Der Widerstand gegen die geplante Genehmigungspflicht für die Verwendung von Blei formiert sich: Erst gingen rund 2000 Einspruchsschreiben bei der EU-Chemikalienbehörde ECHA in Helsinki ein – nun hat der Petitionsausschuss des Europäischen Parlaments eine Petition gegen diese geplante Verordnung angenommen. EU-Bürger können sie online unterstützen (siehe weiter unten).
Worum geht es? Die Europäische Chemikalienagentur (ECHA) will die Verwendung von acht "besonders besorgniserregenden Stoffen" an strenge bürokratische Auflagen knüpfen, darunter Blei.
Gut gemeint, denn Blei ist hochgiftig. Offenbar gibt es aber viele Bereiche, in denen Blei sich derzeit nicht ersetzen lässt, vor allem im Reparatur- und Restaurierungshandwerk.
Restauration eines Autokühlers
Bei Restaurierungen und Instandsetzungen wird Blei gebraucht: für Kühlerbau, aber auch Elektrik, Elektronik und Karosseriearbeiten.
Bild: Getty Images

Karosserie, Kühler, Kfz-Elektronik – hier kommt Blei zum Einsatz

In der Autobranche wären vor allem drei Gewerke betroffen: 
  • Karosseriearbeiten mit Stangenzinn aus Blei, Zinn und Antimon (Pb74 Sn25 Sb1); 
  • Kühlerinstandsetzung mit Stangenzinn aus Blei und Zinn (Pb65 Sn35) sowie 
  • Kfz-Elektrik und -Elektronik mit Faden- oder Stangenzinn aus Zinn und Blei (Sn60 Pb40). 
Es geht also sowohl um Gebrauchtwagen als auch um Oldtimer. Das berichtet Fachjournalist Peter Diehl; er hatte zusammen mit Diplom-Restauratorin Gundula Tutt, Mario De Rosa von der Initiative Kulturgut Mobilität (IKM) und Fritz Cirener vom Autoindustrieverband VDA zum Thema recherchiert und Verbände sowie Politiker informiert.
Peter Diehl, Fachjournalist
Peter Diehl, Fachjournalist: "Für den Kulturgutschutz brauchen wir im Rahmen von REACH eine generelle Ausnahmeregelung."
Bild: privat

Petition beim EU-Parlament

Dr. Ivo Rauch, Sachverständiger für Kunst und Denkmalpflege in Koblenz, hat nun beim Petitionsausschuss des EU-Parlaments die Petition Nr. 0724/2023 eingereicht, "zu einer Verbotsausnahme für die Verwendung von Blei im Kunstgewerbe mit Kulturgütern". 
Darin wird gefordert, "dass die Verwendung von Blei und seinen Legierungen in handwerklichen, kunsthandwerklichen, künstlerischen und restauratorischen Arbeiten an und mit Kulturgütern vom drohenden Verbot [...] ausgenommen wird." Die Petition fordert außerdem "eine Ausnahme von dem drohenden Verbot für die Herstellung und das Inverkehrbringen der dafür notwendigen Materialien und Produkte".
Oldtimer auf Schrottplatz
Das Bleiverbot betrifft alte Oldtimer genauso wie Autos des Elektronikzeitalters.
Bild: Götz von Sternenfels / AUTO BILD
Laut Ivo Rauch "zeichnet es sich ab, dass die Europäische Kommission der ECHA-Empfehlung eines totalen Bleiverbotes hoffentlich nicht folgen wird. Allerdings gibt es nun Bestrebungen, die Grenzwerte für eine Bleibelastung am Arbeitsplatz und die Blutgrenzwerte der in diesem Bereich Tätigen auf so extrem niedrige Werte festzulegen, dass sie in der Praxis nicht eingehalten werden können."

Wer restauriert, protestiert gegen das Bleiverbot

Nicht nur Autobesitzer, Autorestauratoren, Automechaniker und Kfz-Mechatroniker sind betroffen, sondern zum Beispiel auch die Bereiche Glasmalerei/Bleiverglasungen, historische Steinmetztechniken, Dacheindeckungen, Orgelbau, Musikinstrumentenbau und Buchdruck im Bleisatz. Auch deshalb gab es so viel scharfen Protest gegen den Plan. 
Gundula Tutt, Diplom-Restauratorin
Gundula Tutt, Diplom-Restauratorin: "Wenn alle Spezialisten, die mit Kulturgütern befasst sind, an einem Strang ziehen, gibt es eine Chance."
Bild: Sven Krieger / AUTO BILD
Das Verbotsverfahren ist Teil der europäischen REACH-Verordnung, die schon die Verarbeitung von Chrom extrem erschwert hat. Es soll laut ECHA sicherstellen, dass die Giftstoffe "schrittweise durch ungefährlichere Stoffe oder Technologien ersetzt werden, sofern technisch oder wirtschaftlich tragfähige Alternativen vorhanden sind." Beim Verzinnen von Karosserien und beim Löten von Kühlern, Elektrik und Elektronik ist das laut Diehl und Tutt zurzeit nicht der Fall. 

Hohe Kosten befürchtet

Falls hier keine Ausnahmen gemacht werden, müssen Hersteller und Importeure von bleihaltigen Produkten die ECHA benachrichtigen und Sicherheitsdatenblätter vorlegen. Sie und die Verwender müssen "Risikomanagementmaßnahmen" ergreifen. Es droht ein Aufwand, der viele Firmen davon abhalten dürfte, Lötzinn überhaupt noch zu verkaufen. 
Insgesamt werden nach Angaben der ECHA mehr als eine Million Tonnen Blei pro Jahr in der EU verarbeitet, hauptsächlich für die Herstellung von Batterien. 2021 wurden in Deutschland 47 Verdachtsfälle gemeldet von Menschen, die aufgrund von Blei oder Bleilegierungen möglicherweise eine Berufskrankheit erlitten haben.

So nehmen Unterstützer an der Petition teil

Wer die Petition unterstützen will, kann das unter www.europarl.europa.eu/petitions/de/home tun: dort ein Nutzerkonto anlegen, die Petition Nr. 0724/2023 aufrufen und "Diese Petition unterstützen" klicken.