Die Spezialisten: Mercedes-Benz
Oldtimer Service Harald Vollmer: Der mit dem Mercedes Benzt

Beim Oldtimer Service Harald Vollmer stehen Mercedes der Jahrgänge 1950 bis 1995, als ob sie sich hier verabredet hätten. Sternstunde im Fachbetrieb.
Bild: Uli Sonntag / AUTO BILD
"Bescheidenheit ist die Kunst, andere herausfinden zu lassen, wie bedeutsam man ist." Das Zitat der großartigen Schauspielerin Berta Drews, Mutter Götz Georges, kann man mal machen als Auftakt zu einer Story über den Oldtimer Service Harald Vollmer. Der wirkt mit seinem Team als Spezialist für klassische Mercedes-Modelle im beschaulichen Barmstedt bei Hamburg. Und das ganz bescheiden, aber eben bedeutsam, denn Auskenner und Fachkräfte in Sachen historisches Blech sind selten geworden. Und wäre Janis Joplin nur alt genug geworden, um Harald noch hätte kennenlernen zu können – er hätte ihr den von ihr besungenen Traum wohl erfüllt. Den vom "Mörceedees-Bee-heenss" …
Zurück auf den Asphaltboden der Realität. Barmstedt also, genauer: Gewerbegebiet in Randlage. Wer nicht aufpasst, fährt vorbei am dezenten Wegweiser zu einer von der Straße zurückversetzten, unscheinbaren Halle. Kurz vorm Werkstatteingang ist dann aber Schluss mit Zurückhaltung: "450 SEL 6.9" prangt einem vom Heckdeckel einer S-Klasse W 116 entgegen, flankiert von diversen weiteren Mercedes-Klassikern wie SL R 107, Limousinen und Coupés der Baureihe W 123 und W 124.

Mercedes-Liebhaber, aufgepasst: Ein nur dezentes Hinweisschild am Straßenrand zeigt den Weg zum Oldtimer Service von Harald Vollmer in Barmstedt bei Hamburg.
Bild: Uli Sonntag / AUTO BILD
Hm, noch keine W 210 hier ...? „Zwozehner? Sind toll, aber tot. Da kannst du nicht gegen an reparieren. Jetzt kommt aber erst mal rein!“ Harald Vollmers Art ist exakt so wie seine Stimme: rau, aber herzlich. Draußen tropft der schmelzende Schnee von der Dachkante, drinnen das Motoröl in den Auffangtrichter. Regale mit Blechwerkzeugen, Schrauben, Bolzen, Zangen, Hämmern, Schraubendrehern, Halb-, Dreiviertel- und Halbzoll-Knarren bilden den Rahmen des Geschehens, dazu Depots und Hochregale für neue und gebrauchte Ersatzteile für Mercedes-Klassiker. Die Heizung bollert, es duftet nach Schmier- und Kraftstoff, nach Zigarettenrauch, das Radio dudelt, Werkzeug klirrt. Mit anderen Worten: Es ist behaglich, du fühlst dich wohl und beinahe so wie zu Hause!
Hauptsache Stern auf der Haube
Entlang an "modernem Zeugs" wie E-Klasse-Kombi T 124 geht es zwischen Auto und Hebebühne hindurch, vorbei an einem 107er SL-Roadster, einer 220-Sb-W-111-Heckflossen-Rohkarosse auf der Richtbank, "Baby-Benz" 190 W 201 hoch oben auf einer weiteren Hebebühne und einem 230 E W 124 darunter. Um die Ecke glotzt ein W 116 mit weit aufgerissener Motorhaube in die Halle. Was fehlt denen denn? "Meistens Fachverstand bei früheren Instandsetzungen oder sogenannten 'Restaurierungen'", sagt der ausgebildete Karosseriebauer Vollmer und setzt dazu Anführungszeichen mit seinen Fingerspitzen in der Luft. "Hauptfeind aller klassischen Mercedes ist der Rost", sagt der Mann, der viele Jahre beim traditionsreichen Mercedes-Händler Leseberg im feinen Hamburger Westen geackert hat. Ab 1982 als Azubi, dann in mehreren Positionen in der Karosseriewerkstatt, als Kundendienst-Meister und zuletzt sieben Jahre als Leiter des mittlerweile verkleinerten Klassik-Centers. 2014 wagte er den Sprung in die Selbstständigkeit, schraubte erst in einer Doppelgarage, wenig später in einer ersten Halle im benachbarten Bönningstedt. "Dann marschierte das direkt los – alle fragten: 'Wo finden wir Sie?''"
Die Nachricht von Vollmers Selbstständigkeit hatte schnell die Runde gemacht. An die alten Zeiten davor erinnert er sich dennoch gern, auch mal mit glänzenden Augen. „Als zum Beispiel das Mercedes-Benz-Werk in Bremen bei uns als Classic-Partner Nord anfragte, ob wir den ältesten bekannten und in Bremen gebauten Kombi, einen 300 D T 123, restaurieren würden. Haben wir gemacht!“ Ob Inspektion und Wartung, ob Blech, Mechanik, Motor, Getriebe, Achsen, Elektrik oder Interieur – Vollmer macht's. "Die Steuergeräte neuerer Modelle schicken wir ein, Lackierarbeiten vergeben wir an bewährte Partner, unser Kühlerspezialist sitzt um die Ecke in Hamburg", zählt er im Stakkato auf. Und von Leseberg hat er jüngst sämtliche originalen Richtsätze aufgekauft. Im Paket, obwohl sich alles ab W 202 und neuer nicht lohne: "Damit wird niemals jemand auf meinen Hof gefahren kommen!"

Das Team: Inhaber Harald Vollmer (Mitte) und seine Mitarbeiter Marek Mackens (links) und Jörn Schütz inmitten von viel Arbeit.
Bild: Uli Sonntag / AUTO BILD
Wobei wir noch einmal beim W 210 und der Frage wären, wann Klassik bei Mercedes eigentlich aufhöre. Das verschiebt sich ja immer mal wieder im Laufe der Zeit, für die einen war der 123er, für die anderen der 124er der „letzte echte“ Mercedes, und für einige eben der 210er. Harald Vollmer winkt ab: "W 210 gammeln dir schlicht unter dem Hintern weg, da funktioniert nur, gute Exemplare zu erhalten oder wegzustellen – obwohl sie fantastisch fahren, wenn sie gepflegt sind!" Gefragte Baureihen wie die SL R 129 oder die "dicke" S-Klasse W 140 seien im Prinzip schon viel zu komplex, als dass Restaurierungen und teure Instandsetzungen sich lohnten. Auch hier gelte: saubere Exemplare abgreifen und bewahren, indem man Inspektionen und Wartungen beherzige oder eben in gute Hände abgebe.
"Karosserie", sagt Vollmer, "fand ich schon immer besser als nur Öl. Und bis heute fasziniert mich der Prozess, wenn ein Auto hier zerknüllt reinkommt und schier wieder rausgeht. Einfach geil!" Allerdings seien viele Mercedes-Klassiker heute längst restauriert oder tatsächlich gut erhalten, das Instandsetzen von echten Unfallfahrzeugen, zu aktuellen Zeiten von W 123 und W 124 aufgrund langer Lieferfristen für Neuwagen gang und gäbe, eher die Ausnahme.
Erzfeind Rost
Was jedoch geblieben ist, sei die Korrosion, die gern im Verborgenen blühe, oft unter dem originalen Mercedes-Unterbodenschutz, genannt "Elefantenhaut". "Das sieht auf den ersten Blick alles so richtig gut aus, und drei Minuten und ein paar Klopfer mit Hammer oder Schraubendreher später ist es das echte Grauen", weiß Auskenner Vollmer und schüttelt den Kopf: "Dazu kommen die erwähnten schlechten Instandsetzungen, deren Ausmerzen wir oft als Aufgabe und Herausforderung haben. Wenn Kunden mit Autos kommen, an denen Rost mit aufgenieteten Blechfetzen und diversen Kilogramm Spachtelmasse übertüncht wurde oder die in der Vergangenheit ‚über den TÜV gebraten‘ wurden." Selbst eine heute längst in Gold aufgewogene Pagode der Baureihe W 113 habe er auf der Bühne gehabt, bei der "die Blechtafeln immer schön übereinander gehäkelt" gewesen seien.
Ein Sonderfall und gleichzeitig Paradebeispiel ist die erwähnte schwarze Mercedes-Heckflosse. Sonderfall, weil dieses Projekt wohl eher Monate als Tage in Vollmers Fachbetrieb verweilen wird. "So was machst du nicht zwischen Tür und Angel, sondern nach und nach an geschlossenen Samstagen, an denen du das Telefon in die Ecke wirfst und gaaanz ruhig da rangehst ..." Und Paradebeispiel deshalb, weil dieses Auto von seinem jetzigen Besitzer für nicht gerade wenig Geld als blendende Vollrestaurierung erworben wurde. "Und den Begriff 'blendend' kannst du gern doppelt interpretieren", lacht Vollmer sarkastisch und schüttelt den Kopf über die "Qualität" der angeblichen Restaurierung. "Katastrophe!", ruft er nur. Also hat er die Flosse komplett auseinandergebaut, mies zusammengebratene Partien herausgeflext und behutsam rekonstruiert.

Rustikal mehrlagig übereinander „gebratene“ Flicken und Spachtel-Exzesse sehen die Mercedes-Spezialisten täglich – und beheben den Murks.
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"Wenn original gepunktet wurde, punkten wir. Wenn gelötet wurde, löten wir", erläutert Vollmer. Basta. "Wenn man sich für einen klassischen Mercedes interessiert, schlägt Zustand immer Ausstattung", ermahnt Vollmer die Laien unter den Schwärmern. Nicht von oben herab gemeint, sondern als eindringliche Bitte formuliert. Also nicht auf den tollen Lackton achten, sondern auf die Substanz darunter. Selbst die Motorisierung sei dann fast schon zweitrangig. Hat nun nicht aber jede Mercedes-Baureihe ihre typischen Schwachpunkte? "Ja, das stimmt, und ich kenne nach so vielen Jahren sehr viele", stapelt Vollmer tief. Doch man könne gute oder schlechte Zustände nicht an den unterschiedlichen Modellen festmachen, sondern daran, bei wem diese Autos vorher in der Pflege (oder in der Vernachlässigung ...) gewesen seien. Ein guter Zustand schließe übrigens auch den des Interieurs mit ein, denn längst gelte die alte beruhigende Weisheit nicht mehr, nach der es bei Mercedes "alles für alle Baureihen und bis in Ewigkeit, Amen" gebe. "Wie sollte das auch gehen?", hebt Harald Vollmer fragend die Arme. "Seit Produktionsende des W 124 sind doch gefühlt mindestens 50 neue Mercedes-Modelle erschienen – und für die alle sollst du 20 Jahre und länger alles an Teilen vorrätig haben ...? Allein schon die Frage, wo man das alles lagern sollte, ist der Hammer."
Bei allem Verständnis knirscht der Mercedes-Mann dennoch mit den Zähnen, wenn laufend Ersatzteile entfallen oder sich astronomisch verteuern. Beispiele: Ein Kotflügel für den W 124 sei auf 535 Euro Mercedes-Listenpreis geklettert – dort aber nicht mehr lieferbar. Die Verdeckkastendichtung für den R 107 habe sich binnen Jahresfrist von 180 auf 680 Euro verteuert – also "gerade einmal" um glatte 500 Euro. Oder das Reparaturblech unterhalb der Heckscheibe für den W 126, der dort neuralgisch gammelt: Im freien Handel schlage das Teil mit 800 Euro zu Buche, weil es original (für ursprünglich 80 Euro) ebenfalls nicht mehr lieferbar sei.
Die Suche nach Ersatzteilen
Auch hier punktet die Kompetenz von Spezialisten wie Vollmer, die nach Jahren gut vernetzt sind. "Ich greife auf insgesamt zehn Firmen zurück, die gute Nachfertigungen oder gute Gebrauchtteile im Programm haben, meide Ware aus China und aus Litauen. Und wenn es geht, ersetze ich nicht ganze Teile, sondern nur Komponenten. Also nur das Traggelenk aus einem Querlenker, was die Ersatzteilkosten von 380 auf 38 Euro reduziert." Sehr gute Erfahrungen habe er mit Reparaturblechen für die bereits erwähnten W-124-Kotflügel gemacht. "Die bieten auch Innen- und Außenbleche für den Bereich der hinteren Seitenscheiben des T 124 – super!" Erfreuliches habe sich getan in Sachen Umrüstung von aus den USA reimportierten SL R 107, deren "Big Bumpers" und Sealed-Beam-Scheinwerfer oft als unschön empfunden werden. "Da gibt es jetzt Euro-Stoßstangen und -Scheinwerfer in guter Qualität, die preislich bei jeweils 2500 und 1600 Euro liegen. Das macht frühere 'OP-Kosten' in Höhe von rund 15.000 Euro obsolet."

Liebe für Oldies: Vollmers Werkstatt behandelt Mercedes-Baureihen der 1950er- bis 1990er-Jahre.
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Selten verirrten sich Kunden mit einer S-Klasse der Baureihe W 220 auf seinen Hof, dennoch gäbe es immer wieder Fälle von besonderer Liebhaberei, die sich rational nicht erklären ließen. So parkt ein schwarzer 600 SE W 140 schon länger hier bei Vollmer in Barmstedt. "Laufleistung 600.000 Kilometer, Differenzial durchgerostet, Unfallfrontschaden, Dach im Bereich des Schiebedachs durchgerostet, du bekommst weder Armaturenbrett, Airbags nebst Steuergerät, Sicherheitsgurte oder den Stoßfänger bei Mercedes", klopft Vollmer dem mitgenommenen Daimler auf die Flanke. Aber der langjährige Besitzer hänge nun mal ausgerechnet an exakt diesem Exemplar – also machen! Oder der SL R 129, der mit Wasserverlust angerollt gekommen sei. "Da haben wir schnell gecheckt, dass sämtliche Froststopfen im Motorblock durchgerostet waren, weil nie das Motorkühlmittel getauscht worden war." Auch hier erging die Order: einmal bitte wieder fit machen.
Was er so überhaupt nicht mag, sind "Kollegen" aus dem Mercedes-Klassik-Orbit, die seltene Originalteile wie 124er-Kotflügel "bunkerten" und nach einer Weile zu Mondpreisen im Netz anböten. "Das ist sogar vertragswidrig, weil wir bei jeder Lieferung von MB-Originalteilen unterschreiben müssen, dass wir so etwas nicht machen", grummelt Vollmer.
Kaum Nachwuchs in Sicht
Und wo wir gerade bei der etwas eingetrübten Laune sind, kommen wir auch noch auf das Thema Fachkräftemangel zu sprechen. Da rauft Vollmer sich die einst vollen Haare: "Wir werden immer weniger. Echte Fachleute zu finden, ist mittlerweile ein Drama. Das war früher wesentlich einfacher. Wer also was kann im Bereich Oldtimer schrauben und so wie ich jeden Morgen Bock hat auf seine Arbeit, kann sich gern bei uns melden."
Ist er eigentlich vorbelastet, was das Schrauben und Blechnern angeht? "Nö, eigentlich gar nicht", sagt Harald Vollmer. Der dann erzählt, dass sein Vater ein kleines Fuhrunternehmen gehabt habe, wo es schon mal Reifen am Hanomag Henschel zu wechseln gegeben habe. Dass sein Onkel eine Tankstelle betrieben habe, an der er den Tankwart gemimt und Mofas repariert habe, stets hilfsbereit. Und wie er dann in der Garage geschraubt habe und Papa Vollmer eben Mercedes 180 W 120, W 108, SLC C 107, C 126 560 SEC gefahren sei und Mama Vollmer 190 E vom Typ W 201. Nee, schon klar, Harald: Da war so gut wie gar keine Vorherbestimmung zu erkennen ...

Bis aufs Blech reizt es Mercedes-Spezialist und -Liebhaber Harald Vollmer, Schäden an historischen „Daimlern“ auf den Grund zu gehen. Hier lässt es sich ein W 123 wohl ergehen.
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"Du sollst es mal besser haben", habe der Vater ihm gesagt und ihn auf eine gute Schule geschickt. "Ich will aber Mechaniker werden!", habe der Sohn geantwortet. Na, es ist ja beides gut gegangen in der guten Schule des Lebens.
Apropos Schule und Leben und Jugend und so: Welchen Mercedes empfiehlt der Klassiker-Facharzt eigentlich potenziellen Einstiegspatienten? Vollmer überlegt, dies aber nur kurz. Wir tippen derweil insgeheim auf den 190 und liegen – falsch! "Ganz klar den W 124, weil der besitzt mechanische Solidität, Größe und Bescheidenheit zugleich."
Ha! Womit wir wieder am Anfang unserer Geschichte wären: Berta Benz – nein, Drews –, die ihrem berühmten Sohn Götz George dereinst dessen unbescheidene Porsche und Jaguar ausredete ("Junge! Die Zeit der Angabe ist vorüber!"), hat es einfach gewusst! Von Janis einmal ganz zu schweigen. Oh Lord.
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