Das Stehzeug
Noch jungfräulich: der 240-D-Tacho. 24,8 der 30 Kilometer legte Lanz Leo selbst zurück.
"Der 124 ist schuld", schimpft Leo und holt zu einer abschätzigen Handbewegung aus: "Alles Plastik!" Hier dage­gen, fährt er mit sanfter Stimme fort, sei die Welt noch in Ordnung: "Stahl. Dick verchromt. Daimler halt", lobt Leo und haucht den Staub vom 30 Jahre alten Werkswachs. Es geschieht 1985 in Mitterrohrbach, Niederbayern. "Lanz Leo" - bürgerlich Leonhard Speer, Jahrgang 1941 - fährt einen Mercedes 300 D, W 123. Dessen beste Tage lange her sind: 250.000 hat der Fünfzylinder auf der Uhr, Rost nagt am Gebälk. Absehbar, dass der Schausteller einen neuen Benz braucht. Als der schmucklose W-123-Nachfolger W 124 vorgestellt wird, ist Lanz Leo, Traditionalist aus Über­zeugung, entsetzt: Diese moderne Plastik kommt ihm nicht auf den Hof.
Das Stehzeug
Riecht nicht die Bohne muffig: Kaffeeschalen im Innenraum des Alt-Neuwagens.
Der Vertragshändler Läng im nahen Eggenfelden beruhigt ihn: "Aufgrund gewisser Nachfrage" soll Daimler das 123er-Band noch mal für ein paar al­lerletzte Chromklässler anfahren. Lanz Leo eilt zur Sparkasse, holt sich eine Kreditzusage, überlebt das folgende Riesendonnerwetter von Ehefrau Traudl. Dann füllt er die Order aus: 240 D in Barolorot. Extras: E-Spiegel rechts, Anhänge­kupplung, Radiovorbereitung, Zentralverriegelung. Exakt so wird die Limousine geliefert. Weil Leo aber erst mal seinen alten 300er auffahren will, bleibt der 34.900-Mark-Neuwagen zu­nächst in Längs Schauraum. Als Denk­mal einer glanzvollen Epoche. 
Das Stehzeug
Wie frisch aus der Endabnahme: Einspritzpumpe und Umgebung ohne jegliche Betriebsspuren.
1992 - der 300 D tut’s noch immer – muss die "eiserne Reserve" aus Platz­gründen umziehen, Lanz Leo holt sie per Anhänger heim. Um sie tags darauf ins nächste Dauerlager im 24,8 Kilo­meter entfernten Aufhausen zu brin­gen; diesmal auf eigener Achse. Was das Streckenzählwerk von fünf Ein­fahrkilometern auf den Stand 000030 hochschraubt. Lanz Leo genießt jeden Meter. Dass seine Jungfernfahrt mit dem nun sieben Jahre alten, nagelneuen 240 D auch seine letzte sein soll, steht noch in den Sternen. Wie das Verfalls­datum des mittlerweile übel zugerich­teten 300 D.
Das Stehzeug
Scheckheftgepflegt: Nicht ein Stempel oder Aufkleber-Ausriss verunziert die werksfrischen Wartungspapiere.
2012 - bei knapp 400.000 Kilometern, ist es erreicht. Gleichzeitig beschließt Leo sein Dasein als Autofahrer – die Augen. Seinen 30-Kilometer-Neuwagen, der seit 2009 in der heimischen Garage parkt, behält er. "Aus Sentimentalität", wie er sagt. "Aus reiner Sturheit", wie Sohn Stefan korrigiert. 2014 setzt der das Sammlerstück ins Internet. Um die Anzeige gleich wieder zu löschen: "200 Anrufer, und alle wollen nur wissen: "Was is letztes Preis?". Und so wartet das 30 Jahre alte, aber werksfrische Stehzeug noch immer auf seinen ersten Halter, der es wirklich zu schätzen weiß. Was der zu zahlen hat? "30 Mille", raunt Stefan. Ist das nicht etwas üppig? "Was würdet ihr aufrufen, wo doch 60.000-Kilometer-123er für 20.000 Euro im Netz stehen?", lautet die logische Gegenfrage, die jede Antwort erübrigt. Man ist eben nicht von vorgestern, hier in Mitter­rohrbach, Niederbayern. Sondern bauernschlau.

Von

Wolfgang Blaube