Krupp Titan

Krupp Titan

— 07.12.2004

Mit der Kraft der zwei Herzen

Gestatten: "Kropp, kropp, kropp." Anfang der 50er war der Krupp Titan der Adenauer-Mercedes der Fuhrunternehmer. Und der einzige Lastwagen, der seinen Namen sagen konnte. Heute ist er der Bugatti Royale der Lastwagen-Liebhaber.

Die Jungs bei Krupp in Essen hatten es sich 1950 einfach gemacht. Wie sollte man den leistungsstärksten Lastwagen deutscher Produktionn nennen? Einen Lkw, wie es ihn mit solchen Abmessungen noch nie gegeben hatte, das ultimative Fahrgeschäft auf dicken Rädern? Zyklop? Nee, zu klein. Gigant? Na ja, geht so. Titan? Na bitte, tolle Idee. Die Jungs bei Hoffmannn in Oberhausen hatten es sich 1987 nicht so einfach gemacht. Wie restauriert man einen Riesen, dessen ultimativer Exoten Status bei Kennern wie erwachsen gewordenen Kindern für zappelige Begeisterung sorgt? "Mit viel Geduld und sehr guten Kontakten zur Nutzfahrzeug-Szene. Über 15 Jahre haben wir gebraucht, bis er fertig und fahrbereit war", sagt Titan-Besitzer Helmut Hoffmann (57), ebenso Anpacker wie Unternehmer.

Schmutzige Fingernägel gehören für Hoffmann dazu, denn er ist mit den schweren Jungs groß geworden und doch Kind geblieben: An die 200 alte Lkw in allen Aggregat-Zuständen säumen das Firmengelände. Deutz, Faun, Büssing, Henschel, Kaelble, MAN, Mercedes – damals ganz groß, heute ziemlich vergessen. Ein Hobby in enormen Dimensionen. Seit 1946 gibt es den Familien Betrieb Hoffmann, erst Spedition, heute Lastwagen und Ersatzteil-Handel. "1961 habe ich bei Büssing gelernt und 1984 meinen ersten Laster restauriert. Einen Büssing 7500 S wie ihn mein Vater im Fuhrpark hatte." Ein Haubenlenker Monstrum, echter Braunschweiger Schwerlastverkehr, aber in Sachen Mythos ein Zwerg neben dem Krupp.

1950 präsentierten die Herrn der Ringe ihre neue Lkw-Generation und ließen das Flaggschiff Titan als erstes vom Stapel. Ein Superlativ für schwerste und schnellste Einsätze mit der Kraft der zwei Herzen. Kein Intercooler-Common-Rail-Pumpe-Düse-Gedöns brüllt da unter der Haube, der Titan arbeitet mit zwei(!) gekoppelten Dreizylinder-Einheiten im Zweitakt, Hightech der Jahrhundertmitte. Weil deutschen Herstellern nach dem Krieg der Bau von Dieselmotoren mit mehr als 150 PS vom Alliierten Kontrollrat verboten worden war, packte Krupp eben zwei Dreizylinder à 105 PS und je 4,4 Litern Hubraum unter die vom Opel Kapitän inspirierte Alligator-Haube. 1952, als Hoffmanns "Südwerke Titan SW L90" in Kulmbach vom Band lief, kostete er soviel wie zehn Export-Käfer oder zweieinhalb Mercedes 300.

Sechs Gänge und zwei donnernde Motoren

Ein Leistungs- und Lastenträger für die schweren Seiten des Wirtschaftswunders, 210 PS bei kaltblütigen 1700 Umdrehungen aus 8,7 Litern Hubraum waren Rekord, der Name ein Synonymn für wahre Größe: Titan! Okay, Godzilla wäre noch passender gewesen, aber denn mussten Japans Modellbauer ja erst noch erfinden. Der Effekt ist ohnehin der gleiche: Wo der zehn Meter lange und drei Meter hohe Titan auftritt, versteinern Menschen in Ehrfurcht, wackeln Telefonzellen untern der Auspuff-Druckwelle, zittern Einfamilienhäuser und fallen Ziegel vom Dach.

Bei jeder Umdrehung des Doppel-Triebwerks neigt sich das Fahrerhaus rhythmisch nach rechts, der Krupp’sche "Kropp-n Kropp"-Auspuffklang spricht eine deutliche Sprache. Als Helmut Hoffmann, Mitglied der Nutzfahrzeug-Veteranen-Gesellschaft (NVG), im April auf der Techno Classica seinen Titan präsentierte, trugen erwachsene Männer mit einem Schlag wieder kurzen Hosen. "Kein Wunder: Es gibt gerade drei Exemplare in Deutschland, aber nur dieser fährt." Und wie. Sechs Gänge und zwei Motoren sorgen für eine beeindruckende Spitze von 90 km/h, die der Titan dank längster Achsübersetzung ("Sonst kommt man ja nie beim Treffen an") mit tobendem Doppelherz erklimmt.

Kabine im Dolomiti-Stil der 50er

Alles gibt’s zweimal: zwei Motoren mit zwei Roots-Ladern, die Luft zur Verbrennung inn die Zylinder pressen, ausgeatmet wird durch drei Ventile pro Zylinder. Zwei Einspritzpumpen, Ölkühler, Mess-Stäbe, zwei durch eine Kupplung verbundene Kurbelwellen. Je zwei Manometer für Öl- und Spülluftdruck im Armaturenbrett, die Kabine selbst eingerichtet wie der Eissalon "Dolomiti", ganz im Geschmack der Nierentisch-Ära. Elfenbein-Lenkrad im Gullydeckel-Format, edle Kugel-Chrom-Ascher, schwitzig-genarbtes Kunstleder in gleißendem Rot, Ausziehbank für zwei Fahrer. Ans Lenkrad darf aber nur noch einer: Helmut Hoffmann. "Vielleicht lasse ich demnächst meinen Sohn auch hinters Steuer." Vielleicht.

Sicher ist er sich da noch nicht, es wundert wenig. Tausende Restaurierungsstunden mit Sohn Sascha, Freunden, Helfern und Profis, von der Holz-Pritsche bis zur Peilstange, vom Fahrerhaus Rahmen aus Eschenholz über die Lackierung in den rotblauen Firmenfarben der 50er, bis zur Zierleiste aus Aluminium, stecken in dem Solitär. "Einen Kompressor-Mercedes kann man kaufen, einen Krupp Titan nicht." So einfach ist das.

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