BentleyTurbo R
Dampfschiff für große Fahrt

Er ist groß, er ist stark, er hat Klasse. Und außen prangt das geflügelte "B". Das alles bietet der Bentley Turbo R zum Golf-Preis. Experten heben dennoch warnend den Zeigefinger.
- Wolfgang König
Turbo – Leistungsspender, Helfer in der Not, Lebensretter. Ja, wirklich. Ohne den Turbo wäre die englische Auto-Aristokratie vor 25 Jahren wahrscheinlich ausgestorben. Bentley wäre von der Mutter Rolls-Royce mangels Nachfrage gestrichen worden, und auch für Rolls-Royce selbst wären die Tage gezählt gewesen. Denn die Situation des Unternehmens war Anfang der 80er-Jahre verzweifelt. Dann die zündende Idee: Gib dem 6,8-Liter-V8 einen Turbo, und das geflügelte "B" auf dem Kühler könnte noch mal abheben. Es funktionierte. Der Bentley Mulsanne Turbo, optisch noch bis auf den Grill ein Rolls-Royce Silver Spirit, verblüffte mit ungeahnten Talenten. Der Riese zischte plötzlich ab, dass es der erlauchten Kundschaft den Schweiß auf die Stirn trieb. Allerdings nicht nur der Leistung wegen.
Der Turboeffekt blies Bentley aus der Krise

Bild: Uli Sonntag
Alptraum – 20 Liter und mehr pro 100 Kilometer

Bild: Uli Sonntag
Historie
1982: Vorstellung des Bentley Mulsanne Turbo auf Basis des Rolls-Royce Silver Spirit. 1985: Aufwertung zum Turbo R mit Bosch-Benzineinspritzung, mehr Leistung, Leichtmetallrädern und verbessertem Fahrwerk. 1988: Facelift mit Doppelscheinwerfern, ABS. 1994: Vierstufenautomatik. 1996: Facelift mit flacherem Grill, Zytec-Einspritzung. 1997: Turbo RT ersetzt Turbo R, mehr Leistung. 1998: Neuer Bentley Arnage ersetzt Turbo RT.
Plus/Minus
Eine Schönheit ist er ja nicht gerade, so ein Bentley. Böswillige verglichen den kastigen Aufbau sogar mit dem eines genmanipulierten Ford Granada. Dennoch: Er hat was, Präsenz vor allem, und so, wie er mit verhaltenem V8-Bollern vorbeigleitet, auch die markengemäße Würde. Die Passagiere schwelgen in feinstem Material – Leder, poliertes Holz, Chrom, alles exklusiv, nichts von der Stange. Platz gibt es reichlich, doch das Beste ist die gelassene Kraft des Turbo-V8. Das macht dem Bentley keiner nach. Weniger gut: Federn ist nicht seine Stärke, und wer das Prachtstück mit seiner aufwendigen Technik so pflegt, wie es sich gehört (weniger wäre zu wenig), braucht tiefe Taschen.
Ersatzteile
Die gute Nachricht: Um Ersatzteile braucht sich ein Turbo-R-Besitzer keine Sorgen zu machen. Die schlechte: vorausgesetzt, er kann sie bezahlen. Eine Bremsscheibe etwa kommt auf 300 Euro, ein neuer Auspuff auf 2500 Euro. Und sollte das geflügelte "B" auf dem Kühler abhandengekommen sein, sind 800 Euro fällig. Immerhin gibt es auch Spezialisten, die aufgearbeitete Teile günstiger anbieten. Aber teuer ist das, was in einem Bentley steckt, immer.
Marktlage
Wer sucht, wird leicht fündig – Turbo R gehören auch in Deutschland nicht zu den ausgesprochenen Raritäten. Oft stehen sie etwas verloren auf den Höfen der Händler, die sie in Zahlung nehmen mussten, denn die Nachfrage ist (noch) gering und die Konjunkturlage nun mal nicht Bentley-gerecht. Entsprechend gut lässt es sich handeln, wobei selbst einwandfreie Autos mit 100.000 Kilometern auf dem Zähler kaum mehr als 30.000 Euro kosten sollten. Generell gilt: Zustand ist wichtiger als Baujahr.
Empfehlung
Wer auf der sicheren Seite sein will, sollte sich auf scheckheftgepflegte Angebote konzentrieren. Ansonsten besteht der Verdacht, dass sich der Besitzer den fachgerechten Service, den ein Bentley zum Leben braucht, nicht leisten konnte – und das bedeutet jede Menge böse (und teure) Überraschungen. Auch wichtig: Autos mit langen Standzeiten meiden. Viele Schäden an Bremsen, Fahrwerk und Elektrik entstehen durch mangelnden Gebrauch.
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