Ami-Schlitten in Kuba

Kuba, das Paradies für Oldtimer

— 01.03.2011

Ami-Schlitten in Kuba

AUTO BILD-Archiv-Artikel 18/1987: Nach der Revolution von Fidel Castro im Jahr 1959 blieben die Luxusautos der Reichen zurück. Die meisten Straßenkreuzer fahren noch heute – unter abenteuerlichen Umständen.

Der Mann vom staatlichen kubanischen Mietwagen-Büro "Habana-Autos“ versichert: "Mein bestes Stück, erst sechs Monate alt und bestens für die Tour geeignet." Dass die Kupplung des Lada rutscht, der Seitenspiegel fehlt, die Bremsen runter sind und der Aschenbecher längst einen Liebhaber gefunden hat, darüber verliert man hier keine unnötigen Worte. Auto ist Auto, Hauptsache, es fährt. Aber was ist das? Eben wollen wir vom Flugplatz Jose Marti auf die Zubringerstraße Richtung Havanna-Zentrum einbiegen, als sich von rechts die breite, chromglänzende Schnauze eines 57er Buick in die Fahrbahn schiebt.

Das Original: Der Artikel von 1987 als kostenloser Download

Was für eine Erscheinung: Sechs Meter Auto gleiten an uns vorbei. Was für ein Anblick: Kein Windkanal hat diese Karosserie geglättet, kein Parkplatzplaner hat beim Entwurf mitreden dürfen. Da rauscht er davon: Knallroter Lack, spiegelnder Chrom, Weißwandreifen und das sonore Brummen des Achtzylinders unter der langen Motorhaube grüßen zum Abschied. "Warum hast du nicht so einen gemietet?" fragt meine Frau. "Gab’s nicht." Wer hätte denn schon gedacht, dass hier solche Schlitten laufen? Ich trete aufs Gas, der Lada hoppelt vorwärts. 29 Grad im Schatten.

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Ich halte die Fensterkurbel des Mietwagens in der Hand. Die Fahrt durch das sozialistische Land wird zur automobilen Museumstour. Großvolumige Amischlitten sind die Könige auf Kubas Straßen, heißgeliebte Überreste aus den goldenen 40er und 50er Jahren der Zuckerinsel – kapitalistischer Nachlass von Playboys, Luxus-Ladies, Mafia und Geldadel. Die Kubaner lieben diese Autos, weil sie für ihre heutigen Besitzer ein Stück des American way of life verkörpern. Luxus, an dem sie nie teilhatten. Und sie brauchen die Wagen, weil es nach der Blockade 1959 einfach keine anderen Autos gab als die, die von den Reichen auf der Flucht vor Castros Truppen zurückgelassen wurden.

Volkssport Autoschrauben

Sie fahren alle noch, sind in täglichem Gebrauch, werden liebevoll gepflegt – fast jeder Kubaner ist ein genialer Reparateur und Meister im Improvisieren. Ersatzteile sind kaum zu haben. Also wird die Drehbank am Arbeitsplatz im volkseigenen Betrieb ein wenig zweckentfremdet, um die dringend benötigte Welle, den Zylinderkopf oder woran es sonst mangelt herzustellen. Überall sieht man sie: Männer, die bis zur Gürtellinie im Motorraum stecken, unter dem Wagen liegen oder mit Farbtopf und Pinsel bewaffnet den Lack des Prachtstücks ausbessern.

Sie nehmen sich Zeit dabei; alles geht langsam voran auf Kuba. So werden Rennen auf der Landstraße mit der Hupe und nicht mit Pferdestärken entschieden, zumal man stets damit rechnen muss, dass hinter der nächsten Kurve ein Ochsengespann die Fahrbahn kreuzt. Hier ist die Straße noch für alle da: Hühner gehen auf dem Mittelstreifen der Autobahn spazieren, Radfahrer lassen sich von einem Lastwagen schleppen, und eine sechsköpfige Familie fährt auf einem uralten russischen Motorrad mit Beiwagen ins Wochenende. Wirklich schnell sind nur die Staatslimousinen – natürlich Mercedes –, die mit permanent eingeschalteten Warnblinkleuchten alles zur Seite scheuchen, was die Straße entlangtuckert.

Wem Komfort nicht alles, Sonne, freundliche Leute und die Aussicht auf einen Straßenkreuzer aber eine Menge bedeuten, der sollte mal nach Kuba fahren. Und mit etwas Glück findet vielleicht gerade eine Verkaufsausstellung in Havannas neu errichtetem Messezentrum statt. Mit Oldies im Sonderangebot.

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