Opel RAK1

Opel RAK1 Opel RAK1

Opel RAK1

— 30.12.2007

Opel-Rakete wieder aufgetaucht!

Der RAK1 bewies 1928 zum ersten Mal, dass die Raketentechnik eine Zukunft hat. Sein weiteres Schicksal war ungeklärt. Bis Wilfried Senger ihn in der überwucherten Garage eines Onkels fand.

Entweder bin ich im falschen Film oder in der falschen Straße. "Selztalstraße 4" steht auf dem Zettel, der mich zu einem der letzten Geheimnisse der Automobilgeschichte führen soll. Die Villa eines reichen Sammlers hätte sich hinter der Adresse verbergen können oder der zugewachsene Hinterhof eines alten Herren. Stattdessen schaue ich nach oben und sehe blau: Da hängt ein Schild mit dem Logo von VW. Sachen gibt’s, die gibt’s gar nicht. Da verkauft Wilfried Senger aus Schwabenheim bei Mainz in seinem Autohaus ausgerechnet VW und Audi – und hütet nebenbei einen der größten Schätze der Opel-Historie: den seit 1933 verschollenen Raketenwagen RAK1.

Vom Prototyp zum Raketenauto zur vergessenen Sensation

Unerwarteter Garagenfund: So sah RAK1 aus, als er entdeckt wurde. Verrostet, verstaubt, vergammelt – aber vollständig erhalten.

Man muss ein paar Türen durchqueren und ein paar Treppen hinabsteigen, sich an einem NSU Ro80 vorbeidrücken und an einem VW K70, dann steht man plötzlich vor einem alten offenen Sportwagen, der aussieht, als sei er gerade erst hergestellt worden. "Dass dieses Auto der RAK1 war", sagt Senger, "weiß ich auch erst seit Kurzem." Dann fängt der 69-Jährige an zu erzählen. Über die Historie des einstigen Prototyps, über den Umbau zum Raketenauto – und über dessen Wiederentdeckung in einer überwucherten Garage.

Zwölf Raketen im Nacken statt vier Zylinder vor den Füßen

Die Geschichte beginnt im Jahr 1923. Opels Versuchsabteilung baut zur 4-PS-Vorserie (Spitzname "Laubfrosch") einen Rennwagen, der bis 1926 mehrere Siege einfährt. Danach dient das Fahrzeug für harte Fahrwerktests.

Potz Blitz: RAK1 mit zwölf Raketen. Der RAK2 trug sogar 24!

Dann trifft Fritz von Opel, Enkel des Firmengründers, auf den Piloten Max Valier, mit dem er die Begeisterung für die junge Raketentechnik teilt. Sie beschließen den Bau eines Raketenautos. 1928 wird der Versuchswagen T35 zum RAK1 umgebaut. Der Motor kommt raus, unter dem Blech befinden sich nur noch Leitungen und Gestänge. Stattdessen sitzen dem Fahrer jetzt zwölf Raketen im Nacken, die über ein Pedal im Fußraum aktiviert werden. Und der Plan geht auf: Obwohl nur sieben der Raketen zünden, schafft RAK1 bei der ersten öffentlichen Präsentation Tempo 100 in acht Sekunden. Daraufhin baut Opel noch im selben Jahr den RAK2, der auf der Berliner Avus etwa 230 km/h erreicht . Der RAK1 hat dagegen ausgedient und wird zurückgebaut. Also wieder raus mit den Raketen und rein mit dem Vierzylinder-Motor. Auch die Stummelflügel hinter den Vorderrädern, die für den nötigen Anpressdruck gesorgt haben, werden wieder abgebaut. Übrig bleibt ein ganz normaler, braver Sportwagen.

Dornröschenschlaf in einer vergessenen Garage

Irmgard von Opel, ebenfalls eine Enkelin des Firmengründers und erfolgreiche Olympia-Reiterin, fährt ihn ein paar Jahre, dann verkauft sie den Wagen an Josef Becker, den Onkel von Sengers Frau Roswitha. Nach kurzer Zeit hat auch er genug von dem anfälligen Auto. Stellt es 1933, so wie es ist, in die Garage – und wird es nie wieder herausholen. Die Remise verwildert. Eine Hecke wächst davor, ein Baum auch. Als der Krieg kommt, ist sie schon gar nicht mehr zu erkennen. "Deshalb hat das Auto die Plünderungen in der Besatzungszeit überstanden", erklärt Senger – und die Jahrzehnte danach. Erst 1986, nach dem Tod des Onkels, entdecken die Sengers den Unterstand. Und darin das zwar verrostete, aber vollständige Auto. "Ich hatte eigentlich die Schnauze voll von alten Autos, weil ich schon 1950 in der Lehre nur Vorkriegsfahrzeuge reparieren musste", sagt Senger, "aber so hatte ich das nötige Wissen." Das Auto auseinanderbauen, restaurieren, zusammenbauen – so stellt er sich das vor. Tatsächlich wird die Arbeit 15 Jahre dauern. Die Karosserie, die Polster, den Motor, den Tacho, die Armaturen, alles macht Senger selbst. Er hält sich streng ans Original, zumindest was Materialien und Farben angeht.

Ein Gutachter lüftet das Geheimnis

Wie neu: Wilfried Senger mit seinem perfekt restaurierten RAK1.

Allerdings will Senger das Auto nicht nur anschauen, sondern auch öffentlich fahren. Deshalb rüstet er unter anderem Winker und Blinker nach und sorgt auch mit ein paar technischen Verbesserungen unter der Haube dafür, dass der Oldtimer zuverlässig anspringt. Eine halbe Kurbelumdrehung reicht, dann erklingt das Bollern des 16-PS-Motors. Als historischer Prototyp wird der Wagen bestaunt, bei der Techno Classica, im Rahmenprogramm der 2000 Kilometer durch Deutschland und bei der 100-Jahr-Feier von Opel. Die Vergangenheit als Raketenauto ahnt keiner. Die entdeckt erst der Kfz-Gutachter Friedrich Rappsilber, gleichzeitig Typ-Referent der Alt-Opel-IG. Anhand von Dokumenten, Aussagen von Zeitzeugen und auffälligen Details (so sind im Rahmen die Bohrungen für die Luftleitbleche zu sehen) stellt er fest, "dass das zu beurteilende Kraftfahrzeug als erstes Fahrzeug für Versuche mit Raketenantrieb diente – in der Fachpresse RAK1 genannt". Es ist eine Sensation, die Wilfried Senger nun schwarz auf weiß hat. Und was macht er? Behält alles für sich. "Es ist mir nicht wichtig, ob das der RAK1 ist", sagt Senger. "Für mich ist es vor allem ein wunderschönes Auto." So viel Liebe zu altem Blech, so viel Leidenschaft für Oldtimer: Ich bin hier doch an der richtigen Adresse – in der Selztalstraße .

Die Historie der Rakentenwagen

"Ein ohrenbetäubendes Brausen und Heulen setzt ein – hinter dem Fahrzeug sticht ein Glutgasschweif in die sonnenhelle Betonbahn." So berichtet die "Frankfurter Zeitung" von der Premiere des RAK1 am 11. April 1928. Obwohl nicht alle Raketen gezündet haben, erreicht Rennfahrer Kurt Volkhart Tempo 100 in nur acht Sekunden.

Höllenmaschine RAK2: 230 km/h mit 120 Kilo Sprengstoff an Bord.

Die Raketentechnik hat sich erstmals in der Praxis bewährt, ab jetzt sind auch Flüge in den Weltraum möglich – zumindest theoretisch. Doch das Team um Fritz von Opel, Max Valier und den Raketen-Fabrikanten Friedrich Wilhelm Sander will noch mehr. Schon am 23. Mai geht auf der Berliner Avus wieder ein Raketenauto an den Start. Diesmal aber nicht der ehemalige Versuchswagen RAK1, sondern sein stromlinienförmiger Nachfolger. Der RAK 2 trägt 24 statt zwölf Raketen im Heck und hat 120 Kilo Sprengstoff an Bord. "Genug, um ein fünfstöckiges Haus in die Luft zu jagen", stellt Hans-Jürgen Schneider in seinem Buch "125 Jahre Opel – Autos und Technik" fest. Fast hätte das Experiment Fritz von Opel, der diesmal selbst am Steuer sitzt, tatsächlich das Leben gekostet: Als der RAK2 die Höchstgeschwindigkeit von 230 km/h erreicht, hebt er vorn ab. Erst im letzten Moment kann von Opel den Wagen abfangen. In den folgenden Jahren unternimmt er weitere Raketenversuche auf Straße, Schiene und in der Luft.

Autor: Alex Cohrs

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