BentleyTurbo R

BentleyTurbo R BentleyTurbo R

BentleyTurbo R

— 16.06.2009

Dampfschiff für große Fahrt

Er ist groß, er ist stark, er hat Klasse. Und außen prangt das geflügelte "B". Das alles bietet der Bentley Turbo R zum Golf-Preis. Experten heben dennoch warnend den Zeigefinger.

Turbo – Leistungsspender, Helfer in der Not, Lebensretter. Ja, wirklich. Ohne den Turbo wäre die englische Auto-Aristokratie vor 25 Jahren wahrscheinlich ausgestorben. Bentley wäre von der Mutter Rolls-Royce mangels Nachfrage gestrichen worden, und auch für Rolls-Royce selbst wären die Tage gezählt gewesen. Denn die Situation des Unternehmens war Anfang der 80er-Jahre verzweifelt. Dann die zündende Idee: Gib dem 6,8-Liter-V8 einen Turbo, und das geflügelte "B" auf dem Kühler könnte noch mal abheben. Es funktionierte. Der Bentley Mulsanne Turbo, optisch noch bis auf den Grill ein Rolls-Royce Silver Spirit, verblüffte mit ungeahnten Talenten. Der Riese zischte plötzlich ab, dass es der erlauchten Kundschaft den Schweiß auf die Stirn trieb. Allerdings nicht nur der Leistung wegen.

Der Turboeffekt blies Bentley aus der Krise

Der Maschinenraum: 6,8-Liter-V8 aus Leichtmetall und Benzineinspritzung.

50 Prozent mehr Power (offiziell machte Rolls-Royce keine Angaben, inoffiziell waren es 300 PS) stellte das schaumweiche Fahrwerk vor Aufgaben, für die es nicht gerüstet war. "Wirf den Turbo in eine Kurve, und du wünscht dir, du hättest es nicht getan", schrieb ein zeitgenössischer Tester. Dennoch: Der Turbo hauchte Bentley neues Leben ein. Und als er 1985 zum Turbo R aufstieg (R für "Roadholding"), mit noch mehr Kraft (335 PS), gestrafftem Chassis und sportlichen Karosseriedetails, füllten sich die Auftragsbücher. Auch wenn fortan die Profikritiker am Komfort herumnörgelten: "Ein Kanaldeckel, und du kannst das Zittern der Karosse auf der Richterskala messen." Dafür fasziniert der Turbo R mit sanfter Gewalt. Die Drehmomentschwemme des großen V8 spült den 2,5-Tonner weg, als wiege er 1000 Kilo weniger. Schon bei 4500 Touren hat es sich ausgedreht, mehr braucht er nicht. Auch heute noch ein ganz besonderes Erlebnis.

Alptraum – 20 Liter und mehr pro 100 Kilometer

Um Ersatzteile braucht sich ein Turbo-R-Besitzer keine Sorgen zu machen.

Über die Jahre legten die Kraftreserven weiter zu (bei Produktionsende 1998 waren es 404 PS und 800 Nm), die Technik wurde verfeinert, Karosserie und Ausstattung noch nobler. Markant vor allem die großen Doppelscheinwerfer, mit denen sich der Bentley ab 1988 auch optisch hinreichend deutlich von seinen Rolls-Royce-Brüdern absetzte. Doch Ruhm ist vergänglich, da hilft im Fall des Bentley auch kein Adel. Inzwischen gehört der Turbo zu den vergessenen Helden. Die edlen Stücke, für die einst Londoner Telefonnummerpreise bezahlt wurden, kosten heute in gepflegtem Zustand kaum mehr als ein ordentlich ausgestatteter VW Golf. Da zuckt sie, die Hand an der Brieftasche. Zu schön, um wahr zu sein? Experten heben warnend den Zeigefinger: Wer den Euro umdrehen muss, sollte nicht einmal an einen Bentley denken, egal wie günstig ihn der Händler anpreist. 20 Liter und mehr pro 100 Kilometer, üppige Servicekosten für die komplizierte Hydraulik und Elektrik und enorme Ersatzteilkosten – Bentley-Besitzer müssen flüssig sein. Sonst wird der Traum zum Albtraum.
Technische Daten BentleyTurbo R
Motor V8-Motor mit Turboaufladung
Ventile Zwei pro Zylinder
Hubraum 6750 cm³
Leistung 246 kW (335 PS) bei 4500 U/min
max. Drehmoment 658 Nm bei 2250 U/min
Getriebe Dreistufen-Automatik
Aufhängung Rad vo. Doppelquerlenker, hi. Schräglenker
Bremsen Scheiben v./h.
Reifen 255/65 VR 15
Länge/Breite/Höhe 5270/1885/1485 mm
Radstand 3060 mm
Leergewicht 2510 kg
Kofferraumvol. 550 l
0–100 km/h in 7,0 s
Spitze 217 km/h
Preis 1987 306.000 DM

Historie

1982: Vorstellung des Bentley Mulsanne Turbo auf Basis des Rolls-Royce Silver Spirit. 1985: Aufwertung zum Turbo R mit Bosch-Benzineinspritzung, mehr Leistung, Leichtmetallrädern und verbessertem Fahrwerk. 1988: Facelift mit Doppelscheinwerfern, ABS. 1994: Vierstufenautomatik. 1996: Facelift mit flacherem Grill, Zytec-Einspritzung. 1997: Turbo RT ersetzt Turbo R, mehr Leistung. 1998: Neuer Bentley Arnage ersetzt Turbo RT.

Plus/Minus

Eine Schönheit ist er ja nicht gerade, so ein Bentley. Böswillige verglichen den kastigen Aufbau sogar mit dem eines genmanipulierten Ford Granada. Dennoch: Er hat was, Präsenz vor allem, und so, wie er mit verhaltenem V8-Bollern vorbeigleitet, auch die markengemäße Würde. Die Passagiere schwelgen in feinstem Material – Leder, poliertes Holz, Chrom, alles exklusiv, nichts von der Stange. Platz gibt es reichlich, doch das Beste ist die gelassene Kraft des Turbo-V8. Das macht dem Bentley keiner nach. Weniger gut: Federn ist nicht seine Stärke, und wer das Prachtstück mit seiner aufwendigen Technik so pflegt, wie es sich gehört (weniger wäre zu wenig), braucht tiefe Taschen.

Ersatzteile

Die gute Nachricht: Um Ersatzteile braucht sich ein Turbo-R-Besitzer keine Sorgen zu machen. Die schlechte: vorausgesetzt, er kann sie bezahlen. Eine Bremsscheibe etwa kommt auf 300 Euro, ein neuer Auspuff auf 2500 Euro. Und sollte das geflügelte "B" auf dem Kühler abhandengekommen sein, sind 800 Euro fällig. Immerhin gibt es auch Spezialisten, die aufgearbeitete Teile günstiger anbieten. Aber teuer ist das, was in einem Bentley steckt, immer.

Marktlage

Wer sucht, wird leicht fündig – Turbo R gehören auch in Deutschland nicht zu den ausgesprochenen Raritäten. Oft stehen sie etwas verloren auf den Höfen der Händler, die sie in Zahlung nehmen mussten, denn die Nachfrage ist (noch) gering und die Konjunkturlage nun mal nicht Bentley-gerecht. Entsprechend gut lässt es sich handeln, wobei selbst einwandfreie Autos mit 100.000 Kilometern auf dem Zähler kaum mehr als 30.000 Euro kosten sollten. Generell gilt: Zustand ist wichtiger als Baujahr.

Empfehlung

Wer auf der sicheren Seite sein will, sollte sich auf scheckheftgepflegte Angebote konzentrieren. Ansonsten besteht der Verdacht, dass sich der Besitzer den fachgerechten Service, den ein Bentley zum Leben braucht, nicht leisten konnte – und das bedeutet jede Menge böse (und teure) Überraschungen. Auch wichtig: Autos mit langen Standzeiten meiden. Viele Schäden an Bremsen, Fahrwerk und Elektrik entstehen durch mangelnden Gebrauch.

Autor: Wolfgang König

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