Den Leuten müssen damals die Kinnladen reihenweise runtergeklappt sein. Automobile konnte man 1912 außerhalb der großen Metropolen ohnehin nur selten sehen – aber wenn, waren sie meistens offen. Ein paar hatten schon Stoffverdecke oder Dächer aus Holz.
Jetzt aber kam das hier um die Ecke: vorn ein Automobil, hinten eine Art Haus aus Metall. Nein: ein Ei aus Metall. Mit Fenstern, wie ein Haus. Aber mit Rädern. Und auch noch rot lackiert, so steht es in einem Buch über Lochners Vater. Wem sollte man davon erzählen? Es würde einem ja doch niemand glauben.
Detail aus dem Foto oben: Mann steht am eiförmigen Heck des Automobils von 1912.
Soko Auto-Poser: Der Mann, der stolz und ernst am fahrenden Ei posiert, ist nicht Erfinder Max Lochner, sondern Chauffeur Herr Heil.
Bild: Opel
Dieses völlig verrückte Auto begann mit einer völlig vernünftigen Überlegung: Wenn man es schaffen würde, ein Automobil windschlüpfig zu gestalten, könnte es mit demselben Motor schneller und dennoch sparsamer fahren. Für uns ein selbstverständlicher Gedanke – 1912 hatte sich kaum jemand damit befasst.
Max Lochner aus Aachen schon. Der Pferde-Experte hatte schon einige Patente angemeldet, zum Beispiel auf einen Pferdesattel, kam über seinen Bruder Erich auf Flugzeuge und dort wohl mit Anfang 40 auf Aerodynamik-Ideen fürs Auto.
Foto eines Automobils auf einer Messe der Kaiserzeit mit schräger statt wie üblich senkrechter Frontscheibe
Welches war das erste Stromlinienauto überhaupt? Vielleicht dieser Pipe, ein belgisches Fabrikat von 1910, mit geneigter Frontscheibe.
Bild: PreWarCar.com
Und von da direkt aufs Ei. Er entwarf den Aufbau und ließ ihn im Opel-Werk bauen. Das kostete ihn 120.000 Mark. Das war damals etwa so viel wert wie heute 750.000 Euro – Fabrikantensohn Lochner hatte es.
Das Basisauto war der große, teure Opel 13/30 PS. Mit 3,3 Liter Hubraum und – wie der Name sagt – 30 PS schaffte er normalerweise etwa Tempo 70.
Studiofoto vom aerodynamischen Rumpler-Tropfenwagen von schräg vorn unten
Kein Stromlinienauto in Deutschland war berühmter als der Rumpler-Tropfenwagen von 1921 bis 1924.
Bild: Deutsches Technikmuseum Berlin
Mit Stromlinienkarosserie aber waren auf einmal 35 Prozent mehr drin: 95 km/h! Das Ausrufezeichen scheint uns heute übertrieben, 95 fährt ja jeder Fiat 126. Aber stellen Sie sich vor: Sie steigen in Max Lochners Wagen, der unten eine schmale Spur von nur 1350 Millimeter hat, oben aber einen hohen, breiten, schweren Aufbau. Und dann gibt der Chauffeur (Herr Heil, das ist überliefert) Vollgas, die wacklige Fuhre mit ihren Wulstreifen ballert und schlingert über die ausgefahrenen Schotterpisten und Kopfsteinpflasterstraßen des Kaiserreichs!
Schmaler Audi mit heller Stromlinien-Limousine, 1930er-Jahre
Das erste aerodynamisch völlig durchgestaltete Serienauto waren wohl die Stromlinienfahrzeuge von Paul Jaray, hier auf Audi-Basis.
Bild: Audi-Unternehmensarchiv
Auf einer Demonstrationsfahrt soll Herr Heil die geteilte Frontscheibe geöffnet haben, aber bei dem Höllentempo wehte es die Herren im Wagen die Zylinderhüte von den Häuptern. Fortan öffnete er lieber nur die Dreiecksfenster vorn und die Scheiben in den Türen.
Schwarzweißfotos eines Autos, dessen Außenhaut sehr glatt und rund ist.
Der Schlörwagen von 1939, auch Göttinger Ei genannt, wird gerade mit großem Aufwand rekonstruiert.
Bild: Georg von Stavenhagen
Konstruktionsunterlagen für die Karosserie gibt es leider nicht mehr. Wie groß sie war, lässt sich anhand der Reifengröße ungefähr rekonstruieren: Sie hatten 815 Millimeter Durchmesser und waren 105 mm breit. Jemand hat ausgerechnet, dass der Wagen etwa die Maße 4500 x 1800 x 2500 mm gehabt haben müsste. Wobei Herr Heil (zu sehen auf dem einzigen Foto, siehe oben) schon sehr groß gewesen sein müsste, wenn der Wagen wirklich 2,50 Meter hoch war, wie heute ein Siebeneinhalbtonner.
Anzeige für den VW-Käfer, dessen Konturen auf ein Ei gemalt sind: "Es gibt Formen, die man nicht verbessern kann"
Auch der VW Käfer galt als Stromlinienfahrzeug. Bei der Grundform schließt sich der Krei… nein, das Oval zu Lochners Opel.
Bild: VW
Leider ist das Auto verschollen, nachdem es bei der Mobilmachung 1914 für das kaiserliche Automobilkorps beschlagnahmt worden war. Wie es scheint, gibt es nur diese eine Fotografie davon. Aber bald können wir uns einen dreidimensionalen Eindruck davon machen: Thorsten Sabrautzky von der Firma Autopioneer & Brausi legt das Opel-Ei als Modellauto auf, im Maßstab 1:43 aus dem Kunstharz Resin. 264,95 Euro plus Versand soll das Auto kosten, auch weil es auf 50 Exemplare limitiert ist. Im Dezember 2025, so Sabrautzkys Plan, soll es verfügbar sein – Vorbestellungen nimmt er natürlich entgegen.
Ein-Liter-Auto VW XL1 fahrend schräg von vorn
Der VW XL1 erreichte 2014 einen cW-Wert von 0,195. BYD behauptet, sein neuer YangWang U6 würde den gleichen Wert erreichen.
Bild: Fred Roschki/AUTO BILD
Thorsten Sabrautzky legt leidenschaftlich seltene und besondere Autos auf und recherchiert deren Geschichte. Für das Opel-Ei, schreibt er, habe er mit folgenden Experten gesprochen: "Mit dem Opel-Archiv, mit der Familie von Max Lochner, mit dem Stadtarchiv Stadt Aachen, mit der Stadtbibliothek Aachen, mit dem Landesmuseum Mainz, mit dem Stadtarchiv Münster, und mit der Münchner Oldtimer Reifen GmbH, Holzkirchen. Auch haben wir Fachliteratur und das Internet nach Informationen durchkämt. Wertvolle Unterstützung bekamen wir auch von unseren Freunden aus dem Swiss Car Register." Auf seiner Recherche basiert weitgehend auch dieser Artikel.
Die alte Frage, ob die Henne oder das Ei zuerst da war, hat er fürs Automobil jedenfalls beantwortet.