Autotechnik Wagner und das DeLorean-Erbe
Hier werden DeLoreans fit für die Zukunft gemacht

Bild: Christoph Börries / AUTO BILD
"Ich hatte immer das Gefühl, dass mir etwas fehlt", erzählt Michael Wagner, während er mit seinen Händen sanft über die matt glänzende Edelstahlkarosserie eines DeLorean DMC-12 streicht. "Tatsächlich war es diese Automarke." Mit einem Lächeln fügt der 47-jährige Kfz-Meister hinzu: "Geiler Scheiß, oder?" Ja, natürlich hat er recht.
Ein DeLorean ist mehr, viel mehr als ein Auto – seine Entstehung war ein Krimi, er schrieb Kinogeschichte und verkörpert wie kaum ein zweites Auto die 80er-Jahre.
DeLorean DMC-12 – die Realität war härter als Edelstahl
"Der Film hat mich damals beruflich auf diese Schiene gelinkt", erinnert sich Wagner und blickt mit leuchtenden Augen auf einen in Eigenarbeit detailgetreu erschaffenen Fluxkompensator in seiner Ausstellung. "Damals wusste ich nicht, dass es ein echtes Auto ist. Noch mit 13 habe ich gedacht, es sei reine Filmfantasie."

Im Showroom steht Michael Wagners eigenes Filmauto, das er in jahrelanger Kleinarbeit erschaffen hat. Der DeLorean blinkt und klingt, dass es für den Cineasten und Automobilisten die pure Freude ist!
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Doch die Realität war anders. Und härter als Edelstahl. Der DMC-12, erdacht als Sportwagen der Zukunft, sollte in den USA als eine kleine, sichere und umweltfreundlichere Alternative zu den gängigen US-Modellen mit durstigen V8-Motoren zünden. Gebaut in den frühen 80ern in einer hochmodernen Fabrik in Dunmurry in Nordirland, war er gleichzeitig ein 220 Millionen Euro teurer Leuchtturm für das gebeutelte Land und ein 4,27 Meter kurzer Traum mit Flügeltüren – rückblickend jedoch auch ein wirtschaftlicher Albtraum.
Probleme in der Qualitätssicherung angesichts Tausender angelernter Kräfte und Liquiditätsprobleme brachen der ambitionierten Marke des Ex-GM-Topmanagers John Zachary DeLorean nach nur zwei Modelljahren das Genick. Die Mehrheitsrechte an der Firma oder die Namensrechte an Investoren abgeben, das wollte der 1925 geborene Firmeneigner nicht. Ein harter Konkurs folgte im Oktober 1982, eine riesige Menge DeLorean-Teile blieb liegen.
Eine bemerkenswert hohe Überlebensquote der Autos führt zu einer heute noch ausreichend attraktiven Geschäftsgrundlage für Wagner. Insider schätzen, dass von den einst gebauten 9000 Exemplaren weltweit noch rund 6500 Stück existieren dürften.
2014 kaufte Michael Wagner seinen ersten DeLorean
Wagners erster eigener DeLorean fand, gemessen an den heutigen Ausmaßen seines Schaffens, recht spät zu ihm. Erst im September 2014 kaufte er einen und stieg in die DMC-Szene ein. Der einstige Neuwagenpreis lag zur Markteinführung in den USA bei 12.000 Dollar, am Ende seiner Bauzeit bei 25.000 Dollar.
Das war gemessen an einem Corvette-Preis von 18.000 US-Dollar durchaus ambitioniert und bremste die Absatzchancen zusätzlich aus. Heute haben sämtliche überlebenden Exemplare das finanzielle Tal der Tränen durchschritten und kosten strammes Geld. "30.000 Euro hat meine erste Basis damals gekostet", erinnert sich Michael Wagner.

In seinem akkurat eingerichteten Büro erledigt Wagner alle Schreibtischthemen. Kunden dürften sich für die Vielzahl möglicher Nachrüstungen und Ersatzteile begeistern.
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Es war, trotz eines durchwachsenen Zustands, für ihn Liebe auf den ersten Blick. Doch der Kaufpreis ist, wie in Oldtimerkreisen üblich, bestenfalls die Eintrittskarte. "Das Auto frisst, wirklich. Mehr als 50.000 Euro habe ich investiert, bis es perfekt war." Schnell merkte Wagner, dass selbst sein Know-how als gestandener Kraftfahrzeug-Meister nicht ausreichte, um alle technischen Herausforderungen des Modells zu bestehen.
"Es gab nicht einmal vernünftige Stromlaufpläne, kaum Unterlagen. Ich musste mich selbst durchbeißen." Und genau das tat Wagner – mit einer Akribie, die in seinem Fach nicht unbedingt üblich ist.
Wer sich einen DeLorean kauft, der kauft mehr als nur ein Fahrzeug. "Man kauft sich einen Filmstar", analysiert Wagner und grinst. "Ja, und man wird immer belagert, selbst beim Tanken. Jeder will ein Foto, jeder will eine Geschichte hören." Aber genau das macht für ihn einen Teil des Reizes aus. Seine Werkstatt in einem gutbürgerlichen Wohngebiet im Hamburger Speckgürtel ist nicht nur ein Ort für Reparaturen, sondern besonders im frei einsehbaren vorderen Teil ein Museum und eine Bühne für eines der faszinierendsten Filmautos der Automobilgeschichte.
"Zurück in die Zukunft – mit TÜV"
Kunden aus ganz Deutschland und Europa bringen mittlerweile ihre Fahrzeuge nach Hasloh. Mit klassischer Werkstattarbeit haben immer weniger Aufträge zu tun. In Hasloh wird nicht nur an Autos gearbeitet – hier wird ein Mythos gepflegt: "Viele Eigner kommen nicht wegen Reparaturen, sondern mit Wünschen", erklärt Wagner. "Zurück in die Zukunft – mit TÜV."
Ein Wunsch-Umbau-Klassiker ist der voll funktionsfähige Fluxkompensator. Den gab es bei DMC nie. "1650 Euro kostet er bei mir", sagt Wagner. "Natürlich mit Geräuschen und Licht. Und ja, der sieht genauso aus wie im Film." Wagner hat eine Gabe für perfekte Details, baut auf Wunsch Autos komplett auf und hat Ideen für mehr Leistung.

Alte Teile werden geduldig aufgearbeitet, nach mehr als 40 Jahren ist die Mechanik teils verschlissen. In Einzelfällen wurden DeLorean mit Laufleistungen von über 300.000 Meilen gesichtet, was für den hohen Ingenieursanspruch der Konstruktion spricht. Bei Restaurierungen müssen die Fahrzeuge oft großzügig entkernt werden.
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Hunderte Film-Devotionalien aus "Zurück in die Zukunft" schmücken seine Räumlichkeiten. Und nur Angucken reicht ihm natürlich nicht! Wagner zückt eine sperrige 80er-Jahre-Fernbedienung, die unter Fans ohne Umbau bereits für 1000 Euro und mehr gehandelt wird. Er drückt einen Knopf, und die Illusion ist perfekt: flackernde Lichter, ein Transistor-Summen, dann ein mechanisches Klicken, der Countdown läuft. "Geil, ne?", fragt er mit einem Augenzwinkern.
Mittlerweile machen viele PRV-Sechszylinder Probleme
Vor diesem filmreifen Schauspiel steht natürlich nicht nur Spaß, sondern auch reichlich Disziplin und ausdauernde Tüftelei. Und klar gibt es auch handfeste Problem-Klassiker: Immer häufiger machen heute die PRV-Sechszylinder schlapp. "Die Motoren wurden zugekauft und waren beim Einbau teilweise schon sechs Jahre alt", erklärt Wagner. "Marode Zylinderkopfdichtungen sind ein Standardthema, genauso wie Bremssättel, Lichtmaschinen und Antriebswellenflansche." Viele Teile restauriert er selbst, kauft sie zu oder lässt sie in seinem weltweiten Netzwerk nachfertigen.
Günstige Gebrauchtteile sind eher Wunsch als Wirklichkeit. "Es gibt nahezu keine Schlachter mehr.Man muss in der Szene wissen, wer was wo liegen hat und welche Fahrzeuge passende Teile eingebaut hatten." Ein paar Beispiele? Die Wasserpumpe stammt aus dem Volvo 260, der 42er-Weber-Doppelvergaser aus dem Renault Alpine.
Für vereinzelt immer noch auftauchende NOS-Teile zahlen er und seine Kunden inzwischen Mondpreise. Ein Schatz in seinem riesigen Fundus ist ein einst von der Hamburger Phoenix AG gefertigter Heckstoßfänger im originalen Transportkarton. Dieser kostete ihn ein kleines Vermögen. Und was würde Wagner für solch ein Teil aufrufen? "Schwer zu sagen, da muss man mir ein sehr gutes Angebot machen."
Diverse Standardteile verlassen dagegen regelmäßig seinen üppigen Fundus. Und oft genug steht Wagner als Telefonseelsorger zwischen den gut gefüllten Regalreihen in seinem Lager oder packt Pakete. Ernste Teilesorgen kennt er zum Glück nicht mehr: "Nie war die Teilesituation entspannter als heute. Es gibt eigentlich alles, was man gebrauchen kann."

Für das einst von Lotus entwickelte Fahrwerk sind die Schraubenfedern gedacht, eine Bodengruppe steht im Showroom.
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Über 60 DeLorean hat er inzwischen wohl teilweise oder komplett restauriert, schätzt Wagner. – angesichts der Betriebsgröße eine beeindruckende Zahl. Perfekte Modelle können auf Auktionen inzwischen über 100.000 Euro einspielen. "Aber es steckt so viel Zeit und Liebe darin", sagt er. "Ich zähle die aufgewendeten Stunden besser nicht immer so genau. Das hat Jahre gedauert."
Wagner wirkt nicht allein in seiner Werkstatt. Seit einiger Zeit unterstützt ihn tatkräftig seine Auszubildende Iljana Lippmann. Die 20 Jahre junge Frau ist im ersten Lehrjahr zur Kfz-Mechatronikerin, packt aber schon komplexe Probleme unter seiner Aufsicht an. "Ich sehe die Werkstatt als mein zweites Zuhause an", sagt sie. "Hier ist alles so speziell, so einzigartig."
Die Auftragsbücher sind gut gefüllt
Wagners Frau findet seine Leidenschaft ebenfalls richtig toll. Dass es nicht immer bei klassischen Öffnungszeiten bleiben kann, ist selbsterklärend: "Für Stammkunden bin ich immer da", sagt er.
Die klassischen Auftragsbücher sind gut gefüllt, die Bühnenplätze in der penibel aufgeräumten Werkstatt voll belegt. "Aktuell sollte man mit einer Wartezeit von sechs bis acht Monaten rechnen." Kein Wunder bei einem inzwischen dreistelligen Kundenstamm. Typen wie Wagner sind ein Geschenk für die Szene.
Wenn man ihm zuhört, dann ist man sich schnell ziemlich sicher, dass er jedes Detail der DeLorean-Geschichte kennen muss. Die ersten Modelle hatten zum Beispiel eine Tankklappe in der Haube, später wurde diese aus Kostengründen eingespart.

Für 1980 planten DeLorean und American Express ein Sondermodell: mit 24-Karat-Vergoldung, auf 100 Stück limitiert. Es sollte für astronomische 85.000 US-Dollar verkauft werden. Tatsächlich wurden nur drei Stück gebaut. In Anlehnung daran entstand diese Replik in Wagners Werkstatt. Die Basis stammt aus Kentucky und war arg mitgenommen.
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Und der berühmte goldene Amex-DeLorean? "So einen habe ich auch, nur besser. Komplett in Eigenarbeit aus einer Ruine aufgebaut", sagt Wagner stolz und bittet in ein Nebengebäude auf seinem Betriebsgelände. Und ja, es gibt inzwischen auch einige Totalumbauten auf Elektroantrieb – doch dafür hat er wenig übrig. "Das Fahrzeug verliert seine Seele. Der summende V6 im Heck gehört doch dazu."
Wagner plant, träumt und schraubt. Das Thema DMC-12 ist für ihn weit mehr als nur ein Auto, sondern der Dreh- und Angelpunkt.
Langweilig findet er die Arbeit am und um den nordirischen Sportwagen nie. "Ich möchte, dass jeder DeLorean-Fan das Gefühl hat, hier bei mir ein Zuhause für sein Auto zu finden."
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