MG MGB von 1964 im Test
So elegant kann Spaß sein: MG MGB

Gediegen an der Villa vorfahren oder schreiend vor Glück durch den Wind sausen? Mit dem MG MGB aus dem Jahr 1964 geht beides.
Bild: Christian Bittmann / AUTO BILD
Haltung bitte, der britische Botschafter kommt. So kann man ihn nennen, denn als meistverkaufter englischer Sportwagen aller Zeiten hat der MGB unser Ideal (oder Klischee?) davon geprägt, wie ein Roadster zu sein hat. Allein der offene MGB wurde von 1962 bis 1980 fast 400.000-mal gebaut. Seht ihr, liebe Kinder, MG war nicht immer ein chinesisches Elektro-SUV.

Unser Rechtslenker hat als frühes Modell eine Alu-Motorhaube, Innenspiegel auf goldfarbener Platte, Fensterkurbeln mit kleinen Knöpfen.
Bild: Christian Bittmann / AUTO BILD
Wir fahren heute ein frühes Modell, "pull handle" genannt nach den Türgriffen, die beim Ziehen aufklappen und die 1965 von Druckknopf-Griffen abgelöst wurden. Als Rechtslenker, mit Speichenrädern und britischen Nummernschildern – da ziehen sich Tweed-Schiebermütze und Wachsjacke beim Einsteigen von ganz allein an. Wer sich jetzt die Pfeife anzündet und lobt, dass das noch Autos waren, die nicht aerodynamisch rundgelutscht wurden, dem erzählen wir einfach nicht, dass diese Form mithilfe eines Windkanals entstand.
Füße weit heranziehen und hinein. Schon das Einsteigen ist so anders als bei jungen Autos, nicht nur beim Rechtslenker, da muss der Alltag draußen bleiben. Tief hinterm Schrumpflack-Armaturenbrett und dem steilen Lenkrad sitzt du, die Frontscheibe kaum zwei Handbreit hoch – da fühlt sich schon das Ausparken sportlich an. Die hohen Bedienkräfte, das Singen des Antriebsstrangs fast wie bei einem Vorkriegsauto, der Bariton von Motor und Auspuff, der Verzicht auf eine allzu verweichlichte Federung – der MGB entführt dich sofort in eine andere Zeit, eine andere Welt. Der erste Gang ist unsynchronisiert, der aufpreispflichtige Overdrive für die Gänge drei und vier wird per Kippschalter eingelegt – wie kurz die Schaltwege sind, ist für die Zeit enorm. Die Lenkung ist direkt, braucht zwei zupackende Hände. Wundervoll. Wahrscheinlich fiel einem deutschem Motorjournalisten das Wort "knorrig" erstmals in einem MG ein.
Plus/Minus
Große Vorteile des MGB: Man kann vieles selbst reparieren, es gibt gute Werkstatthandbücher, auch auf Deutsch, und die Teileversorgung ist prima (siehe "Ersatzteile"). Da freut sich der Selberschrauber. Für alle anderen ist der große Nachteil: "Es gibt kaum noch Werkstätten. Das ist das Hauptproblem", sagt Fredi Budzinski, Kfz- Meister und Typreferent im MG Car Club Deutschland. Immerhin gibt es noch ein paar Spezialisten: getriebe-overdrive.de repariert (Überraschung) Getriebe und Overdrives, bastuck.de überholt Differenziale für 1061 Euro, bobs-services.de bringt Vergaser auf Vordermann, sauer-motorentechnik.de setzt Motoren instand.
Die ersten MGB hatten praktisch keinen Rostschutz, da knirschte es oft in den dreilagigen Schwellern und vor der Frontscheibe. "Die hinteren Kotflügel sind verschweißt, darum wurde da oft gepfuscht", so Budzinski, der 1966 seinen ersten MGB hatte. Wer bei frühen B Dreipunktgurte nachrüsten möchte, sollte vorsichtshalber Gewindeplatten einschweißen.

Der 18GA-Motor mit dreifach gelagerter Kurbelwelle steht weit hinten, hier fehlt die MG-Plakette.
Bild: Christian Bittmann / AUTO BILD
Die Motoren mit dreifach gelagerter Kurbelwelle (bis Oktober 1964) brauchen Bleiersatz. Klar kann man einen Zylinderkopf mit harten Ventilsitzen nachrüsten, aber da kostet allein das Teil mit Federn rund 900 Euro. Budzinski empfiehlt einen CO-Anteil von 2,5 bis 3 Prozent, "sonst läuft er nicht". Geber- und Nehmerzylinder der Kupplung können bei langen Standzeiten rosten, dann läuft die Hydraulikflüssigkeit aus. Hier hilft entweder ein Dichtsatz oder gleich neue Zylinder. Die Kegel- und Tellerräder der Hinterachse können Ärger machen. Nachfertigungen machen Geräusche, halten aber lang.
Und die gefürchtete Elektrik? Je nach Baujahr hat der MGB zwei oder vier Sicherungen. Neue Sicherungen rein, alle Steckverbindungen säubern (Schaltpläne stehen im Handbuch), Säureschutzfett draufpressen, dann ist Ruhe.
Marktlage
Kein Mangel herrscht an MGB, weit über 100 Angebote stehen in den deutschen Börsen – frühe Roadster bis EZ 1967 allerdings nur knapp 20 Stück. "Autos bis 4000 Euro kauft man nur zum Ausschlachten", findet Fredi Budzinski, "ein wirklich gutes kostet 18.000 bis 22.000. In den Niederlanden werden viele restaurierte MGB angeboten. Autos aus den USA sind oft verbastelt oder schlimm mit Prestolith gespachtelt." Wer Rechtslenker und vor allem den inzwischen komplizierten Import nicht scheut, findet in Großbritannien viel Auswahl.

Der Testwagen stammt aus dem Jahr der höchsten MGB-Stückzahlen, 1964.
Bild: Christian Bittmann / AUTO BILD
Ersatzteile
Fast perfekt: Kaum ein Oldtimer ist so gut mit Teilen versorgt wie der MGB. Nachfertigungen sind teils besser als das Original. Der Brexit erschwert Bestellungen aus England, Moss Motors hat ein Lager in Paris. Langsam dünn wird’s bei einigen Getriebe- und Overdrive-Teilen, Vorderachskörper und km/h-Tachos muss man reparieren (lassen). Beispiele: Endschalldämpfer 167 Euro (angloparts.com), Getriebeeingangswelle 943 Euro (limora.com), Frontscheibe 152 Euro (stevens-shop.de).
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