Mercedes /8: Dauertest-Tagebuch

Mercedes 230.4: und V8-/8: Dauertest-Tagebuch:

So fährt sich der V8-Strichacht

Den Mercedes /8 gab es sowohl als Bauern-Diesel wie auch als Bereichsleiter-Benziner, alles Autos im Rahmen. Doch es gibt auch einen Achtzylinder-/8! Wie fährt er sich?
Die Baureihe des Mercedes /8 bot in ihrer Bandbreite alles, was der Deutsche vor sich und seinen Nachbarn rechtfertigen konnte, vom Vierzylinder-Saugdiesel bis zum Reihensechser. Nur echten Überfluss gab es nie, bis auf eine Ausnahme, einen V8-Umbau! Wie fährt ein /8, der aus dem Vollen schöpft? Der das ganz andere /8-Gefühl liefert, in dem ein 4,5-Liter-V8 für dynamischen Vortrieb sorgt? Das Einzelstück ist zusammengefügt aus zerlegten Mercedes, unauffällig in Weiß lackiert und doch auffällig präsent. Unser Dauertestwagen trifft einen V8-Umbau mit doppelter Zylinderzahl und ungefähr doppeltem Hubraum, doppelter Leistung und vor allem doppeltem Drehmoment.

Aus drei 70er-Jahre-Mercedes zusammengesetzt

Kleines Zeichen, große Wirkung: Bei hohem Tempo ist der V8 im Vergleich zum V4 schlicht eine andere Liga.
 

Von 1991 bis 1996 hatte Entwickler Michael Froh fünf Jahre an dem Auto gearbeitet: ein 450 SE (W 116) lieferte den Achtzylinder, doch erst mit der Ölwanne eines 450 SLC passte er unter die Haube. Vom 107er-Coupé stammen auch Lenkgetriebe, Achsen, Bremsen und Auspuff – bis auf den Endschalldämpfer, den ein 280 E beisteuerte Die Kardanwelle setzt sich aus S-Klasse- und /8-Teilen zusammen, das Kühlsystem aus S-Klasse- und /8-Diesel-Komponenten, das Schaltgetriebe ist S-Klasse, bekam aber ein neues Gestänge. 1500 Arbeitsstunden und 30.000 Mark sollen in das Projekt geflossen sein.

Gebrauchtwagensuche: Mercedes /8

Von wegen kopflastig beim Fahren

Der V8 ist vor allem unten zu breit für den Motorraum des /8. Daher wurde das Blech mühsam umgebaut.

Einstieg in den V8, bei dem sich mit jedem Motorstart eine Text-Bild-Schere öffnet: Über Jahrzehnte haben Automobil-Nostalgiker in ihrem Hirn eine konsolidierte /8-Geräuschkulisse abgespeichert, und die wird hier über den Haufen geworfen. Alles klingt eine Oktave tiefer: Auspuff, Motor, Vibrationsgeräusche. Am Steuer fällt das hohe Niveau der Konstruktion auf, der schwere V8 führt zu keinerlei Kopflastigkeit. Mit der Servolenkung und der (technisch gar nicht notwendigen) SL-Koppellenkerachse hinten fährt der starke /8 mit moderaten Haltekräften im Kreis. Ausweichmanöver meistert er mit einer dem 230.4 mindestens ebenbürtigen Lenkpräzision und Spurtreue. Innenbelüftete Bremsscheiben und der Tandem-Bremskraftverstärker des SL stoppen dazu beeindruckend.

In jeder Situation dynamischer Überfluss

Der Tacho stammt aus der Baureihe W 109 und reicht bis 240 km/h, was (fast) nötig ist.

Versuchsweise Beschleunigung von 80 auf 120: Der Fahrer ist beglückt, nicht aber überwältigt vom Antritt des V8 – bis er beim Runterschalten merkt, dass er nicht den dritten, sondern gedankenlos schon den langen vierten Gang eingelegt hatte. Drei Sekunden nimmt der V8 hier dem 230.4 ab; vier beim Sprint von auf 100 und elf bis auf 130 km/h. Das ist die Idee hinter diesem Auto: in jeder Situation dynamischen Überfluss zu vermitteln, den Eindruck von Leistungsfähigkeit, die weder beim Beschleunigen noch beim Bremsen und schon gar nicht im Stand zu ermessen ist. Was auch immer also Michael Froh 1991 zum Bau des /8 V8 inspiriert haben mag: die ins gedehnte Mittelklasse-Kleid eingefügte Oberklasse-Technik birgt außergewöhnliche Dynamik und technische Perfektion.

Mercedes /8: Dauertest-Tagebuch

Autor: Henning Hinze

Stichworte:

Frostschutz

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