbeitsfirma Randstad, einen Tariflohn von 6,42 die Stunde. Sechs Euro und zweiundvierzig Cent! Dazu kommen 1,73 Euro BMW-Zulagen. Macht 8,15 Euro. Er arbeitet in der Fr√ľhschicht von sechs bis 13.45 Uhr, in der Sp√§tschicht von 13.45 bis 23.30 Uhr. Winkler erh√§lt f√ľr das Montieren eines 3er, eines Premiumprodukts made in Germany, 1263,41 Euro brutto im Monat ‚Äď das ist in etwa so viel, wie ein polnischer Spargelstecher auf ostdeutschen Feldern verdient.

"Unsere Werke k√∂nnen durch Zeitarbeiter atmen", argumentiert BMW-Sprecher Marc Hassinger. Leute wie Winkler werden nicht eingestellt und entlassen, sie werden angefordert und abgemeldet. F√ľr sie ist bei BMW nicht die Personalabteilung zust√§ndig, sondern der Materialeinkauf. "Eigentlich mache ich den Job gern", sagt Frank Winkler und blickt, H√§nde in den H√ľften, hin√ľber zum BMW-Werk, das 2005 eingeweiht wurde ‚Äď von der Politik (und auch von AUTO BILD) bejubelt und mit 360 Millionen Euro Subventionen unterst√ľtzt. Es ist harte, taktgebundene Arbeit, "aber man gew√∂hnt sich dran". 82 Sekunden haben die M√§nner, um Batterien anzuschlie√üen, Sitzlehnen zu verschrauben. Dann wartet das n√§chste Auto.

Gleiche Arbeit bei ungleichem Lohn

Winkler berichtet von einem Krankenstand "jenseits von Gut und B√∂se", von √úberstunden im dreistelligen Bereich und von Qualit√§tsproblemen. "Wir drehen schnell irgendwelche Schrauben rein, ohne pr√ľfen zu k√∂nnen, ob die in Ordnung sind." Die Nachbesserungen nehmen zu. "Und wenn sich die Arbeitsleistung der Bezahlung anpasst, bekommt BMW ein echtes Problem." Frank Winkler w√ľrde gern mit seiner Freundin zusammenziehen. Er lebt von 938,84 Euro netto. Davon gehen 200 Euro Spritkosten ab und etwas Haushaltsgeld. Winkler wohnt bei seinen Eltern. Sonst w√§re er wohl ein Fall f√ľr ein aufstockendes Arbeitslosengeld II. Er kennt Zeitarbeiter, die mit dem Lohn eine Familie durchbringen m√ľssen. Nicht selten arbeiten BMW-Zeitarbeiter nach der Schicht schwarz, um √ľber die Runden zu kommen. "Und dann schraubt neben mir einer, der sich laut fragt, ob sein neues Auto 200 oder 220 PS haben soll." Das sind die Festangestellten, die das Doppelte bekommen. Gleicher Lohn f√ľr gleiche Arbeit? Winkler blickt in den blauen Himmel und schaut einem Flugzeug nach.


Gewerkschafter sind zahnlose Tiger

Bodo Grzonka, Experte f√ľr Zeitarbeit bei der IG Metall, spricht von einer Zweiklassengesellschaft. Der Leipziger Betriebsrat Jens K√∂hler sagt, es gebe nun mal zwei Tarifvertr√§ge. Ist das alles? "H√∂ren Sie, ich bin IG Metaller durch und durch, aber man muss sehen, was m√∂glich ist." Und er sagt: "Wir sehen die Missstimmung zwischen Festangestellten und Zeitarbeitern, aber wir k√∂nnen nichts machen." Er nennt sich und seine Kollegen "zahnlose Tiger". "Die Stimmung im Werk brodelt", sagt Winkler. Dr√ľben bei Porsche kommen sie doch auch fast ohne Zeitarbeiter aus. Er will sich dort bewerben, wenn der Panamera gebaut wird. Ende Juni wird sein Zeitarbeitsvertrag zum zweiten Mal verl√§ngert. Wieder sechs Monate, wieder neue Probezeit.

Die Zeitarbeitsfirmen boomen. Bei Randstad, Deutschlands gr√∂√üter Verleihfirma, ist die Nachfrage so hoch wie noch nie. Bis 2010 wird eine Verdoppelung der Zahl der Zeitarbeitnehmer erwartet. Derzeit sind es 850.000. Allein in den vergangenen zw√∂lf Monaten kamen 273.000 hinzu. Das CAR (Center Automotive Research) von Prof. Dr. Ferdinand Dudenh√∂ffer in Gelsenkirchen hat in einer Studie ermittelt, dass die deutsche Autoindustrie mehr als 60.000 Zeitarbeiter besch√§ftigt. Dudenh√∂ffer sagt, ohne Zeitarbeit w√ľrden Autos nur noch in Osteuropa gebaut werden. Die Untersuchung kommt zu dem Schluss, dass Zeitarbeit kein Vehikel f√ľr Lohndumping sei. Die Studie wurde von Randstad in Auftrag gegeben und bezahlt...

Kaum noch Hoffnung auf Übernahme in ein festes Arbeitsverhältnis

BMW wurde gerade wieder zum beliebtesten Arbeitgeber in Deutschland gek√ľrt. Nicht von Leuten wie Frank Winkler ‚Äď von Hochschulabsolventen. Hoffnung, von BMW √ľbernommen zu werden, hat Frank Winkler kaum. Es gab einmal die Regel, dass Betriebe Leiharbeiter nach zwei Jahren √ľbernehmen m√ľssen. Winkler kennt einen Kollegen, der von seinem Arbeitgeber seit sechs Jahren an BMW verliehen wird. Winklers Zukunft kostet 8,15 Euro pro Stunde. Der gesetzliche Mindestlohn f√ľr Geb√§udereiniger liegt ab 1. Juli bei 7,87 Euro. Auch die Zeitarbeitsverb√§nde streben einen Mindestlohn an: 7,15 Euro in Westdeutschland, 6,22 in Ostdeutschland.

BMW in Leipzig scheint das nicht zu interessieren. Sprecher Michael Jan√üen m√∂chte zum Thema Zeitarbeit nichts sagen. Und spricht dann doch einen entlarvenden Satz: "Wir wollen zu akzeptablen Arbeitsbedingungen kommen, die in der Einzelwahrnehmung derzeit m√∂glicherweise noch nicht vorhanden sind." Die Einzelwahrnehmung. Winklers Wahrnehmung. Wolfgang Clement, ehemaliger SPD-Wirtschafts- und Arbeitsminister und heute Berater der Zeitarbeitsfirma Adecco, h√§lt zehn Prozent Zeitarbeiter f√ľr angemessen, damit eine Fabrik "Atmungsm√∂glichkeiten" hat. Wenn das so ist, dann hyperventiliert das Leipziger BMW-Werk. Und davon kann man bewusstlos werden.

Kurzinterview ‚Äď Drei Fragen an Bodo Grzonka, IG-Metall

AUTO BILD: Ist ein Zeitarbeiter, der im Schichtdienst deutsche Spitzenprodukte wie den BMW 3er baut, mit 8,15 Euro Stundenlohn angemessen bezahlt? Grzonka: Nein. Hier wird dem Arbeitnehmer eine Lebensperspektive entzogen. Wer wie BMW so intensiv Zeitarbeitsfirmen nutzt, entzieht sich seiner sozialen Verantwortung f√ľr unser Land. Der Arbeitsmarkt wird so zu einer Zweiklassengesellschaft. Die einen werden an der positiven Wirtschaftsentwicklung beteiligt, die anderen eben nicht. √úber 30 Prozent Zeitarbeiter ist ein ungesundes Verh√§ltnis, das durch nichts zu rechtfertigen ist.
Die Firmen argumentieren mit einer h√∂heren Flexibilit√§t, etwa zum Abdecken von Auftragsspitzen. In keinem anderen Land in Europa k√∂nnen Unternehmen im Personalbereich derart flexibel agieren, auch ohne Zeitarbeiter. Und das BMW-Werk in Leipzig hat von der Auftragslage her eine Planungssicherheit f√ľr die n√§chsten ein, zwei Jahre.
Betriebsr√§te k√∂nnen den Zeitarbeitern auch nicht helfen? Die k√∂nnen sich um so viele Leiharbeiter doch gar nicht mehr k√ľmmern. Wir brauchen vielmehr gesetzliche Korrekturen. Der Grundsatz "equal pay", also gleiches Geld f√ľr gleiche Arbeit, muss wieder gelten.
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